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Kundenrezension

17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Frage des Geschlechts ..., 14. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Eine Frage der Schuld: Roman - Mit der «Kurzen Autobiographie der Gräfin S. A. Tolstaja» (Gebundene Ausgabe)
Inhalt:

Sofia Tolstajas zu Lebzeiten verheimlichter und erst fünfundsiebzig Jahre nach ihrem Tod veröffentlichter Roman: Eine Frage der Schuld" , erzählt auf knapp dreihundert Seiten die Geschichte einer unglücklichen Ehe, die uns nicht zufällig den Weltberühmten Ersten Satz aus Krieg und Frieden ins Gedächtnis ruft: Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art."

Das Unglück einer aus der russischen Oberschicht stammenden jungen Frau, das uns nicht zufällig an das Schicksal von Sofja Tolstaja an der Seite von Leo Tolstoi erinnert, ist das Thema dieses Buches. Ein Leben lang stand die begabte Künstlerin im Schatten ihres weltberühmten Mannes, einem der gefeiertsten Schriftsteller aller Zeiten, wie es in der aktuellen Verfilmung dieser Traditionsehe:
"Ein russischer Sommer" heißt.
Dreizehn Schwangerschaften und drei Fehlgeburten prägten die Jugend und die mittleren Lebensjahre der Gräfin, die neben Haushaltsführung und Kindererziehung noch Zeit und Muse fand, dem schreibenden Gatten bei der Geburt seiner Meisterwerke beizustehen und deren Anteil an der Entstehung und Gestaltung von Anna Karenina" und Krieg und Frieden" nicht unterschätzt werden sollte.

Im handlichen Manesse-Format, das sich gut in winzigen Damenhandtäschchen neben Lippenstift und Wimperntusche verstauen lässt und in Reisekoffern oder Wanderrucksäcken lange nicht so schwer wiegt wie die Bände von Tolstoi in der ihm eigenen epischen Breite, erleben wir nun ihre vergleichweise kleine Prosa". Wir erleben Weltliteratur aus dem Blickwinkel eines weiblichen Menschen.

Was muss die arme Heldin, bezeichnenderweise Anna" genannt, nicht alles ertragen: Dieses Mädchen, zum Zeitpunkt der Heirat achtzehnjährig, ist auf die Ehe nicht eingestellt. Dem Kind wird Gewalt angetan. Die aus Eifersucht kurz erwachte weibliche Leidenschaft schläft, niedergedrückt von Scham und Abscheu vor den fleischlichen Gelüsten des Fürsten, wieder ein. Die Tagelöhnerin Arischa, eine Maitresse des Fürsten, begegnet ihr mit ungenierten Blick. Nach vielen Geburten und einer freundschaftlichen Neigung zu dem Grafen Bechmetew, in dem sich das Ideal reiner Herzensliebe für sie verwirklicht, löst eine harmlose und absichtslose Berührung durch den Hausarzt, der in den Augen des maßlos eifersüchtigen Ehemanns beim Behandeln eines verletzten Kindes angeblich ihren Busen streift, eine völlig unbegründete Gewaltreaktion aus.Der Gatte wirft Anna einen Briefbeschwerer an die Schläfe.
Tödlich getroffen (im Leben durch Tolstois Kreuzersonate), erteilt Anna alias Sofja im Roman ihres Herzens dem gewalttätigen Patriarchen unter Anstrengung die Absolution: Der letzte Satz bleibt unvollendet:
Dich trifft keine Schuld. Du konntest nicht begreifen, was wichtig in der Liebe ..."
Ist" kann, die Sterbende nicht mehr sagen.
Der Tod tritt ein.

Leo Tolstoi hat sich im Laufe der Jahre immer mehr von der schöngeistigen Literatur abgewandt und der Welt in religiös gefärbten Schriften Askese" und sexuelle Enthaltsamkeit" gepredigt.
Diese Entwicklung fand ihre Zuspitzung in der 1891 erschienenen Kreuzersonate, in der sich der Schriftsteller durch das Sprachrohr des Fürsten Posdnyschew, radikal von den Werten des einmal mit großen Illusionen begonnenen Ehe- und Familienlebens löst.
Wie sehr die reale Person von diesen hehren sittlichen Idealen entfernt war, weiß man heute. Doch dieses ER weiß von keiner Schuld. Es ist SIE, die Mord und Totschlag auslöst. In der Kreuzersonate erschießt der Ehemann den vermeintlichen Rivalen, bei Tolstaja wird die Ehefrau erschlagen.
Sich gegenseitig als Menschen anzunehmen und sich im Anderen zu erkennen, ist in dieser christlichen Konventionsehe offensichtlich nicht möglich. Schließlich muss ein Dritter im Bunde, für Tolstaja ist es ein reiner Herzensfreund, für Tolstoj ein verderbter Nebenbuhler, das Drama heraufbeschwören, das den von Männer geschriebenen großen Frauenromanen des 19.J.h. ihre besondere Note gibt : Die Damen verenden, die Herren überleben, aber beiden ist die Lust am Leben genommen.
Eine Frage der Schuld" ist eine beeindruckende moderne Sichtweise zu diesem Thema.

Fazit:
Man fragt sich als Leser, was in jenen Tagen, da Tolstois Kreuzersonate" ein literarisches Erdbeben in der russischen Gesellschaft auslöste, wohl geschehen wäre, wenn Tolstaja es gewagt hätte, sich als die Schriftstellerin, die sie ja offensichtlich war, neben ihrem überragenden Gatten einen Namen in der Öffentlichkeit zu machen. Diese Frage lässt sich leider nicht beantworten.
Frappierend ist die Offenheit, mit der die Gräfin über das im 19. Jahrhundert noch stark tabuisierte Thema der Sexualität schreibt. Sie selbst wusste ja am besten, wie weit ihr Gatte im realen Leben von den Idealen entfernt war, die er der Menschheit predigte.
Soja Tolstaja hat das Schweigen und die Anonymität gewählt, um ihre andere Sichtweise heimlich zu gestalten. Unter der Maske der hysterischen Gattin, als die man sie zu Lebzeiten Tolstois gerne sah, behauptet sich ein eigenständig denkender Mensch. Dass dieser Roman nun doch seinen Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat, lässt uns staunen und erfahren: Das Leben hat eigene Gesetze und dieses von der Kunstkritik als autobiografischer Schlüsselroman" gewertete Werk ist in meinen Augen eine wirklich schöne Antwort auf die Frage: Was steht zwischen den Zeilen von Anna Karenina", was lesen wir da heute heraus?
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