Kundenrezension

19 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Liebe kennt keine Krankheiten, 14. März 2011
Von 
Rezension bezieht sich auf: Love & other drugs [Blu-ray] (Blu-ray)
Manche Regisseure können wirklich überraschen. So wie z.B. Edward Zwick, der "Fachmann" aus Hollywood, der ein gutes Händchen für große Epen ("Glory", "Last Samurai") hat und sich auch nicht davor scheut, aktuelle und heikle Politik-Themen aufzugreifen ("Mut zur Wahrheit", "Ausnahmezustand", "Blood Diamond"). Dieser Mann traut es sich, ab und zu mit seiner Genre-Spezialisierung zu brechen. Dass er u.a. für das Generationen-Drama "Legenden der Leidenschaft" aus dem Jahre 1994 verantwortlich zeichnete, hätte ich zunächst nicht gedacht, bis ich seine vollständige Filmografie einsah. Und auch über seine neue Regie-Arbeit war ich etwas verblüfft, da ja nun auch "Love and other drugs" nicht zum üblichen Zwick-Programm zu gehören scheint. Mit zweien der wohl angesagtesten Jung-Mimen und Hoffnungsträgern ihrer Schauspieler-Generation stellt Zwick einen Genre-Zwitter aus tragischer Romantik-Komödie, Drama und pharma-kritischer Satire auf die Beine, der in seinen ersten Tönen (dank des perfekten Duos Gyllenhaal/Hathaway) gut, wenn nicht sogar sehr gut funktioniert. Wundern muss man sich allerdings über mehrere spätpubertäre Witzchen und eine nervige Nebenfigur, welche in die eigentlich ernsthaft angelegte Story so überhaupt nicht reinpassen wollen und von einem Zwick-Film nicht erwartet werden.

Amerika der Mitt-Neunziger:
Jamie Randall, ein junger Mann in der Zwanzigern, arbeitet als frischer Vertreter des Pharma-Unternehmens Pfizer und putzt in seinem Geschäfts-Bezirk regelmäßig die Türklinken diverser Arzt-Praxen. Mit seinem Charme und allgemeiner Beliebtheit bei den Frauen gelingt es ihm nach einigen Hürden, die Artikel seines Arbeitgebers nach und nach im Umlauf zu bringen. Als dann noch der große Viagra-Boom einsetzt, wird er zum beliebtesten Salesman überhaupt.
Durch seine Arbeit begegnet er der attraktiven Patientin Maggie Murdock, die trotz ihres jungen Alters an den Anfangssymptomen des Parkinsons leidet. Zwischen ihnen entwickelt sich eine anfangs nur auf Sex fokussierte Affäre, eine Vertiefung in Richtung "echte Beziehung" wird in beiderlei Einverständnis gemieden. Mit der Zeit brechen zwischen ihnen die wahren Gefühle dann doch noch aus, und Jamie, der sich bisher nur aufs Verticken von Medikamenten konzentriert und den Endkonsumenten "Patient" nie als von Krankheit gezeichneten Menschen betrachtet hat, nimmt Maggies gesundheitlichen Zustand erstmals richtig wahr und will - sofern es Möglichkeiten gibt - etwas dagegen tun. Dabei missachtet er Maggies Wunsch, ihre Krankheit nicht über ihr sonst so unbeschwertes Liebesglück zu stellen...

Auch wenn meine Einleitung einen untypischen Zwick-Film vermuten lässt, die Handschrift des Regisseurs ist auch in "Love and other Drugs" zu erkennen. Sein Film zeigt auf überspitzte Art, mit welchen oftmals unseriösen Mitteln und Tricks die Pharma-Industrie ihre Produkte an den Mann bzw. den praktizierenden Arzt zu bringen versuchen. Er begibt sich zwar nicht knietief in die ganze Materie des Pharma-Geschäfts, aber das was er erklärt, reicht auch vollkommen aus und bleibt unmissverständlich:
Das Handel mit lebensverlängernden / beschwerdelindernden Medikamenten ist ein gigantisches Milliardengeschäft, das ein mächtiges Kuchenstück der gesamten amerikanischen Volkswirtschaft ausmacht und als einzelner Apparat viel größer ist als zig Wirtschaftszweige zusammengenommen. Mit ungeheurer Agressivität und reiner Profitgier wird der massenhafte Verkauf angetrieben, während die eigentlichen Sache - die Heilung jedes individuellen Patienten - zum reinem Zweckargument verkommt. Die Begriffe Moral und Ethik kennen die Pharma-Leute nicht, oder wenn dann nur auf dem Papier. Und Filmfigur Jamie steckt da mittendrin.
Als passender Gegenkontrast jene Situation, in der Maggie eine versammelte Gruppe Parkinson-Betroffener besucht, während sie Jamie bei einer Pharma-Messe begleitet. Hier trifft sie auf Gleichgesinnte, die ihre Krankheit zwar akzeptiert, den Lebenswillen aber nicht verloren haben. Ein Moment, der Maggie ungemein viel Mut macht und viel Lebensfreude spendet. Gleichzeitig ist es für Jamie die knallharte Konfrontation mit der Realität und der Aufopferungsbereitschaft, die sich die Lebensgefährten der Erkrankten selbst auferlegt, tagtäglich und mit jedem weiteren Jahr, in der sich die Krankheit ins nächste Stadium entwickelt, zu leisten haben. Genau hier wird Jamie (und indirekt dem Zuschauer) die Frage gestellt, ob die eigene Liebe für einen betroffenen Menschen groß genug ist, um diese Mammutaufgabe ohne Zaudern und Zögern zu meistern.

