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4.0 von 5 Sternen Blochs Hegel-Erläuterungen, 31. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Subjekt, Objekt (Broschiert)
Der marxistische Philosoph Ernst Bloch versucht mit Subjekt-Objekt das Werk Hegels und dessen Kerngedanken zu erläutern. Ich würde jedem Hegelstudenten dieses Buch sehr nahe legen, denn Bloch holt den doch recht abgehobenen Hegelschen Geist zurück auf den Boden konventioneller Sprache, obschon Hegel seinerzeit durchaus intendierte, „dass ich versuchen will, die Philosophie deutsch sprechen zu lehren.“

Das Buch ist in drei Teile untergliedert: 1. Zugang, 2. Philosophie und 3. Die Aufhebung.
Der Philosophie-Teil stellt hierbei den umfassendsten Text dar, welcher sich mit der Phänomenologie des Geistes also auf den Weg macht, an die man nun einmal nicht vorbei kommt, wolle man Hegel wirklich verstehen, denn die Phänomenologie legt je gerade die Koordinaten des Weges an, auf den zu gehen ist. Dieser gewaltige denkerische Entwurf einer Herausbildung eines Zusammenstrebens von (absolutem) Subjekt zu (absolutem) Objekt gehört zum Schwierigsten, das die Philosophiegeschichte je hervorgebracht. Gleichwohl, so denke ich, lässt sich auch eine gewisse Freude an der Tätigkeit des Geistes eben an diesem Werke beschwören, vergleichbar mit dem Berge, dem man erklimmt, um vom Gipfel nicht etwa die Aussicht zu genießen, denn wäre es nur dies, könne man sich anderer Mittel bedienen, um ähnliche Effekte zu erzeugen, nein, denn es geht noch immer um den Berg, der erklimmt werden will, gleich wenn er als intellektuelles Ungeheuer noch so unbezwingbar vor uns in höchste geistige Sphären ragt.
Nun gut – Pathos beiseite! Bloch geht sehr genau auf die einzelnen Stufen (Sinnliche Gewissheit bis Absolutes Wissen). Ich kann und werde nicht auf diese en detail eingehen, Bloch hat das eh viel besser gemacht, als ich es je könnte. Deutlich wird gar zu Beginn, dass der totale Idealismus – vorerst – unbewertet herauskristallisiert wird: „Die Substanz, die aus der unmittelbaren Subjekt-Objekt-Identität sich durch die historische Dialektik der Subjekt-Objekt-Beziehungen hindurchbegeben hat, wird nun total mit sich vermittelte Subjekt-Objekt-Identität. Jedoch eben – idealistisch triumphierenden Fürsichseins [im Sinne dieser Finalität des zu sich selbst gekommenen absoluten Wissens als Sein] – mit einem völligen Zusammenfall, ja Einsturz des Objekts ins Subjekt. Wonach dann schließlich überhaupt kein Objekt in der Substanz mehr übrigbleibt: - die Höhe scheint erreicht, der Idealismus kulminiert, Hegels Vorhaben wirkt wie erfüllt, die Substanz ist ihm Subjekt geworden.“ Hegel zeigt sich phänomenologisch als Gegner eines baren Empirismus, also der bloßen Gegebenheit von Dingen (s. hierzu auch Sellars Wilfrid Sellars: Der Empirismus und die Philosophie des Geistes), gleichwohl aber – und somit wiedersetzt er sich einem absoluten Rationalismus – lehnt er Begriffe als geistige Abbilder des Seienden ab, denn jenes Wechselspiel von Ding und Geist in abstracto ist ein nicht starr-logisches sondern prozessual-fließendes („Flüssigkeit des Begriffes“). „Dialektik als Logik des Prozesses reflektiert also in der ganzen Geschichte ihres Begriffs dies Aufreizende und Geschichte Machende, daß es überhaupt noch keine Identität gibt. Denn noch kein Gegenstand ist mit sich fertig geworden und ohne Anderheit an ihm selbst – Streit ist der Vater der Dinge.“ Hier sich offenbart uns nun des Hegels Kern: „Dialektik ist keine jungfräuliche Geburt aus angeblichem Selbstleben der Begriffe und kein Perpetuum mobile. Die dialektische Vernunft der Geschichte ist die des Produktionsprozesses und seiner realen Subjekt-Objekt-Beziehung; es gibt in der Geschichte einzig eine dialektisch sich entwickelnde Beziehung des Menschen zum Menschen und zur Natur.“ Bloch vertieft jenen Gedanken anhand des Abschnitts „Die dialektische Methode“, worin sie als organisiertes Widerspruchsdenken entgegen aller Skepsis, die das Denken aushebelt und somit abtötet, als das Negative das am Negativen sich zum Positiven affirmiert: „das Negative ist hier der produktive Tod.“
Im Anschluss an die Erläuterungen der Phänomenologie watet Bloch durch die drauf aufbauenden, i.e. eigentlichen Werke Hegels: Wissenschaft der Logik, Enzyklopädie, Philosophie der Natur, der Geschichte, des Rechts, der Kunst, der Religion und schließlich der Philosophiegeschichte mit dem Abschluss des Hegelschen Systems.
Dieser zentrale Teil ist natürlich verglichen mit konkreten, aber partiellen Werkeinführungen, zwar oberflächlich, doch aber sehr gewinnend und essentiell.

