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100 von 107 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die "Dicke Berta" unter den Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg, 18. März 2014
Von 
Jörn Leonhards wuchtiges Buch "Die Büchse der Pandora" ragt aus der Masse der Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg heraus. In einer Kombination von Analyse und Erzählung bietet es auf tausend Seiten eine Gesamtdarstellung des Krieges, die - zumindest von einem einzelnen Autor - nur schwer übertroffen werden kann. Der in 10 Teile gegliederte Band geht weit über das hinaus, was man als Leser von konventionellen Büchern über den Ersten Weltkrieg gewohnt ist. Die Kriegsjahre stehen zwar im Mittelpunkt der Darstellung und nehmen den meisten Raum ein, doch werden sie von Leonhard in eine längere zeitliche Perspektive eingebettet. Die Teile 1 und 2 behandeln Vorgeschichte, Ursachen und Anlässe des Weltkrieges. Es folgen fünf weitere Teile, die jeweils einem Kriegsjahr gewidmet sind. Jeder dieser Teile beginnt mit einem Abriss des militärischen Geschehens an den verschiedenen Fronten. Danach werden die Entwicklungen an den Heimatfronten und zahlreiche Sachthemen mit Bezug zum Weltkrieg behandelt.

In den Teilen 8, 9 und 10 untersucht Leonhard die kurz- und langfristigen Folgen des Krieges, die Erblast, die er dem 20. Jahrhundert hinterließ. Dazu gehört vor allem der gescheiterte Versuch, Europa mit dem Versailler Vertrag und den Pariser Vorortverträgen eine stabile Friedensordnung zu geben. Dieser missglückte Versuch legte die Saat für neue Konflikte und Kriege. Eines der Leitmotive in Leonhards Buch ist die vom Weltkrieg bewirkte Entfesselung und Entgrenzung von Gewalt, nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch gegenüber Zivilisten. Leonhard versteht den Ersten Weltkrieg als Auftakt zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. In diesem Sinne ist der Buchtitel zu verstehen: Der Weltkrieg als Büchse der Pandora, als Quell und Ursprung unfassbarer Übel und Schrecken, seien es Kriege, Bürgerkriege, ethnische Säuberungen oder Völkermorde.

Weitere Leitmotive, die beim Gang durch die Kriegsjahre immer wieder aufgegriffen werden, kreisen um die Wirkungen des Krieges jenseits von Gewalt und militärischem Geschehen: Der Krieg als Auslöser innergesellschaftlicher Debatten, Reformdiskussionen und Selbstverständigungsprozesse; der Krieg als Herausforderung an den Zusammenhalt von Gesellschaften und die Handlungsfähigkeit ihrer politischen Systeme; der Krieg als Nährboden für den Machtzuwachs des modernen Staates; der Krieg als Katalysator für die Beschleunigung und Vollendung von Nationsbildungen; der Krieg als Loyalitätstest für vermeintlich unzuverlässige gesellschaftliche Gruppen; der Krieg als Belastungs- und Zerreißprobe für multiethnische Großreiche; der Krieg als Geburtshelfer von Revolutionen, die ganz neuartige politische und soziale Ordnungen zu errichten trachteten. Der Spruch, wonach der Krieg "der Vater aller Dinge" sei, mag banal und abgedroschen klingen. Leonhard zeigt jedoch, dass er ebenso simpel wie wahr ist. Europa ging anders aus dem Krieg heraus als es in ihn hineingegangen war, und das betraf nicht nur Grenzverläufe. Der Zäsurcharakter des Ersten Weltkrieges kann gar nicht stark genug betont werden.

