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TOP 500 REZENSENTam 1. Dezember 2015
Auf über 1000 Seiten begleiten wir den Antihelden Theo Decker auf seiner wilden Fahrt. Donna Tartt wählt einen zweiteiligen Einstieg. Im ersten Abschnitt liest der Erzähler, Theo Decker, verschanzt in einem Hotel in Amsterdam, Zeitungen in Niederländisch, die er nicht verstehen kann; Er ist auf der Suche nach seinem Namen in Artikeln mit Bildern von Polizeiautos und Tatort-Bänder. Bevor irgendetwas davon erklärt wird, bewegt sich die Geschichte zurück zum Tag, an dem Theos Mutter stirbt, als er, 13-Jährig an der Schwelle zur Pubertät steht. Sie verliert ihr Leben bei einem Bombenanschlag im Metropolitan Museum in New York. Mutter und Sohn sind in getrennten Räumen, als die Bombe explodiert. Die Beschreibungen über Theo, der in den Trümmern wieder zu Bewusstsein kommt und versucht, seinen Weg aus diesem zerrissenen Museum zu finden und sein Heimweg in der Erwartung, seine Mutter dort zu finden, sind mit die beste Prosa, die ich bisher gelesen habe.
Es folgt die Geschichte eines mutterlosen Jungen, dessen Leben sich dramatisch verändert. Seine Mutter tot, sein Vater lange abwesend, lebt er zunächst bei den Barbours, der Familie eines Schulfreundes. Das kalte Gespenst unbekannter und liebloser Großeltern, die Theos Erziehungsberechtigten werden könnten, schwebt als Option über dem Roman, bis sein Vater, Alkoholiker und ein zwanghafter Spieler mit seiner urkomischen und letztlich doch sympathischen Freundin Xandra auftaucht und Theo nach Las Vegas mitnimmt. Eine riesige Besetzung von Charakteren bevölkert diesen Roman.
Neben diesem Erzählstrang gibt es einen zweiten, diesmal mit Anklängen an Schuld und Sühne; eine Geschichte von Betrug, Verdacht, Doppelzüngigkeit und Schießereien. Raymond Chandler lässt ebenso grüßen wie Dickens und Dostojewski. Mehr über die Ereignisse des Romans zu sagen, würde den Leser einer großen Freude berauben. Wenn jemand die Liebe des Geschichtenerzählens verloren hat, wird sie ihm „Der Distelfink“ ganz sicher zurückbringen.
Der Roman ist nicht nur Action und Spannung. Einige seiner denkwürdigsten Momente bezieht er aus der Stille, wie beispielsweise der Himmel über der Wüste von Las Vegas. Es ist ein herrliches Stück Prosa, über einen Jungen, der seine wahre Heimat verloren hat. Aber Thema sind nicht nur die Emotionen rund um den Verlust, sondern auch über einfache und doch komplizierte Freundschaften und es ist ein Roman über den Umgang mit der Kunst.
„Der Distelfink" ist ein wahrer Triumph mit dem tapferen Thema, wo Kreaturen mit unbeholfener Traurigkeit kämpfen, um zu leben. Es ist ein Roman von schockierender erzählerischer Energie und Kraft. Er kombiniert unvergesslich lebendige Charaktere, faszinierende Sprache und atemberaubender Spannung mit der philosophischen Ruhe, die in die tiefsten Geheimnisse von Liebe, Identität und Kunst eindringt. Eine im besten Sinn altmodische Geschichte von Verlust und Besessenheit, Überleben und Selbstfindung, von den tiefsten Geheimnisse von Liebe, Identität und dem rücksichtslosen Walten des Schicksals, verschwenderisch und üppig geschrieben und aufgebaut. Einsamkeit ist die realistische emotionale Konstante in diesem überfüllten, überschwänglicher Roman.
Die Erzählstimme von Donna Tarrt erinnert in ihrer Liebe zum Detail an einen niederländischen Meister, eine Stimme, die gleich stark in der Gegenwart wie in der Rückschau ist, die die jugendlichen Ängste des Jungen und die gärende Verzweiflung des Mannes gleichermaßen perfekt darstellt.
Das Tolle an diesem Buch ist, dass Sie es für ein paar Tage zur Seite legen können und beim Hervorholen sofort wieder in den Bann der Geschichte gezogen werden, weil Schreibstil und Charaktere so stark sind.
Ich kann verstehen, warum dieses Buch u.a. den Pulitzerpreis gewonnen hat. Die Prosa, das Konzept und die epische Skala von ihm sind unglaublich beeindruckend.
Interessenten haben natürlich das Recht zu fragen: "Will ich wirklich zwei Wochen meines Lebens an diese Lektüre verschenken? Kann es das vielleicht wert sein? Eindeutiges JA. Es ist ein langer Roman, der sich nie lang fühlt. "Der Distelfink" ist eine Rarität, ein intelligent geschriebener literarischer Roman, der mit dem Herzen und der Seele verbindet. Donna Tartt hat einen seltenen Schatz erstellt.
Wenn Sie scharfsinnige Beobachtungen gut verpackt in spannende Geschichten lieben, dann ist das ein Buch für Sie. Wegen seiner Länge und seiner Komplexität ist es kein leichtes Buch. Aber doch einfach zu lesen. Ein literarisches Meisterwerk, aus dem jeder von uns eine andere Erfahrung mit nach Hause nehmen wird.
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TOP 500 REZENSENTam 21. Mai 2014
„Der Distelfink“ von Donna Tartt ist ein Roman, der das Schicksal eines Jungen im modernen Amerika mit einem von ihm gestohlenen Gemälde verbindet – in der gebundenen Ausgabe auf 1024 Seiten.

