Kundenrezension

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Typisch Eco, 19. Januar 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Nachdem ich den so viel gerühmten "Friedhof in Prag" als Geschenk erhalten hatte, war ich darauf gefasst, mich nach der (versuchten) Lektüre einiger seiner anderen Werke erneut auf das literarische Abenteuer namens "Umberto Eco" einzulassen. Scheinbar war die Erinnerung an unsere früheren Begegnungen soweit verblasst, dass ich mich sogar ein bisschen darauf freute.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich schätze diesen Autoren sehr, auch und vor allem seine wissenschaftlichen Texte. Denn ich bin der Meinung, dass es das ist, was er am besten kann: akademisch schreiben. Und eben das ist in seinen Romanen deutlich zu spüren - nicht auf eine positive Art, wie ich finde.

Ich persönlich habe drei massive Probleme mit diesem Buch.
1) Den Schreibstil Ecos (oder besser: seine Art, Geschichten zu erzählen)
2) Die Hauptfigur
3) Die Zerfahrenheit der Handlung (bedingt durch Punkt 1)

1) Auch in den anderen Werken Ecos habe ich mich immer darüber geärgert, wie ein in der Theorie so brillanter Mann den groben Fehler begehen kann, seine komplette Recherche in Form eines monströsen "Infodumps" auf den Leser abzuladen. Im "Friedhof in Prag" ist dieser Aspekt seines Schreibens bis aufs Qualvollste ausgereizt. Nach 400 Seiten habe ich mich ernsthaft gefragt, ob ich mir nicht aus Versehen ein Buch über die Geschichte Italiens gegriffen und dieses statt des Romans gelesen habe. Die Struktur bei Eco ist stets die selbe: Der Leser darf der Figur ein paar Seiten lang beim lästigen Vorantreiben der Handlung beiwohnen und wird dann mit dem Zehnfachen an purer, zweifellos brillant recherchierter Information "belohnt".

Nun, ein Buch, in dem man etwas lernt, das ist doch nichts Schlechtes. Da haben Sie sicher recht. Doch die Proportionen bei Eco stimmen nicht, nicht in diesem Buch, nicht in seinen anderen Büchern. Die meisten Leser gehen mit anderen Erwartungen an die Lektüre eines Romans heran als an einen wissenschaftlichen Text. Weil es einfach etwas anderes ist.

2) In Bezug auf die Hauptfigur, Simone Simonini, spalten sich die Geister.
Ich habe weniger ein Problem damit, dass er ein Ekel ist. Er ist ein gänzlich unmotiviertes, uninteressantes Ekel. Und nein, auch der gefühlt 10.000-seitige Exkurs in seine Vergangenheit ändert nichts daran, weil dort im Grunde nur historische Fakten durch seine teilnahmslosen Augen reflektiert werden.
Mich als Leser interessiert es einfach nicht, was mit ihm passiert. Von mir aus hätte er nach den ersten zwanzig Seiten den Löffel abgeben können, und es hätte dem Buch in keiner Weise geschadet. Er ist reiner Träger für die "brillant recherchierte Handlung" (hinter die man inzwischen eigentlich ein "Trademark"-Symbol setzen müsste).
Und falls Sie glauben, es lohnt sich, durchzuhalten, um der Entwicklung des Charakters beizuwohnen: Nein.

Dieser Aspekt unterscheidet sich übrigens, wie ich finde, von den anderen Werken Ecos, in denen er durchaus liebenswerte Charaktere zu zeichnen vermag.

3) Abgesehen von der Hauptfigur empfinde ich diesen Punkt als den, der das Lesevergnügen am gravierendsten schädigt. Wer nicht gewillt ist, sich mit Stift und Papier neben das Buch zu setzen und ein Diagramm mit den Figuren, Handlungsorten und, wer besonders viel Spaß haben will, Jahreszahlen zu zeichnen, wird der Handlung in ihrer Ganzheit und ihren subtilen Zusammenhängen nicht folgen können (Ich rede hier von "Otto-Normalleser", wie ich es bin). Bedingt wird dies durch Ecos weiter oben beschriebenen Erzählstil sowie durch eine Armada von Figuren, die ebenso blass und uninteressant sind wie der Hauptcharakter und deren Schicksal einen ebenso wenig tangiert.

Zudem streift Eco die typischen Thematiken der beschriebenen Zeit jeweils nur kurz. Man hat beim Lesen das Gefühl, einem Kind zuzusehen, dass dauernd um die eigene Achse rotiert und ständig auf etwas Neues zeigt, was seine kurze Aufmerksamkeitsspanne in Beschlag nimmt.
Meiner Meinung nach hat Eco sich zu viel vorgenommen: Eine komplette "Geschichte des Antisemitismus" in Romanform. Warum konnte er sich dieser Thematik nicht wissenschaftlich widmen und stattdessen einige der Geschichten im "Friedhof in Prag" entwickeln, die wirklich Potential hatten (Wie zum Beispiel das Schicksal der hysterischen jungen Dame, deren tieferen Sinn in diesem Roman ich bislang nicht entdecken konnte)?.

Wie man der Rezension entnehmen kann, zweifle ich in keiner Weise an Ecos Fähigkeiten, im Gegenteil. Und wer Gefallen an den ausschweifenden Beschreibungen, Rückgriffen und historischen Fakten findet - in Gottes Namen.
Ich finde, Herr Eco könnte in dieser Hinsicht ruhig minimalistischer arbeiten. Es ist irrsinnig, wie viel Arbeit und Recherche regelmäßig in seinen Werken stecken, und es tut mir fast leid, wenn ich merke, wie mich die seitenlangen, begeisterten Ausführungen zu Tode langweilen. Nein, ich muss jetzt nicht unbedingt wissen, welche Wandbordüre dieser Raum hat. Und auch nicht die genaue Geografie Italiens, und wer da jetzt wo das Sagen hat.

Es nutzt mir als Geschichts-Dummie rein gar nichts, wenn Herr Eco mit unkommentierten Namen und Orten wie mit Saatgut um sich schmeißt - ohne roten Faden und interessante Charaktere, die Ganze tragen, sprießt da gar nichts in meinem Kopf.
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.02.2013 18:13:14 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 12.02.2013 18:13:39 GMT+01:00]

Veröffentlicht am 12.02.2013 18:13:23 GMT+01:00
Scherzkeks meint:
Eine wunderbare Rezension, die tatsächlich das bestens wiedergibt, was ich beim Lesen auch empfunden habe.
Dankeschön!

Veröffentlicht am 13.02.2013 01:00:57 GMT+01:00
Hilfreiche Rezension, weil beschreibend und begründend! Danke.
Und gerade aus ihr heraus _werde ich das Buch irgendwann lesen (Ich muss persönlich einfach jetzt keine Sympathie empfinden oder einer Frauenfigur beim Sich-Entwickeln zusehen, und Information ist doch zumeist toll), ohne Blatt Papier übrigens. - Eco schreibt natürlich zunächst für ein italienisches Publikum. Manzonis "Sposi promessi/ Verlobte" etwa ist ein tief recherchiertes Werk zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Norditaliens mit auch noch Romanze dabei.
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