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170
4,0 von 5 Sternen
Der Distelfink
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20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 9. Januar 2015
...ein Kunstraub mit ungeahnten Verwicklungen oder das wechselvolle Schicksal eines verwaisten Knaben sind zunächst keine wirklich neuen Romanmotive. Man denke nur an Erich Käster (Die verschwundene Miniatur) oder Charles Dickens (Oliver Twist). Aber Donna Tartt, die angeblich am Zeitgeschehen wenig Anteil nimmt und aus ihrer Wertschätzung für die Literatur des 19. Jahrhunderts (wieder Charles Dickens) keinen Hehl macht, bezieht ihre Themen scheinbar mehr aus den Klassikern der Weltliteratur als dem richtigen Leben. Warum auch nicht? Denn die altbewährten Motive ins 21. Jahrhundert zu verlegen und unter den heutigen gesellschaftlichen Gegebenheiten neu zu entwickeln, ist ein ebenso reizvolles wie ambitioniertes Unterfangen. Man darf also gespannt sein auf ihren dritten Roman, für den sie sich immerhin eine ganze Dekade Zeit genommen hat und der trotz seines gewaltigen Umfangs (1000 Seiten etwa) begeistert aufgenommen wurde.

Schon nach wenigen Absätzen begreift man das ungeheure Potenzial der Geschichte und ergibt sich dem enormen Sog ihrer buchstäblich fesselnden Sprache, die das Geschehen mit den an Dickens erinnernden Wendungen zu einem höchst originellen und packenden Leseerlebnis werden lässt. Der junge New Yorker, Theodore Decker, lebt, nachdem sich der Vater aus dem Staub gemacht hatte, alleine mit seiner fürsorglichen Mutter, die ihm bei einem gemeinsamen Museumsbesuch ihr Lieblingsgemälde zeigt. Ein letzter, vielleicht wegweisender Vorgang, denn ein plötzlicher Terroranschlag auf das Gebäude macht ihn zum Halbwaisen und Dieb des kleinen Kunstwerks, dass er, dem Zuraten eines Schwerverletzten folgend, aus den Trümmern "beseitigt". Plötzlich auf sich gestellt,findet er Unterschlupf bei der reichen Familie eines Schulfreundes und nimmt von dort aus Kontakt zu einem begnadeten Restaurator und Antiquitätenhändler auf, um den letzten Wunsch des mysteriösen Museumsbesuchers zu erfüllen. Den "Distelfink", der ihm als Erinnerung an die verstorbene Mutter zu einer Art Reliquie geworden ist, hält er jedoch verborgen und führt ihn unbemerkt mit sich, als sein überraschend auftauchender Vater ihn zwingt, mit ihm in sein neues "Zuhause" in die Wüste bei Las Vegas zu gehen. Da der trunksüchtiger Erzeuger ständig unterwegs ist, um "Kohle" zu machen, beginnt Theo eine verhängnisvolle Freundschaft mit Boris, einem Schicksalsgenossen mit russischen Wurzeln. Alkohol-, Drogenexzesse und was Pubertierenden sonst noch das Alleinsein erträglich macht, sind ab jetzt an der Tagesordnung - und Donna Tartt schmückt die chaotische Szenerie mit unendlicher Ausdauer bis ins letzte trostlose Detail aus, bevor sie Theo durch einen Verkehrsunfall des Vaters zum Vollwaisen werden lässt. Um der staatlichen Fürsorge zu entgehen, kehrt er nach New York zurück und dient sich dem bekannten Antiquitätenhändler als Verkäufer an. Mit seiner inzwischen geschulten kriminellen Intelligenz kommt Theo schnell aus den roten Zahlen und man fragt sich, wohin das noch führen soll...

Bis endlich der titelgebende Distelfink ins Spiel kommt, liegen 80% der Geschichte hinter uns und der Entwicklungsroman mutiert abrupt zum Thriller. Dadurch erscheint alles, was vorher so schön und gut und vielversprechend war, mit einem Mal ziemlich künstlich, so dass man die Lust am Weiterlesen verlieren könnte. Offenbar haben die 10 Jahre seiner Entstehung doch nicht gereicht, um das erstaunliche Werk so abzurunden, dass es eines Tages zu den Klassikern der Weltliteratur aufsteigen könnte. Von meiner anfänglichen Begeisterung blieb jedenfalls zum Ende nur noch die Erinnerung. Die ist mir aber 4 Sterne wert.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 3. Juni 2015
Bei einem verheerenden Bombenattentat kommt die Mutter des sensiblen dreizehnjährigen Theo Decker ums Leben. Während der leicht verletzte Junge versucht, sich aus den Trümmern zu befreien, nimmt er ein kleines Bild an sich: Der Distelfink, ein hochdotiertes Meisterwerk des niederländischen Malers Carel Fabritius aus dem 17. Jahrhundert. Theo kommt für ein paar Wochen bei der Familie seines Schulfreundes Andy Barbour unter, aber in der distanzierten Atmosphäre dieser Familie findet der traumatisierte Junge wenig Trost. Erst als er den Restaurator und Antiquitätenhändler James Hobart kennenlernt und dort die gleichaltrige Pippa, auch eine Überlebende des Anschlags, trifft, scheint er ein wenig Halt zu gewinnen. Aber dann holt ihn sein Vater Larry, ein Zocker und Alkoholiker zu sich nach Las Vegas.
In Las Vegas fühlt sich Theo einsam, bis er Boris kennenlernt, ein junger Russe, der mit allen Wassern gewaschen zu sein scheint. Zusammen vertreiben sie sich die Zeit mit Kleindiebstählen, Drogenexperimenten und sonstigem Blödsinn. Als auch Theos Vater ums Leben kommt, fährt der Junge zurück nach New York und beginnt bei Hobart “Hobby” eine Ausbildung als Restaurator.
Jahre später hat Theo viel Erfolg als Antiquitätenhändler, wenn auch oft mit unseriösen Geschäften. Der Distelfink ist immer noch in seinem Besitz, obwohl FBI und Interpol mit Hochdruck nach diesem Gemälde suchen. Kurz vor seiner Verlobung mit Kitsey Barbour tritt unerwartet Boris wieder in sein Leben.
Dieser erzählt ihm eine unglaubliche Geschichte und verwickelt ihn in einen gefährlichen Plan …

Donna Tartt

Die hochintelligente, begabte und zugleich zurückhaltende Autorin Donna Tartt wurde 1963 in Greenwood, Mississippi geboren. Ihren ersten internationalen Erfolg erhielt sie mit dem Roman “Die geheime Geschichte”. Für “Der Distelfink” bekam sie 2014 den Pulitzerpreis.

