Kundenrezension

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unterhaltsam, erkenntnisreich aber wohlfeil..., 29. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Gestatten: Elite: Auf den Spuren der Mächtigen von morgen (Taschenbuch)
Die wichtigste Erkenntnis, die man wohl mitnehmen kann aus diesem Bändchen, ist die, daß "Elite" immer Ausschluß bedeutet. "Elite" kann es nur in Abgrenzung zu einer Masse geben, die eben nicht "Elite ist, nicht Elite sein kann. Stellt sich also die Frage, was "Elite" bedeutet heutzutage, worauf sich der Begriff bezieht und wie diejeingen, die zur Elite gezählt werden, dies selber beurteilen.

Julia Friedrichs - die an einem McKinsey-Test teilgenommen, bestanden und ein hohes Einstiegsgehalt geboten bekommen hatte - stellt sich diese Fragen und macht sich auf, die Stätten abzuklappern, an denen Elite gebildet wird: Die Schulen und Universitäten und Privathochschulen, die nach scheinbar strengen und objektiven Auswahlkriterien die besten Schüler des Landes an sich binden um die zukünftigen Kader heranzubilden, die dieses Land führen sollen...

Ist das so? Friedrichs macht die Erfahrung, daß der Begriff der "Elite", knapp 70 Jahre nach Kriegsende und nachdem er in Deutschland unter Generalverdacht gestellt wurde, war er doch zu stark konnotiert mit dem, was die Nazis daraus machten, bis hin zu ihrem Herren- und Übermenschdenken, wieder hof- und salonfähig geworden ist. Unter neuen, scheinbar besseren, weil gerechteren Konnotationen - Leistungseliten bräuchte das Land, heißt es jetzt. Also Eliten, gebildet aus jenen (jungen) Menschen, die bereit sind, bis an ihre Leistungs- und Belastbarkeitsgrenze zu gehen, die ihre Kraft in den Dienst einer guten, großen, der Allgemeinheit dienenden Sache stellten.

Doch ist dem eben nicht so: Zum einen, so stellen das Bändchen und seine Autorin fest, bestimmt immer noch das Portemonnaie der Eltern, wer zur Elite gehört (natürlich gibt es Abstufungen, natürlich Stipendien, doch im Großen und Ganzen ist es die Zahlfähigkeit und -willigkeit der Eltern, die darüber bestimmen, ob man eine jener Privatschulen oder -universitäten besuchen kann, deren Jahresbeitrag schon mal an die 40.000€ kostet), zum anderen haben die wenigsten derer, die sie traf und mit denen sie sprach, überhaupt Lust, sich in den Dienst der "großen Sache" zu stellen. Nein, viel lieber wollen die meisten bei eben jenen McKinseys und Roland Bergers und wie sie alle heißen, unterkommen, die Beratung betreiben, die den Betrieben, Firmen und Unternehmen (und neuerdings dem Staat) erklären, wie man alles effizienter und kostengünstiger durchziehen könne. Und die, die nicht bei diesen Firmen unterkommen wollen, die suchen ihr Heil im Inverstmentbanking et al. Es sind die wenigsten, die ihre Begabung, Möglichkeiten und Ausbildungen als ein Privileg begreifen, das ihnen auch Pflichten, also Verantwortungen auferlegt. Die meistens cheinen schon im Jugendalter und jungen Erwachsenenalter zu glauben,d aß ihnen zustünde, was sie erhalten, daß andere, die wneiger haben,d ies auch verdienten und daß es ihnen - also den Elitezugehörigen - eben auferlegts ei, mehr zu bekommen: Mehr VErdienst, mehr VErantwortung, mehr Leben letztlich. Eine neoliberale Grundhaltung von Kindesbeinen an.

