Kundenrezension

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Something Better than Man": Die Affen können es mindestens genauso gut wie wir, 12. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Planet der Affen (Special Edition) (DVD)
(Leichte Spoiler nicht ausgeschlossen!)

Wenn man Franklin J. Schaffners Originalverfilmung "Planet of the Apes" aus dem Jahre 1968 im Hinblick auf die Schärfe und Differenziertheit der dort geübten Gesellschaftskritik mit dem fast inhaltsleeren Remake von Tim Burton (2001) vergleicht, dann könnte einem der Gedanke gar nicht mehr so abwegig erscheinen, daß die Affen eines Tages an uns vorbeiziehen werden - und das liegt nicht notwendigerweise an einer etwaigen Intelligenzsteigerung der Affen.

Nach sicher mehr als einem Vierteljahrhundert habe ich mir gestern die Geschichte um den suchenden, und dabei doch schon wissenden Astronauten George Taylor (Charlton Heston) wieder mal angesehen und war überrascht davon, was ich damals alles nicht wahrgenommen habe. Das fängt bereits mit der Symbolhaftigkeit der Tatsache an, daß die einzige Frau, die mit Taylor, Landon (Robert Gunner) und Dodge (Jeff Burton) an Bord des Raumschiffes war, schon vor der Notlandung stirbt. Nun sind in der Menschheit nur noch die Männer, der nachweislich aggressivere Teil unseres Geschlechtes, übrig geblieben, was als Vorausdeutung auf das Ende der Geschichte (bzw. deren Anfang), das für Taylor all seine Befürchtungen hinsichtlich eines Atomkrieges wahr werden läßt, gelesen werden kann. Aber auch wenn man, wie ich, nicht geneigt ist, dem Mythos von der Frau als dem schlichtweg besseren Menschen allzu große Bedeutung beizumessen, wird man wohl einsehen, daß mit dem Tod der Frau den Sternenwanderern vom Planeten Erde keine Zukunft mehr beschieden sein kann. Mit all den Geistesgaben, über die der Mensch verfügte, und seinen daraus resultierenden Möglichkeiten, die Welt nach seinem Willen zu gestalten, hat er letzten Endes doch nichts getan, als seinen niedersten Instinkten zur Erfüllung zu verhelfen, was recht deutlich die ironische Bezeichnung "man, that marvel of the universe, that glorious paradox", die Taylor zu Beginn des Filmes benutzt, rechtfertigt.

Doch auch die Affen, in deren Gewalt Taylor gerät, halten sich für die Krone der Schöpfung und haben - wie passend - natürlich auch Heilige Schriftrollen, die ihren Glauben begründen. Der Einfall, Affen an die Stelle von Menschen treten zu lassen, letztere aber in die Rolle mißhandelter Kreaturen zu bringen, für den eigentlich dem französischen Schriftsteller Pierre Boulle Tribut gezollt werden muß, auf dessen literarischer Vorlage der Film basiert, ist insofern großartig als dem Zuschauer um so deutlicher wird, wie grotesk und anmaßend das Verhalten der Affen ... äh, der Menschen eigentlich ist. Dies wird an kleinen Nebenschauplätzen besonders offensichtlich, etwa wenn sich einige Affen über einem effektvoll arrangierten Haufen von Menschenleichen in der Pose siegreicher Jäger für eine Photographie gefallen. Oder wenn rücksichtslose Versuche an Menschen durchgeführt werden, weil man sie eo ipso als untergeordnete Spezies ansieht.

Auch in anderen Belangen sind die Affen den Menschen sehr ähnlich, so etwa in ihren rassistischen Grundansätzen, die einen Orang-Utan wie Dr. Zaius (Maurice Evans) dazu bringen, auf Schimpansen wie Zira (Kim Hunter) und Cornelius (Roddy McDowall) herabzublicken [1]. Die Gesellschaft, in der die Affen leben, wird nach theokratischen Grundsätzen organisiert insofern als Zaius, der Minister für Wissenschaft, gleichzeitig auch der Oberste Verkünder des Glaubens ist, was zur Folge hat, daß Cornelius, dessen Forschungen darauf hinauslaufen zu beweisen, daß die Menschen zu früheren Zeiten einen Entwicklungsstand hatten, der dem der Affen mindestens ebenbürtig war, sich gegenüber dem Vorwurf der Ketzerei verteidigen muß, woraufhin er es vorzieht, seine Forschung ruhen zu lassen. Wenn man bedenkt, welche Rolle der Kreationismus auch heute noch in den USA spielt, und daß selbst in Europa noch nicht überall der Schritt in Richtung des Säkularismus vollzogen wurde, wird klar, wie aktuell diese Kritikpunkte noch immer sind. Mitunter läßt Schaffner in diesem Film sogar die Gesellschaftskritik recht deutlich das Zepter ergreifen und in Richtung Satire gehen, wenn die drei Affen, die der Gerichtsverhandlung vorsitzen, beispielsweise in dem Moment, in dem Taylor das Wort zu einer Philippika ergreift, mit ihren Händen entweder die Augen, die Ohren oder den Mund verschließen.

