Amazon.de: Anders Adebahrss Rezension von Die Habenichtse
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62 von 78 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Habenichtse, 6. Juli 2006
Habenichtse sind alle, aber sie sind es auf verschiedene Weise. Im Mittelpunkt des neuen Romans "Die Habenichtse" von Katharina Hacker stehen Jakob und Isabelle, Anfang dreißig, er Anwalt, sie Mitinhaberin einer Grafik-Agentur. Als Studenten waren sie ein Paar, haben sich aus den Augen verloren und am Tag der Anschläge des 11. Septembers treffen sie sich auf einer Party in Berlin wieder. Schnell wird geheiratet und nach London umgesiedelt, dies alles scheint keine tiefere Bedeutung zu haben, denn wie Isabelle treffend formuliert, "es ist so passend". Aber schon Jakobs Sicht der Dinge zeigt die Sollbruchstelle, die Hacker hier einfügt: "Er hatte lange genug darauf gewartet, und wie man es drehte und wendete, dieses Warten selbst war ein Anspruch."

In London angekommen, bricht die Beziehung an der gegenseitigen Erwartungslosigkeit von Jakob und Isabelle. Es wird schnell klar, dass beide seelische, menschliche Habenichtse sind. Dazu machen sie sich selber: Unfähig, einander zu begegnen, flüchtet sich jeder in seine eigene Welt. Jakob scheint nur für seine Arbeit zu leben und entwickelt homoerotische Tendenzen. Isabelle schwebt in einer Traumwelt, sie lässt sich auf den Drogendealer Jim ein, als Folge einer sexuellen Begierde. Die Desorientierung ihrer beiden Hauptpersonen zeigt Katharina Hacker auf, indem sie sie für sich selber sprechen lässt und keinerlei Wertung des Geschehens liefert. Dies wirkt oft beängstigend, direkt. Trotzdem zieht der Roman den Leser tief in das Geschehen hinein, beteiligt ihn vor allem indem er ihm die moralische Wertung über Jakob und Isabelle selber überlässt. Beiden bleibt nichts das Hoffen auf eine undefinierte Zukunft: "Es wird jetzt anders, sagte er leise. Ihr Gesicht war fremd und traurig, aber da waren all die Jahre, die er auf sie gewartet hatte."

Und so sind es hauptsächlich die anderen, aus ihren Lebensumständen gewordenen Habenichtse, die Katharina Hacker zum Sprechen über die Wahrheit bringt. In genauen Schilderungen der jeweiligen Milieus arbeiten sich die Figuren, die Jakob und Isabelle begegnen, am Leben ab. Jakobs Chef, vertriebener Jude, alternder Homosexueller und am Unfalltod seines jüngeren Lebensgefährten leidend, schafft es trotz dieser Mängel ein Leben im Einklang mit diesem fehlenden Besitz zu führen. Andras, als Kind aus Ungarn geflüchtet, nie in Deutschland sesshaft geworden, Geschäftspartner von Isabelle und in diese verliebt, schafft es letzten Endes sich von seiner Obsession zu Isabelle zu befreien. Er blickt der Realität ins Auge und bricht in ein neues Leben mit einer neuen Frau auf: "Als wäre, was Isabelle und ihn verband, ebenso ausgedient wie das Sofa, ein Gegenstand, der nicht länger gebraucht wurde, gleichgültig, wie viele Erinnerungen sich damit verknüpften." Dabei entscheidet er sich auch für ein Leben in Berlin und gegen einen Rückzug nach Budapest. Jim bricht am Ende des Romans aus seinem Drogenmilieu aus, in eine ungewisse Zukunft. Aber der Leser ahnt, dass die von ihm inszenierte Spirale aus Exzessen und Gewalt notwendig waren, um diesen Schritt gehen zu können.

Es sind also vor allem die Nebengeschichten, in denen Hacker dem Leser Lösungen anbietet. Diese sind pragmatisch, bitter und vom Leben gezeichnet. Aber genau hier liegt die Stärke des Romans: unverblümt wird die Verarbeitung von Schicksalen geschildert. Dabei ist kein Thema zu groß: Die Anschläge des 11. Septembers, Restitution und die damit verbundene Frage nach Gerechtigkeit, Kindesmissbrauch, Homosexualität.

Katharina Hacker gelingt etwas Großes. Sie reiht sich in die Tradition realistischen Erzählens ein und schafft gleichzeitig einen kritischen Roman über die "Generation Golf" und deren Lebensentfremdung. Die von ihr konstruierte Realität zeigt eine Welt im Zustand der Unruhe, wobei die Unruhe scheinbar äußerlich als Resultat der politischen Ereignisse herrührt: "Erinnerst Du Dich, an diesen Spruch von Bush, nichts ist, wie es war?" fragt Andras Isabelle in einer E-Mail. Die Unruhe der Welt liegt aber in den Personen selber, in ihrer subjektiven, begrenzten Perspektive. "Er (Jakob) dachte an den 11. September vor anderthalb Jahren, an seine hilflose Aufregung, die mit New York nichts zu tun hatte, an Bushs Rede, nichts, wie es war. Nichts hatte sich verändert." Am Ende wird dem Leser klar, dass Katharina Hacker Erfahrungen verkündet und es ihr nicht darum geht, vermeintliche Wahrheiten zur Weltlage zu verkünden. Der Ableich dieser Erfahrungen mit den eigenen macht dieses Buch lesenswert.
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Ort: Frankfurt am Main

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