Nun ist festzuhalten, daß dieser Band aus dem Jahre 2008 stammt, die Recherchen also zu einer Zeit durchgeführt wurden, als das, was die jungen Leute, die hier zu Wort kommen, immerhin noch "common sense" war und die paar Spinner, die damals schon davor warnten, daß dieser Tanz nur im Abgrund enden könne, eben als das bezeichnet wurde: Spinner. Spinner und Schwarzseher. Heute, knapp fünf Jahre später, wissen wir natürlich, WIE Recht diese "Spinner" hatten. Es wäre also interessant, wenn die Autorin nachlegen würde und uns erzählte, was aus all diesen Jungelitären wurde in den Krisen seit 2008 und wie sie heute darüber denken.

Natürlich - das muß man in aller Ehrlichkeit sagen - ist dieser Band auch wohlfeil. Wer liest das? Offensichtlich die Kulturredaktion des "Manager Magazins", aber wieviele derer Konsumenten? Denn Leute wie der hiesige Rezensent sehen sich schlichtweg bestätigt in dem, was sie eh angenommen haben (inklusive der teils unerträglichen Statements von Eliteschülern und -studenten darüber, was von denen zu halten sei, die nicht ganz oben angekommen sind und was denen gelten soll, die sie als "Minderleister" oder "Mobilitätsproletariat", also Bahnfahrer, bezeichnen).

Interessant war für mich dann, wie Friedrichs die "linke Elite" beschreibt und daß es da ebensolche Netzwerker und Hechler gibt, die unbedingt von dem leben wollen, was sie da tun. "Berufsrevolutionäre" wurden die früher geschimpft. Davor waren es wirklich welche, aber das ist eine andere Geschichte...

Alles in allem kann man den Band empfehlen, ist er doch gut und flüssig geschrieben, durchaus unterhaltsam, legt noch einmal die damals gültigen Zahlen für Bildungseinrichtungen vor, Zahlen darüber, wie viele Schüler mit und ohne Migrationshintergrund zum Beispiel Schulen besuchen und abbrechen, bzw. mit welchen Abschlüssen abschließen, wieviele davon welche Studiengänge beginnen usw. Er gibt sich große Mühe, sich dem Thema unvoreingenommen zu nähern (und der Autorin sei an dieser Stelle ausdrücklich für die selbstkritischen Anmerkungen und die selbsreflektierenden Passagen gedankt) und denen, die es sucht und zu portätieren sucht, auch gerecht zu werden.

Es ist heute veraltet, aber das ist einem Buch schließlich nie vorzuwerfen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare


Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.02.2013 20:51:05 GMT+01:00
christine meint:
Wie war das noch mit der Steuermoral? Es ist nicht einzusehen, den öffentlichen Nahverkehr zu subventionieren, da Elite selbst ihn nicht nutzt (wegen Porsche in der Garage). Habe ich das bei Frau Friedrichs gelesen? Habe kurz über den Begriff der "linken Elite" geschmunzelt: Bei schlechtem Wetter findet die Revolution im Saale statt... Eigentlich wollte ich mir den Band schon selbst zugelegt haben, aber da rennt jemand nur offenen Türen bei mir ein. Leider gibt es diese "Elite"denken auch im Mittelbau ("Hartz IV als Lizenz zum Faullenzen", "Wer ohne Job ist, ist selbst schuld", blablabla).
LG, Christine

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.02.2013 12:06:25 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Hallo Christine!

Schön, mal wieder von Dir zu lesen! Ja, dieses Buch rennt offene Türen ein, was die Lektüre zwar interessant, manchmal unterhaltsam macht, zugleich aber auch - ich schriebs ja - wohlfeil.

Die Sprüche, die Du zitierst, findet man teils auch im Buch ("Mobilitätsprekariat", weil man Bahn fährt...), wobei gerade der von Dir zitierte ja aufzeigt, wie kurz gedacht das ist - würden alle Steuern derer die NUR Bahn fahren Ich z.B.) NUR noch ins Bahnnetz investiert, sähen unsere Straßen wohl bald etwas löchrig aus. Solche Beispiele führt das Buch einige auf.

Was die HARTZ-IV-Basherei angeht, kann ich Dich nur aufs Hauptforum und die dortigen Diskussionen über den Amazonbericht der ARD vom vergangenen Montag verweisen. Heftigst!

Liebe Grüße,
Gavin
‹ Zurück 1 Weiter ›