Kundenrezension

16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Benefit war damals hoch in den Charts. Heute unterbewertet, 26. November 2007
Rezension bezieht sich auf: Benefit [REMASTERED] (Audio CD)
Benefit kam nach "Stand Up" und vor "Aqualung". Obwohl es seinerzeit hoch in die Charts kam steht es heute zu Unrecht etwas im Schatten von anderen LPs.

Benefit wurde in einer ereignisreichen Zeit von Jethro Tull vom November 1969 bis Februar 1970 in den Morgen Studios in London aufgenommen. Die Songs sind z.T. etwas länger und mit experimentellerer Studiotechnik produziert. Obwohl sie meist recht ansprechende Melodien haben, erschließen sich einige erst bei mehrfachem Hören. Gerade hatte Jethro Tull eine sehr erfolgreiche Übersee-Tournee abgeschlossen, die in der New Yorker Carnegie Hall endete. In weniger als zwei Jahren war die Gruppe 1970 zu großen Stars der ersten Musikliga geworden.

Titel:

'With You There To Help me:
Startet seltsam mit rückwärts aufgenommenen Flötentönen. Weiterhin spielt Ian Anderson Piano. Der Text handelt von dem Büro der Plattenfirma Crysalics, wo eine Dame namens Jenny arbeitet. Ian und Jenny hatten sich dort kennengelernt und während den Aufnahmesessions zu Benefit im Februar 1970 geheiratet. An dem Song gefällt mir die (ziemlich ausgeflippt klingende) Flöte und die von den Akustikgitarren getragenen Stimmungswechsel. Der Gesang wurde auf zwei Tonspuren doppelt abgemischt.
'Nothing To Say'
vom Piano getragen. Unaufdringlich umrandet Martin Barres schneidende E-Gitarre das Stück. Ian Andersons Gesang klang besser als auf früheren Platten. Er kannte seine stimmlichen Einschränkungen und stimmte fortan seine Kompositionen darauf ab. Der Text handelt von der Underground-Presse, die ihn häufig interviewen wollte. "What do you have to say, man ?" Er meinte, daß er manchmal am gar nichts zu sagen habe, er sei ja auch ein Musiker und kein Politiker oder Journalist.

'Alive And Well And Living In'
ist auch ein Song über das neue Paar Jenny & Ian. Dieser recht freundliche Track ist vom Gesang ( wieder vom Gesang auf 2 Spuren zu hören), den Gitarren und Evans Klavier getragen.
'Son'
kommt da schon etwas bissiger. Es ist ein Zwiegespräch mit Ian und seinem Vater, welche schon längere Zeit ein gespanntes Verhältnis hatten. Ein Kontrast zu Cat Stevens rührigem "Father and Son". Da Ian 1970 wohl die weltweit längsten Haare (eines bekannten Stars) hatte, wollte sein Vater nur ungern mit ihm gesehen werden. Die Gitarren klingen hier etwas härter als in den Stücken vorher.. Erstmals hört sich Andersons Stimme etwas sarkastisch an, was ja beim Nachfolger "Aqualung" (leider) auf fast allen Tracks der Fall ist.
Mir gefällt Son (als einziger Track hier) nicht so sehr. Der typische Hippie-Generationskonflikt dauerte allerdings nicht ewig. Bald vertrug sich die Familie wieder und Ian kaufte seinen Eltern vom Erlös des "Living in the Past" Albums eine Eigentumswohnung. Sie hatten auch endlich gecheckt, daß ihr Sohn es scheinbar "zu etwas gebracht" hatte.

'For Michael Collins, Jeffrey And Me'
wieder der typische Album-Gruss an Freund Jeffrey. Eine schöne Melodie, getragen vom der (double-tracked) Stimme , Piano und den Akustikgitarren, klingt recht traditionell. Die gelungenen Melodie- und Tempowechsel sind eine Stärke von der ganzen Benefit, auch hier. Der Text ist eine zeitgemäße Collage mit dem Astronauten Michael Collins und Jeffreys Vogel "Bananas". Die erste Mondlandung war um jene Zeit das Gesprächsthema schlechthin. Auch der kritische Ian A. kann seine Faszination während der Fernsehübertragung (sah er in Amerika) nicht verhehlen.
'To Cry You A Song'
gefällt mir am besten. Ein bisschen erinnert es an die Cream und Blind Faith "Had to cry today". Hier ist der 21-jährige Michael Barre der Star. Sein vielschichtiges Riff steht der Gitarrenkunst eines Clapton oder Jeff Beck wenig nach. Ian Anderson hatte die Arbeitsbedingungen für ihn (etwas unzufrieden auf "Stand Up") verbessert. Ian schrieb den Song und bediente selbst Akustikgitarre und Flöte, die anderen durften ihre Beiträge auf diesem Gerüst selbst ausarbeiten. Was ganz im Sinne von Michael Barree war, der ja auf Stand Up jede komponierte Note Andersons verstehen und nachspielen musste.
Das Riff ist wirklich klasse, Andersons zeitlupenartiger Gesang (der auf 2 Stereokanälen wieder abgemischt war) kommt sehr gut zu Barrees Licks.
Auch Glenn Cornicks Bass und Clive Bakers Drums helfen gekonnt, einen der ersten (progressiven) Hard-Rock Song der Geschichte in die Rillen zu pressen. Der Text handelt von einem Flug nach London und wurde missverstanden. Jethro Tull hatten zwar ein wildes zotteliges Image aber mit Alkohol und Drogen hatten sie nie was am Hut.