Der Distelfink – Meine Meinung

Der Einband mit dem putzigen Vögelchen sollte mit einer Warnung versehen werden. Denn dieses Buch ist nichts für schwache Nerven.
Der in der Ich-Perspektive gehaltene Roman beginnt in einem Amsterdamer Hotel und scheint dem Leser eine solide, aber harmlose Spannung zu verprechen. Bis der Protagonist beginnt, in einer Rückblende seine tragische und zugleich verworrene Lebensgeschichte zu erzählen. Die Passagen, in denen Theo durch das zerstörte Museum stolpert, sind dramatisch; die Trauer um seine Mutter nimmt einen mit, seine Introvertiertheit scheint unbegreiflich. Man erlebt mit Theo die wohltuende Routine in Hobbards Werkstatt und dann wieder die Selbstzerstörung seiner Drogenexzesse und fühlt sich über Seiten hinweg wie in einer Anleitung zum Borderline-Syndrom. Dennoch ist keine Wendung vorhersehbar, auch wenn man von Anfang an meint zu wissen, wie das alles endet.
Nebenher erhellt einen die Autorin mit Gedanken über die Wirkung von wahrer Kunst ebenso, wie mit dem Schreinerhandwerk. Die Einsichten in den Kunsthandel und den internationalen Kunstraub, sowie den Drogenhandel sind genauso lehrreich, wie die Beschreibung von Instandsetzungsarbeiten bei Antiquitäten.
So ein kleines Chippendale Sofa könnte ich nach dieser Lektüre nun auch ein bisschen restaurieren.
Angeblich hat die Autorin 10 Jahre an diesem Buch gearbeitet. Hätte sie nur 8 Jahre daran geschrieben, wären uns einige Längen erspart geblieben, die zwar voller Philosophie stecken, aber anstrengend sind. Gerade die Betrachtungen über Gut und Böse sind mir zu weit hergeholt und zu selbstgerecht.

Dieses Buch ist ein Kunstwerk um ein Kunstwerk. Und es ist auf jeden Fall empfehlenswert, auch wenn man eine stabile Psyche benötigt.

Ein Lob gebührt dem Hörbuchsprecher Matthias Koeberlin, dem es gelang, die Theos Lethargie und Melancholie stimmlich wiederzugeben.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 22. April 2015
Im Alter von dreizehn Jahren verliert Theo Decker während des Besuchs eines New Yorker Museums seine Mutter aufgrund eines Anschlags. Unbemerkt im Chaos klaut Theo ein Gemälde, das ihn sein Leben lang begleiten wird. Nachdem Theo zunächst bei einer befreundeten Familie unterkommt zieht er zu seinem Vater, der ihn und seine Mutter vorher im Stich gelassen hatte. Das einzige, das Theo an seine Mutter erinnert aber ihm trotzdem keinen Trost spenden kann, ist das gestohlene Gemälde. Mit fortschreitendem Alter gerät Theo immer mehr in eine Krise und bewegt sich in kriminellen Kreisen.

Der Distelfink von Donna Tartt ist ein spannender Entwicklungsromanroman, der zum Ende hin ein richtiger Thriller wird. Das Erzähltempo ist eher langsam, wodurch der Autorin viele Momente bleiben, um das Geschehen detailreich und bildhaft in Szene zu setzen. Donna Tartts Sprache trifft eine wunderbare Mischung aus unterhaltsam und anspruchsvoll, auch wenn sie es aus meiner Sicht mit manchen metaphorischen Beschreibungen übertreibt. Die gesamte Geschichte wird vom Ich-Erzähler Theo Decker getragen, den der Leser in seinem Leben begleitet. Durch die gute Schreibweise konnte ich mich früh mit Theo identifizieren und seine Gefühle und seine Handlungsmotive nachvollziehen, obwohl ich mit mancher seiner Entscheidungen nicht unbedingt einverstanden war. Theos Leidenschaft für Pippa, die er bereits am Tag des Anschlags kennenlernt, konnte mich leider nicht richtig berühren. Neben Theo sind auch die anderen Charaktere sehr ausführlich ausgearbeitet und begleiten diesen in den verschiedenen Abschnitten seines Jugendalters. Bei den Nebencharakteren ist mir nur Hobie an manchen Stellen negativ aufgefallen. Der Restaurator, bei dem Theo arbeitet, erscheint mir doch etwas sehr naiv und gutgläubig in Bezug auf Theos Verhalten, bei dem Alkohol und Drogen eine nicht unwichtige Rolle spielen.

Donna Tartts Der Distelfink ist ein interessantes Buch, das spannende Themen und einen anspruchsvollen Stil bietet. Das Buch hat beim Lesen einen Sog auf mich ausgeübt, so dass ich es kaum aus der Hand legen konnte, obwohl mir ein paar Aspekte negativ aufgefallen sind. Wer sich nicht von detaillierten Beschreibungen, die für manchen zu langatmig werden könnten, abschrecken lässt und wer sich für Entwicklungsromane interessiert, sollte hier unbedingt zugreifen.

