ARRAY(0xa63efc6c)
 
Kundenrezension

26 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Literarischer Schlingerkurs..., 29. März 2011
Rezension bezieht sich auf: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten (Taschenbuch)
Wenn man versucht den Begriff Romancier einzugrenzen und nicht jeden so zu benennen, der Romane schreibt, kommt man sehr schnell auf keinen grünen Zweig mehr. Denn auch wer nur Romane schreibt ist nicht unbedingt ein Romancier; auch wer nicht nur Romane schreibt, kann ein Romancier sein.
Daniel Kehlmann würde ich trotz allem mit gutem Gewissen einen Romancier nennen und ihn in eine Sparte mit Milan Kundera (Das Leben ist anderswo: Roman), Leo Perutz (Zwischen neun und neun: Roman) und Paul Auster (Mann im Dunkel) einreihen, da er genau meiner Definition eines Romanciers entspricht: er ist ein eigenwilliger Geschichtenerzähler mit großer Souveränität und einem ganz eigenen Stil, der jeden seiner Romane ausmacht. Jede seiner Geschichten ist er selbst - und nicht in dem Sinne, dass sie autobiographisch sind, nein, überhaupt nicht, sondern dergleichen, dass sie alle ein Produkt des Kehlmannuniversums sind, dass seine eigenen kleinen Gesetzte, Bewegungen und Gesten kennt, genauso wie es eine ganz eigene materielle Dichte aufweist, die man nicht im Roman eines andern Autoren findet.

Von Ich und Kaminski war ich noch begeistert, doch schon Mahlers Zeit (dass chronologisch davor erschienen ist) war eine Enttäuschung, die nächste folgte nach dem etwas besseren Die Vermessung der Welt mit diesem Werk.

Wobei man mich nicht falsch verstehen darf: Kehlmann ist ein glänzender Beobachter und ein handwerklich hervorragender Autor, auch hat er sicherlich in diesem Buch einige faszinierende Schattenseiten des Menschen aufgedeckt, vom Bedürfnis nach Hedonismus oder Bewunderung bis zur immer wieder aufblitzenden Hilflosigkeit im Umgang mit sich selbst und der Überbrückung der Widerstände zu anderen. Aber trotzdem würde ich dieses Buch am Ende mit traurigen Worten als Prosa ohne wirkliche Prosaelemente bezeichnen, als taub, als leer, als stumm; vielleicht noch als gut zusammengeflicktes Portrait einiger Narren, aber: Wo ist dann der Schalk, wo die Bühne und das Publikum, das vorgeführte. Die Leute, die Protagonisten stehen allein und ohne Spiegel, auch der Leser steht am Ende ohne Spiegel da.

Milan Kundera sagte einmal die Kunst des Romans sei es "das zu offenbaren, was nur der Roman offenbaren kann". Aber was offenbart uns dies (vermeintliche) literarische Geniestück? Wahrheiten über die Willenlosigkeit des Menschen, über die Knechtschaft ihrem eignen Wesen gegenüber? Ist es ungewöhnlich, ja, relevant über Menschen zu schreiben, die sich in ihren Illusionen verlieren? Und was heißt überhaupt Illusion? Was heißt überhaupt Nichtillusion? Kehlmann lässt uns mit diesen Fragen gänzlich allein und gibt uns so nichts an die Hand, um sein Buch zu durchwandern.

-"Das alles passiert nicht wirklich", fragte sie, "oder?"
"Hängt von der Definition ab." Er zündete sich eine Zigarette an. "Wirklich. Dieses Wort heißt soviel, dass es gar nichts mehr heißt."-
Solch leere Phrasen scheinen eher als aufgekochter moderner Mythenstoff, als Kopfschütteln nach Anleitung, denn als authentische Dialogkunst.

Oft hatte ich irgendwie das Gefühl, dass Kehlmann in diesem Buch fast gänzlich den Bezug zu seinen Charakteren eingebüßt hat. Kaum eine Figur die nicht eine hohle Schablone ist, ein Fragment stilistischer Vollkommenheit, doch blutleer und ohne jegliches Bedürfnis nach Entfaltung und Weiterentwicklung. Ist dergleichen für ein gutes Buch wichtig? Das ist zugegebenermaßen Ansichtssache, doch fehlt mir auch irgendein Ausgleich der diesen Verlust aufwiegt - und "Art for art's sake is an empty phrase. Art for the sake of truth, art for the sake of the good and the beautiful that is the faith I am searching for."

Nicht jeder Mensch mag nach Ruhm streben, aber jeder Mensch hofft auf eine Welt in der er ruhmreich sein kann. In einigen dieser Geschichten hat Kehlmann sich wohl bemüht die Zusammenhänge des Selbstseins und Selbstbildes (nach Art von Walsers Ein fliehendes Pferd) darzustellen und zu zeigen wie leicht man sich nach einem selbst gebildeten "Ruhm" sehnt, egal welcher Art dieser auch sein mag. -Ruhm- ist kein schlechtes Buch, aber es ist ein ungenießbares Buch.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 10.08.2011 22:02:42 GMT+02:00
M. Hüller meint:
Es hat mir großen Spaß gemacht, Ihre Rezension zu lesen. Falls Sie es nicht schon getan haben, wie wär's mit Ihrem Erstlingswerk? Leider nur teile ich Ihre Einschätzung zu dem Buch mitnichten. Es war das erste Buch, was ich von Herrn Kehlmann (ohne dessen "Ruhm" zu kennen) laß und ich bin so beeindruckt, wie lang nicht mehr. Er ist ein wahrer Designer und sein Stil ist für mich große Kunst.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.08.2011 09:47:20 GMT+02:00
Timo Brandt meint:
Danke, es freut mich, dass sie lesenwert ist. Das mit dem Erstlingswerk müssen sie mir näher erläutern, diese Frage habe ich nicht ganz verstanden.