Leonhard erbringt eine gewaltige Syntheseleistung, wie allein schon ein Blick in die 68-seitige Bibliographie zeigt. Sowohl in geographischer als auch thematischer Hinsicht ist die Darstellung allumfassend. Neben den fünf am Krieg beteiligten europäischen Großmächten werden auch Italien, die Balkanstaaten, das Osmanische Reich und die USA einbezogen. Auch die koloniale Peripherie wird berücksichtigt, denn die Kolonien der europäischen Mächte und die britischen Dominions (Kanada, Australien, Neuseeland) wurden ebenfalls in den Krieg hineingezogen. Das Kriegsgeschehen an den verschiedenen Fronten und die Rückwirkungen des Krieges auf die Heimatfronten behandelt Leonhard gleichermaßen kompetent und mit beneidenswerter Souveränität. Er betrachtet den Krieg aus jedem nur erdenklichen Blickwinkel: Politik- und Militärgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Kultur- und Mentalitätsgeschichte. In Zeiten akademischer Spezialisierung und kleinteiliger Detailforschung ist die Zusammenfassung und Verarbeitung von Forschungen zu so vielen Ländern und Themen eine großartige Leistung.

Leonhards Ansatz ist sozusagen enzyklopädisch. Der Autor verdient umso mehr Anerkennung, als er die Syntheseleistung allein erbracht hat. Das Ergebnis ist ein Werk aus einem Guss, in dem alle Einzelteile aufeinander bezogen sind und in der Summe eine stimmige, geschlossene und in sich abgerundete Darstellung ergeben. Man muss als einzelner Historiker sehr viel Mut besitzen, um ein solch ambitioniertes Vorhaben zu wagen. Leonhard hat die Messlatte für eine Gesamtdarstellung des Ersten Weltkrieges aus der Feder eines einzelnen Autors so hoch gelegt, dass sie in absehbarer Zeit kaum übersprungen werden dürfte. In darstellerischer Hinsicht hält Leonhard gekonnt die Balance zwischen analytischen und erzählerischen Passagen. Der Text wird immer wieder durch Anekdoten und Quellenzitate aufgelockert, so dass auch die Perspektive derer, die den Krieg unmittelbar erlebten, greifbar wird.

Für alle beteiligten Staaten war der Krieg nicht nur eine militärische Herausforderung, sondern auch eine innergesellschaftliche Belastungs- und Bewährungsprobe. Spätestens 1916 machten sich in allen kriegführenden Staaten Erschöpfungserscheinungen bemerkbar. "Erschöpfung" gehört zu den am häufigsten vorkommenden Wörtern im Text. Erschöpfend ist auch Leonhards Buch, und das in zweierlei Hinsicht. Einerseits lässt sich die thematische Breite kaum noch überbieten. Jeder Aspekt, der im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg von Bedeutung ist, wird angesprochen und mehr oder weniger ausführlich behandelt, von A wie Arbeiterbewegung bis Z wie Zwangsarbeit. In diesem Sinne bietet Leonhard eine "Totalgeschichte". Er schöpft sein Thema bis zum Grund aus.

Andererseits droht die schiere Fülle an Informationen stellenweise in eine erdrückende Überfülle umzuschlagen. Die Lektüre ist kein Spaziergang. Manches hätte durchaus knapper behandelt werden können. Neun Seiten über die vom Krieg ausgelöste Krise des Liberalismus als Idee und politische Kraft (S. 758ff.) sind dann doch zu viel des Guten, um nur ein Beispiel zu nennen. Wer sich rasch über den Ersten Weltkrieg informieren will, wem es nur um Grundzüge und das Wesentliche geht, der muss zu anderen Werken greifen. Dies ist kein Buch zum Schmökern, sondern ein anspruchsvolles Buch, das von der ersten bis zur tausendsten Seite durchgearbeitet werden will. Wer allerdings gezielt nach bestimmten Themen suchen möchte, sieht sich mit dem Umstand konfrontiert, dass das Buch kein Sachregister besitzt. Bei einem Werk von diesem Umfang und dieser ungeheuren thematischen Breite ist der Verzicht auf ein Sachregister unverständlich und unverzeihlich.