Ich würde 4 1/2 Sterne vergeben!
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160 von 183 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
„Der Distelfink“ von Donna Tartt ist ein Roman, der das Schicksal eines Jungen im modernen Amerika mit einem von ihm gestohlenen Gemälde verbindet – in der gebundenen Ausgabe auf 1024 Seiten.

Kurz zum Inhalt: Der dreizehnjährige Theo besucht mit seiner alleinerziehenden Mutter ein Museum in New York, als sich sein Leben auf einen Schlag verändert. Ein Gemälde aus dem Museum, „Der Distelfink“, das er heimlich mitgehen ließ, begleitet ihn von nun an, während er bereits in jungen Jahren den Boden unter den Füßen verliert.

Unter normalen Umständen würde ich den Inhalt klarer anschneiden. Bis zum ersten Wendepunkt der Geschichte, nie mehr als ein guter Klappentext, kurz zusammenzufassen, worum es geht, um dem zukünftigen Leser einen Einblick zu geben, halte ich an sich nicht nur für legitim sondern fast für notwendig. Doch bei diesem Roman fällt mir das schwer, denn der Anfang ist mit seiner Tragik, seinem Tempo und seiner Emotionalität eigentlich schon der beste Teil des gesamten 1000-Seiten-Werkes und, auch wenn dieser Anfang bereits gut 200-300 Seiten umfasst, wird der Klappentext des Verlags dort für meinen Geschmack bereits zu konkret.

Was die Autorin anschließend dokumentiert, ist der Abstieg des jungen Ich-Erzählers Theo, der sich über verschiedene Stationen seines noch jungen Lebens von einer Depression zur nächsten, von einer Trunkenheit zur nächsten und von einem Drogenrausch zum nächsten manövriert und dabei auf Nebendarsteller trifft, von denen kaum eine Entwicklung ausgeht und die in den meisten Fällen eine so sehr gespaltene Persönlichkeit besitzen, dass ihre Undurchschaubarkeit für den Leser zwar auch regelmäßig Überraschungen mit sich bringt und sie als Charaktere spannend macht, sie aber insgesamt auch blass und austauschbar wirken lässt.

Die Autorin verliert den roten Faden ihres Romans – die Verbindung zwischen Theo, der Entwicklung seines Lebens und dem Gemälde als Symbol – zu oft aus den Augen. Theos Geschichte schweift ab und kreist in sich wiederholenden Situationen, die das Lesevergnügen mit der Zeit immer zäher machen. Wenn das Gemälde dann einmal wieder in den Fokus rückt, ist es meist nur für kurze Zeit – lange habe ich darauf warten müssen, dass die Autorin zum längst überfälligen Finale kam. Dieses wirkte dann allerdings zu überzogen und passte weder von der zeitlichen Folge (was für ein Zeitsprung!) noch vom inhaltlichen Rahmen her zum Rest des Romans. Internationale, organisierte Kriminalität und ein überstürzter Gangster-Road-Trip schafften einen eher kitschigen als runden Abschluss. Also blieb der Anfang der inhaltlich stärkste Abschnitt des Distelfinken.

Meine Motivation während des Lesens wurde dabei kurz nach dem starken Auftakt, als ich gerade in der ersten langen, langen Phase aus Drogen und Alkohol festhing und verzweifelt die Spannung suchte, noch einmal deutlich gesteigert: „Der Distelfink“ wurde als Gewinner des renommierten Pulitzer Preises bekannt gegeben. Leider konnte ich aber trotz größter Mühe und größtem Durchhaltevermögen auf den langen, langen 1000-und-ein-paar-Seiten nichts finden, dass mich jetzt befähigen würde, diese Auszeichnung oder den Hype um das Buch nachzuvollziehen. Möglicherweise haben dabei die Erwartungen, die mit der langen Bearbeitungszeit von mehr als zehn Jahren, in denen man nichts von der Autorin hörte, einhergingen sowie der gigantische Umfang des Werkes und die mit Sicherheit vorhandenen sprachlichen Fähigkeiten Tartts nicht nur mitgewirkt, sondern auch eine größere Rolle gespielt als der eigentliche Inhalt.

Sprachlich ist „Der Distelfink“ wirklich gelungen. So wurde die Lektüre für mich dann auch eher ein Lesen um des Lesens Wille. Schöne Worte aneinandergereiht, auf den Punkt gebrachte Beschreibungen mit einem hervorragenden Gespür für die einprägsamen Details und nicht zuletzt auch die Fähigkeit den jugendlichen Ich-Erzähler und die anderen jungen wie alten Charaktere im Roman (fast immer) glaubwürdig agieren zu lassen, machten „Der Distelfink“ zu einer erzählerisch runden Reise. Wären die schön geschriebenen Dialoge doch nur nicht zu oft inhaltlich leer und die detailreichen Beschreibungen nicht zu oft der Ersatz für einen deutlichen Handlungsfortschritt – der Roman wäre perfekt. So, wie er ist, empfand ich ihn leider als 300 bis 400 Seiten zu lang - der Roman war inhaltlich zu wenig dicht.

Fazit: Pulitzer-Preis-Träger 2014, Bestseller und Auslöser eines Hypes um ein einziges kleines Kunstwerk. „Der Distelfink“ ist der erste Roman von Donna Tartt nach rund zehn Jahren. Sprachlich hat er auch mir sehr gut gefallen, inhaltlich flachte der Roman jedoch nach dem bewegenden Beginn spürbar ab und verlor sich in Wiederholungen, Rauschzuständen und leeren Gesprächen. Theo und sein gestohlener Distelfink waren zu selten gemeinsam im Mittelpunkt des Geschehens. Ich vergebe gute 3 Sterne für einen gut geschriebenen, aber zu langen Roman, der deutlich eher auf den Punkt hätte kommen können.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 1. Juni 2015
Nach Die Geheime Geschichte, ihrem abgründigen Erstling, und Der kleine Freund legt Donna Tartt ihren dritten Roman in zwanzig Jahren vor, und er beginnt mit einem Mann in einem Amsterdamer Hotelzimmer. Er ist allein, verängstigt, möglicherweise paranoid. Weshalb er sich nicht nach draußen traut, wird nicht klar, doch er ist offensichtlich an einem Endpunkt angelangt – oder an einem Wendepunkt. Das Buch erzählt die Geschichte, die ihn hierhergebracht hat.

