Kundenrezension

35 von 51 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Starke Optik bei durchwachsener Erzählung, 21. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: House of Cards - Season 1 [2013] [UK Import] (DVD)
Die erste Staffel dieser US-Serie aus dem Jahr 2013 ist ein Remake einer britischen Mini-Serie von 1990 (die ich nicht kenne). Sie hat 13 Episoden mit je ca. 50 Minuten. Produzent ist David Fincher (u.a. The Game und Fight Club), der auch in den ersten beiden Folgen Regie führt.

Es sind vier DVDs, die in einem sehr schön gestalteten "Buch" stecken, bei dem man aber leider auf die DVDs fassen muss, um sie rauzunehmen. Wichtige Informationen sind auf einem aufgeklebten Deckblatt, das leider leicht abgeht.

Sprachen sind trotz UK-Export Englisch und (!) Deutsch mit UT in beiden Sprachen. Einiges der Schärfe und Schwärze geht in der deutschen Fassung verloren. Das Englisch ist recht gut zu verstehen und auch nicht all zu viele politische Jargonbegriffe.

Im Mittelpunkt steht der Congressman Francis Underwood (Kevin Spacey). Er ist Whip (eine Art parlementarischer Geschäftsführer) der demokratischen Mehrheitsfraktion im US Repräsentantenhaus. Zu Beginn der Handlung wird er vom neu gewählten demokratischen Präsidenten entgegen vorheriger Versprechungen nicht zum Außenminister berufen. Er beschließt sich mit einem lang angelegten Plan, sehr komplexen Plan zu rächen, der sich im Laufe der Episoden entfaltet. Dabei spielen der junge Congressman Peter Russo, der u.a. Alkoholprobleme hat, und die junge, sehr ehrgeizige Journalistin Zoe eine große Rolle, die er für seine Pläne einsetzt und ausnutzt. Sein Mitarbeiter Stamper ist ein geschickter Gehilfe in allen möglichen ruchlosen Aktionen. Seine Frau Claire (Robin Wright) bildet einerseits mit ihm ein fest zusammenhaltendes, auf Karriere ausgerichtetes Paar, träumt sich aber ab und zu auch mal in ein anderes Leben, z.B. mit einer früheren Affäre. Sie leitet eine NGO, die für sauberes Wasser kämpft, dabei auch mal nicht ganz koschere Absprachen mit der Industrie macht und über Bande mit der Politik ihres Ehemanns spielt.

Die Staffel hat bei mir einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen und ist differenziert zu beurteilen. Im ganzen aber fängt sie sehr stark an und lässt dann nach. Das Ende fand ich enttäuschend.

* Dramaturige / Erzählung (4 Sterne): Die Gesamtkompositon eröffnet stark und es baut sich eine gute Spannung auf, die mit gut gemachten Elementen zur kritischen Darstellung des Politbetriebs aufwarten kann. Dann aber kann sie das Niveau nicht ganz halten. Manches ist zu sehr um drei Ecken gedacht, wirkt dadurch zu irreal; andere Teilplots wirken zu gängig oder übertrieben; im Mittelteil hängt es mal und geht nicht recht vorwärts; es gibt mindestens zwei Gelegenheiten, wo nicht ganz passende Zeitsprünge von mehreren Wochen gemacht werden. Den ganzen Politbetrieb kann man stärker darstellen (was man stärker empfindet, wenn man 7 Staffeln West Wing gesehen hat). Komisch erscheint, dass außer dem Whip gleich der Präsident und seine Stabschefin eine Rolle spielen. Die in der Fraktion eigentlich höherrangingen Majority Leader und Speaker of the House tauchen schemenhaft als leicht dumbe Nebenfiguren auf. Starker Anfang, nur routinierte, nicht ganz packende Fortsetzung.

