Kundenrezension

22 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ich mache mir ernsthafte Sorgen ..., 30. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Protest (Limited Edition inkl. Bonus-Track / exklusiv bei Amazon.de) (Audio CD)
Ich mache mir ernsthafte Sorgen ...

Für ein besseres Verständnis meiner Rezension vorab etwas zu mir und mein Verhältnis zur Musik von HRK:

Seit meiner frühen Pubertät und damit seit knapp 20 Jahren liebe ich Musik, durchaus mit einem besonderen Faible für das deutschsprachige, insbesondere für messerscharfe Lyrik. HRK nahm bei mir 20 Jahre lang eine Ausnahmestellung ein. Sowohl seine liedermacherähnlichen, teilweise schrillen Frühwerke, als auch die Stadionrockglanzzeit a la "Gute Unterhaltung", die Entwicklung zum Gitarristen ("Draufgänger") als auch die an Sound überladenen "Halt" und "Korrekt" mag ich sehr. Kunze gelang in meinen Augen fast alles - sprachliche Verzückung, Anregung zum Nachdenken, herzliches Grinsen, musikalische Perfektion. Auch, besser: insbesondere seine Bücher als auch Experimente wie "Wasser bis zum Hals..." oder "Kommando Zuversicht" mag ich. Kunze zu lesen oder zu hören bedeutete mir eine gewisse Verbundenheit - ich fühlte, da ist ein Mensch, der vieles ähnlich sieht wie ich.
Zwischendurch in seinen knapp 30 Karrierejahren gab es zwei, drei mal ein Album, das mich nicht so sehr begeisterte, aber stets war das Nachfolgealbum dann wieder ein Kracher.
Nun jedoch setzt sich nach "Das Original" und "Klare Verhältnisse" ein Trend fort, der mich traurig stimmt.

Verkaufszahlen haben mich nie interessiert. Ich habe HRK gemocht. Dass die breite Masse unter guter deutschsprachiger Musik zunehmend etwas anderes empfand, nahm ich wahr, es berührte aber mich jedoch nicht großartig.
Dass Heinz selbst immer auf Airplay etc. Wert gelegt hat, ist bekannt. So lange grandiose Alben heraussprangen war es mir auch egal, ob eine ziemlich banale Midtempo-Nummer als Radiosingle ausgekoppelt wurde und Heinz das auch in grenzwertigen Medienauftritten promotete. Ich hatte stets mein Album und war glücklich. Nie mehr als 2, 3 Aussetzer - und mindestens die Hälfte der Songs beschrieb lyrisch etwas neuartiges oder zumindest in einer neuartigen Perspektive. Etwas, was an singenden deutschsprachigen Schreibern nur der große HRK beherrschte.
Seit 3 Alben ist diese schöne Zeit vorbei.

Und nun "Protest" ! Markant angekündigt. Ich habe nicht blauäugig geglaubt, dass der Meister wirklich ein Protestalbum herausbringt - ich hatte schon gewisse Zweifel, gerade weil vorab Dylan mit seinem berühmt-berüchtigtem Satz zitiert wurde. Die Zweifel sind eingetreten: "Protest" ist genauso wenig ein Protestalbum wie "Das Original" irgendetwas mit dem jungen Kunze (geschweige mit dem Coververschnitt des grandiosen Debütalbums "Reine Nervensache") zu tun hat und genauso wenig wie "Klare Verhältnisse" für ebendiese sorgt. Albentitel sind seit dem Wechsel zu Ariola zur Persiflage verkommen, vielleicht heisst ja das nächste Album "Techno".

