Kundenrezension

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der letzte Akkord: Schwächer als die besten von Sirk, aber besser als sein Ruf (Spoiler), 4. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Douglas Sirk Collection [3 DVDs] (DVD)
Ach ja, den Film "Der letzte Akkord" gibt es ja nur im Sirk-Dreierpack. Nun habe ich eine längere Rezension geschrieben, und sie passt hier eigentlich gar nicht hin. Na, was soll's, vielleicht finde sich ja wenigstens ein Leser oder eine Leserin, dem/der das gefällt, das würde mir schon reichen. Kleine Vorrede: Die anderen Filme sind eigentlich noch besser (daher fünf Sterne, für "Der letzte Akkord" gäbe es nur vier), mit einer wirklich sehr sehr guten Barbara Stanwyck, für Sirks Hauptwerk ungewöhnlicherweise in schwarzweiß, aber besonders im Falle von "Es gibt immer ein Morgen" des Titels zum Trotz mit dieser sagenhaft intensiven, zu Herzen gehenden, aber letztlich fatalistischen Weltsicht, dass ein Mann immer in seiner Tretmühle gefangen sein wird und eine Frau auch nur die Wahl zwischen Vereinsamung und einer Langweilervorstadtehe hat.

So, nun aber möge die Ehre von "Der letzte Akkord" (zum Großteil) gerettet werden:

Freunde des überladenen, bisweilen übertriebenen, farbsatten, tragischen Douglas-Sirk-Melodrams: Hier kommen sie auf ihre Kosten. Man kann die Werke dieses Mannes kritisieren, viele sind meines Erachtens missverstanden, unterbewertet und leichtfertig als weepies, als Tränendrücker für ein im Klischeesinne weibliches Publikum abgestempelt, obwohl man sich der Sirkschen Ornamentik und seinem Gefühlsüberschwang wirklich nur schwer entziehen kann. Und es auch mal gar nicht sollte! Denn beim Sirk gibt es viel zu entdecken, klug eingesetzte Symbolik und Farben sowie gelegentlich eine klassische, wirklich sehr tragische Tragödie hinter dem nur scheinbar Schnulzigen, gefüllt mit Verweisen auf antikes Theater und und und...

Oder doch nur Kitsch? Bei "Interlude", wie er im Original heißt, ist von beiden Sichtweisen ein bißchen was Wahres dran, ich würde den Film nicht zu den besten Sirks zählen, möchte ihn aber dennoch mit gewissen Abstrichen verteidigen. Der Film beschreibt, wie so oft bei Sirk, das Leben als Kreislauf, der Originaltitel passt mal wieder viel besser, Interlude, ein Zwischenspiel, bei dem man sich denken kann, dass es ein Zwischenspiel bleiben wird, eine Reise, die mit einer Rückreise enden wird, und dies ist tragisch, das aufgesetzte Happy End kann es nicht verdecken. Menschen bei Sirk sind Gefangene, die auszubrechen versuchen, und es nicht können, und wie er das filmt, das hat zumeist Stil und einen wunderbaren Sog, der gerade hinter den etwas dick aufgetragenen Bildern Wahrheiten findet, die die Filme dann eben doch über das Nur-Schnulzige hinausheben.

