Neue Zürcher Zeitung
Die einfache Wahrheit
Marcus G. Patkas Bilderchronik über Egon Erwin Kisch
«Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt . . . Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit . . .» mit knappen, von Spontaneität funkelnden, selbstbewussten Statements dieser Art hat Egon Erwin Kisch, «der rasende Reporter», nicht gespart. Als einen journalistischen «Free-Lancer, der seine Lanze schleudert, wann und wohin es ihm gefällt», sah er sich am liebsten. Obwohl er sich auch als Autor von Romanen und Theaterstücken versuchte, ist Kisch vor allem eine Leitfigur des modernen Journalismus geworden. Hatte der 1885 als Sohn eines Tuchhändlers in Prag geborene Freund Max Brods, Hermann Kestens, Robert Musils, Joseph Roths und so vieler anderer um der «einfachen Wahrheit» willen doch kein persönliches Risiko und keine literarische Pointe gescheut. Als scharfsichtiger Mann von Welt, als glühender und wortmächtiger Beobachter, als nervöser, spiel- und abenteuersüchtiger Zauberkünstler des Lebens und der Wahrnehmung hat er der Medienwelt neue Massstäbe gesetzt. Einer der wichtigsten Preise für Journalisten trägt seinen Namen. Sein Leben und sein Werk sind Legende.
Marcus G. Patka, Kischs derzeit kompetentester Biograph, hat in einem vorzüglich dokumentierten und kommentierten Photoband die wichtigsten Stationen dieses rastlosen Wortjongleurs vorgestellt. Aus vielen, bisher nicht oder wenig bekannten Abbildungen in informativen Zitaten von und über Kisch ergibt sich eine fesselnde Chronik seines Lebens und seiner Zeit. Der Band will nicht durchblättert, sondern gründlich studiert sein.
Er lässt uns aber auch an einer Tragödie teilhaben. Wie der hoch talentierte, zutiefst pazifistisch empfindende Reporter, der mit seinem Schreiben die Welt verbessern wollte, unter dem Einfluss der russischen Oktoberrevolution von 1917 zunehmend seinen Blickwinkel verengt, wie utopische Emphase allmählich zu Parteilichkeit und Wegsehen gerinnt, wie der journalistische Berserker unter Stalins Fernwirkung zwischen alle Stühle gerät man verfolgt den Weg dieses aufrechten, aber in vielerlei Hinsicht auch immer gefährdeten Mannes mit ebensoviel Sympathie wie Distanz. Sein frühes, selbstbewusstes Postulat, der Reporter dürfe keine Tendenz und keinen Standpunkt haben, erwies sich unter den Katastrophen von zwei Weltkriegen, Heimatlosigkeit und ideologisch motivierter Willkür als schöne, bunte Seifenblase. 1946 kehrte Kisch aus dem Exil in Mexiko in sein geliebtes Prag zurück und musste, inzwischen durch zwei Schlaganfälle geschwächt, bis zu seinem Tode im März 1948 die abermalige Liquidierung seiner humanistischen Träume aus der Nähe miterleben. Als er unter Theaterdonner der tschechischen KP (Kommunistischen Partei) zu Grabe getragen wird, ist die «einfache Wahrheit», für die er lebenslang so mutig und mit so temperamentvoller Feder focht, auf blutig-folgenreiche Weise pervertiert.
Mathias Wegner
Kurzbeschreibung
Wo Kisch war, dort war ein Caféhaus. Die Anekdoten und Abenteuer seines turbulenten Lebens machten ihn zum Idol einer ganzen Journalisten-Generation. Weltberühmt wurde er unter dem selbstgewählten Buchtitel 'Der rasende Reporter', doch in seinem Selbstverständnis war er nicht Journalist, sondern Schriftsteller. Erstmals werden in diesem Bildband alle Stationen seines Lebens mit umfangreichem Fotomaterial dokumentiert: Prag, Berlin, Wien, Amsterdam, Paris, Madrid, Moskau, New York, Sydney, Mexiko-City - Kisch als Matrose im Panama-Kanal, vor den Pyramiden der Mayas, mit Riesenschildkröten oder Koalabären, als Kleindarsteller bei Filmaufnahmen in Algier, mit Charlie Chaplin, Carl von Ossietzky, Erwin Piscator, Upton Sinclair, immer wieder Anna Seghers und vielen anderen.