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Kundenrezension

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Amerikanischer Albtraum, 13. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Postkarten: Roman (Taschenbuch)
Was an Amerika so imponiert, ist die Kraft, aus dem Nichts eine neue Welt zu schaffen, die schier unerschöpfliche Energie, mit der Boden urbar gemacht, Städte und Industrien aus dem Boden gestampft und Eisenbahnen von einem Ozean zum nächsten gebaut wurden, bis im Laufe von nur einhundert Jahren der der mächtigste Staat der Welt entstanden war.
So weit, so einseitig. Denn dieses Niveau wurde auf den Knochen der Millionen erreicht, die wie die Ameisen in allen Winkeln dieses ungeheuren Landes um ihren Lebensunterhalt kämpfen mussten und oft genug scheiterten. „Es war (…) nur eine Frage der Zeit, bis man auf die eine oder andere Weise verkrüppelt wurde. Eine Menge Leute traf es schon in der Kindheit. Zum Beispiel Mink, Heugabelzacken durch den Oberschenkel, als er fünf war, zwei Autounfälle, einmal vom Traktor überrollt, von der Zuchtsau umgeworfen, die ihm das halbe Ohr abbiss, aber er war immer noch da, humpelte herum, stark wie eine Eisenkette.“(42) Die Rede ist von einer Farmerfamilie kurz vor dem wirtschaftlichen und körperlichen Zusammenbruch, die Rede ist von einem Buch von Annie Proulx.
Annie Proulx, die literarische Chronistin des amerikanischen Westens, beschreibt in „Postkarten“ die düstere Geschichte der Farmerfamilie Blood - von Vater Mink, von dem oben die Rede war, von seiner Frau, seiner halbwüchsigen Tochter und seinen beiden Söhnen, dem verstümmelten Dub und dem jähzornigen Loyal, der eines Tages einfach aufbricht, um im Westen sein Glück zu suchen. Es ist ein radikaler Aufbruch, vor dem Loyal Mink seine Freundin Billy ermordet, deren Fluch ihn sein Leben lang begleiten wird. „Der Preis fürs Davonkommen. Keine Frau, keine Familie, keine Kinder, keine menschliche Wärme im tagtäglichen Fortschreiten seines Lebens, sondern ruheloses Wandern von einer Stadt zur nächsten, die engen Zäune einsamer Gedanken, die erbärmliche Erleichterung der Selbstbefriedigung, schräge Ideen und Selbstgespräche, die sich so leicht in Wahnsinnsgefasel verkehrten.“ (78)
Immer auf dem Weg nach Westen imitiert Loyal Blood in seiner Fluchtbewegung den Lauf der amerikanischen Geschichte – und erlebt das volle Ausmaß ihrer Gnadenlosigkeit. Er wird von Anhaltern ausgeraubt, von Frauen aus dem Haus gejagt, verschüttet, verstümmelt und seine wunden Zähne werden ihm in der Prärie mit der Kneifzange gezogen. Als Bergmann, Gelegenheitsarbeiter, Uransucher, Saurierknochenexperte und Saufkumpan verschlägt es ihn immer weiter nach Westen, während sich der Vater nach einem aufgedeckten Versicherungsbetrug daheim das Leben nimmt. Da sich auch sein Bruder Dub aus dem Staub macht, um ein halbkriminelles Leben zu führen, und da seine Schwester heiratet, bleibt die Mutter Jewell Blood allein zurück – und ist zu ihrer Überraschung keineswegs unglücklich: “ Männer konnten sich das Leben von Frauen nicht vorstellen, “ sinniert sie. „Als handele es sich um ein Religion, schienen sie zu glauben, Frauen seinen von einem instinktiven Drang besessen, die feuchten Münder von Säuglingen zu stopfen, dazu vorherbestimmt, stets den Kleinlichkeiten des Lebens ihre Aufmerksamkeit zu widmen, bis schließlich alles bei den Körperöffnungen endete und anfing. Das hatte sie selbst auch geglaubt. Und sie fragte sich in den schwermütigen Nächten, ob das, was sie in Wahrheit fühlte, nicht weniger die Freude am Fahren war, als die Tatsache, war, von Minks unbändigem Zorn befreit zu sein." (S. 177) Sie verkauft Haus und Grundstück und erlebt die Umwandlung der Farm in einen großen Wohnwagenpark, während ihr Sohn Dub in der Ferne eine erfolgreiche Karriere als Immobilienmakler beginnt. Loyal Mink erwirbt derweil weit im Westen eine Farm und verliert sie wieder, als ein Feuersturm über die Berge rast. Dann wird er Fallensteller, gerät in Kontakt mit verbrecherischen Bärenjägern und muss wieder von Neuem beginnen, als die Fellpreise ins Unermessliche fallen. Schließlich zieht er als halber Hobo übers Land, ist Vorarbeiter auf der Farm eines Kartoffelfarmers, der seine mexikanischen Hilfsarbeiter nach der Saison einfach umbringt, anstatt sie zu bezahlen und wird am Ende zu einem lungenkranken Kauz, der jungen Leuten seine Geschichten erzählt, ohne dass sie ihm glauben.
Am Ende der 58 Postkartengeschichten sind über vierzig Jahre vergangen. Alle Mühen waren vergeblich – die Krankheit, die Steuer, das Verbrechen, ein Unfall, der Wahnsinn, ein Sturm oder die Einsamkeit haben die Menschen zur Strecke gebracht – alle sind tot, und aus der Farm der Minks ist ein lärmender Wohnwagenpark geworden. Und wenn sie nicht gestorben wären, würden sie noch immer leiden.
Was die Moral von der Geschicht' sein soll, bleibt jedem selbst überlassen. Nur eines ist klar: Das Leben im Westen ist ein gnadenloses Schlachtfeld, auf dem am Ende jeder scheitert. Der amerikanische Traum, das schient mir die Hauptbotschaft des Buches zu sein, ist in Wahrheit ein Albtraum, der von den Menschen das Beste fordert, ohne ihnen etwas zurückzugeben. Die Schauplätze der Handlung, die Weite des Westens, die Stimmungen der Natur, die unbändigen Härten des Lebens und die handelnden Figuren werden in geradezu schmerzhafter Intensität dargestellt, und die Sprache, in der dies geschieht, ist so anschauungsgesättigt und prägnant, wie ich es schon lange nicht mehr gelesen habe. Alles in allem ein ergreifendes Buch, das Annie Proulx' literarischem Ruhm mit Recht begründete. Allererste Sahne. Ideal als Vorbereitung für eine Reise in den Westen der USA.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 19.05.2014 12:00:05 GMT+02:00
C. Bernhart meint:
Klasse Rezension, und zufällig auch mein Gefühl beim Lesen perfekt getroffen:-)
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