Dieser Mangel kann aber den großen Wert des Buches nicht schmälern. Leonhard ist erst Mitte 40, und es ist selten, dass ein Historiker schon in diesem Alter ein solches Opus magnum vorlegt. Was die Weite des thematischen Horizonts und die tiefgründige Durchdringung des Stoffes angeht, so kann man Leonhards Werk ohne Weiteres auf eine Stufe mit Jürgen Osterhammels "Die Verwandlung der Welt" stellen. Wer verstehen möchte, welche Bedeutung der Erste Weltkrieg für die Geschichte Europas und der Welt hatte, der wird in Jörn Leonhards Buch umfassende Aufklärung finden.
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25 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überwältigend, 5. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Leonhard präsentiert die Geschichte des ersten Weltkriegs fernab vom Schlachtenlärm. Zwar greift das Buch immer wieder Augenzeugenberichte und persönliche Erlebnisse auf, versorgt aber ansonsten den Leser mit einer bislang nicht gekannten Fülle an Hintergrundwissen über gesellschaftliche Strukturen und Ereignisse und die Entwicklung der Kriegsgesellschaften in den kombattanten Staaten.

Das Ganze ist überwiegend flüssig und gut lesbar geschrieben, Leonhard gleitet jedoch manchmal sehr in den akademischen Sprachgebrauch ab, indem er wenig gebräuchliche Begriffe verwendet. Er unterliegt hin und wieder auch der (bei Historikern leider weit verbreiteten) Neigung zu überlangen Schlangen- und Schachtelsätzen, die sich dann schon einmal eine halbe Buchseite genehmigen. Das macht den Lesegenuss hin und wieder beschwerlich.

Alles in allem taucht der Leser aber tief in die Welt des ersten Weltkriegs und der Jahre danach ein. Mir wurde bei der Lektüre besonders des letzten Drittels des Buchs wieder einmal bewusst, wie sehr diese Zeit Auswirkungen bis in die Gegenwart entfaltet und auch heute noch andauernde Konflikte ausgelöst hat (Balkan, Nahost, ehem. Sowjetstaaten). Gerade im Licht der aktuellen Ukrainekrise (Mai 2014) wirkt das beängstigend aktuell.

Sehr positiv wirkt sich auch hier (wie in anderen aktuellen Werken, z.B. bei Christopher Clark) aus, dass der Autor fast gänzlich auf die Diskussion der "Schuldfrage" verzichtet.

Die Lektüre war bei weitem eine der anstrengendsten, die ich je hinter mich gebracht habe. In der Rückschau war es aber jede Seite wert. Ich habe hier - obwohl bekennender Kindle-Fan - auch wieder einmal zur gebundenen Version gegriffen. Das "echte Buch" wird der Sache gefühlt einfach gerechter.

