Kundenrezension

171 von 182 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Manipulativer Meisterfälscher, Misanthrop und Widerling - Von der Entstehung des Antisemitismus, 27. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Er ist eine Art abstoßender Forrest Gump des 19. Jahrhunderts: Der Meisterfälscher und Spion Simone Simonini, der 1897 (angeblich) erinnerungslos in Paris erwacht und über den sein Schöpfer Umberto Eco sagt, dass er mit ihm eine möglichst widerliche und abscheuliche Figur kreieren wollte. Das ist ihm gelungen. Virtuos gelungen. Einen widerwärtigeren Protagonisten wird man in der Weltliteratur schwerlich finden. Simonini ist käuflich, fälscht Dokumente, mordet, lügt und betrügt. Und er hasst inbrünstig. Juden, Freimaurer, Jesuiten, Deutsche, Frauen, eigentlich alle und alles. Vielleicht mit Ausnahme des Essens.

Der Sohn eines italienischen Offiziers ist geprägt vom Einfluss des judenhassenden Großvaters, der die Juden als Quelle allen Übels und Unglücks betrachtet. Damit entwickelt sich Simonini zum Träger der rassistischen, antisemitischen Vorurteile seiner Zeit. Zur Projektionsfläche alles Bösen. Die dahinter stehenden Triebkräfte sind die gleichen, die bis heute noch Rechtsradikalität und Terror hervorbringen: tief verwurzelter Hass und Geldmangel, gepaart mit intellektueller Befähigung und dem Ehrgeiz, diese auszunutzen.

Simonini lernt die grenzenlose Macht des geschriebenen Wortes kennen, die Bedeutung von Schriftstücken. Fiktionen, so die Erkenntnis, erzeugen Wirklichkeit, jedenfalls, wenn sie gut gemacht sind: "Nie, nie, niemals darf man mit echten oder halb echten Dokumenten arbeiten... Um überzeugend zu sein, muss das Dokument ganz neu geschaffen werden..." Der Erfolg ist besonders groß, wenn es auf Gerüchten basiert. Auf etwas, das man schon einmal gehört hat oder gehört zu haben glaubt - und kurz und knackig muss es sein, denn "ein diffamierendes Pamphlet muss sich in einer halben Stunde lesen lassen".

Nur scheinbar lässt sich Simonini hineinziehen in die Netzwerke der Mächtigen, verkauft sich als vermeintlich williger Spielball und Handlanger. In Wahrheit verfolgt er dabei stets eine eigene Agenda, bedient alle Geheimdienste gleichzeitig, nutzt bestehende politische Konflikte, um dazu den passenden Betrug zu erfinden - und macht einen Reibach damit. Ein boshaftes Genie, das alle hinters Licht führt, inklusive der katholischen Kirche.

Wieder einmal zeigt sich der Universalgelehrte Umberto Eco als beeindruckend versierter Erzähler. Den kompetenten Kenner der Verschwörungstheorien des 19. Jahrhunderts fasziniert allerdings nicht nur Geschichte; ihn fasziniert auch die menschliche Fähigkeit zu lügen und zu betrügen. Beides verknüpft er in seinem neuen Werk "Der Friedhof in Prag" auf imposante Weise.

Dem dahinter stehenden Rechercheaufwand muss man Respekt zollen, denn historisch entspricht - wie auch bei Forrest Gump - nahezu alles der Wahrheit. Simonini durchläuft zentrale, politische essentielle Momente des 19. Jahrhunderts; seine Aktivitäten prägen das Weltgeschehen maßgeblich mit: Er präsentiert sich als Anhänger des Nationalhelden Garibaldi, fälscht Briefe, um den jüdischen Artilleriehauptmann Dreyfus als vermeintlichen Spion der Deutschen zu entlarven. Schließlich gipfeln seine antisemitischen Hasstiraden in einem Schriftstück, das in 24 Abschnitten verfasst als "Die Protokolle der Weisen von Zion" ein Stück Weltgeschichte schreiben wird. Denn Hitler benutzte dieses Dokument als Legitimation für die Judenvernichtung. Obwohl das judenfeindliche Pamphlet bereits seit 1921 als Fälschung entlarvt ist, befeuert es bis heute Vorurteile; unter anderem beruft sich die islamistische Hamas bis heute darauf.

Auch der titelgebende "Friedhof in Prag", Leitmotiv des Romans, existiert tatsächlich: Es handelt sich um eine kleine, letzte Ruhestätte in der Prager Altstadt, genauer im Viertel Josefstadt, in der trotz eklatanten Platzmangels (die Fläche misst nur ca. 1 ha) über 12 000 Grabsteine zu finden sind. Das lebendige, alles andere als symmetrische Miteinander der Grabsteine verleihen dem Ort etwas Geheimnisvolles. Ein idealer Schauplatz!

