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Rezension bezieht sich auf: Die Entdeckung der Religionsgeschichte (Broschiert)
Die vorliegende Monographie ist eine wissenschaftsgeschichtliche Darstellung der Religionsgeschichte. Im Fokus der Aufmerksamkeit des Autors liegen die Möglichkeiten und Grenzen der vorgestellten Ansätze sowie ihre unaufhebbare Perspektivität und Prozessualität.Entwickelt werden die religionsphilosophischen Anfänge der Religionsgeschichtsschreibung, der Konflikt zwischen Aufklärung und Romantik sowie die wirkungsmächtigen geistesgeschichtlichen Katalysatoren der darwinistischen Evolutionstheorie, der historischen Bibelkritik, der philologischen wie archäologischen Erschließung vergangener Kulturen und der ethnographischen Erforschung fremder Völker. Ob von der Romantik ein 'Unbewußtes', eine 'Seele' jenseits der Vernunft eingefordert wurde, Max Müller glaubte, in der Wurzelbedeutung der Namen den Schlüssel zu einer ursprünglichen Religion gefunden zu haben, Schiller das griechische Welterleben mit Monotheismus und mechanisch-rationaler Weltauffassung kontrastierte oder Rudolf Otto in der religiösen Erfahrung ein unhinterfragbares Authentizitätskriterium identifizierte - stets flossen in die Religionsdeutung implizite Werteimperative ein, deren Geltung vorausgesetzt wurde. Sobald wissenschaftliche Aufklärung diese Werteimperative explizit macht und die Motive und Interessen hinter den jeweiligen Deutungen aufzeigt, wird deren Beschränktheit augenfällig. Exakte Forschung setzt Gegengewichte, entlarvt und korrigiert. Franz Boas beispielsweise relativiert Fortschritts- wie Degenerationsthese und verweist auf das Phänomen der Diffusion,der Verbreitung von Kultur und Religion. Archäologische Grabungsergebnisse ersetzen den schwärmerischen Hellenismus durch die nüchterne Erkenntnis, daß menschliche Ritualhandlungen am Anfang des antiken Theaters standen. Ethnographische Feldarbeit stellt Emilé Durkheims Totemismus-These in Frage usw. Kurz: Die Darstellungen von Religionsgeschichte reflektieren selbst Modernisierung. Zeit, Kultur und Person des Religionshistorikers fließen in seine Arbeit ein und relativieren deren Wert. In einem Prozeß der Selbstaufklärung - Kippenberg rekurriert z.B. auf Reinhart Koselleck, Jörn Rüsen, Peter L. Berger, Anthony Giddens und Burkhard Gladigow - werden die Voraussetzungen, Bedingtheiten und Grenzen der Forschertätigkeit transparent gemacht. Andererseits glaubt Kippenberg, daß die Religionswissenschaftler der Modernisierung einen Platz in der Religionsgeschichte gegeben haben und selbst wertsetzend tätig wurden: "Indem sie Naturmystik, Seele, Rituale, Magie, Mysterien, Erlösungsreligion, Machterleben, Sozialmoral, Weltablehnung und Ekstase zu ihren Themen machten, haben sie der modernen Gesellschaft ihre andere, offiziell ignorierte Hälfte wiedergegeben: das Faktum von Leben, das sich nicht in den Dienst von Fortschritt stellen ließ." (S. 268) Nun, dieser Anspruch ist zumindest problematisch, denn wenn Wissenschaft Werte setzen soll, erhebt sich sofort die Frage: welche? Die Wurzel des Konfliktes liegt in der Ambiguität des Leitbegriffes "Erkenntnis" (Aufklärung), die einerseits ein Wert ist - wäre sie keiner, würde niemand nach Wissen streben -, andererseits zugleich mit dem Anspruch verknüpft wird, "wertfrei" zu sein - "rein und interessenlos". Weit entfernt davon, ein wissenschaftliches Spezifikum zu sein, ist der unauflösbare Widerspruch zwischen dem Deskriptiven und dem Normativen eine alle menschlichen Gemeinschaftsformen imprägnierende anthropologische Konstante. Im westlichen Sinne als "institutionalisierter Zweifel" verstandene Wissenschaft kann nie weiter gelangen als bis zum Bewußtsein ihrer Bedingtheit, Begrenztheit und Zugehörigkeit zum Werteuniversum. Diesen Prozeß am Beispiel der Religionsgeschichte zu veranschaulichen, ist Hans Gerhard Kippenberg meisterhaft gelungen. Darüber hinaus ist das Werk sprachlich vorzüglich zugänglich, literarisch unterhaltsam und kann von Fachleuten wie Laien gleichermaßen mit größtem Gewinn gelesen werden. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen |
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