Nebenbei: trotz ziemlich hochwertiger Ausstattung gab es doch an zwei oder drei Stellen heftige Druckfehler. Das kann man dem Autor nicht anlasten, bei einem Verlag wie C.H. Beck wundert es mich hingegen schon....
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr detaillierte und vergleichende Darstellung inhärenter Themen, 24. Juli 2014
Das vorliegende Buch muss im Zusammenhang mit Herfried Münklers wenige Monate früher erschienenen Buch 'Der Große Krieg' gesehen werden. Auch wenn sie editorisch vollkommen unabhängig voneinander publiziert worden sind, bilden sie aufgrund ihrer komplementären Eigenschaften die maßgebliche Zusammenschau zur Geschichte des Ersten Weltkriegs. Anders als Münkler legt Leonhard den Schwerpunkt auf die Isolation einzelner Themenfelder, die er nach Kriegsjahren strukturiert. Ferner treten die politischen Aspekte und das Netz strategisch-taktischer Dilemmata in den Hintergrund, auch verzichtet Leonhard auf einen dramatischen Erzählverlauf, der mit dem von Münklers Buch vergleichbar wäre, weshalb das Buch den Leser nicht so atmosphärisch dicht in die Perspektive des Zeitgenossen zu versetzen vermag. Dem entsprechend ist es schwierig, bei Leonhard anhand des Inhaltsverzeichnisses einzelne Episoden des Weltkrieggeschehens zielsicher zu finden (mit dem Register schafft man es aber dann doch). Anders verhält es sich mit den inhärenten Themenfeldern des Weltkriegskomplexes. Hier gelingt es Leonhard, Zusammenhänge herzustellen und unter markanten Überschriften zusammenzufassen. So gleicht das Buch einer übergroßen Lupe, mit der man in die Geschichte des Weltkriegs hineinzoomen kann, um sich mit einzelnen Themen, wie z.B. dem Wesen der Abnutzung im Krieg oder einzelnen privaten Wahrnehmungen der Zeitgenossen bis hin zur Ausstattung der Soldaten und dem kulturellen wie politischen Wiederhall. Hervorzuheben ist dabei auch die Fülle, mit der Leonhard auf 38 Seiten die Revolution in Rußland und ihre Wechselwirkungen mit dem Weltkrieg darstellt, so dass ein sehr anschauliches Bild entsteht. Besondere Aufmerksamkeit widmet Leonhard außerdem den Heimatgesellschaften, die fortlaufend im Fokus stehen und gleichberechtigt zur militärischen Front untersucht werden. Dabei wendet er bei fast allen Teilaspekten einen systematischen Aufbau an, der die Geschehnisse und Ressonanzen in den verschiedenen beteiligten Nationen nacheinander darstellt, so dass eine vergleichende Bewertung möglich ist. Hervorzuheben ist ferner die besondere Aufmerksamkeit, die Leonhard den Erfahrungen, Wahrnehmungen und Motivationen Einzelner zukommen lässt. So wird klar, dass je länger der Krieg dauerte, die herkömmlichen Muster patriotischer und heldenhaft verklärender Motivation von der bloßen Furcht als Feigling zu gelten und dem Mitgefühl und der Mitverantwortung für die Kameraden als Motivation verdrängt wurden. Dabei wird die spezifische, ja schicksalhafte Verbindung von Front und Heimatgesellschaft für die Wahrnehmung des Krieges als entscheidender Aspekt deutlich. Gerade die Projektion der unterschiedlichen Erwartungen und Hoffnungen in der Gesellschaft, an Front und Heimatfront, ist ein Kernthema, das das Buch über die Zeitgeschichte hinaus zur Sozialgeschichte weitet.
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18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bravourös, 3. Mai 2014
Die Masse an Veröffentlichungen zum Ersten Weltkrieg macht es notwendig sich hervorzuheben. Und um es gleich vorwegzunehmen: Jörn Leonhard gelingt dies bravourös. Nicht nur der Umfang des Werkes rechtfertigt diese Feststellung, sondern auch die Art und Weise der Darstellung beeindruckt. Denn Leonhard ist ein Meister der präzisen Aufschlüsselung von "Kausalgeraden und Kontinuitätslinien", ohne dabei außer Acht zu lassen, dass der Erste Weltkrieg auch eine "Dynamik" und "Eigenlogik" entwickelte, die so nicht absehbar war. In diesem Zusammenhang tauchen außerdem auch immer wieder Details auf, die Leser in anderen Darstellungen zum Ersten Weltkrieg vergeblich suchen: Oder wussten Sie, dass der Wagen, mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand durch die Straßen Sarajevos fuhr, über keinen Rückwärtsgang verfügte und so dem Attentäter Gavrilo Princip bei einem aufwändigen Wendemanöver eine ideale Angriffsfläche bot? Solche Details machen dieses Buch nicht nur lesenswert, sondern auch spannend.

Die Ausstattung wirkt durch die Schwarz-Weiß-Abbildungen auf den ersten Blick etwas dürftig. Doch die Auswahl der 62 abgedruckten Bilddokumente zeugt von einem guten Gespür für das Besondere. Denn viele dieser selten abgedruckten Bilddokumente visualisieren ausdrucksstark die Besonderheiten dieses Ersten Weltkrieges. Hinzu kommen 14 übersichtlich gestaltete Karten, welche trotz der Schwarz-Weiß-Beschränkung glasklar die entsprechenden Verhältnisse und Situationen darlegen.

