Kundenrezension

52 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Das Buch zur Philosophie, 23. November 2007
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Rezension bezieht sich auf: Der Fremde (Taschenbuch)
Meursault, ein französischer Angestellter in Algerien, erfährt vom Tod seiner Mutter - und es ist ihm egal. Das einzige Gefühl in diesem Zusammenhang ist die Abneigung gegen den weiten Weg in der algerischen Hitze, den er zu ihrer Beerdigung zurücklegen muss. Auch die Totenwache und die Beisetzung bringt er unbeteiligt hinter sich und ist letztlich froh, dass er nach absolvierter Pflicht wieder nach Hause zurückkehren kann.

Bereits am Tag darauf geht er zum Schwimmen ans Meer und beginnt eine Affäre mit einer früheren Kollegin. Deren Liebesbezeugungen bedeuten ihm allerdings genauso wenig ihr Heiratsantrag ("ist mir egal"). Von dieser umfassenden Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit geprägt sind alle seine Beziehungen zu anderen Menschen. So kann er mit Freundschaften ebenso wenig anfangen, wie mit Hass und stolpert antriebslos durch ein sinnleeres Leben, bei dem er schließlich "eher zufällig" einen Araber erschießt.

Für dieses Verbrechen wird er vor Gericht gestellt. Die allgegenwärtige Teilnahmslosigkeit Meursaults, die Abwesenheit jeglicher Empathie, sind es letztlich, die die Prozessbeteiligten - vom Richter über den Staatsanwalt und die Geschworenen, bis zum eigenen Anwalt - entsetzen, völlig verunsichern und jede Bereitwilligkeit, mildernde Umstände anzuerkennen, in ihren Augen unmöglich werden lassen. Meursault wird zum Tode verurteilt.

Auch dieses Urteil scheint in zunächst wenig zu berühren, bis der Versuch des Gefängnisgeistlichen, mit ihm ein tröstendes Gespräch zu führen, bei Meursault zu einem Wutausbruch führt, bei der er den Priester heftig beschimpft und tätlich angreift.

Am Ende nimmt er sein Urteil innerlich an und erwartet die Menschenmassen zu seiner Hinrichtung sogar "voller Ungeduld".

"Der Fremde" wird häufig als Camus' wichtigstes (literarisches) Werk betrachtet, jenes Albert Camus, der nicht nur den Literaturnobelpreis erhalten hat, sondern als Schöpfer der "Philosophie des Absurden" gilt.

Deren Kernaussagen sind: Der Mensch ist grundsätzlich versucht, den Sinn seines Lebens zu verstehen, doch angesichts des unausweichlichen Todes wird ihm die Sinnlosigkeit desselben bewusst. Aus dieser absurden Situation gibt es nur einen Ausweg: die Revolte des einzelnen gegen diese scheinbare Unvermeidlichkeit, d.h. ein "trotziges" Aufbegehren gegen die Sinnlosigkeit. Detailliert ausgeführt hat Camus dies im "Mythos des Sisyphos", das zeitlich eng mit "Der Fremde" verknüpft ist.

Von Camus stammt die Maxime: "Man denkt nur in Bildern. Wenn du Philosoph sein willst, schreib Romane" und so kann man "Der Fremde" als die unmittelbare literarische Umsetzung der Philosophie des Absurden lesen. Meursault ist gleichgültig und ohne jede Überzeugung angesichts eines sinnleeren, absurden Lebens. Erst die Verurteilung und die Sicherheit über seinen unmittelbar bevorstehenden Tod geben ihm die Kraft, sich gegen diese Absurdität in einem Akt der Revolte aufzulehnen um letztlich sein Leben und seinen Tod annehmen zu können.

Genau in dieser literarischen Form des philosophischen Modells besteht für mich das zentrale Problem, dass ich bei der Lektüre dieses Buches habe: Ich glaube es einfach nicht!

Die Figur des Meursault ist in meinen Augen allzu offensichtlich ein intellektuelles Konstrukt zur Veranschaulichung eines philosophischen Ansatzes, als dass sie mich wirklich berührt.

Natürlich gibt es Indolenz, Gleichgültigkeit und Antriebslosigkeit. Natürlich gibt es Menschen, die völlig unfähig sind, auf ihr Umfeld und ihre Mitmenschen einzugehen. Aber bei Meursault ist alles gleichzeitig möglich: alles ist ihm egal, aber er erkennt durchaus feine Gefühlsregungen bei anderen, sieht auch, wie er auf andere Menschen wirkt. Er treibt antriebslos durch sein Leben, entwickelt dann aber die Kraft zur (sinnlosen) Auflehnung und findet schließlich seinen Frieden mit dem Absurden und dem Tod. Die Theorie in Romanform.

Handwerklich ist dies durchaus gut gelungen, fraglos ist Camus ein talentierter Erzähler.

Aber, es tut mir Leid, mir ist das für ein Buch zu wenig.

Den wesentlichen Mangel der "Blutleere" und der fehlenden Glaubwürdigkeit kann dies für mich nicht aufwiegen. So bleibt "Der Fremde" für mich ein interessantes intellektuelles Experiment aber keine intensive und empfehlenswerte Leseerfahrung.

Zum Trost für die zu erwartenden negativen Wertungen dieser Rezension stelle ich mir wohl besser schon mal einen schönen Meursault kalt...
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 24.06.2008 22:31:10 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 27.11.2012 16:54:37 GMT+01:00
Opernglas meint:
Ich sehe das ganz genauso... Die Figur ist unrealistisch, allein schon das Nachschießen auf den toten Araber ist absolut widersinnig zur sonstigen Verhaltensweise des Protagonisten. Das Ende ist logisch, aber der Hauptdarsteller lebt und stirbt jenseits der Realität. Kann auch den Ruhm dieses Buches in keinster Weise nachvollziehen - unabhängig von Camus' Philosophie, die (schon seit Dostojewski und früher) auch nichts Neues ist. Außerdem hat Camus die Revolte gegen die Absurdität niemals mit dem Ende des Lebens gleichgesetzt. Im Gegenteil, seine Philosophie soll ja lebensbejahend sein. Warum experimentiert er dann mit dem Tod? Ist das nicht ein Beweis dafür, dass die Philosophie des Absurden selbst total absurd ist - irgendwie logisch, weil sie sich ja aus ihren eigenen Prämissen ergibt, besonders die Absurdität einer Revolte gegen das Absurde, nicht wahr?

Kleiner Tipp: Georges Perec "Ein Mann der schläft" - Vielleicht sollten sich einige mal diese Position zu Gemüte ziehen, um mit "Der Fremde" vergleichen. Wenn man genau nachdenkt, merkt man nämlich, dass die Revolte gegen das Absurde selbst absurd ist...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.07.2008 21:32:26 GMT+02:00
Vielen Dank für das Feedback. Den Tipp - Georges Perec "Ein Mann der schläft" - werde ich sicher baldmöglichst beherzigen.
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