Doch zum Anfang der Geschichte, zwei Welten treffen aufeinander, und endlich einmal ist ein "romantischer" Film genau das, was man gerade im deutschen (und auch österreichischen) Raum kulturgeschichtlich unter "Romantik" versteht, gerade im 19. Jahrhundert (der Film spielt aber in der Gegenwart): Schwerblütige, schwermütige Gefühle, Todessehnsucht auch, Erhabenheit, Natur, Kunst, Vergeistigtsein, Schwärmerei, Gefühlsüberschwänge und die Probleme, die beim Zurückhalten derselben entstehen. Dies alles kommt in "Interlude" vor, der Film hat dieses Romantikgefühl zum Thema, er setzt die alte Welt mit ihrer Romantik der neuen Welt mit ihrem Pragmatismus entgegen. Die neue Welt, das sind die USA. Aus diesen kommt eine junge Frau (June Allyson), um eine Arbeit im Amerika-Haus in München anzunehmen. Sie wird gleich gewarnt, dass sie dem Zauber der alten Welt nicht erliegen möge und hier kein Abenteuer suchen möge, denn die Europäer und die Amerikanerinnen passten einfach nicht zusammen, und sie möge sich doch lieber an einen jungen amerikanischen Arzt halten, der auch gleich parat steht. Hier auch die Kritik am Film: Das Ganze ist ein wenig holzschnittartig geschrieben, diese Gegenüberstellung der Welten, wir ahnen in diesem Moment (Spoiler): Natürlich wird sie sich in ein Abenteuer mit einem im oben beschriebenen Sinne dunkel-romantischen Europäer stürzen, das wird die ganz große Liebe, ein amour fou, und es wird schief gehen, und am Ende zieht sie mit diesem kreuzbodenständigen Ami in die Staaten. Offen gestanden: Stimmt alles. Und spricht ein bißchen gegen den Film. Aber sooo sehr nun auch wieder nicht. Denn, wie der große Sirk-Bewunderer R.W. Fassbinder angesichts des Endes einmal äußerte: "Die werden auch nicht glücklich miteinander." In der Tat, man spürt es, und da ist es wieder, das Sirksche Kreismotiv, "an interlude", und die Tragödie: Seine Hauptfiguren drehen sich im Kreis, kommen von ihrem Leben nicht weg, kommen dabei nur vom Regen in die Traufe, und des vorgetäuschten Happy Ends zum Trotz merken wir irgendwie, dass sie eben nicht in die Sonne, sondern in den Regen wieder zurückmüssen. Sirk ist nicht nur Romantiker, sondern auch ein großer Tragöde.

Wie kommt es nun zum amour fou und zur Katastrophe? Der Mann, den die Frau kennenlernt, ist eine ganz interessant gestrickte Person, ein Künstler, ein Dirigent, ein Überperfektionist, aufbrausend, vielleicht ein bißchen zu sehr in seiner Musik aufgehend, aber auch ein Zerrissener, ein Zerrissener innerhalb des good old Europe, und darauf deutet sein ungewöhnlicher Name hin: Tonio Fischer. Wie weiland bei Thomas Manns "Tonio Kröger" verbirgt sich dahinter ein südländischer und ein deutscher Elternteil, das unsichere, zerrissene Hin und Her zwischen dem heißblütigen Temperament und der deutschen Gründlichkeit, ist schon mal sehr interessant, aber auch im Falle von Tonio Fischer sehr düster. Voller Empathie ist man für ihn, wenn er die Frau mit nach Salzburg nimmt (in dem das Filmteam tatsächlich war und das dennoch so richtig schön postkartenromantisch fotografiert wird) und von Gefühlen berichtet, die Mozart empfunden habe angesichts eines bestimmten seiner Musikstücke, und es ist klar, dass Fischer da eigentlich von sich selbst spricht. So perfektionistisch er in seiner Musik weiß, was er will, so zaudernd und schwermütig ist er doch in anderen Dingen. Und als er sich auf eine Beziehung mit der Amerikanerin einlässt, da führt ihn seine Zauderei zu einem entscheidenden Schritt, den man ihm nicht verzeihen kann: Er verschweigt, dass er bereits verheiratet ist, mit einer Frau, die seit Jahren bei ihm lebt und die schwerste psychische Probleme hat. Dieser von Marianne Koch gespielten Frau (die sich witzigerweise in den USA Marianne Cook nannte) gehört das Mitgefühl des Filmes, sie spielt diese traurige Frau wunderbar, und sie ist auch nicht nur bemitleidenswert, sondern strahlt Würde aus, sie ist das heimliche Zentrum des Filmes.