Die einzige Hürde, welche das Buch aufweist, dürfte wohl darin liegen, dass es nicht schadet, ein gewisses Hintergrundwissen zum Ersten Weltkrieg mitzubringen, um Leonhards analytische Fähigkeiten in seiner ganzen Perfektion zu würdigen.

FAZIT: ein voluminöser und beeindruckender Band, der bravourös die große Komplexität des Ersten Weltkrieges aufzeigt. Wenigen gelang es bisher, den Ersten Weltkrieg mit einer derartigen analytischen Schärfe darzulegen.
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51 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Leonhard gegen Münkler, 14. April 2014
Ohne Zweifel gehört das Buch von Leonhard zu den vier großen und wichtigen Neuerscheinungen (neben Münkler, Clark, Rauchensteiner). Trotzdem kaufe ich mir das Buch von Leonhard nicht, eine Ausleihe muss genügen, Ermüdung an dem Thema macht sich bemerkbar, mir reicht das Buch von Münkler. Ich habe mir lediglich das Kapitel über die Julikrise von Leonhard herauskopiert, Grund hierfür siehe unten.

Leonhard schreibt auf 1014 Seiten, Münkler nur 796 Seiten, Leonhard mit kleinerer Schrift 39 Zeilen je Seite, Münkler 35 Zeilen. Leonhard liefert auch gefühlt mehr Information, manchmal, wie Vorrezensent Corrino schreibt, zuviel. In der Kategorie "Fotos" gewinnt Münkler. Leonhard 62 Fotos, Münkler 85 (selber gezählt, da der Verlag das nicht angibt). Ich halte auch die Bildauswahl von Münkler sehr gelungen, viele Fotos sind großformatig, 2 sogar doppelseitig. Eine Wucht sind die Texte unter den Bilder von Münkler, er kommentiert die Bilder ausführlich.
Bei den Karten herrscht Gleichstand: Beide liefern 14 Karten mit. Was es bei Münkler nicht gibt sind Tabellen. Leonhard hat 5, man kann daraus die Höhe der Verluste entnehmen an West- und Ostfront, monatlich unterteilt. Beiden Büchern fehlt eine Zeittafel, aber dafür besitze ich ein GeoEpoche Heft.
Leonhard zitiert ca. 1800 Aufsätze und Bücher. Münkler zitiert ca. 950.
Beide verzichten auf ein Sachregister, aber bei Leonhard ist das besonders schlecht. Denn Münklers Inhaltsverzeichnis ist so, dass man trotzdem leicht findet, was man sucht. Leonhards Inhaltsverzeichnis ist derart abstrakt formuliert, dass man nur Vermutungen anstellen kann und dann heißt es blättern.

Leider hat Münkler die Julikrise nur stiefmütterlich behandelt, Leonhard macht das auf 40 Seiten deutlich besser. Dabei geht er nicht, wie viele andere Autoren, Tag für Tag vor, aber das muss auch nicht sein. Im Ergebnis sieht Leonhard eine "besondere Verantwortung" für die Mittelmächte, er spricht aber auch klar die Fehler der anderen Akteure an. Leonhard kann keine Schlafwandler erkennen. Im Gegensatz zu Krumeich ist er der Meinung, dass Politiker und Militärs durchaus wissen konnten, was im Falle eines Krieges auf sie zukommen könnte, wenn auch die Dimension von über 10 Millionen Toten außerhalb ihres Vorstellungshorizontes lag. Jedenfalls plante keiner der Staaten zum Zeitpunkt des Attentats in Sarajewo einen Angriffskrieg, aber ein Denken in den Kategorien eines Präventivkrieges gab es in Berlin wie in Wien, Paris oder St. Petersburg. Leonhard hält den deutschen Blankoscheck für Wien vergleichbar mit den Zusagen Poincares in St. Petersburg und der Unterstützungserklärung Russlands für Serbien. Leonhard analysiert die Verengung der subjektiven Handlungsspielräume der Akteure in 8 Punkten. Er hält die Julikrise für eine Vertrauenskrise, fehlende Vertrauensvorleistungen erhöhten die Risikobereitschaft. Beim Lesen der 8 Punkte musste ich immer wieder unwillkürlich an den Ukraine-Konflikt denken.

