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Kundenrezension

29 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Eine Runde Selbstmitleid, 19. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Zwischen Den Runden (Audio CD)
Das neueste Album, das kettcar seinem Publikum präsentiert kommt mit dem vieldeutigen Titel 'Zwischen den Runden' daher. Hier werden 12 Musikstücke geboten, wenn man nur Standard CD greift. Diverse Deluxe-Sets und Vinyl-Ausgaben bieten noch Bonustitel an.
Viel Zeit ist vergangen, seitdem 'Sylt' in den CD-Spieler gespült wurde und durchaus zu überzeugen wußte. Hier wurde viel Neues ausprobiert und diese Versuche dürfen mit Recht als geglückt angesehen werden. Insgesamt ein düsteres Album - insofern war die Spannung einigermaßen groß, wie sich kettcar auf dem nächsten Album geben würden. Inzwischen haben sie ja wie so viele Bands einen Teil ins feste Programm übernommen, ohne den heutzutage kaum noch eine Bühne auszukommen scheint: Kaum ein Konzert ohne unplugged-Teil und/oder Streicher. Auf kampnagel gab es ein ganzes Konzert, das nach diesem Konzept aufgezogen wurde und insgesamt ging dieses Konzept auch auf.

Nun aber nun zu der neuen Scheibe!

01 - Rettung

Das Lied geht in den ersten Takten im bewährten kettcar-Rhythmus los und dann plätschert es vor sich dahin. Knapp eine halbe Minute vor dem Ende die ersten Streichereinsätze - noch eher zaghaft. Textlich wird nichts Außergewöhnliches geboten - wir befinden uns in der ersten der drei Kategorien, die die Stücke des Albums bestimmen: Liebe - Freundschaft - Weltschmerz.

02 - Im Club

Die Geschwindigkeit wird zunächst etwas angehoben, aber auch hier wird klar, wo die Reise hinführt: Auf anderen Alben würde das Lied als Akustik-Track durchgehen - Die erneuten Streicher nach der ersten Minute (sind die eigentlich echt oder von ROLAND!?) untermauern diese These.
Dieses Mal sind sie jedoch aufdringlicher eingesetzt und bleiben bis zum Ende des Titels erhalten.

03 - Schwebend

Tempo zurück. Melancholisches Klavierintro. Das könnte also was werden, aber dann kommt nach einer Minute der Refrain und zieht die fix aufgebaute Stimmung nach unten. Die berühmten Geigen kommen diesmal etwas später, passen zu dieser langsamen Nummer schon gut, können ja aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich das Lied zu sehr in sich selbst verliert.

04 - R.I.P.

Der (neue) Schlagzeuger darf nun wieder mitmachen und es geht los. Die E-Gitarren haben kettcar bisher konsequent beiseite gelassen und verlassen sich auf ihre Fingerfertigkeiten.
Die Strophen gehen noch in Ordnung, aber auch hier muß leider gesagt werden: Was für ein furchtbarer Refrain!
'Wenn das der Frieden ist, mußt Du den Krieg nicht noch erfinden/ laß niemals Krieg sein.'
Herr Wiebusch - das ging früher aber schon mal besser.1991 hieß es unmißverständlich und eindringlicher: 'Was dieser Frieden verdient, ist Krieg!' und am Ende: 'denn ich krieg keinen Frieden.'
Heute wird diese klare Botschaft nicht in ausgefeilte Wörter verpackt (was absolut in Ordnung wäre - man entwickelt sich ja weiter), sondern in eine massentaugliche Platitüde gezwängt. Schade!

05 - Kommt ein Mann in die Bar

Nach circa einer Minute fragt man sich, was diese langen Sätze in einem Musikstück zu suchen haben. Geschichten erzählen - ja. Aber bitte auf den Punkt kommen und zur Melodie passend singen.
Die musikalische Reise, die hier begonnen wird, müssen kettcar leider alleine antreten. Ich bleibe derweil am Bahnhof stehen, schaue den sich durch die Reifen beißenden Hunden zu und warte auf die nächste Nummer.

06 - Weil ich es niemals so oft sagen werde

Nun werden sie mutiger und lassen das Lied direkt mit den Geigen starten. Fängt das Lied schon eher langsam an, wundert es, daß das Tempo zwischendurch sogar noch einmal rausgenommen wird.
Mit dem gesungenen Satz ''und wo bleiben die Geigen?' eben diese noch einmal aufspielen zu lassen, erinnert mehr an einen musikalischen Witz der Besten Band der Welt, aber haben kettcar so etwas nötig? Sie können lustig sein - aber muß es denn so plump sein?

Nun sind wir bei Titel 06 angelangt und erst nach wiederholtem Hören kann festgestellt werden: Ja, es sind sechs verschiedene Lieder gewesen. Dieser Eindruck kann sich sehr schnell ändern, wenn man sich auch nur einen Hauch ablenken läßt. kettcar machen Musik zum Nachdenken und nicht als Hintergrundgedudel beim Bügeln. Aber dennoch darf schon etwas mehr Abwechslung nach ungefähr 25 Minuten erwartet werden.