Der 13jährige Theo Decker lebt in New York bei seiner Mutter, einer schönen, gebildeten, weltoffenen Frau. Der Vater, ein unzuverlässiger, unberechenbarer Trinker, hat sie vor einem Jahr verlassen. Bei einem Besuch im Metropolitan Museum wird sie bei einem Bombenanschlag getötet. Was Theo aus dem Museum mitnimmt, ist der zermalmende Schock, der sein Leben fortan bestimmen wird, die Erinnerung an den roten Haarschopf des Mädchens, das er unbedingt ansprechen wollte, als das Unglück geschah, die Adresse, die ihr erwachsener Begleiter ihm im Sterben zuflüstert, dessen Ring (der sich später als verräterisch erweisen wird) und das Bild ‘Der Distelfink’ von Carel Fabritius, dem mutmaßlichen Lehrer Vermeers. Zunächst kommt Theo bei der Familie eines Schulfreunds in der Park Avenue unter und versinkt in tiefe Trauer. Schließlich sucht er die Adresse des Toten auf und gerät in einen Antiquitätenladen. Im Keller befindet sich die Werkstatt, ein in die Zeitlosigkeit entrücktes Reich der alten Dinge, wo sich auf den Tischen ‘das Licht in goldenen Lachen sammelt’. Hobie, der Geschäftspartner des Verstorbenen aus dem Museum, nimmt sich seiner rührend an. Hier findet er Trost und Geborgenheit und wird in die Geheimnisse der Tischlerei eingeweiht. Und in einem abgedunkelten Zimmer nebenan erholt sich Pippa, das rothaarige Mädchen, von den Folgen der Explosion.

Nach einem Jahr Jahr endet die Idylle abrupt. Überraschend meldet sich sein Vater und holt ihn zu sich und seiner Freundin nach Las Vegas, wo er am Rand der Wüste in einer nahezu unbewohnten Straße haust. Sein Geld verdient er als Zocker, und dass er sich um seinen Sohn kümmert, ist nicht väterlichen Gefühlen, sondern eher finanziellem Interesse an der Hinterlassenschaft seiner verstorbenen Frau geschuldet. Aus der emotionalen Indifferenz der fremden Upperclass-Familie in eine andere, brutalere Art von Fremdnis versetzt, schließt Theo sich seinem Klassenkameraden Boris an und erlebt mit ihm eine wilde, intensive Freundschaft: lange Gespräche, pubertäre Ausgelassenheit, Drogenekstase, aber auch Gewalt und Zügellosigkeit. Später wird sich zeigen, dass damit ein ungutes Fundament gelegt ist, auf dem er, wieder zurück in New York und inzwischen Teilhaber von Hobies Antiquitätenladen, aufzubauen weiß. Theos Geschichte ist ein Abstieg, stets begleitet von dem geliebten Gemälde, das ihn an an seine Mutter erinnert und gleichzeitig wie den Finken an seinen Sitz an den Tag kettet, an dem er sie verlor. Die andere Konstante ist Pippa, die in London mit einem Freund zusammenlebt. Um diesen beiden Fixsterne kreist sein Leben, doch seine Bahn ist eine Abwärtsspirale, auf der wir ihm bis zu dem Hotelzimmer in Amsterdam folgen.

Der Distelfink ist ein Buch der Erinnerung, ein Versuch, der Flüchtigkeit der Zeit zu trotzen – eine Beschwörung des Vergangenen, aber auch eine Beichte, ein Rechenschaftsbericht. Und ein erstaunlich unmodernes Buch. Es gibt zwar ein paar Zeitsprünge, nach denen die Lücken mit Rückblenden geschlossen werden, doch das mutet fast schon ein bisschen gewagt an im steten Fluss des Erzählens. Im Wesentlichen verzichtet Tartt auf die Tricks und Kniffe, die Raffungen, harten Schnitte, Spiegelungen, Perspektivwechsel des modernen Erzählens. Die Handlung schreitet langsam voran, die Turning Points sind rar gesät, doch die Lesegeduld wird reich belohnt. Man kann in diesem Buch versinken und sich treiben lassen in der Fülle der Details und Personen, in den Nuancen von Theos Gefühlswelt und der bizarren Alltäglichkeit der wenigen Katastrophen und vielen Irrtümer und falschen Entscheidungen, aus denen sich sein Leben entwickelt, doch dies alles erschließt sich erst vom Ende her. Da mündet es in die alte, immer noch aktuelle Frage: Kann aus dem Bösen Gutes erwachsen, das Richtige aus dem Falschen? Und kaum stellt sich Sinn her und eine Art Eindeutigkeit, löst sich alles wieder in vielschichtiger Ungewissheit auf. Was bleibt, ist allermindestens das: eine genussvolle, äußerst lohnende Übung in Entschleunigung.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 20. Januar 2015
mal ein ganz anderes Buch, welches aus 3 Gründen gerade in mein Leben passte: 1. war ich krank und hatte viel Zeit zum Lesen, 2. passt es thematisch zu HAPE Kerkelings Buch (Der Junge muss an die frische Luft )
Hape 's Geschichte in Deutschland, Theos ins Amerika 3. waren wir von einigen Wochen in Amsterdam und Haarlem und haben in den Museen die Meister vor Augen gehabt.
Interessant und teilweise sehr spannend. Ist die amerikanische, heutige Welt so voller Drogen? Die sehr ausführlichen Beschreibungen der Alkohol-und Drogenexesse, sind nicht mein Ding, vielleicht bin ich dafür zu alt?
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79 von 94 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 29. Juni 2014
Uff, nun habe ich nach 1022 Seiten und drei Wochen Lesen diesen gewaltigen Roman beendet, den Deckel geschlossen und sitze da und frage mich: Was war das? Ein Buch, wie es einem eigentlich gefallen sollte, ein echter Pageturner, ein 'Sucker', ein Werk, das einen die Nächte vergessen läßt, den Schlaf vergessen läßt, alles um einen herum vergessen läßt, um bloß die nächste Zeile, die nächste Seite, das kommende Kapitel zu erreichen, weiterweiterweiter, nicht nachlassen, denn diese Geschichte...

