Jürgen Kuttner kennt man als Radiomoderator und von seinen Videoschnipselvorträgen. Er steht einer kleinen, feinen Fangemeinde vor, die ihn abgöttisch verehrt.
Ich muss gestehen, ich kenne noch keinen dieser berüchtigten Videoschnipselvorträge. Deshalb habe ich "Die Geburt des Radikalismus..." sofort gekauft, kaum dass ich es auf einem Wühltisch entdeckt hatte. Der seltsame Titel ist eigentlich nur das Lockmittel, mit dem Kuttner an Musikgeschichte und Tagespolitik interessierte Leute fangen will, gibt aber schon den Ton vor, in dem er über Absonderlichkeiten in alten und weniger alten Fernsehaufzeichnungen referiert, die er in Archiven aufgespürt hat.
Jedes Kapitel bearbeitet einen Videoschnipsel.
Da ist z.B. der alte Mann, der in den 60-er Jahren vor einer irritierten Mädchenklasse sitzt, diese sexuell aufklären soll und sehr plastisch vor den Männern da draußen warnt, die nur das Eine im Sinne haben und alle Tricks kennen. Ein Wolf im Schafspelz, der erscheint, als würde er im nächsten Augenblick die Kreide ausspucken und über die Lämmchen herfallen.
Oder die ahnungslose Bergarbeiterfamilie Härtel, an denen das junge DDR-Fernsehen das Phänomen "Fernsehapparat" erklären will.
Die Situationen, die da beschrieben werden sind durchweg grotesk und Steilvorlagen für Kuttners witzige, originell geistreiche Assoziationen. Ich habe trotzdem nur die Hälfte des Buches gelesen, weil es, wenn man die Videoschnipsel nicht kennt, wie Trockenschwimmen erscheint. Diese ganzen Fernsehausschnitte, die uns heute so irrwitzig erscheinen, muss man gesehen haben, dann erschließt sich ihre ganze Absurdität von selbst, und man ist dann sicher optimal vorbereitet auf Kuttners ausschweifende Diskurse. Hier im Buch muss er die Bilder erst beschreiben und das funktionierte bei mir nicht ideal. Es erschien mir überzogen, aus dem Zusammenhang gerissen, und ich konnte nicht alles nachvollziehen.
Immerhin will ich jetzt Jürgen Kuttner mal live erleben. Und dann lese ich vielleicht auch die zweite Hälfte des Buches.