Nur Hauptmann Simone Simonini selbst ist frei erfunden. Er begegnet den "großen Namen" seiner Zeit: Schriftstellern, Politikern und Geschäftemachern, Menschen, die die Welt veränderten: Cagliostro, Dreyfus, Dumas, Freud, Garibaldi ,Hugo, Jolys und vielen anderen.

Drei Erzählebenen nutzt Umberto Eco, um den unsympathischen Widerling plastisch werden zu lassen: Der Einblick in das Tagebuch Simoninis ist zunächst etwas verwirrend. Simoninis gespaltene Persönlichkeit verweist auf seine zerrüttete Identität und kennzeichnet ihn von vornherein als unzuverlässigen Erzähler. Der junger Psychiater Sigmund Freud, der zufällig einmal neben Simonini am Nachbartisch speist, rät ihm dazu, sein Leben schriftlich zu fixieren. Darauf lässt dieser sich ein. Seine Eintragungen werden dabei von einem zweiten Ich begleitet, kommentiert und korrigiert. Schließlich schwebt über allem ein weiterer, ein allwissender Erzähler, der kommentierend eingreift und verbindende Brücken zwischen den Einträgen baut.

"Der Friedhof in Prag" ist ein komplexes, vielschichtiges, historisch akribisch recherchiertes Buch eines wahren Meisters der Erzählkunst. Ein intellektuell und ästhetisch ansprechender Roman, eine herausfordernde Mischung aus Fakten und Fiktion um Wahrheit und Täuschung, Identität und Intrigen. Man mag dieses durchweg fesselnde Buch nicht aus der Hand geben. Es bewegt, es beschäftigt, es lässt einen nicht mehr los und führt doch immer wieder ans Bücherregal oder ins Internet, um das eine oder andere zu recherchieren.

Diese geballte Konfrontation mit Wissen fordert und garantiert ein großartiges Lesevergnügen. Und abendfüllende Diskussionen. Entstanden ist ein Werk, das wirkt wie ein weiser Kommentar zur heutigen politischen Situation, zur Propaganda Berlusconis, aber auch zu den Verschwörungstheorien, die sich um den 11. September ranken.

Angesichts des Romaninhalts und seiner jüngsten politischen Aktivitäten wundert es nicht, dass Umberto Eco aus konservativen Kreisen und seitens der katholischen Kirche einiges an Kritik einstecken musste.

Lächerlich ist der Vorwurf, Umberto Eco selbst sei judenfeindlich. "Der Friedhof in Prag" ist ein klares, ein eindeutiges Statement gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Allerdings macht dieses Buch auch etwas bewusst, mit erschreckender, schneidender Klarheit: Simone Simonini ist zwar der einzig erfundene Charakter, aber gleichzeitig der lebendigste von allen. Der, der alle Zeiten überdauert. Der, der nach wie vor unter uns weilt. Nur unter anderem Namen.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.12.2011 12:14:26 GMT+01:00
Ein ganz großartige Rezension, der ich mich komplett anschließen kann - besonders was das Menschenhassertum Simoninis und die Universalgelehrtheit Ecos angeht.

Veröffentlicht am 01.01.2012 16:37:09 GMT+01:00
Der Rechercheaufwand ist sowas von belanglos für die Bewertung eines Romans, dass ich gar nicht weiter darauf eingehen möchte. Jeder Idiot kann Wissen anhäufen - die Verzahnung ist das Problem; die ästhetische Durchwirkung, die kompositorische Stringenz - und hier kann - Halten zu Gnaden - von einer fein gewebten Erzählkunst nicht die Rede sein! Die Kunst ist, das Schwere leicht aussehen zu lassen und das kann Eco (leider) schon seit Jahren nicht mehr!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.01.2012 11:24:38 GMT+01:00
mogoduc meint:
Gut gesagt - so sehe ich das auch.

Veröffentlicht am 02.05.2012 12:40:09 GMT+02:00
Kulessa meint:
Ich sehe das komplett anders. Ein endlos langweiliges Buch mit nicht enden wollenden geschichtlichen Details, die zum großen Teil nichts zu Sache beitragen. Ein eindimensionales Buch ohne Tiefgang, ohne Sinn ohne jede Bedeutung.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.05.2012 14:11:01 GMT+02:00
Hallo und vielen herzlichen Dank für das Feedback und all die unterschiedlichen Gedanken und Eindrücke!
Die Geschmäcker, was Literatur angeht, sind natürlich verschieden. Für mich ist "Der Friedhof in Prag" ein hervorragendes, spannendes Buch. Das Wissen ist meisterlich in eine stimmige Handlung eingewoben, die packt und nicht mehr loslässt. "Schwere" vermag ich darin nicht zu entdecken.
Letztendlich kann man nur jedem Menschen raten: Lesen Sie das Buch und entscheiden Sie selbst.
Herzliche Grüße
M. Hoevermann

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.10.2012 01:13:57 GMT+02:00
Andrea Stobl meint:
Da kann ich mich nur anschließen. Dies war für mich Ecos schwächstes Buch bisher....
(und ich bin ein Eco-Fan der ersten Stunde sozusagen!). Schade...
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