...ach, wenn es doch bloß so wäre...

Das dritte Werk der Bestsellerautorin Donna Tartt, hochgelobt in der amerikanischen, britischen und auch der hiesigen Presse, wurde angekündigt als genau das, was oben beschrieben wurde. Und das Buch sieht auch genau so aus: Tausend Seiten einer epische Geschichte, ausgebreitet über Jahrzehnte, die uns von Verlust und Trauer, Erwachsenwerden und den damit verbundenen Ängsten, von der Kunst und der Kunst des Lebens erzählt, die uns liebenswert skurrile und verachtenswert verkommene Figuren präsentiert, ein Geheimnis, verschiedene Schauplätze, Abhandlungen über das Gute und das Böse, das Kunstwerk in den Zeiten seiner Reproduzierbarkeit, Action, Räusche undundund...und dennoch zündet das Ganze nicht. Warum bloß?

Theo Decker erzählt uns aus seiner Perspektive, wie er als 12jähriger eine Bombenexplosion im MET, dem Metropolitan Museum of Art in New York, überlebt, bei der seine Mutter stirbt und er selbst einem alten Mann beisteht, bis dieser in den Trümmern stirbt, nicht ohne Theo zuvor einen alten Siegelring gegeben zu haben. Den Theo an sich nimmt, so wie er auch das Gemälde Der Distelfink an sich nimmt, das seine Mutter ihm hatte an diesem Morgen zeigen wollen. Theos Vater hat sich ein Jahr, bevor die Handlung einsetzt, aus dem Staub gemacht, so daß der Junge zunächst bei seinem besten Freund Andy, Sproß einer vornehmen Familie der Upper West Side, unterkommt, die ihn fast wie einen Sohn aufnimmt. Doch sein Vater, ein Spieler, Trinker, gescheiterter Schauspieler, taucht eines Tages auf und nimmt ihn mit nach Las Vegas, wo er zunächst einige Jahre verbringt, die er mehr oder weniger im Drogen-, Tabletten- und Alkoholrausch durchlebt, in denen er Boris - selbst verlorener Sohn eines ukrainischen Bergbauingenieurs - kennenlernt und als Freund gewinnt. Als auch sein Vater bei einem Unfall (oder Selbstmord?) umkommt, macht sich Theo auf eigene Faust auf, nach New York City zurück zu kehren, immer das wertvolle Gemälde und seinen Hund Popschick im Gepäck. In New York findet er Unterschlupf bei seinem Freund Hobie, ein Restaurator antiker Möbel, zu dem ihn einst der Siegelring des sterbenden alten Mannes geführt hatte. Hier erlernt Theo das Handwerk der Restauration ebenso, wie er sich autodidaktisch das Handwerk des Geschäfts- und Kaufmannes beibringt. Und so erzählt er uns davon, wie er erwachsen wurde, wie er Pippa liebt und Kitsey zu heiraten gedenkt, wie Boris ihm ein fürchterliches Geheimnis offenbart und sie gemeinsam versuchen, in Ordnung zu bringen, was kaum mehr in Ordnung zu bringen ist und schließlich erfahren wir von der großen Läuterung in Theos Leben...

Eigentlich ist alles da, was es braucht, um genau den Pageturner zu produzieren, der hier angekündigt war. Aber vielleicht ist auch genau das das Problem des Buches: Zuviel, viel zu viel und das alles viel zu gewollt. Dieses Buch sollte mit aller Macht genau dieser Pageturner werden, der er Vielen, betrachtet man die Kritiken einer-, die guten Kommentare und Rezensionen hier und in ähnlichen Foren andererseits, ja auch zu sein scheint. Man traut sich also kaum, anderer Meinung zu sein. Aber vielleicht gelingt es mir ja, zu begründen, was mich dieses Buch nicht loben läßt.