Ich bin wirklich erstaunt, wie unreflektiert viele Fans und Wunderkinder das Album loben. Ich mag das künstlerische Werk von Heinz, aber ich muss hier einfach mal ehrlich sein:

Ich habe gehofft, dass sich der erneute Abgang von Heiner Lürig positiv auswirkt. Ich fand "Rückenwind" großartig (vor allem die sphärischen Balladen, Frank Plasa sei Dank.) Die beiden Alben danach, die wieder mit Lürig waren, fand ich persönlich viel, viel schlechter. Lieferte "Das Original" noch zwei absolute Über-Songs ("K." und "Mein Wahres Gesicht"), empfand ich die besseren Songs von "Klare Verhältnisse" bestenfalls als "ganz nett".
Insbesondere die zunehmende Anbiederung in den Texten fand ich störend. Kunze gefiel mir als Misantrop viel besser als als Menschenversteher. Insbesondere das großartige "Einer Für Alle"-Album liefert manche Zeilen, die für mich fast schon zum Lebensmotto wurden.
Musikalisch gefiel mir die Akustisierung auch nicht. Ich mag Ecken und Kanten - sei es in der Lyrik, im Sound oder in der Produktion.
Kunze war für mich immer am besten, wenn er scharf und bissig war. Seine Stimme passt viel besser zu knallharten Abrechnungen als zu Streichelsongs. Seine lyrischen Fähigkeiten kommen in markigen Worten viel besser zur Geltung als in sanften.

Diesmal gibt es nicht mehr nur einen oder zwei Midtempo-Liebesnummern mit völlig banalen Inhalten, sondern gleich eine Handvoll.

Es tut mir leid, aber ich bin wirklich enttäuscht.
Wurde hier bewusst auf den Strom der Zeit aufgesprungen? Banale Botschaften mit einem Hauch Selbstmitleid verpackt in Midtemposongs verkauften sich in Deutschland in den letzten Jahren ausgesprochen gut (Naidoo, Pur, Ich und Ich, das letzte Rosenstolz-Album). Buhlt Kunze um diese Käuferschicht?

Zu den Songs:

Längere Tage - allseits bekannt. Die typische Radiosingle. Nett, aber absolut nichts neues. Der Erzähler erfreut sich am Glück zu zweit in banalen Worten. Sei es ihm gegönnt.

Einmal Noch Und Immer Wieder - die zweite typische Radiosingle, nur gelungen wie seit einiger Zeit nicht mehr. Hat fast schon das Niveau von "Mit Leib Und Seele". Bewegt mich nicht sonderlich, aber für das Ziel Radioairplay ist dieser Song v.a. musikalisch gelungen. Der Erzähler erfreut sich am Glück zu zweit in banalen Worten.

Astronaut In Bagdad - Klasse Text. Hätte man ruhig noch schärfer formulieren können. Musikalisch hätte ich mir mehr Krach gewünscht. Dieser Song schreit nach abgehackten E-Gitarren - diese sind zwar da, aber der Sound ist mir noch zu kompakt.

Sie Geht Vorbei - unerwiderte Liebe. Nicht wirklich schlecht, aber relativ belanglos. Zeilen wie "Die Liebe kann so grausam sein" in dieser Form gesungen bewegen mich nicht wirklich. Auch musikalisch relativ belangloser, tausendmal gehörter Durchschnitt.

Auf Einem Andern Stern - Heinz, bitte überlass derartige Selbstmitleidballaden Rosenstolz, Ich und Ich und co. Ich glaube, Deine treuen Fans mögen andere Facetten an Dir.

Aber Menschen? - wunderbares Thema. Aus dieser Idee hätte man einen großartigen Song basteln können. Stattdessen werden maximal 2 bis 3 aussagekräftige Zeilen textlich variiert über 3 Minuten gestreckt. Nach der ersten Strophe ist der Drops gelutscht. Die Lagerfeuerbegleitung passt überhaupt nicht zum Text.

Dagegen - ein Thema, das HRK etwa so häufig aufgreift wie Niedecken das Thema Köln. Nur waren frühere Songs besser. Weil man den Text der früheren Songs nicht auf vier Zeilen stutzen können. Melodie: unglaublich schlecht, wenn überhaupt vorhanden.

Frei Zu Sein - textlich der gewohnte HRK! Eine balladeske Ode an den Begriff "Freiheit". Hätte eine etwas bessere Melodie verdient gehabt (die ist nicht schlecht, aber bei solch einem tollen Text ist auch eine ganz besondere Melodie vonnöten).

Ein Besondrer Tag - der zweite Song nach "Einmal Noch..." mit einer wirklich prägnanten Melodie. Text ist mir zu banal.