Wieso leider! Ich findes es fantastisch, wenn jemand (gerade im Bezug auf Kehlmann) meine Meinung nicht teilt. Wie gerne würde ich diesen Autor uneingeschränkt lieben... und doch muss ich ihn hassen. Sein Stil ist der beste, denn es im Moment in Deutschland gibt, sein Kompositionen sind umwerfend unabstrakt und fesselnd - aber er schreibt so einen Dreck.
Wirklich, ich bin froh, wenn sie ihn gerne lesen, sehr froh.

Hier übrigens die zwei andere Rezensionen zu Kehlmannbüchern, vielleicht verstehen sie dann ein bisschen mehr, was ich oben auszdrücken versuchte.
1.http://www.amazon.de/product-reviews/3518456539/ref=cm_cr_dp_synop?ie=UTF8&showViewpoints=0&sortBy=bySubmissionDateDescending#R5872IHL4RYLV
2. war diese hier
3. http://www.amazon.de/product-reviews/3499246333/ref=cm_cr_dp_synop?ie=UTF8&showViewpoints=0&sortBy=bySubmissionDateDescending#RKW66C6HIH28T

Lieben Gruß
und Danke
Timo Brandt

P.S.: Lesen sie auf jeden Fall "Ich und Kaminski"!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 15.08.2011 20:39:43 GMT+02:00
M. Hüller meint:
Danke für Ihre Links - Sie bringen mir damit Herrn Kehlmanns Literatur immer näher. Sie mögen seinen Stil aber den Inhalt nicht? Er ist so vielseitig und so verschieden. Ist denn gar nichts für Sie dabei?
Bzgl. des Erstlingswerks: Ihr Schreibstil ist gut zu lesen, wenn also Sie sich an IHR "Erstlingswerk" machen und einen Verlag finden, würde ich dafür Geld ausgeben. Guten Abend und nochmals vielen Dank!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 15.08.2011 23:00:21 GMT+02:00
Timo Brandt meint:
Ich werde garantiert jedes seiner weiteren Werke lesen.
Aber es gibt da zwei verschiedene Ebenen, gerade bei Schriftstellern. "Jedes Werk sollte man achten", hat ein berühmter englischer Dichter mal gesagt, "aber nicht jedes kann man schätzen." Bei "Ich und Kaminski" und "Beerholms Vorstellung"(habe ich gerade eine Rezension zu verfasst: wirklich ein grandioses Buch!) kann ich Kehlmann schätzen und achten, bei "Ruhm" kann ich nur Achtung vor seinen Fähigkeiten haben und zolle ihm diese ja auch, aber in der letzten Instanz kann ich mich mit den Aussagen der Geschichten und dem "Gesamtgefühl", das der Roman verkörpert, nicht versöhnen (gilt auch nicht für alle Episoden: Die Geschichte, die den Schriftsteller berühmt gemacht hat, die mit der schweizer Sterbehilfeklinik ist ziemlich gut und die Geschichte des Schriftstellers selbst mit seiner Freundin ist auch wirklich... beeindruckend, in Ermangelung eines besseren Begriffs). Das ist aber nur ein moralischer und keinesfalls ein ästhetischer Standpunkt.

Tatsächlich schreibe ich schon, aber wer weiß, was daraus wird. Auf jeden Fall danke für ihre Kompliment! Freut mich, dass ich sie außerdem für Kehlmann interessieren konnte. Eins kann man ihm nicht absprechen, egal, was nachher aus der Leseerfahrung entsteht: Er ist jede Seite wert!

Gruß
Timo Brandt

Veröffentlicht am 06.09.2011 19:30:58 GMT+02:00
D. Sauer meint:
Eine gute und durchaus berechtigte Kritik. Ich mag es zwar durchaus, alleine gelassen zu werden, aber das Ende des Buches hinterlässt eine gewisse Leere. Der zitierte Dialog versucht irgendwie einen Kreis zu schließen und holt dabei den Leser aus seiner letzten (falls bis dahin durchgehalten) Illusion - das wirkt gegenüber der exzellenten Darstellungsfähigkeit Kehlmanns fast etwas platt. Ich dachte mir spontan nach der Lektüre: der Mann ist in etwa so alt wie du und kann echt mal schreiben, Respekt - aber er hat noch Reserven. Irgendwie brauchts halt doch den richtigen Stoff. Ich freu mich drauf!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.09.2011 19:38:22 GMT+02:00
Timo Brandt meint:
Danke für ihren Kommentar.

Ja, Kehlmann kann schreiben und mit dem richtigen Thema ist er für mich ein großartiger Schriftsteller. Haben sie schon Ich und Kaminski gelesen? Wenn nicht, sollten sie das tun. Ebenso wie Beerholms Vorstellung und die Vermessung ist das ein herrliches und tolles Buch!
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

3.4 von 5 Sternen (83 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (27)
4 Sterne:
 (18)
3 Sterne:
 (12)
2 Sterne:
 (11)
1 Sterne:
 (15)
 
 
 
EUR 8,99
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent


Ort: Quickborn

Top-Rezensenten Rang: 72