Donna Tartt - so etwas wie ein literarisches Geheimnis - legt hier gerade mal ihren dritten Roman in drei Jahrzehnten vor, sie gilt als ein Wunderkind der anspruchsvollen Belletristik. Das kann man anhand ihres Debuts DIE GEHEIME GESCHICHTE auch durchaus nachvollziehen, war dieser Psychothriller damals doch wirklich ein großes Versprechen auf eine großartige literarische Karriere. Hier aber, im DISTELFINK, wird zu offensichtlich, wo die Wurzeln der Autorin liegen - bei den Klassikern - und die Konstruktion ergötzt sich streckenweise derart an sich selbst, daß man sich in einem literarischen Selbstbedienungsladen wähnt. Da werden Dickens' OLIVER TWIST und DAVID COPPERFIELD zitiert, da steht zeitweilig das LEBEN EINES TAUGENICHTS Pate, Dostojewskijs DER IDIOT dient als Vorlage und Benjamins Essay über DAS KUNSTWERK IM ZEITALTER SEINER TECHNISCHEN REPRODUZIERBARKEIT wird gerade auf den letzten Zweihundert Seiten scheinbar in einen erzählenden Fließtext überführt. Der Verweise sind noch einige, es seien nur diese ebenso stilbildenden wie einprägsamsten genannt. Nun ist ja nichts dagegen einzuwenden, sich auf die Schulter der Giganten zu stellen, auch das (postmoderne) Spiel mit Anleihen und Zitaten - auch wenn es im Jahr 2014 schon ein wenig überholt anmutet - ist immer willkommen. Doch sollte es einerseits dann andocken an wirklich packende Geschichte(n), andererseits sollte das, was dann entsteht, schon etwas Eigenes sein. Donna Tartt gelingt das aber schlicht nicht. Sie entscheidet sich für den ganz großen Wurf, den langen Atem, den weiten Blick. Sie entwirft ein Konstrukt, in welchem viel Seltsames geschehen, seltsame Figuren auf-, erstaunliche Wendungen eintreten sollen, allerdings bleibt das alles meist pure Behauptung. Man liest das, man staunt auch immer mal wieder, doch fällt einem dann beim Nachdenken über das Gelesene meist auf, daß die Figuren dann eben doch nicht so ausgeklügelt sind, nicht die vorgegebene Tiefe aufweisen, die Geschehnisse sich allzu oft als banal, die Wendungen als Hilfskonstrukte in einer Handlung erweisen, die lange scheinbar ziellos mäandernd von einem Schauplatz zum nächsten, von einem Ereignis zum nächsten treibt.

Es werden eine Reihe gekonnter literarischer Kniffe genutzt, um die Erzählung mal zu strecken, mal zu dehnen, es gelingen der Autorin großartige dialogische Passagen, ebenso durchaus den Intellekt befeuernde Reflektionen über Gut und Böse, über Kunst und das Wesen des Leidens. Nur merkt man beim zweiten Nachdenken ständig, daß es all das schon gegeben hat: Gerade die von vielen so hochgelobten letzten 50-60 Seiten, die von metaphysischen Betrachtungen nur so strotzen, sind in ein durchaus (auch in der Übersetzung) ebenso schön zu lesendes wie wirksames Wortgeklingel gekleidete Banalitäten. Aus Gutem kann Böses, aus Bösem Gutes entstehen? Aha. Hinzu kommt ein nahezu über 600 Seiten gleichbleibendes Erzähltempo - gemäßigt, nicht zu rasant, immer darauf getrimmt, nicht zu lange an einer Thematik zu verweilen, also immer sich an die Leseerfahrung eines breiten Publikums anschmiegend. Der Roman fordert nichts, er überfordert niemanden und er konfrontiert uns nicht einmal mit etwas wirklich Herausforderndem.

Wie so oft bei den langen, den ganz langen Erzählungen, wäre weniger mehr gewesen. Die ersten 200 Seiten dieses Romans sind eine wirklich gelungene Geschichte darüber, wie gerade ein junger Mensch versucht, mit Verlust und Trauer umzugehen. Die Explosion im Museum - Tartt hat in mehreren Interviews betont, die Zerstörung der Buddhafiguren in Bamiyan durch die Taliban seien der Auslöser für die Grundidee des Werkes gewesen - ist natürlich auch eine Reflektion auf den 11. September 2001, den Angriff auf New York und damit auf Amerika. Theos Aufnahme in die Familie seines Freundes Andy und sein Leben in diesen Kreisen eine gelungene Darstellung der Upper Class New Yorks. Hier gelingen auch die ansonsten eher im Trivialen bleibenden Figurenzeichnungen, werden wir staunende Zeugen, wie Theo - selber staunend - all die Versehrtheiten hinter der Fassade des kalten Reichtums entdeckt. Wäre es dabei geblieben - man hätte diesem Werk gut und gerne 4 oder sogar 5 Sterne geben mögen. Doch spätestens mit dem Auftauchen des trinkenden Vaters und seiner Gespielin Xendra, die beide seltsam unscharf bleiben auf den dann folgenden 300 Seiten, gleitet das Buch in Kolportage ab, die ganze Las-Vegas-Story um Theo und seinen Kumpel Boris, wirkt wie ein nie eingehaltenes literarisches Versprechen. Wir kriegen zwei 13-, 14-, 15jährige vorgeführt, die sich jahrelang mit so ziemlich allem zudröhnen, was sich ihnen bietet, von Aufputschern bis Heroin, vom durchgehend konsumierten Alkohol ganz zu schweigen, doch nie scheinen diese Jungs wirklich dadurch berührt oder gar geschädigt. Und so wirken auch diese Passagen wenig zwingend. Weder scheinen diese Kids Probleme in der Schule zu bekommen, noch scheint sich irgendwer für deren Belange zu interessieren, was die beiden natürlich freut, in ihnen jedoch nie irgendein bleibendes Gefühl von Verlassenheit oder gar Abstumpfung hinterläßt. Im Grunde, so scheint diese Erzählung uns weißmachen zu wollen, ein großes Abenteuer, diese Jugend. Doch dadurch entsteht eine Art Blase - wir wähnen diese Figuren beschützt, wir bangen nicht um sie. Nicht an dieser Stelle des Romans und im Grunde auch später nicht. Muß das Las Vegas sein? Nein, denn sozusagen gefangen in den Outskirts dieser Glitzerstadt, bekommen sie von dem, was die Stadt ausmacht, sowieso nichts mit. Sie könnten in jedem Kaff hocken. Daß Boris zudem zwar einerseits ein mit allen Wassern gewaschener Kerl zu sein scheint, der immerhin schon Wochen auf den Straßen einer ukrainischen Stadt gelebt haben will, zugleich aber keinerlei Interesse an den Verlockungen der Spieler-Metropole zeigt, ist schlicht unglaubwürdig. Wie überhaupt sowohl Theos Vater, als auch Boris als Figuren blaß bleiben, weil sie Klischees entsprechen.