Der dritte Teil „Die Aufhebung“ ist eine – was könne man anderes von Bloch erwarten – Darstellung des Hegelianismus post mortem und nicht gänzlich ohne Ironie betitelt der Autor das Kapitel dieses Passus mit einem Hysteron-Proteron: „Hegels Tod und Leben“.
Auch diese Texte möchte ich nicht im Einzelnen durchgehen. Entscheidend ist, das Bloch insbes. die Kritik an Hegel und zugleich dessen Rehabilitierung durch Engels und Marx herausarbeitet: Hegels ominöser Geisterzug wird auf den materiellen Kopf des Diamat gestellt. Geschichte sei nicht irgendein geistiger Prozess, sondern ein historisch-materieller und also formbarer. „Für Marx dagegen ist die Dialektik nirgends eine Methode, nach der er die Geschichte bearbeitet, sondern sie ist dasselbe wie die Geschichte selbst.“ Hegels Weltgeist, der auf dem Weg zum Ganzen, also zum Wahren war, wird entzaubert, desillusioniert durch jene vorgenannten Materialisten, die aber doch nicht ohne Hegel hätten zu sich kommen können: „Nicht die Materie, sondern der sogenannte Weltgeist hat als einzige Wahrheit die, daß er keine hat, - außer der, daß er indirekt zum Bewußtsein der dialektischen Prozeßmaterie verhelfen konnte.“
Bloch geht als marxistischer, nicht hegelianischer Philosoph seinen neuen Weg der konkreten Utopie und so endet das Buch mit den Kapitel „Dialektik und Hoffnung“.

Sowohl Hegel als auch Marx/Engels verstanden nicht nur etwa eine Methode unter der Dialektik, sondern eine gesetzesartiges Kraft, eine Bewegung, die – ob sie und im Begriffe oder in der Materie sich mediatisiere – als Algebra der Revolution, die ein Telos, ein finales Endziel anstrebte, jene (idealistisch-theodizistisch oder materialistische) Utopie, der Topos des endgültigen Verweilens. Ob solche Hoffnung auf eines Sinn der Geschichte nun akzeptabel ist oder nicht (mit allen seinen Konsequenzen), sei an dieser Stelle dem Leser selbst überlassen.

Ich möchte am Ende löblich hervorhaben, dass Bloch in seinen „Hinweis“-Epithta am Ende seiner Kapitel immer Zitate an den Text klebte, von denen ich einige nicht vorenthalten möchte (stammten sie nun von Hegel oder nicht):

„Das Bekannte ist darum, weil es bekannt ist, noch nicht erkannt.“

„Sein ist also bei Hegel kein Bodensatz, sondern der schäumende Trank selbst, und kein mit dem sinnlichen Datum ein für allemal Gegebenes.“

„Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu.“

„Erkennen wollen, ehe man erkenne, ist ebenso ungereimt als der weise Vorsatz jene Scholastikus, schwimmen zu lernen, ehe er sich ins Wasser wage.“

„Erst wenn man dem Proteus Gewalt antut, das heißt, sich an die sinnliche Erscheinung nicht kehrt, wird er gezwungen, die Wahrheit zu sagen.“

„Die Dinge denken nicht, also müssen sie gedacht werden.“

„So ist die Natur die Braut, mit der der Geist sich vermählt.“

„Die Wahrheit des Raums ist die Zeit, so wird der Raum zur Zeit, ... der Raum selbst geht über.“

„So lässt sich umgekehrt von der Kunst sagen, sie mache jede ihrer Gestalten zum tausendäugigen Argus, damit die innere Seele und Geistigkeit an allen Punkten der Erscheinung gesehen werde.“

„Religion ist Gegenwart der absoluten Idee in der Form der Vorstellung.“

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“
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