Kundenrezension

14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Von außen erkennt man gar nichts. Wir mussten am Spiel teilnehmen, um es zu verstehen.", 9. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Flash Boys: Revolte an der Wall Street (German Edition With E-Book) (Gebundene Ausgabe)
Am 6. Mai 2010 kam es an der New Yorker Börse zum sogenannten Flash-Crash des Dow-Jones-Industrial-Index. Innerhalb von Minuten stürzte der Markt um mehr als 600 Punkte ab, um sich dann genau so schnell wieder zu erholen. Es gab genug Insider, die die so genannten Flash-Trader für diesen merkwürdigen Zusammenbruch verantwortlich machten. Im offiziellen Bericht steht davon jedoch nichts. Doch wen wundert dies, wenn es für die ultrakurzen Zeiträume, in denen diese Leute agieren, gar keine Daten gibt? Und warum sollten die US-Börsen Licht in das gut beschützte Geheimnis eines groß angelegten Betruges bringen, an dem sie mitverdienen?

Das neuste Buch von Michael Lewis erzählt die Geschichte von einigen wenigen Leuten, die zunächst Opfer dieses gut organisierten Betruges wurden, diesen dann nach und nach verstanden und sich anfingen zu wehren.

Einige Jahre vor dem Flash-Crash verstand Brad Katsuyama von der Royal Bank of Canada die Welt wieder einmal nicht mehr. Er wollte einige tausend Stück eines bestimmten Wertpapiers kaufen. Sein Bildschirm zeigte ein entsprechendes Angebot an. Er drückte die Kauf-Taste, und das Chaos brach los. Das Angebot verschwand wie von Geisterhand und der Kurs ging in die Höhe. Nachdem ihm das schon mehrere Mal vorher genau so passiert war und alle technischen Fehler ausgeschlossen waren, begann Katsuyama zu experimentieren. Bald wurde ihm klar, dass sich dieser Vorgang nicht einstellte, wenn er seine Kauforder nur an eine einzige Börse gab. Deshalb lag nun der Verdacht sehr nahe, dass sich jemand im System vor seine Order setzte, weil er schneller war als Katsuyama und dessen Order gesehen hatte. Dieser Unbekannte besorgte sich die Stücke vor ihm und konnte sie ihm nun teurer anbieten.

Flash-Trader können also die großen Käufe institutioneller Investoren vorhersehen und sich danach risikolos davorschieben. Die so um bessere Kurse Betrogenen merken im besten Fall, dass etwas nicht stimmt, aber sie haben kaum eine Chance, diesen Betrug zu begreifen oder gar nachzuvollziehen.

Hochgeschwindigkeitstrading ist also eine nette und harmlose Umschreibung für eine unglaubliche Gelddruckmaschine. Obwohl dieses sogenannte moderne Frontrunning eigentlich verboten ist, wird es wie selbstverständlich massiv betrieben. Ein sehr großer Teil des Handelsvolumens an US-Börsen wird inzwischen von den sogenannten Flash-Tradern abgewickelt. Ihnen kommen dabei die US-Gesetzgebung, die erhebliche Intransparenz der US-Finanzmärkte, ihr technischer Vorsprung und die mafiöse Geheimniskrämerei um das Flash-Trading zu Hilfe. Und natürlich lassen sich die US-Börsen auch noch für diesen schwer nachweisbaren Betrug fürstlich bezahlen.

Eigentlich sollte man (wenigstens theoretisch) davon ausgehen, dass alle Marktteilnehmer jederzeit über dieselben Informationen verfügen. Wenn es jedoch eine Börse ermöglicht, dass eine ausgewählte Gruppe ihre Systeme näher an die Börsenserver bringen kann als andere Marktteilnehmer, sodass sich daraus ein schwerwiegender Geschwindigkeitsvorteil ergibt, dann ist diese grundsätzliche Chancengleichheit ausgehebelt. Der Markt hört auf fair zu sein.

Mit der Geschichte, wie Brad Katsuyama gemeinsam mit anderen das Puzzle zusammensetzte und hinter die Geheimnisse der Flash-Trader kam, erklärt Lewis in diesem Buch auch die grundsätzliche Methode dieser Betrüger und die Umstände, die ihnen ihr Vorgehen erst überhaupt ermöglichen. Neben dem oben geschilderten Frontrunning machen Flash-Trader Jagd auf Gutschriften der Börsen. Das ist ein Punkt, den man als normaler Mensch nur schwer begreifen kann, der aber im Buch gut erklärt wird. Den meisten Profit erzielen Flash-Trader jedoch mit reinem Arbitrage-Handel, indem sie die Langsamkeit der Börsen ausnutzen und Kursdifferenzen zu ihrem Vorteil umsetzen. Dass die US-Börsen Flash-Trader bevorzugen, sieht man übrigens nicht nur daran, dass sie ihnen den schnelleren Zugang zu ihren Servern anbieten, sondern auch an sehr merkwürdigen Order-Typen, die speziell auf den Vorteil dieser Trader ausgelegt sind. Auch das wird im Text sehr gut erklärt.

Katsuyama und seine Mitstreiter beschlossen irgendwann, eine eigene Börse zu schaffen, um Investoren einen fairen Handel zu ermöglichen. Die IEX wurde zunächst nach Kräften boykottiert und später mit absurden Methoden sabotiert. Wie das im Einzelnen geschah, wird im Buch hervorragend beschrieben. Doch mit der IEX und ihren transparenten Regeln wurde das US-Finanzsystem in seinem Kern angegriffen, nämlich "bei der Möglichkeit die Undurchschaubarkeit zu Geld zu machen." Interessanterweise handelt jetzt auch ausgerechnet Goldman Sachs an der IEX. Der Grund ist sogar plausibel. Wenn man mit etwas weiterem Horizont denkt, dann wird man die Gefahr eines riesigen Crash, der durch ein undurchsichtiges komplexes System erzeugt wird, nicht ausschließen können. Das scheint nicht im Interesse von wenigstens Teilen des Bankensystems zu liegen.

Es bleibt abzuwarten, ob sich die transparente IEX mit ihrem Grundgedanken durchsetzt und andere Börsen nachziehen oder ob sich das korrupte US-Finanzsystem irgendwann selbst zerstört.

Mit diesem hervorragend, spannend und sehr kenntnisreich geschriebenen Buch erhält man einen einmaligen Einblick in die Machenschaften der Flash-Trader. Danach begreift man viele Ereignisse rund um die Finanzmärkte und auch das gelegentlich extrem merkwürdige Kursverhalten an den US-Börsen ganz anders.

Auf Seite 228 dieses Buches stehen folgende bemerkenswerte Sätze:

"Es gibt heute 45 private Handelsplätze (in den USA, R.M.). Und in 44 hat niemand einen Einblick. Hat den niemand daran gedacht, dass es vielleicht ein Vorteil sein könnte, wenn man Leuten sagt, wie ihr Markt funktioniert? Wir schauen zurück auf die Hypothekenkrise und fragen, wie kann es sein, dass jemand eine Hypothek vergibt, ohne Dokumente zu verlangen? Das ist absurd! Aber die Banken haben es trotzdem getan. Und heute werden Billionen Dollar auf Märkten gehandelt, in die niemand einen Einblick hat, weil sie keine Dokumente zur Verfügung stellen. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?"
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Dr. R. Manthey
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 10 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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