Das wird dann aber leider auch zum Problem, denn sobald sie auftaucht, ist klar, dass wir der Liebe zur Amerikanerin keine Chance geben wollen. Natürlich ist es schwierig, jahrelang mit einer "Verwirrten" zu leben, aber sie strahlt eben Würde aus, und würdelos behandelt sie der Fischer. Sie erscheint, typisch geniale Sirk-Bildästhetik, erstmals gespiegelt auf einem aufgeklappten Flügel, auf dem Fischer seine Musik spielt, eingerahmt in Blumen in prachtvollem, sattem Rot. Ein Ornament, ein Gegenstand des Hauses schon fast, als wäre sie wie ein Bild, ein Bild von einer Frau, die vielleicht schon vor Jahren den Mann zum Witwer gemacht hat, oder auch ein Überbleibsel eines vergangenen Lebens, dessen man sich schämt, das man versteckt, aber nicht als lebende Person, die Reni (so der Rollenname von der Koch) nun einmal ist. Und wir wollen, dass sie das ist, sie ist in ihren wenigen Szenen von so zarter, verletzlicher, trauriger, manchmal somnambuler, aber niemals "toter" Art. Sie lebt, und am schlimmsten ist es für sie in den Momenten, in denen sie ganz genau fühlt, dass sie von ihrem Mann eigentlich schon "begraben" wurde, wie ein Stück Vergangenheit behandelt wird, wie etwas Abgelegtes, eine Statue vielleicht, die man pflegt, aber kein Mensch. Man kann einmal herumrätseln, wem der Fischer eigentlich mehr Leid antut, wen er mehr demütigt von den beiden Frauen, indem er der Geliebten die Gattin verschweigt...

Das Ganze ist dann also doch auf eine interessante Weise pervers, abgründig und unglaublich tragisch, und die Optik spricht Bände, vor allem neben gewissen bewusst arrangierten Bildern und sowieso durchgängig übersatten Farben kann man einmal auf Kleidung und Haare achten. Durchgängig dunkle Töne bei Koch, durchgängig helle Töne bei Allyson, gelegentlich auch einmal engere Kadrierungen und dunklere Hintergründe bei der Koch (die auch deutlich häufiger in Innenräumen zu sehen ist, in denen sie ja versteckt gehalten wird, während Fischer/Allyson diese ganze Postkartenromantik zwischen München und Salzburg weidlich auskosten dürfen), usw. Ein Selbstmordversuch der Koch mit Rettung von der Allyson, das Ganze mit den entsprechenden Kleiderfarben in einer dunklen Morgenstimmung bei demnächst aufgehender Sonne, natürlich in einer be(d)rückend schönen Gegend an/in einem See, das schafft eine ganz faszinierende Stimmung, bei der man nie genau weiß, wo die Grenzen zwischen festem Grund und Abgründigem liegen. Es passt sehr gut zu dieser Mischung zwischen Traum und Alptraum (Allyson) bzw. Lebensmüdem und Lebenswillen (Koch). Das sind Sirk-Bilder, die mir diesen Film schmackhaft gemacht haben und noch machen. Das sind Bilder, die durch bewusste Künstlichkeit eine Wahrheit freilegen wollen und es auch können. Da stört es nicht so sehr, dass man den Film vielleicht besser nicht beim Handarbeiten o.ä. sehen sollte, denn wenn man stärker auf die Dialoge als auf die Bilder achtet, mag er seine Schwächen haben, hiervon war schon die Rede. Letztlich gibt es dann aber doch eine Meta-Ebene, hinter dem Offensichtlichen "Eine Frau muss da bleiben, wo sie hingehört" steckt das Fatalistische. Man hat nur die Wahl zwischen dem Langweiler oder dem amour fou, den Sirk hier von vornherein so sehr belastet, dass es wirklich die Wahl zwischen zwei Übeln ist. Sirk hat einige seiner Filme, bei denen es auf den ersten Blick gar nicht so scheint, als "Tragödien" bezeichnet, seine Weltsicht als tragisch. Stimmt, und man sieht es auch in diesem Film, der nur als ein unpersönliches Nebenwerk gilt.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.06.2010 18:07:51 GMT+02:00
N. Lahmann meint:
Die beste Rezension die ich bisher zu diesem Film gelesen habe! Besser kann man ihn nicht beschreiben.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.06.2010 23:13:13 GMT+02:00
Klein Tonio meint:
Hi, herzlichen Dank! Etwas ungünstig vielleicht, dass ich die anderen beiden nicht drin habe, aber mittlerweile habe ich die separat rezensiert und finde sie sogar noch besser. / Ich meine, dass wir uns schon mal begegnet sind, kann das "Little Women" gewesen sein? Da habe ich mal kommentiert. Ich meine auch, dass Sie "Die Erbin" von Wyler rezensiert oder auf dem Wunschzettel haben, ich weiß nicht mehr, der ist natürlih fantastisch, ich bin nur noch nicht dazu gekommen, den in vertretbarer Länge auf den Punkt zu bringen (ist bei mir gelegentlich ein Problem...). Liebe Grüße, Tonio
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