Das ist die anspruchsvolle Seite von "Love and other drugs", die gut funktioniert und recht dicht an der Wirklichkeit liegt, darunter auch Maggies Erkrankung im ziemlich jungen Alter, was selten, aber durchaus vorkommen kann. Daneben gibt es die klassische Tragik-Lovestory, angereichert mit einem gesundheitlichen Handicap, die eine der beiden Hauptfiguren mit sich trägt. Sowas kennt man ja bereits aus anderen Filmen mit ähnlichen Inhalt ("Auf den ersten Blick", "Love Story", "Gottes vergessene Kinder", ...), der auffälligste und einzige Unterschied zwischen diesen und "Love and other drugs" ist die sexuelle Freizügigkeit in letzterem. Für prüde Amerikaner bestimmt wieder der entscheidende Stein des Anstoßes, über den wir Europäer eher müde lächeln können. Sicherlich hat man in keinem anderen Film so oft und so viel nackte Haut von Anne Hathaway (von der Oben-Ohne-Szene aus "Brokeback Mountain" mal abgesehen) und Jake Gyllenhaal gesehen wie hier, aber erstens geht der Film nie zu sehr ins pikante Detail und zweitens wirkt der Liebesrausch des Paares ungezwungen, dafür umso lustvoller gespielt. Man sieht es den Hauptdarstellern auch sehr gut an, wie natürlich sie in entsprechenden Szenen agieren. Nach ihrer ersten Zusammenarbeit in "Brokeback Mountain" treffen Hathaway und Gyllenhall als wunderbar harmonierendes Traumpaar aufeinander, die mit viel natürlicher Ausstrahlung und Spielfreude begeistern. Insgeheim wünschte ich mir fast weitere Filme mit genau dieser personellen Kuppelung, aber man wird ja sehen was in nächsten Jahren noch so kommt. Es gibt viele Leinwand-Pärchen, die sich zu "Wiederholungstätern" entwickelt haben und vom Publikum auch wohlwollend angenommen werden, sofern die Chemie zwischen den Akteuren stimmt. Vielleicht wird man das Hathaway/Gyllenhaal-Gespann hier nicht zum letzten Mal gemeinsam gesehen haben... ;)

Zu guter letzt der dritte und letzte Teilaspekt von "Love and other drugs" - die Komik. Was diese betrifft, so möchte man Edward Zwick zu gerne fragen, was ihn dazu geritten hat, auf frivole Scherze der albernsten Sorte zurück zu greifen. Diese sind nicht nur unnötig und fürs Film-Thema unpassend, sondern entstehen meistens durch ein und dieselbe Filmfigur, die genauso unnütz wie nervtötend geraten ist: Josh Randall, Jamies jünger, dicklicher Bruder. Dieser leistet weder zur Lovestory, noch zur pharma-kritischen Botschaft des Films irgendeinen brauchbaren Beitrag und muss wohl einer Highschool-Komödie der Marke "American Pie" entsprungen sein. Wer hat sich diesen tollpatschigen, hormon-übersäuerten Charakter für die Filmhandlung ausgedacht ?! Man weiss mit diesem Typen gar nichts anzufangen. Jenseits besagter "Späße" gibt es da noch einige gut getimte Humoreinlagen, doch insgesamt sind diese nicht reichhaltig genug, um "Love and other drugs" als echte Komödie durchgehen zu lassen. Das wäre in meinen Augen offensichtlicher Etiketten-Schwindel.

Fazit:
An die Qualität älterer Top-Hits "Blood Diamond" und "Last Samurai" kann Zwicks jüngster Film nicht anknüpfen. Das hat nichts mit der völlig anderen Genre-Ausrichtung von "Love and other drugs" zu tun, sondern mehr mit Tatsache, dass der durchaus gegebene Tiefgang dieses Dramas durch unpassende Fremdkörper (wie oben beschrieben) in Mitleidenschaft gezogen wird. Dank der tollen Leistung der Hauptdarsteller und dem vorhandenen Unterhaltungswert rettet sich dieser Film auf knappe 4 Sterne.
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Kommentare


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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 26.04.2011 14:04:08 GMT+02:00
Beate meint:
Echt gut formuliert! Stimme dem zu! (Besonders was den Bruder betrifft)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 26.04.2011 20:07:01 GMT+02:00
S. K. meint:
Vielen Dank fürs Feedback ! :-)
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