Und doch - hierin liegt übrigens gerade die Brillanz dieses Filmes - schwanken die Sympathien des Zuschauers gewaltig hin und her. Ist Dr. Zaius einfach nur ein machtgieriger, engstirniger Reaktionär, oder verleugnet er sein besseres Wissen um die Vergangenheit des Menschen und versucht auch, andere an der Erlangung dieses Wissens zu hindern, um unvorstellbares Übel von seiner Gesellschaft abzuwenden? Fast will es mir scheinen, als bedürften diese Affen des Wissens um den Menschen gar nicht, um sich über kurz oder lang selbst zugrunde zu richten, sind sie den Menschen doch so ähnlich.

Mir jedenfalls hat es Spaß gemacht, mir diesen Film mal wieder anzusehen, zeigte er mir doch, daß mit dem Älterwerden die Sehkraft ganz bestimmt nicht nachläßt. Überdies war es wohl ein gewisses Wagnis von 20th Century Fox, gegen Ende der 60er Jahre einen solch kritischen Film zu drehen, konnte man doch davon ausgehen, daß die Amerikaner nicht auch noch im Kino mit der häßlichen Wirklichkeit "da draußen" konfrontiert werden wollten. Um so bemerkenswerter finde ich, daß Burtons Neuverfilmung so glatt daherkommt, sind die Probleme doch nicht unbedingt weniger dringlich geworden. Hat man hier vor dem Bedürfnis nach Brot und Spielen kapituliert, oder ist doch alles in bester Ordnung ... and are we "all, all honourable men"?

[1] Interessanterweise soll es am Set so gewesen sein, daß die Schauspieler in den Affenmasken in den Pausen - aufgrund der aufwendigen Make-Up-Prozedur, die mehrere Stunden erforderte, konnten sie ihre Masken nicht einfach zwischendurch ablegen - sich automatisch nach Affenarten, Orang-Utans, Schimpansen und Gorillas, trennten und nur mit "Gleichen" verkehrten. "Man, that marvel of the universe" eben ...
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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 08.11.2013 23:01:57 GMT+01:00
Orca meint:
Hallo Tristram,
ich habe gerade sehr gelacht, als ich schon den ersten Absatz Deiner tollen Rezi gelesen hatte. Noch besser und genauer, kann man es nicht schreiben. ;-)
Ich kenne alle Planet der Affen-Filme, aber an die mit Roddy McDowell kommen die neueren nicht ran.
Ich muss mal wieder in die Filme reinschauen, ob die überhaupt noch bei mir gut genug sind. Wenn nicht, werde ich sie mir neu bestellen.
Die Zeit, heilt nicht immer alles. Manchmal macht sie auch was kaputt.
So, 23 Uhr, jetzt mal heia machen. Gute Nacht.
NG, Orca

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.11.2013 12:16:26 GMT+01:00
Hallo Orca,

manchmal bin ich ein wenig verbittert und desillusioniert - oder vielmehr, manchmal bin ich es nicht ;-) Ich persönlich mag vor allem den ersten dieser Filme, aber auch die Nachfolger waren teilweise noch sehr interessant. Ich mag ja solche Filme, die gleichzeitig unterhalten und doch auch etwas zu sagen haben. Oft genug waren das im klassischen Hollywood ja die B-Movies; heute muß man solche guten Filme mit der Lupe suchen - und deshalb habe ich auch schon lange kein Kino mehr von innen gesehen.

LG
Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.11.2013 13:03:54 GMT+01:00
Orca meint:
Hallo Tristram,
ich war zuletzt im Jahr 2001 im Kino. Da lief " Der Herr der Ringe". Den ersten und den zweiten, habe ich wenn ich mich recht erinnere im Kino gesehen. Den dritten nicht mehr. Heute habe ich alle 3 als Extended Edition auf DVD.
Ansonsten, stimme ich Dir zu. Im Kino, kommt nicht mehr viel, was sich zum anschauen lohnen würde. Mal sehen, vielleicht schaue ich mir Der Hobbit Teil 2 im Kino an.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
LG, Orca

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.11.2013 18:24:26 GMT+01:00
christine meint:
Ein kurzes Hallo in die Runde!
Witzigerweise habe ich den Film vor zwei Tagen gerade mal wieder aufgefrischt und war beeindruckt, dass er mir heute noch viel besser gefällt als vor Urzeiten. Besonders die Religionskritik und der Umgang mit Tieren ist natürlich wunderbar satirisch aufgespießt. Ich gehe immer mal wieder gerne ins Kino, aber die Auswahl ist schon schwierig, wenn man nicht unbedingt neben einem Kommunalkino wohnt. Ich habe mir diesen Sommer beim FSFF die wunderbaren Filme "Blancanieves" (Spanien) und "Imagine" (Polen) angeschaut. Bezeichnenderweise haben beide bis heute keinen deutschen Verleih, vermutlich nicht kommerziell genug, ächz. "Franca Ha" habe ich auch nur durch Zufall entdeckt.
LG, Christine
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