Für Münkler liegt der Schlüssel zum Krieg in St. Petersburg. Wie McMeekin meint er, hätte Russland auf eine Mobilmachung verzichtet, wäre es nicht zum Weltkrieg gekommen. Verhängnisvoll war der Schliefenplan, der unter Zeitdruck einen Zweifrontenkrieg vorsah. Wie Leonhard ist Münkler aber der Meinung, Deutschland hätte deeskalieren müssen.

Im Kapitel 5 beschreibt Leonhard ganz konventionell das Kriegsgeschehen an West- und Ostfront im Sommer und Herbst 1914. Dieser Abschnitt hat mir bei Münkler besser gefallen. Allerdings geht Leonhard über Münkler hinaus, denn sein Buch hat ja einen globalen Anspruch. Leonhard erzählt also auch über Kriegshandlungen in Afrika, Ostasien, Südamerika, bei Münkler findet man hierüber wenig.

Über die Skagerrakschlacht schreibt Leonhard nur eine Seite, es gibt keine Karte. Vielleicht entspricht dies auch ihrer Bedeutung für den Ersten Weltkrieg. Aber man möchte es halt wissen. Münkler schreibt 10 Seiten, eine Seite davon für Karten. Bei Olaf. B. Rader und Arne Karten (Die großen Seeschlachten) kann man allerdings nachlesen, dass Münkler dabei einige Begriffe verwechselt hat. Universalisten haben es halt schwer.

Es gibt weder bei Leonhard noch bei Münkler ein Sachverzeichnis. Bei Leonhard ist die Suche nach der Skagerrakschlacht mühsam. Man weis nur, sie muss irgendwo im Kapitel 1916 versteckt sein. Bei Münkler ist die Schlacht immerhin im Inhaltsverzeichnis aufgeführt.

Über Verdun schreibt Leonhard 16 Seiten, Münkler nur 9 Seiten. Trotzdem fühle ich mich von Münkler ausreichend informiert, das Pluss an Infos scheint mir unwesentlich. Fotos und Karten sind fast gleich.

Beim Gaskrieg ist es umgekehrt: Leonhard 6 Seiten, 1 Foto, Münkler 10 Seiten, 2 Fotos. Leonhard liefert eine Info, die man bei Münkler nicht findet, die ich aber nicht vergessen werde: Die Tragädie im Hause Haber: Habers Ehefrau Clara, selbst Chemikerin, kritisiert ihren Mann, fällt ihm, wie er meint, in den Rücken. Haber wird befördert zum Hauptmann, am Tag der Feier der Beförderung erschießt sich Clara mit der Dienstwaffe von Fritz Haber.

