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5.0 von 5 Sternen Die Auferstehung des Autors und die Kreuzigung des Kriminalromans, 29. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Tod des Autors (Taschenbuch)
Gilbert Adairs "Tod des Autors" ist ein wunderbares Beispiel für die Verschränkung von Literatur und literaturwissenschaftlicher Theoriebildung: Der Ich-Erzähler des Romans, ein amerikanischer Literaturprofessor namens Léopold Sfax, der während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Paris aus reinem Opportunismus unter dem Pseudonym Hermes nationalsozialistische Positionen vertrat, emigriert nach dem Krieg in die Staaten und mausert sich dort zu einer Art Papst der Literaturtheorie mithilfe eines Buches, das, durchdrungen von bereits aus Frankreich bekanntem poststrukturalistischen Gedankengut (Barthes, Foucault) das Primat des Textes über den Autor beschwört und jeden Verweischarakter eines Textes auf eine außertextliche Wirklichkeit verleugnet, ja den „Tod des Autors“ proklamiert. Erst spät im Roman verrät die Erzählerfigur, welches Kalkül hinter diesem seinem literaturtheoretischen Hauptwerk steht: die Ausradierung seiner Verantwortung für seine publizistischen Schandtaten als Nazi-Kollaborateur mittels der Übernahme der Barthes- und Foucaultschen Ideen zum „Tod des Autors“; denn wenn Texte unabhängig von eventuellen Intentionen ihres jeweiligen Autors sind und sich ohnehin in ihrer Selbstreferenz zur "Teufelsspirale" (so der Titel des Hauptwerks des Protagonisten im Roman) verketten, anstatt auf eine außertextliche Wirklichkeit zu verweisen, erlöschen – so die Hoffnung des Erzählers – nicht zuletzt die Schandtaten des Hermes. Doch Sfax scheint der Wirkungsmacht seiner Theorie weit weniger zu vertrauen als seine Gefolgsleute, denn seine Hauptsorge im Romanverlauf ist der Ehrgeiz einer Schülerin, seine Biographie zu verfassen, und somit in seiner Vergangenheit zu "schnüffeln". Als zwei unerklärliche Todesfälle auf dem Universitätscampus dieses Vorhaben jäh beenden und der Roman sich von einer Mischform aus campus novel, fiktionalisierter Darstellung literaturtheoretischer Ideen und Autobiographie des Ich-Erzählers endgültig zu einem Kriminalroman zu werden scheint (nicht umsonst spielt der Erzähler während seiner Schilderungen fortwährend auf die Affinität seiner Biographin zum Genre des Kriminalromans an), indem er gekonnt und in rasantem Tempo auf die Aufklärung der erwähnten Todesfälle zusteuert, erfährt der Roman dann ein Ende, das die Verschränkung von Literatur und ihrer Theorie so hemmungslos auf die Spitze treibt, dass man die Frage, ob die poststrukturalistischen und dekonstruktivistischen Theorien dieser Welt Fluch oder Segen der Literatur sind, nicht mehr beantworten mag. Ist dieser abschließende Twist die logische Konsequenz aus dem, was dem geschulten Leser und Literaturtheoretiker ohnehin evident sein sollte, oder feiert hier, im Roman "Der Tod des Autors", der Autor seine unvorhergesehene Auferstehung, indem letztlich er es ist, der bestimmt, dass in seinem Text das, was nicht sein kann, doch ist, da es doch schließlich da steht, schwarz auf weiß? Macht sich dieser Roman nicht auf zweifache Weise über die Theorie vom "Tod des Autors" lustig, erstens, indem er die Motivation für die Theoriebildung im Opportunismus eines als Autoren schuldhaft gewordenen Individuums sucht, und zweitens, indem er gerade in der größtmöglichen Entfernung des Textes von einem Verweischarakter auf reale oder zumindest in der Realität denkbare Szenarien demonstriert, das letztlich doch der Autor Herr in seinem Text, in seinem Reiche, ist? Obwohl ich persönlich akademisch so sozialisiert bin, dass ich den "Tod des Autors" eigentlich verteidigen müsste, hat mich dieser Roman, und insbesondere sein Ende, in meiner Entscheidungsfreudigkeit mit Blick auf diese Fragestellung deutlich zurückgeworfen. Allein das verdient höchsten Respekt.
Zum Schluss möchte ich noch dem Genre der amazon-Rezension gerecht werden, indem ich so etwas wie Kauf- bzw. Leseempfehlungen ausspreche (oder auch nicht): Auch jenseits des am Ende doch sehr waghalsigen Spiels mit dem Verhältnis von Literatur und ihrer Theorie ist dieser Roman fesselnd und dicht geschrieben: Auf gerade einmal rund 150, sehr großzügig bedruckten Seiten, entfaltet eine Erzählerfigur eine hochinteressante, fiktive Autobiographie, deren verständige und vor allem spaßbringende Lektüre allerdings eine gewisse geisteswissenschaftliche Grundbildung – oder zumindest ein Interesse, sich in diesen speziellen akademischen Habitus ein wenig hineinzuarbeiten –voraussetzt. "Der Tod des Autors" ist zwar so etwas wie ein Kriminalroman, und er liest sich stellenweise auch wie ein solcher, aber das eigentliche Verbrechen, das in diesem Roman begangen wird, ist nicht die Ermordung zweier Menschen, sondern die eines Genres: der Kriminalliteratur.
Wer in diesem Tatbestand gewisse Parallelen zu den "Kriminalromanen" eines bekannten deutschen Kulturkritikers sieht, der einst durch ein Lied namens "Katzeklo" berühmt geworden ist, liegt meiner Meinung nach nicht so weit daneben, wie man vielleicht vermuten mag…
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