So kann man letztlich Stück für Stück den ganzen Roman durchforsten und wird immer wieder auf ähnliche Einwände stoßen. An einem Punkt merkt man dem Werk auch die Ratlosigkeit der Autorin an, wenn sie - im Anschluß erzählerisch durchaus gekonnt verwoben - einen Zeitsprung von acht Jahren einbaut und uns den mittlerweile erwachsenen Theo vorführt, der dann - gefangen in einer unglücklichen Liebesgeschichte, die den ca. zehn Millionen unglücklichen Liebesgeschichten, die man bereits kennt, auch nichts Neues hinzuzufügen weiß - durch das Wiedersehen mit seinem Freund Boris in eine wilde Räuberpistole verwickelt wird, in der es um den Diebstahl des aus dem Museum entführten Bildes geht, das Theo Jahre in seinem Besitz wähnte, wo es doch eigentlich längst...aber ich will hier nicht zu viel verraten. Jedenfalls finden wir uns nach ca. 600 Seiten in einem Krimi wieder...

Die Idee, das berühmte Bild des Distelfinks als einen Leitfaden der Erzählung zu nutzen, ist charmant, kann die Autorin daran doch sowohl emotionale Entwicklungen ihres Hauptprotagonisten aufzeigen, Reflektionen auf seine Mutter, auf seinen Werdegang, die Verlorenheit und das Gefangensein in einem Dasein, das wir uns nunmal nicht aussuchen können, wie sie darauf ebenso abheben kann, dem Leser lange kunsthistorische und -theoretische Abhandlungen anzubieten; letzteres v.a. im letzten Viertel des Buchs. Überhaupt ist vieles hier charmant, klug und durchdacht. Was dem Leser aber auch alle naslang durch das Werk selbst mitgeteilt wird. Daß Tartt schreiben kann, steht ja vollkommen außer Frage. Es ist eben eher der Wulst dieses Romans, dieser scheinbar überbordende Inhalt, der heillos überfrachtet wirkt, dann aber eben zu Vieles einfach angeschnitten wieder beiseite läßt, der den Lesegenuß stört. Der Vergleich zu Dickens drängt sich geradezu auf, es steht zu befürchten, daß das so auch gewollt und gedacht war. Doch allzu schnell kommt die Überlegung auf, daß man doch, anstatt dieser immer unglaubwürdigeren und auch zusehends weniger packenden Handlung zu folgen, einfach zum Original greifen könnte. Warum soll man ein Werk lesen, das sich AN Dickens orientiert, wenn man in der gleichen Zeit einfach eines von dessen umfangreicheren Werken lesen könnte? Interessanterweise bietet sich gerade bei diesem Vergleich noch ein ganz anderer an: Dickens war in der Lage, selbst ein 1000-Seiten-Werk in relativ kurzer Zeit zu verfassen. Dadurch bleiben seine Erzählungen bei allen manchmal doch arg bemühten Zufällen und Koinzidenzen in sich kohärent. Das hat einmal damit zu tun, daß bei ihm das Szenische so ausgeprägt ist, zum andern aber auch und vor allem an seinen Figuren, die sich in ihrer karikierenden Skizzenhaftigkeit dem Leser einprägen, manche - Mr. Bubbles, Uriah Heep, Fagin oder the Artful Dodger, um nur einige zu nennen - für ein ganzes literarisches Leben. In dem vorliegenden Werk gibt es diese Figuren nicht. Zumindest nicht in dieser nachhaltigen Einprägsamkeit. Vielleicht liegt das daran, daß es schier unmöglich anmutet, eine in sich geschlossene Erzählung über zehn Jahre aufrecht zu erhalten, wenn man es auf einen realistischen Roman anlegt. Und damit haben wir es hier zu tun. Dies ist kein abstraktes Werk.