07 - Schrilles buntes Hamburg

Elektrotöne zum Einstieg. Das kennen wir bereits von den Vorgängern, insbesondere von 'Sylt'. Das bringt doch schon mal eine zumindest musikalische Neuorientierung. Schön! Zudem treffen wir auf einen endlich mal kritischen Titel. Die Strophen gehen gut durch, doch auch hier macht der Refrain keinen Spaß. 'Es muß immer alles komplett verwertet werden, was komplett verwertet werden kann.'
Das ginge in Ordnung und klingt bei Marcus' Gesang auch so, wie man ihn kennt. Bis heute wartet man jedoch leider vergebens auf mehr. Da muß einfach mehr verwertet werden - der Mann ist doch voller Worte, denn so unfaßbar toll ist die Formulierung dann wieder nicht, daß sie für sich stehend reicht.
Und was ist das am Ende? Ein Auf einer elektrisch verstärkten Gitarre geschrabbeltes Riff? Schön zu wissen, daß sie es noch können!

08 - Nach Süden

Akustik-Klampfe, rollendes Schlagzeug. Fast befinden wir uns in einer Jazznummer. Zumindest textlich schaffen kettcar es hier, das halbwegs abzuliefern, was sie sonst ausmacht: Geschichten erzählen. 'Nach Süden' ginge als Nummer zum Runterbringen in Ordnung - dazu hätte man sich aber mit den ersten sieben Titeln nach oben schaufeln müssen. Wenigstens die getragene, düstere Stimmung kommt gut rüber.

09 - In deinen Armen

Auch hier fällt auf, daß in die Länge gezogene Relativsätze nicht so recht auf eine Musik-CD passen. Nicht mal auf einer derart gebremsten.
In wessen Armen auch immer der Erzähler hier verweilt, es muß ihn deprimieren oder zumindest träge machen. In diesem Lied passiert musikalisch wie textlich' wenig. Da bleibt dann zumindest nicht viel zum Kritisieren.

10 - Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd

Hier kommt von Beginn an Schwung in den Laden. Endlich auch mal gelungene Wortspiele, interessante sprachliche Bilder und ein zum leichten Mitstampfen einladender Rhythmus.
Das zeichnet kettcar aus, das haben sie raus: Nicht sofort erkennen lassen, worum es geht. Schade, daß dieser Titel erst der zweite ist, der zu überzeugen weiß und mit unter drei Minuten zugleich auch noch der Kürzeste ist.

11 - Erkenschwick

Marcus Wiebusch hat sich früher einmal mit einer Gitarre und einem Rekorder bewaffnet und ein Solo-Tape aufgenommen. Das Ergebnis ist ihm recht schnell unangenehm gewesen, ist ja aber auch schon lange her. Hier klingt es anfangs so ähnlich und das klingt an und für sich auch gut, aber wir nähern uns nicht nur dem Ende von 'Zwischen den Runden', sondern auch dem generellen Problem der Platte:

Solche Stücke sind gut für Unterbrechungen im eigentlichen Fluß des Albums. Bisher hat sich aber noch kein richtiger Fluß herausgebildet. Also gehen wir die Sache von der anderen Seite an:
Wir haben es hier mit einer eher akustisch geprägten Low-Tempo-Scheibe zu tun, auf der es kurze Unterbrechungen (Titel 7 und 10) gibt. Das könnte gut gehen, dafür müßten die ruhigen Nummern aber abwechslungsreicher gestaltet sein. Sowohl musikalisch als auch erzählerisch.

12 - Zurück aus Ohlsdorf

Der zweite Bezug zur Heimat (zumindest im Titel). Das ist erlaubt und paßt zur hanseatischen Band. Auch hier macht die Musik nicht so viel her, die Geschichte ist nett anzuhören, aber für ein Lied einmal mehr nicht so recht tauglich.
Tocotronic sangen ihrer Zeit 'Ich mag Dich einfach nicht mehr so'. Das war etwas eingängiger. Auch kettcar haben mit 'Am Tisch' ein Stück zu einem ähnlichen Thema abgeliefert, das sehr gut funktioniert und zeigt, daß die Band sehr wohl in der Lage ist, mit langsamen Nummern zu überzeugen.

Was läßt sich nun nach 41 Minuten und 12 Titeln abschließend sagen? Die einzelnen Titel sind für sich mitunter schön anzuhören, aber was diese geballte Langeweile soll, erschließt sich dem Hörer nicht.
Wie bereits erwähnt, geben die Stücke für solch eine Sammlung doch zu wenig her und hätten ausgefeilter vorgetragen werden müssen.
kettcar sind nicht ' But Alive und Marcus Wiebusch hat sich schon in den ausgehenden 90ern von einigen Titel ein Stück weit distanziert. Das mag für den Fan schade sein, aber muß akzeptiert werden. Entgegen einer Nummer damals, ist man ja nicht 'Für immer 16'.
Früher waren kettcar befindlichkeitsfixiert. Und das war nicht immer positiv gemeint. Mit dieser Platte haben sie leider zum kompletten Selbstmitleid gefunden.
Es wird gerne die Phrase 'die Band habe sich weiter entwickelt' gebraucht, um den Schritt von linkem Punkrock zu 'Zwischen den Runden' zu erklären. Wenn Weiterentwicklung aber bedeutet, daß man sich im allgemeinen Klingklang ansiedeln möchte und lieber neue Zuhörer generieren will, als auf gewohnt hohen Niveau Musik zu machen, die zwar eingängig daherkommt, aber den Zuhörer sehr fordert, wünsche ich mir für das fünfte Album, daß kettcar wieder einen Schritt zurück nach vorn machen.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.02.2012 08:20:22 GMT+01:00
Hauke Stammer meint:
Ausführliche Rezension, gut geschrieben! Ich frage mich, welche Fanboys da "nicht hilfreich" drücken... oder tut zu viel Text im Kopf schon weh?!?
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