Kundenrezension

16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die islamische Revolution im Iran aus Sicht eines Kindes, 1. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Persepolis (DVD)
Die im französischen Exil lebende Iranerin Marjane Satrapi verarbeitete ihr Kindheits- und Jugenderinnerungen im Iran in einigen Comics. Diese waren Grundlage des von ihr und Vincent Paronnaud inszenierten Films "Persepolis".
Die achtjährige Marjane erlebt mit ihren Eltern die iranische Revolution von 1978/79. Ihre Eltern verbinden damit große Hoffnungen auf eine Demokratisierung des Landes. Doch die Machtübernahme der Mullahs schockiert die aufgeklärte, westlich orientierte Familie zutiefst. Marjanes Onkel, schon vom Schah verfolgt, wird zum Tode verurteilt. Während sich die pubertierende Marjane mit ihrer Vorliebe für Punk und ihrer Fähigkeit, den Unsinn in den Aussagen der gleichgeschalteten Lehrkörper zu analysieren, überall aneckt, wird das Leben der Familie zusätzlich durch den 1. Golfkrieg (1980-88 zwischen Irak und Iran) gefährdet. Die Eltern schicken Marjane auf eine Privatschule in Wien. In Sicherheit erlebt sie das Exil als schmerzlichen Kulturschock, so dass sie nach Ende des Krieges in den Iran zurückkehrt. Ein Neuanfang misslingt, so dass sie Jahre später endgültig nach Frankreich emigriert.

Besonders beeindruckend stehen im Film die Auswirkungen eines totalitären Regimes und die ganz persönlichen Schrecken der eigenen Pubertät nebeneinander, ohne damit die politische Dimension zu verwässern. Eine zwischenzeitlich angedachte Realverfilmung wurde glücklicherweise verworfen. Die harte, an Holzschnitte erinnernde Schwarzweißmalerei verhindert jeden Kitsch. Surreale Momente als Teil von Marjanes Gedankenwelt werden möglich. Die vollkommen verschleierten Frauen erhalten durch wenige Pinselstriche mehr Persönlichkeit als durch noch so gutes Schauspiel. Besonders gelungen auch die Darstellung einer "banalen Liebesgeschichte", im Liebesrausch hat der junge Mann Löckchen und fast einen Heiligenschein, in der Desillusionierung hätte er Frankensteins Monster Konkurrenz machen können. Komisch und traurig zugleich. Auch die Schrecken des Krieges und der Terror des Regimes werden in ihrer Absurdität so besser dargestellt als durch pathetische Großaufnahme im Mainstreamfilm. Ein Glücksfall ist (in der deutschen Fassung) die Synchronisation Marjanes durch Jasmin Tabatabai.

Auch die Ausstattung kann sich sehen lassen. Es gibt ein Making Of, ein Interview mit Marjane Satrapi, ein Interview mit Jasmin Tabatabai zu den Synchronarbeiten, unveröffentlichte Szenen, den Trailer und eine Programmvorschau. Besonders im Interview und in der Kommentierung zu den unveröffentlichten Szenen rundete sich das Bild für mich ab, da Frau Satrapi sehr reflektiert über ihr Leben im Iran erzählte und darstellte, warum sie welche Szenen im Film verwendete bzw. wieder verwarf. Frau Tabatabai, ebenfalls Exiliranerin, konnte über ähnliche Erfahrungen berichten. Deutsche Untertitel zum Hauptfilm und zu den Extras sind vorhanden.

Insgesamt gesehen ein Juwel im Veröffentlichungsdschungel. Ein spannender, zutiefst menschlicher Zeichentrickfilm für Erwachsenen (FSK ganz zu recht ab 12). Unterhaltsam, subversiv, charmant. Unbedingt empfehlenswert!
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Kommentare


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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 04.06.2009 14:06:56 GMT+02:00
Daggi meint:
Na so was ... hat's Dich auch gerade in den Nahen Osten gezogen ...
LG

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 08.06.2009 18:02:50 GMT+02:00
Ophelia meint:
"die Schrecken des Krieges und der Terror des Regimes werden in ihrer Absurdität so besser dargestellt als durch pathetische Großaufnahme"

So ist es. (Das gilt übrigens auch für "Waltz with Bashir" wo es um den Libanonkrieg von 1982 geht. Anseh-Tipp! falls du ihn nicht schon kennst)

Ähnliche Erinnerungen an der Iran hat übrigens mein Mann, der gebürtiger Iraner ist und auch 1980 im Iran war. In Marjanes Erinnerungen hat er auch seine wiedergefunden. Ein toller Film, der Drama mit Comic, Depression mit Leichtigkeit, Groteskes mit ausgelassener Lustigkeit vereint und alles mit einer Prise Gehässigkeit würzt. Klasse...
Schöne Rez dazu!
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