Möglich - sorry, aber dies ist der erste Kunze-Song überhaupt, den ich mir kein zweites Mal vollständig anhören kann. Musik, die mich negativ berührt. "Wenn es Dir schlecht geht, ist es möglich, dass es etwas anderes gibt als den Tod". Soll das ironisch-witzig sein? Oder Lebenshilfe für Suizidgefährdete? Banal. Schrecklich.

Selbst Ist Die Zerstörung - so hätte ich mir das gesamte Album gewünscht! Das ist Kunze, wie ich ihn mag! Krach, Wut, Witz.

Warum? - dieser Song hat sich für mich noch nicht erschlossen, deshalb enthalte ich mich eines Kommetars.

Regen In Meinem Gesicht - wunderbare poetische Ballade. Toll!

Du Bist So Süss - ich weiss nicht, warum Kunze einfältigen Menschen, die nicht wissen, was ein Bundeskanzler ist, überhaupt einen Song widmet. Vor allem einen derart banalen. Schrecklich.

Elixier - nicht schlecht, aber auch nicht so grandios, wie manche es loben. Ein nettes Liebeslied, welches viel besser zur Geltung käme, hätte man nicht schon vorher viel zu viele viel schlechtere Liebeslieder auf diesem Album hören müssen. Nach 13 politischen Songs wäre "Elixier" der perfekte Rausschmeisser gewesen - so geht er aber unter.

Du Bist Ganz Einfach Schön - wer glaubte, der Banalismus von "Möglich" und "Du Bist So Süss" sei unübertreffbar, wird hier eines besseren belehrt. Von Null in die Top 3 der Worst Kunze Songs ever. Hätte ich den Text auf einem Blatt Papier gelesen, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass HRK so etwas grottiges verfassen könne.

Umsonst Rasiert - grandios. Der beste Song des Albums. Unverständlicherweise zum Bonustrack degradiert. Krach, Humor, Mehrdeutigkeit. Feinsinnig versteckte Gesellschaftskritik.

Insgesamt 3 von 5 Sternen. Da Kunze bis 2003 bei mir fast immer 5 von 5 hatte, trotzdem eine Enttäuschung.
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Kommentare


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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.02.2009 22:22:41 GMT+01:00
Danke, ohne das Album gehört zu haben kann ich eigentlich ungehört jeden Satz unterschreiben. kunze ist vom scharfzüngigen Wortakrobaten zum besserern Wolfgang Petri abgestiegen, dabei gibt es so vieles in dieser Republik und in diesen Zeiten, was ein Texter wie Kunze einfach genial kommentieren und aufs Korn nehmen könnte, so läßt er sich nur die Butter vom Brot von viel besseren Nachwuchskünstlern stehlen. Dabei hätte er doch noch so viel zu sagen, oder?
Es ist schade, daß die alten Messer nicht mehr scharf sind!!

Veröffentlicht am 13.03.2009 16:11:19 GMT+01:00
exlibris meint:
Eine sehr ausgefeilte, wohlüberlegt formulierte Kritik, der ich mich (leider) uneingeschränkt anschließen muss.

Veröffentlicht am 27.11.2009 11:50:56 GMT+01:00
Teubchen meint:
Danke für die ausführliche Kritik - mir geht es ausgesprochen ähnlich; als langjähriger Kunze-Fan (Ende der Schulzeit mit Wunderkinder angefangen, rasch alle vorhergehenden Alben mit wachsender Begeisterung gehört und dann viele Jahre Alben zum Erscheinungstermin gekauft und Konzerte besucht) habe ich nach einigen jahren nun erstmals wieder ein Album gekauft ... und teile den Eindruck - viele banale Songs mit banalen texten, wenig musikalisch Innovatives, und den wenigen gelungenen Texten stehen leider fast ebensoviele schon fast peinliche Texte gegenüber. 5 Stücke weniger, dafür an 3-4 enthaltenen Stücken etwas mehr textlich wie musikalisch feilen, dann wär das ein ordentliches Album geworden. Schade.
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