* Charaktere (4 Sterne): Die Hauptfiguren Frank und Claire sind stark angelegt und haben viel maliziöse Ausstrahlung. Die starke Ausstrahlung liegt zu einem guten Teil in einem sehr artifiziellen, maskenhaften Charakter der Figuren, was als Folge die zwischenzeitlich bei beiden auftauchenden Selbstzweifel nicht recht überzeugend wirken lässt. Bei den Nebenfiguren gibt es Höhen und Tiefen: Gehilfe Stamper hat auch einen schillernden Kern, aber seine angedeuten Selbstzweifel bleiben zu wenig ausgebaut. Die Figur der Zoe wirkt mir zu oberflächlich. Peter Russo als Congressman ist zunächst eine interessante Figur, wird mir aber zu überdramatisiert und zu naiv gegenüber den Intrigen von Francis. Auch der Präsident und seine Stabschefin wirken zu naiv und sanft. V.a. bei der Stabschefin stört es, weil sie zunächst als besonders tough eingeführt wird und dann aber eher wie die freundliche, gebildete Frau in mittleren Lebensjahren von nebenan agiert, die gegenüber dem leicht patriachalen Intriganten Francis manchmal schon klischeehaft weiblich-naiv agiert.

* Schauspiel (knappe 5 Sterne): Spacey und Wright überzeugen über weite Teile durch eine atemberaubende Präsenz mit sehr viel Körperkontrolle. Sie erscheinen als durch und durch intrigante und skrupellose Charaktere und haben starke, sehr intensive gemeinsame Szenen. Stark gemacht. Diese Überbetonung macht es ihnen aber schwer, die zwischenzeitlichen zweifelnden Momente zu spielen. Das wirkt dann etwas oberflächlich. Die Mischung aus Bosheit und Verletzlichkeit gelingt ihnen nicht ganz. Von den anderen überzeugen Michael Kelly als Stamper, Rachel Brosnahan als (Ex-)Prostituierte und Kristen Connolly als Russos Freundin. Mir zu blass blieben Kate Mara als Zoe, Sakina Jaffrey als Stabschefin, Michael Gill als Präsident (bei den dreien war das Casting nicht gut). Corey Stoll als Peter Russo spielt technisch gut, hat mich aber nicht wirklich gepackt.

* Dialoge (4 Sterne): Auch hier zu Beginn sehr starke Momente mit überraschenden Dialogen und geistreichen Wendungen. Im Laufe der Serie werden sie gängiger und routinierter.

* Optik (5 Sterne): Durchgehend eine gute Optik in Licht und Kameraeinstellungen. In den ersten Episoden finden sich auch noch besondere Momente in Photographie und 'Einstellungen, die an Höhepunkte in "Six feet under", "Sopranos" oder "Deadwood" heranreichen. Das lässt dann aber nach und pendelt sich auf einem hochwertigen, aber routinierten TV-Niveau ein.

* Musik (3 Sterne): Ordentlich, aber mir persönlich zu viel, zu routiniert, oft zu effektheischend.

* (O Sterne): Mehrfach je Folge spricht Spacey als Francis Underwood direkt in die Kamera an die Zuschauer und erklärt/kommentiert die Szene bzw. sein Vorgehen (in der Art (das ist jetzt kein echtes Beispiel): "Noch wehrt er sich und versucht sein Spiel zu spielen. Aber mit meinem nächsten Zug habe ich ihn."). Das hat den pädagogischen Charakter eines politischen Oberseminars für Arme oder wirkt einfach nur albern und deplatziert. Sehr dumme Idee, die oft den Charakter, das hier gerade eine Geschichte erzählt wird, stört, und einen guten Teil zu gelegentlichen dramaturigschen Farblosigkeit beiträgt.

Fazit: Eine ordentliche, routinierte Produktion mit vor allem anfangs starken Momenten. Aufgrund der im ganzen hochwertigen Ausstrahlung und imposanten Spacey und Whright würde man fast gerne fünf Sterne geben. Auf die vier Sterne kippt es durch das wirklich alberne Kommentierungs-Element und das letztendliche Gefühl, dass sich bei mir trotz offener Handlungsfäden keine rechte Neugier auf die angekündigte zweite Staffel einstellt.

