Kundenrezension

60 von 75 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen ...und doch bleiben Fragen zurück!, 17. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: 3096 Tage (Gebundene Ausgabe)
Ich habe mir diese Rezension nicht leicht gemacht und lange überlegt ob ich sie schreiben soll.
Ich gebe hier keine persönliche Meinung zu Natascha Kampusch ab, es ist lediglich das Buch, welches ich rezensiere...
N. Kampusch schreibt ihre Biografie (bzw. lässt schreiben) wie sie ihre Interviews spricht; teilweise in trivialen Worten, dann wieder in "hochtrabender" Literatursprache. Leider sind oftmals Fehler drinnen, die bei so einem Buch wirklich nichts zu suchen haben: z.B. Gänserdorf statt Gänserndorf usw.
N. Kampusch lässt kaum Tiefgang zu und als Leser spürt man die große Distanz die sie hegt.
Kindheitserinnerungen sind immer subjektiv, mal besser, mal schlechter; wie man es halt "mitbekommt". Sie gerät mit den Erinnerungen oftmals durcheinander, ihre Interviewpartnerinnen haben es leider nicht geschafft eine chronologische Ordnung zu finden; daher ist sie mal Kleinkind, dann wieder Volksschulkind, dann wieder Kindergartenkind; mal sind die Eltern zusammen, dann wieder auseinander, dann wieder zusammen, dann wieder getrennt...
N. Kampusch findet sich vernachlässigt, dann wieder zuviel beachtet, in der nächsten Sekunde wird sie von ihrer Mutter psychisch und physisch niedergemacht und vom Vater abgöttisch geliebt und dennoch stellt sie ihn als Trinker, unzulänglich und jovial hin.
Manche ihrer Ansichten/Aussagen wirken extrem befremdlich: z.B. Burn-Out-Patienten stellt sie als "verkrachte Existenzen" hin, die allesamt Trinker, Arbeitslose und unfähige Menschen sind. Sie verliert sich oft in Details, die sie als Kind so nicht erlebt haben kann bzw. ist es ihr als Erwachsene erst wieder aufgefallen, wie sich das dargestellt hat (z.B. das ihr Vater viele Freunde hatte und sich diese oftmals ein Getränk zahlen ließen; sie will als Kleinkind (!) erkannt haben, dass dies keine wahren Freunde sind usw.). Die Mutter wird extrem brutal, kaltschnäuzig, ohne Liebe und jeglichen Verständnisses beschrieben. Allerdings erinnert man sich als Leser vorallem an die letzten Zeitungsberichte und fragt sich was jetzt stimmen mag... N. Kampusch schien ein sehr depressives, launisches, verhaltensauffälliges (Bettnässen) und in sich gekehrtes Kind gewesen sein (so wollte sie sich z.B. zufällig am Entführungstag das Leben nehmen). Ob dafür wirklich nur die Eltern verantwortlich gemacht werden können, können sicher Psychologen beantworten, ich aber nicht. Auf der einen Seite hat sie ihre Eltern unglaublich gehasst und für alles negative (was so ziemlich alles war) in ihrem Leben verantwortlich gemacht, auf der anderen Seite malte sie aber Herzen auf die Verlies-Mauer die ihrer Mutter galten.
Priklopil selbst wird als "der Täter" oder "Er" beschrieben, in ihrem Tagebuch nennt sie in "Wolfgang" oder "Wolfi". Sie erzählt von ihrem "Alltag" im 5m²-Verlies und von ihrer Abhängigkeit. Wie sie Bücher verschlungen hat und sogar ein paar Stunden vergaß wo sie sich befand, wie sie stundenlang Videokassetten mit TV-Serien sah, wie sie ABBA und Beatles horchte, wie sie dem Ticken des Weckers lauschte, für Muttertag Sachen bastelte und Briefe an ihre Eltern schrieb; aber auch wie Verhalten sich anfangs Priklopil gab um danach immer grausamer zu werden. Hungerkuren, Schläge und Tritte waren an der Tagesordnung, aber auch Ausflüge in die Normalität, die von der Öffentlichkeit später heiß diskutiert wurden. Ob es sexuellen Kontakt gab spart sich N. Kampusch auf; das bleibt ihr letztes privates Geheimnis.
...und doch bleiben Fragen zurück: z.B. kann ein 10jähriges Kind wirklich diese Psychospiele spielen, die sie gespielt hat? Weiß ein 10jähriges Kind wirklich soviel über Kindesmißbrauch udgl.? Weiß eine 10jährige tatsächlich was eine DNA ist? Weint oder schreit oder kreischt eine 10jährige wirklich nicht nach ihren Eltern? Wieso verlangt ein 10jähriges Kind von seinem Peiniger eine "Umarmung"? Wieso braucht der Täter auf der einen Seite fast 1 Stunde um bei ihr zu sein und auf der anderen Seite ist er "augenblicklich" bei ihr gewesen, wenn sie etwas tat, was ihm nicht passte?
Der ungewöhnlichste Satz war für mich jedoch auf Seite 147: Im Schatten dieser Macht, die mir alles vorschrieb, konnte ich paradoxerweise zum ersten Mal in meinem Leben ich selbst sein. Ein Indiz dafür ist für mich die Tatsache, dass ich seit meiner Entführung nie mehr ein Problem mit dem Bettnässen hatte.

Fazit: Die Autorinnen haben in N. Kampusch unvergleichlicher Sprachvielfalt das Buch geschrieben. Ihre Kindheit beschreibt sie hart, kritisch, launisch, depressiv und sehr genau; die kaltherzige Mutter lässt einen oftmals den Kopf schütteln. Die Unsympathie, die diese Frau ausstrahlt, wird dadurch nur noch verstärkt. Der Vater erscheint mir als liebevoller Mann, der einfach nur mit der Situation "Kind" ein wenig überfordert war. Priklopil wird erst zunehmend grausam, je mehr er sich bewusst wird, was er tat. Das meiste kennt der aufmerksame Beobachter dieser Story aus den Zeitungen, Interviews und den vielen Fernsehberichten. N. Kampusch hat dieses Buch für sich und ihre Befreiung geschrieben, dennoch bleiben viele Fragen offen. Ich hoffe für N. Kampusch, dass sie wirklich "frei ist".
Leseempfehlung!
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.01.2014 20:55:37 GMT+01:00
Ich habe dieses Buch auch gelesen und meine Meinung zu dieser Rezension ist 100 % ig identitisch mit der Ihren. Das Buch widerspricht sich in sich und ließ in mir große Zweifel aufkommen, so dass ich anschließend im Internet über diesen Fall Kampusch recherchiert habe. Traurige Geschichte mit sehr viel Ungereimtheiten. Die ganze Wahrheit wird wohl nie ans Tageslicht kommen. Es wird sogar berichtet, dass Priklopil ermordet wurde. Ich bin sehr skeptisch, was dieses Buch angeht.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.01.2014 01:00:40 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 14.01.2014 01:01:00 GMT+01:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.01.2014 01:02:09 GMT+01:00
vielen dank für den kommentar!

ja, ich glaube, dass vieles vertuscht wird.

mfg
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