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4.0 von 5 Sternen "manchmal eine Art Mann und dann wieder eine Art Frau", 25. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Was werd ich tun, wenn alles brennt (Gebundene Ausgabe)
Dieser Mann macht es seinen Lesern nicht leicht. António Lobo Antunes hatte schon immer eine Vorliebe für eine recht eigenwillige Handhabung des Materials, mit dem er seine meist sehr umfangreichen Romane errichtet, was den reibungslosen Einstieg und Ausstieg in die Lektüre unmöglich macht. „Du musst deinen Lesern beibringen, wie sie dich zu lesen haben, du musst sie verführen“, sagt Antunes Dieser von der Literatur und vom Schreiben Besessene, der seit Jahren als Nobelpreiskandidat gehandelt wird, verweigert sich dem Eingängigen und Eindeutigen, er gibt keine Lesehilfen, keine Verständnisstützen, er entbürdet den Leser nicht von der sauren Arbeit des Entzifferns, der Aufgabe zu erraten, was denn da eigentlich geschieht.

Zum Beispiel: Was geschieht eigentlich in Antunes’ Roman mit dem poetisch-sperrigen Titel „Was werd ich tun, wenn alles brennt?“? Wo sind hier die Grenzen von Raum und Zeit, wer sind diese Menschen, von denen erzählt wird, und wer erzählt das alles? Wovon handelt das Buch?

„Das Buch handelt von dem, was darin geschrieben steht“, hat der portugiesische Schriftsteller Francisco Manuel de Melo über eines seiner eigenen Werke gesagt, und sein Landsmann und Kollege Antunes zitiert diesen Satz mit Vorliebe, eben weil er von Verständnis suchenden Lesern so häufig bedrängt wird. Antunes hat sich für seinen Roman, der nach seinem Erscheinen in Portugal begeistert aufgenommen wurde, von der realen Geschichte des portugiesischen Transvestiten Joaquim Centúrio de Almeida, in der Szene bekannt als Ruth Bryden, inspirieren lassen, die er nun poetisch verfremdet: Am Grabe seines Vaters, der Lissabonner Travestie-Ikone Carlos alias Soraia, bricht Paulo in ein hysterisches Gelächter aus. Der Anblick dieses rechtschaffenen Herrn in Anzug und Krawatte und der beißende Kontrast zum Bild des in Rüschen und Paillettenkleid auftretenden „manchmal eine Art Mann und dann wieder eine Art Frau“ löst in dem Sohn ein blindwütiges Gewitter der Erinnerung aus, das atemlos und alptraumhaft über den Leser hereinbricht.

In unzähligen Gedächtnisfragmenten, die mehr oder weniger miteinander zusammenhängen, in Rückschauen und Vorgriffen, im Labyrinth des Erzählens entsteht allmählich das fragile Bild eines traumatisierten jungen Menschen. Dessen Rückblick schwankt zwischen der völligen Leugnung, mit diesem „Clown“ etwas zu tun zu haben, gar sein Sohn zu sein, und dem dankerfüllten und wehmütigen „Ach, sie haben einen guten Mann begraben, und mir war er mehr“, wie es bei Matthias Claudius heißt.

Aber auch die anderen Figuren, die mit der Drag Queen Carlos/Soraia und ihrem jugendlichen Freund, dem drogenabhängigen Rui, zu tun gehabt haben – Ex-Frau, Bruder, Schwägerin –, melden sich in einem inneren Monolog zu Wort, der bisweilen eher dem Stenoblock eines Psychiaters zu entstammen scheint und der zugleich deutlich macht, das nicht der Tote die gescheiterte Existenz war. An dem Doppel-Leben eines zwischen zwei Welten sich bewegenden Transvestiten entzünden sich die schwelenden Identitätskonflikte der Umstehenden. Immer wieder erhebt sich die Frage nach dem „Warum“. Der Tote aber schweigt.

Diese kaleidoskopartig verflochtenen Erzählstränge, getragen von einer kraftvollen, farbenreichen, niemals trivialen Sprache, bilden den Abstieg in die Abgründe der conditio humana, die ihre Identität nur an den Rändern der Gesellschaft aufspüren kann. Es ist gleichzeitig eine Suche nach der Sprache, die diese Identitätsfindung zu beschreiben imstande wäre, eine Suche, die Antunes schon seit einem Vierteljahrhundert begleitet, seit der Arbeit an seinen ersten Romanen. Die Themen sind vielfältig und ändern sich, aber die Suche bleibt die gleiche.

Dieses „lyrische Epos“, wie Antunes seine Romane gerne nennt, umschifft die Klippen des Trivialen und des Kitsches mit beneidenswerter Sicherheit. Denn die verwendete Materie steht an sich schon bedenklich nahe am Banalen – der Vater-Sohn-Konflikt, der Nachruf am Grabe, die Sehnsucht nach dem richtigen Leben im falschen, der Exotismus der Transgender-Szene etc. Antunes’ große Begabung liegt darin, diese Banalitäten des Lebens nicht zu verhüllen, sie aber ebenso wenig der Lächerlichkeit preiszugeben. Seine Sprache bleibt unmetaphorisch, er psychologisiert nicht, er moralisiert nicht. Dies geschieht aus einer erstaunlichen Achtung des Autors vor dem Personal seines Romans heraus, was dessen Lektüre zu einer zwar anstrengenden, aber doch immer wieder lohnenden und bereichernden Angelegenheit macht.
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