'A Time For Everything'
Hier ist die Flöte das tragende Element. Ian A. komponierte den Song auf der Mandoline. Handelt vom Honeymoon mit seiner gerade geheirateten Jenny. Die beiden hatten ein Jahr lang die Beziehung geheimgehalten. Niemand aus der Band und der Plattenfirma Crysalics ( wo die 19-jährige beschäftigt war) wusste davon. Überraschung. . Ein weiterer Teil des Songs erzählt von der Natur, in der allerding Ian Anderson nach kurzer Zeit von 14-jährigen Autogrammjägern entdeckt wurde.
'Inside'
war der damals bekannteste Song von Benefit. Er wurde als Single veröffentlicht und im Radio gerne gespielt (# 18). Der kurze folkartige Track hat ein schönes Flötenmotiv und rasches Tempo. Im Gegensatz zum vorherigen Titel klingt die Abmischung von Ians Vocals recht ansprechend. In Interviews äußerte die Gruppe, daß sie sich jetzt ganz auf die LPs konzentrieren würden, da ihre Singles eh auch von den LP-Käufern gekauft würden und nicht von einem zusätzlichen Kreis. Der Text ist recht optimistisch und zeigt die Bereitschaft, auch trotz vieler Verpflichtungen dem Leben kleine Positiva abzugewinnen. Andere Texte des Albums haben da schon mehr "darker undertunes". Einprägsame Melodie.

I'm sitting in the corner feeling glad.
Got no money coming in but I can't be sad.
That was the best cup of coffee I ever had.

'Play In Time'
ist ein harter und schneller ziemlich verrückter Track. Er besticht durch das Riff (Flöte & E-Gitarre synchron) und John Evans fiebriger Orgel. Dürfte zu jener Zeit (neben Communcation Breakdown von Led Zeppelin) einer jener ersten Heavy-Tracks gewesen sein, mit denen man Leute aus dem Zimmer verjagen konnte. Der Text wendet sich an das jenes Publikum, das eher die bluesorientierten Sachen von 1968 hören wollte, was die Gruppe nicht mehr spielen wollte.

'Sossity: You're A Woman'
in einem Interview sagte die Gruppe, dies sei der beste Track neben To Cry you a Song. Sehr ruhig, eine art balladenhafter Komposition zwischen der attraktiven Instrumentierung Simon and Garfunkels und dem textlichen Anspruch eines Bob Dylan. Zwei akustische Gitarren und nicht zuletzt wieder die Flöte. Der Text ist ein weiterer Gedankenkreis um die Gesellschaft. So sehr die Gruppe auch damals schon ihr Methusalem-Image pflegte, man merkt an den Zeilen, daß die Leute noch jung (um die 22) waren, was z.B. auch auf Aqualung (mit seinen fast wörtlich zitierten Thesen Feuerbachs vom 19. Jh) durchscheint. Junge Menschen machen sich hier Gedanken, aber legen sich nicht fest. Diesmal wurde die (konforme) Gesellschaft mit einer Frau verglichen. ? Good God, now wants Ian Anderson us to think ? (War eine Schlagzeile als das Aqualung-Album herauskam). Schöner letzter Track, wegen der Melodie und den Instrumenten, komponiert in einem Hotelzimmer während der erfolgreichen Amerika-Tournee.
Die Boni sind so gut, daß sie fast die reguläre Benefit ausstechen. 2 Singles und 2 unveröffentlichte Songs, allerdings schon von Zusammenstellungen wie Living in the Past bekannt.

"Teacher,"
war eine (besonders in Amerika) erfolgreiche Single. Früher Hard-Rock, getragen von Barrees E-Gitarren-Riff und einem einpräsamen "harten" Flötenmotiv. Es gab eine Version ohne Flöte, diese ist zum Glück jene mit. Die Gruppe schien dem Song wenig Qualität abzugewinnen, a throw-away-song. Ich denke nicht. Der Text bezieht sich auf alte Schultage, wo Lehrer als autoritär angesehen wurden und man gerne mal fehlte.
"The witches Promise"
wurde ebenfalls ein paar Wochen vor Benefit aufgenommen und war auch recht erfolgreich. Ein eher ruhiger Track mit einem vertrackten wie ansprechenden Flötenmotiv. Es gibt auch eine DVD (oder mehrere), wo dieses Lied im Zuge eines Auftrittes für den Beat-Club live gespielt wurde. Ein folkorientierter akustischer Titel und ein feines Einläuten Jethro Tulls der Siebziger Jahre im Januar. Ich bilde mir ein, daß diese Version leichte Unterschiede zu jener auf "Living in the past" hat.

"Singing all day"
ist ein harmloser tagtraumartiger Titel, leicht jazzig erinnert er an die Zeit von This Was. Nicht der Überhammer , aber wegdrücken braucht man ihn nicht.
"Just trying to be"
dagegen ist wieder rein akustisch mit Gitarre und Glockenspiel. Der kurze Track wurde offenbar nur mit 2 Musikern aufgenommen. Hübsche Melodie.

Fazit: Eine der besten Tull-Platten.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 14.07.2010 14:52:22 GMT+02:00
H.Schwoch meint:
Danke für die vielen zusätzlichen Infos zu den einzelnen Songs!

Veröffentlicht am 19.03.2011 14:45:40 GMT+01:00
Child in time meint:
Tolle Rezi, Bravo!

Veröffentlicht am 21.03.2012 14:04:58 GMT+01:00
Außer vielleicht die Tatsache, dass die beiden Musiker "Martin" Barre und Clive "Bunker" heißen aber das sind Kleinigkeiten. Wirklich toll geschrieben.

Veröffentlicht am 02.12.2014 22:43:31 GMT+01:00
kann mich nur anschliessen
herrvoragend erklärt,super recherchiert
solche kritiker lassen mein herzerl höher schlagen
weiter so
danke
v
ielen dank habe wieder dazugelernt
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