Nachtrag 30.6.2013: Aus Neugier habe ich mir jetzt noch das britische Original aus 1990 angesehen. Nur drei Bemerkungen dazu:
* Die US-Version ist viel länger, mit neuen Plots und in genügend Dingen unterschiedlich genug, dass sich das Ansehen lohnt.
* Einige in der US-Version beklagten Schwächen sind im Orginal angelegt, z.B. das Element der direkten Ansprache des Zuschauers und die nicht immer ganz überzeugenden Intrigezüge.
* Es zeigt sich, dass es keine kluge Entscheidung war, die Hauptfigur beim Transfer ins US-System bei der des Chief Whip zu belassen. Der hat im parlamentarischen UK-System ungleich mehr Macht als im US-Präsidialsystem. Die Betonung der Macht des Chief Whip wirkt so im Orginal viel überzeugender. Eine herausgehobenere Rolle wie Stabschef oder Majority Leader in der US-Version hätte ich überzeugender gefunden.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-8 von 8 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 29.06.2013 18:00:48 GMT+02:00
FantasyFan meint:
Die Kommentierungselemente fand ich jetzt keineswegs albern, sondern eher erfrischend. Sie vermitteln vielmehr ein Gefühl, dass Underwood jederzeit alles unter Kontrolle hat und aus jeder Situation seinen Vorteil zu ziehen weiss.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.06.2013 19:34:21 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 01.07.2013 08:57:44 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 14.07.2013 23:19:04 GMT+02:00
Spaddl meint:
@FantasyFan: exakt meine Meinung! Dieses Durchdrennen der (brechtschen) vierten Wand ist das Salz in der Suppe dieser großartigen Serie. Natürlich ist der Zuschauer klug genug, die Situationen auch selbst beurteilen zu können, aber gerade diese bitterbösen Kommentare sind es doch, die verdeutlichen, was für ein gewissenloser Hund der gute Francis ist.

Veröffentlicht am 08.08.2013 18:47:40 GMT+02:00
Larry Brent meint:
Empfand die Kommentare von Underwood aka Kevin Spacey auch als lächerlich, hat mir persönl.
ein Teil der Stimmung geraubt....

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.09.2013 13:40:56 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.09.2013 13:43:31 GMT+02:00
Sarungal meint:
Mir hat dieses Element (nach einer kurzen Gewöhnungsphase) ausgesprochen gut gefallen. Außerdem passt es auch gut zu einer Kritik, die diese Serie (vielleicht etwas übertrieben) in die Nähe der Shakespear'schen Königsdramen gerückt hat. Zumindest erinnert dieses Stilmittel - die gelegentlich genutzte direkte Ansprache des Auditoriums - stilistisch an den englischen Dramatiker.

Veröffentlicht am 02.01.2014 09:21:10 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.01.2014 09:28:45 GMT+01:00
Hypervisor meint:
Hallo,

ich fände es schön, wenn sie ihre Einleitung kürzen würden. Einmal geben sie bekannte bereits Fakten wieder (..Sie hat 13 Episoden mit je ca. 50 Minuten...usw.), zum anderen geben sie eine Inhaltsangabe. Das halte für sogar für schädlich, für Leute, die den Film noch nicht konsumiert haben. Für die, die ihn bereits gesehen haben, ist es langweilig.

Ansonsten ist ihr Blickwinkel durchaus interessant, insbesondere d. Verweis auf die Vorlage v. HOC.

Sätze wie"... atemberaubende Präsenz mit sehr viel Körperkontrolle." wirken mir zu aufgesetzt, gekünzelt und wirken eher unglaubwürdig dadurch. Das haben sie doch gar nicht nötig.
Würde man die Körperkontrolle eines Schauspielers tatsächlich richtig bemerken, wäre er kein überzeugender Schauspieler. Aber K.S. spielt hervorragend.

Die verbalen "Einblendungen" von Herrn Spacey fand ich besonders gelungen, da sie Einblicke das Innenleben bzw. Gedanken des Protagonisten gewähren.

Veröffentlicht am 12.01.2014 19:15:55 GMT+01:00
Nightrider meint:
Hallo Grüner Baum,

das ist eine starke Rezension, die in vielen Punkten auch meinen Eindrücken von der Serie entspricht. Klasse Deine sehr detaillierte Aufdröselung der einzelnen Bewertungskriterien für so etwas Komplexes wie eine 13teilige Fernsehserie! Die auch bei Dir sehr hoch bewerteten schauspielerischen und filmischen Leistungen der Macher dieser Serie haben bei mir zu einer insgesamt positiven 5-Sterne-Wertung geführt. Ich werde nun gleich mal noch ein paar von Deinen anderen Rezensionen lesen und bin fast sicher, dass ich da auf interessantes neues tv und Lese-Futter stoßen werde ...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 15.01.2014 18:44:02 GMT+01:00
Grüner Baum meint:
Lieber Nightrider: Danke für die nette Rückmeldung :-)
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

Rezensentin / Rezensent


Top-Rezensenten Rang: 390