Kommen wir zur Schlacht an der Somme. Hierüber möchte ich etwas mehr schreiben. 15 Seiten von Leonhard gegen 12 von Münkler. Die Darstellung von Leonhard sehr viel überzeugender. Leonhard weist auf die mangelhafte Ausbildung der britischen Soldaten hin, auch gab es viele Lücken im Unteroffiziers- und Offizierskorps aufgrund hoher Verluste im Vorjahr. Zu beginn eine Meinungsverschiedenheit zwischen Haig (Maximalforderung Durchbruch) und Rawlinson (Taktik kleiner Kämpfe). Haig setzt sich durch. Viele britische Granaten fallen auf die eigenen Leute oder sind Blindgänger. Dann, 7.28 Uhr, ein britischer Captain kickt ein Fußball auf das Feld, läuft hinterher, seine Jungs hinterher, deutsche Maschinengewehre metzeln alle nieder. Klasse geschildert von Leonhard. Münkler hält dagegen mit langem Zitat aus Jüngers Kriegstagebuch. Dann erläutert Leonhard ausführlich die britischen Planungen mit der Feuerwalze und die damit zusammenhängenden Probleme in der Praxis. Münkler erwähnt die Feuerwalze zwar auch, aber mir war nicht klar, dass da eine neue Taktik dahintersteckt. Dann eine Seite von Leonhard über Luftaufklärung und die verschiedenen Flugzeugtypen und Luftkämpfe. Das wichtigste aber: Während Deutschland U-Boote baut, produzieren Großbritannien und Frankreich Panzer. Das alles bei Leonhard.
Während also Leonhard mehr über die Britten schreibt, findet man bei Münkler Ausführungen über die Taktik von Oberst Loßberg (Anstatt Grabensystem lieber kleine Trupps im Gelände verteilen, so dass Artillerie größere Fläche belegen muss). Man muss aber berücksichtigen, dass es von Münkler zum Thema Luftkrieg ein spezielles Kapitel gibt, so dass er insgesamt zu diesem Thema Leonhard überholt. Bei Münkler gibt es zum Bespiel Ausführungen zu Fesselballos, fehlt bei Leonhard.

Es gibt bei Leonhard ein Abschnitt, der so überschrieben ist: Die Grenzen der Belastung. Die Soldaten des Jahres 1917 zwischen Devianz und Protest, Gefangenschaft, Politik. Er referiert darin über Todesstrafen, Haftstrafen, Befehlsverweigerungen, Meutereien. So ein Kapitel gibt es auch bei Münkler: Kampfstreiks und Meutereien. Bei Münkler klingt alles etwas anschaulicher. Er bringt weniger Zahlen und Strukturen. Dafür Zitate aus Fronttagebüchern, sogar aus einem Roman, man kann sich das Geschehen besser vorstellen.

Leonhard ist am besten, wenn er über weniger bekannte Themen schreibt. Klasse der Abschnitt über Körper und Nerven, dort 16 Seiten über Verletzungen, Prothesen, Ärzte und Behandlungsmöglichkeiten. Oder im Abschnitt Kommunikation Kontrolle und Meinungslenkung schreibt er über Brieftauben bis zur Kabelverlegung im Atlantik. Es gibt sogar eine Seite zu den Erlebnissen des Philosophen Wittgenstein im Krieg.

Leonhard ist Historiker, Münkler Politikwissenschaftler, das ist den beiden Büchern deutlich anzumerken. Münkler analysiert gerne Strategien, Leonhard breitet Detailwissen aus. Noch wesentlicher für den Unterschied ist allerdings die globale Perspektive, die Leonhard einnimmt.

Man muss beide Bücher konzentriert lesen, Leonhard noch mehr als Münkler. Beide Bücher lassen sich durchaus flüssig lesen, es gibt keine Fußnoten. Die Anmerkungen am Ende des Buches bezeichnen bei Leonhard nur die Quellen, Münkler aber schreibt interessante Infos in die Anmerkungen, man muss also nachzuschlagen, was den Lesefluss stört.
Insgesamt ist natürlich Münkler (62 Jahre) wesentlich cleverer als Leonhard (47 Jahre), wenn es um das Schreiben von Büchern für einen breiten Leserkreis geht.

Ein einzelner Autor muss bei diesem komplexen Thema den Spezialisten (Militärhistoriker, Wirtschaftshistoriker) unterliegen, sobald es allzusehr in die Details geht. Aber Leonhard dürfte kaum zu übertreffen sein, wenn es darum geht, zwischen zwei Buckdeckeln den Krieg in seiner Gesamtheit darzustellen.