Donna Tartt hat zehn Jahre an diesem Text geschrieben und vielleicht hat dem genau das nicht gut getan. Zu inkohärent, zu uneinheitlich, zu unentschlossen, worauf das alles hinauslaufen soll, die Figuren zwar ausgeprägt, dann aber doch zu harmlos und oberflächlich, hat man es mit einem Konvolut von einem Roman zu tun, der zu viel auf einmal sein will und dabei irgendwann mitten auf halber Strecke sogar anfängt zu langweilen. So bleibt nur das Hoffen auf das nächste Werk, das wohl in zehn Jahren vorliegen könnte. Dieses hier bekommt 3 durchschnittliche Sterne, da es von atemberaubend bis atemberaubend öde die ganze Latte literarischer Erfahrung durchmisst, partiell durchaus zu fesseln weiß, dies aber leider nicht durchhält. Und auch schlicht zu anbiedernd wirkt, manches Mal. Eine durchschnittliche Bewertung für ein letztlich "nur" durchschnittliches Werk.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 12. Juli 2015
Au Mann, mal wieder ein Tausendseiter, ein „Kilobuch“, da muss man sich erst mal ran wagen. Lange genug habe ich gewartet, denn eigentlich fand ich "Die geheime Geschichte" von ihr damals schon absolut faszinierend. Der Roman beginnt in der Gegenwart geht schnell in eine Rückblende, baut das Leben nach und endet heute. Als Roman oft so genutzt. Aber das muss man auch können. Und Donna Tartt kann es. Man wird in die Geschichte förmlich rein gezogen, erfährt viele (mir) unbekannte Sachen aus der klassischen Kunst und Malerei, erfreut sich an Details des Restaurierungswesen und kriegt quasi ganz nebenbei eingeschüttet, für was Menschen Geld ausgeben. Das ist die eine Seite. Die Didaktische. Wie man so schön sagt, die zweite Ebene eines Buches. Gibt bestimmt ein Fremdwort dafür.
Und dann ist es eben die Lebensgeschichte von Theodore Decker, der 13 - jährig und voller Lebenszweifel bei intensivster Liebe zu seiner Mutter, eben diese durch einen eine Explosion in einer Museumsgalerie verliert und im Chaos mit dem Bild des Distelfinks, wieder aufwacht. Hier geht es richtig los. Dieses Ereignis und der Distelfink (gemalt 1654 in Holland von einem gewissen Fabritius, ein Schüler Rembrandts) welcher nun fortan und illegal quasi an seinem Leib klebt, krempeln sein Leben völlig um; er kommt auf seinem Weg mit ganz vielen, und unterschiedlichsten Menschen zusammen, von denen drei in dem Roman die wichtigsten sind: Pippa, in die er sich kurz vor der Explosion auf der Stelle verliebt hat, Hobie, der zu seinem väterlichen Freund wird und Boris, der ukrainische Schlawiner, der Theo mit seinem Drogen- und Alkoholkonsum fast fertig macht und der, gleichwohl als Freund, bis zum Ende windig und undurchschaubar bleibt.
Ein Aspekt, der mir am Ende immer wieder durch den Kopf ging, ist eben dieser lakonische Drogenmissbrauch, diese Selbstverständlichkeit, des sich Abschießens, das Treffen mit den Dealern, und immer eine "Nase" zur Hand. Wenn ich mir heute mal einen Schnaps gönne, was kaum geschieht, aber wenn, habe ich anderntags Kopfschmerzen. Und da wird alles in sich rein geschüttet, was auch nur annähernd, die Sinne vernebeln könnte. Aber vielleicht mein Problem, soll keinen interessieren. Interessieren wird vielleicht meine Wertung: absolut lesenswert!
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12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 23. November 2014
Theodore Decker ist in dem Moment von der Landkarte heruntergefallen (S122) an dem ein Anschlag auf ein New Yorker Museum seine Mutter getötet hatte. Theo selbst hat den schicksalhaften Moment überlebt, war unbemerkt aus dem Museum entkommen mit „Dem Distelfink“ Carl Fabritius Meisterwerk aus 1654 in seinem Gepäck. Das Bild eines kleinen, sehr lebendigen, doch gefangenen, gelben Vogels. Es war Welty, der alte Mann, der zur gleichen Zeit mit seiner Enkelin Pippa im Museum war, der Theo geraten hatte, die kleine Kostbarkeit mitzunehmen.
Danach beginnt Theos Odyssee aus dem Verbleib in einer heimatlosen Welt.

Mit Theo Decker hat Donna Tartt die verlorene Seele eines verlassenen, traumatisierten Jungen gezeichnet, der allen Boden unter den Füßen verliert, dem alles Angebot nach Heimstatt und Geborgenheit nicht mehr zurückholen kann in eine leuchtend, helle Welt. Die Brücke zur Realität hält er durch seine spätere Arbeit mit Holz und Antiquitäten aufrecht, der Rest seiner selbst gehörte schon längst den Drogen, der Flucht in eine nicht existierende Welt, dem Betrug und schließlich der Gewalt. Ständig begleitet vom Distelfink, dem kleinen, gefangenen, gelben Vogel.

Der Vergleich mit Dickens blieb mir im Großen und Ganzen verborgen. Ja vielleicht hätte die gute Seele James Hobart alias Hobie, ein New Yorker Antiquar in Downtown, der in einem Sammelsurium aus Ramsch und alten Kostbarkeiten hauste, Platz in einem Dickens'schen Roman gefunden oder sein in der Wüste gefundener, verlorener Freund Boris, der die Versuchung verkörpert. Neben Dickens schlägt die Autorin immer wieder eine Brücke zu anderen Größen der Weltliteratur, sie lässt die Jungen Whitman und Thoreau besprechen, legt ihnen Dostojewski, Saint-Exupery und Proust auf den Nachttisch und hält sich konsequent an bildreiche Sprache und ausufernde Szenen – die zelebriert sie.

Ich Leser konnte mich anfangs mit einer berührenden, guten Geschichte über die Längen hinwegtrösten, schlussendlich war mir das ganze jedoch zu ausufernd, zu destruktiv, zu sehr durchsetzt von redundanten Alkohol- und Drogenexzessen. Der New York Rahmen hat mir gut gefallen, auch die geheimnisvolle Welt Hobies Imperiums. Als die Handlung jedoch von einer Verlobungsparty in eine kriminalistische Szene nach Amsterdam wechselt, die den verlorenen Helden zum Mörder macht, war für mich der Spaß vorbei. Zu konstruiert war für mich das Ende, das mich Leser aus der Geschichte reißt, wie einen zulange gebliebenen Gast die Aufforderung zu gehen. Die pseudo-philosophischen Erkenntnisse am Ende des Romans á la „Wir können uns unser eigenes Herz nicht aussuchen. Wir können uns nicht zwingen zu wollen, was gut für uns oder gut für andere ist. Wir können uns nicht aussuchen, wer wir sind.“ oder „Sei du selbst“, „Folge deinem Herzen“ S 1008 haben meinen mäßigen Unmut in einem ausufernden hmmpffffffffffffffffff ausklingen lassen.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 1. März 2015
Den Anfang des Buches fand ich sehr fesselnd.Die Autorin beschrieb die Gefühle des Protagonisten nach einer Explosion so nachvollziehbar, dass ich schon Herzklopfen und Beklemmungsgefühle bekam. Im weiteren Verlauf des Romans hatte ich manchmal das Gefühl, dass es sich etwas zieht. Am Ende der über 1000 Seiten war ich dann auch froh, es endlich geschafft zu haben.
Meiner Meinung nach hätte man das ganze auch in ein paar hundert Seiten weniger packen können. NIchts desto trotz schaffte die Autorin es zwischendurch immer wieder, mich mit ihren schonungslosen Beschreibungen zu berühren.
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