Zusammenfassend: Ich bin mit Münkler gerade noch klargekommen. 400 Seiten Leonhard haben mich erschöpft,ich habe das Buch erst weggelegt. Die Informationsdichte und die wissenschaftlichere Sprache sind sehr anstrengend, wenn man berufstätig ist, eine Familie hat und noch andere Interessen im Raum stehen.
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The book to end all books on the Great War, 4. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkrieges (Kindle Edition)
Nach den Werken von Christopher Clark und Münkler das dritte große Opus. Bisher hat es leider nicht die Resonanz gefunden, die es aus meiner Sicht verdient. Leonhard ist nicht so in großer Stilist wie Clark und er verliert sich nicht in so Interessanten Spekulationen ("Was können wir aus der Geschichte lernen?") wie Münkler. Aber ist gründlich, umfassend und mit seinem Buch kann man wie ich als ehemaliger Schulhistoriker die Lektüre überden 1.Wk guten Gerwissens abschließen.
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr zu empfehlen, 1. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Unter den vielen aktuellen Publikationen über den Ersten Weltkrieg ist dieses Werk sehr zu empfehlen, denn hier werden nicht
nur Fakten und Ereignisse aufgelistet; hier werden den Krieg antreibende Ideen und Ideologien kenntnisreich und gründlich vor-
gestellt. Ohne diese diversen Rezepte zum Hass, die uferlose Propaganda der Nationalisten auf allen Seiten, ohne Lügen und
Fälschungen, wäre die erschreckende Kriegsbereitschaft der europäischen, zivilisierten Völker nicht zu verstehen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Höchst interessantes Werk für historisch und politisch interessierte Leser, 1. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
J.L. ist ein Meisterwerk gelungen: beschrieben wird die Entstehung und der Ablauf des 1. Weltkriegs mit allen seinen politischen und wirtschaftlichen Facetten und Entwicklungen. Der Ablauf wird aus der Sicht der wichtigsten beteiligten Staaten und deren innen- und aussenpolitischen Bestrebungen, wie z.B. die Irredenta und das Streben nach Nationalstaaten dargestellt. Auf militärische Ereignisse und Schlachten wird nicht immer im Detail eingegangen, da Hilft Wikipedia weiter. Beim Lesen wird es nie langweilig, weil der Autor über einen eleganten und flüssigen Schreibstil verfügt. Einfach lesenswert!! Yves Sohrmann
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unvergleichbares Buch zur Aufarbeitung des 1.Weltkrieges und der Folgen, 9. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkrieges (Kindle Edition)
Die Analyse der komplexen Zusammenhänge, die zum 1. Weltkrieg geführt haben ist außerordentlich aufschlussreich. Obwohl Analogieschlüsse zu Gegenwart nicht zulässig sind, gibt zumindest der Autor ein hervorragendes Beispiel wie auch Warnsignale und Entwicklungen der politische, wirtschaftlichen und militärischen Akteure der Mächte im 21. Jahrhundert zu analysieren und zu Bewerten sind.
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0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Systematisches Trommelfeuer an Informationen, 29. Juli 2014
Ich habe so einige Bücher über den ersten Weltkrieg und auch nur über einzelne Begebenheiten etc gelesen und muss sagen, dass der Autor hier wirklich eine aktuelle Zusammenfassung der wichtigsten Zusammenhänge bietet, die ich je gesehen habe. Es beginnt noch weit vor Kriegsausbruch, damit auch allen klar wird, was oder was nicht diesen Krieg begünstigt hat. Zugegeben, manchen Absatz muss man zwei Mal lesen, aber es handelt sich ja auch um gut fundiertes Fachwissen und keinen Roman.

Sowohl Beginner als auch Fortgeschrittene Hobby-Militärhistoriker kommen hier voll auf Ihre Kosten und können auch noch Unmengen an weiterführender Literatur finden, aus der der Schreiber geschöpft hat.

1A, und ohne lästige oder im schlimmsten Fall sogar spekulative Schuldzuweisungen. So muss Geschichte verarbeitet werden.
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