Kurz zum Inhalt: Der dreizehnjährige Theo besucht mit seiner alleinerziehenden Mutter ein Museum in New York, als sich sein Leben auf einen Schlag verändert. Ein Gemälde aus dem Museum, „Der Distelfink“, das er heimlich mitgehen ließ, begleitet ihn von nun an, während er bereits in jungen Jahren den Boden unter den Füßen verliert.

Unter normalen Umständen würde ich den Inhalt klarer anschneiden. Bis zum ersten Wendepunkt der Geschichte, nie mehr als ein guter Klappentext, kurz zusammenzufassen, worum es geht, um dem zukünftigen Leser einen Einblick zu geben, halte ich an sich nicht nur für legitim sondern fast für notwendig. Doch bei diesem Roman fällt mir das schwer, denn der Anfang ist mit seiner Tragik, seinem Tempo und seiner Emotionalität eigentlich schon der beste Teil des gesamten 1000-Seiten-Werkes und, auch wenn dieser Anfang bereits gut 200-300 Seiten umfasst, wird der Klappentext des Verlags dort für meinen Geschmack bereits zu konkret.

Was die Autorin anschließend dokumentiert, ist der Abstieg des jungen Ich-Erzählers Theo, der sich über verschiedene Stationen seines noch jungen Lebens von einer Depression zur nächsten, von einer Trunkenheit zur nächsten und von einem Drogenrausch zum nächsten manövriert und dabei auf Nebendarsteller trifft, von denen kaum eine Entwicklung ausgeht und die in den meisten Fällen eine so sehr gespaltene Persönlichkeit besitzen, dass ihre Undurchschaubarkeit für den Leser zwar auch regelmäßig Überraschungen mit sich bringt und sie als Charaktere spannend macht, sie aber insgesamt auch blass und austauschbar wirken lässt.

Die Autorin verliert den roten Faden ihres Romans – die Verbindung zwischen Theo, der Entwicklung seines Lebens und dem Gemälde als Symbol – zu oft aus den Augen. Theos Geschichte schweift ab und kreist in sich wiederholenden Situationen, die das Lesevergnügen mit der Zeit immer zäher machen. Wenn das Gemälde dann einmal wieder in den Fokus rückt, ist es meist nur für kurze Zeit – lange habe ich darauf warten müssen, dass die Autorin zum längst überfälligen Finale kam. Dieses wirkte dann allerdings zu überzogen und passte weder von der zeitlichen Folge (was für ein Zeitsprung!) noch vom inhaltlichen Rahmen her zum Rest des Romans. Internationale, organisierte Kriminalität und ein überstürzter Gangster-Road-Trip schafften einen eher kitschigen als runden Abschluss. Also blieb der Anfang der inhaltlich stärkste Abschnitt des Distelfinken.

Meine Motivation während des Lesens wurde dabei kurz nach dem starken Auftakt, als ich gerade in der ersten langen, langen Phase aus Drogen und Alkohol festhing und verzweifelt die Spannung suchte, noch einmal deutlich gesteigert: „Der Distelfink“ wurde als Gewinner des renommierten Pulitzer Preises bekannt gegeben. Leider konnte ich aber trotz größter Mühe und größtem Durchhaltevermögen auf den langen, langen 1000-und-ein-paar-Seiten nichts finden, dass mich jetzt befähigen würde, diese Auszeichnung oder den Hype um das Buch nachzuvollziehen. Möglicherweise haben dabei die Erwartungen, die mit der langen Bearbeitungszeit von mehr als zehn Jahren, in denen man nichts von der Autorin hörte, einhergingen sowie der gigantische Umfang des Werkes und die mit Sicherheit vorhandenen sprachlichen Fähigkeiten Tartts nicht nur mitgewirkt, sondern auch eine größere Rolle gespielt als der eigentliche Inhalt.

Sprachlich ist „Der Distelfink“ wirklich gelungen. So wurde die Lektüre für mich dann auch eher ein Lesen um des Lesens Wille. Schöne Worte aneinandergereiht, auf den Punkt gebrachte Beschreibungen mit einem hervorragenden Gespür für die einprägsamen Details und nicht zuletzt auch die Fähigkeit den jugendlichen Ich-Erzähler und die anderen jungen wie alten Charaktere im Roman (fast immer) glaubwürdig agieren zu lassen, machten „Der Distelfink“ zu einer erzählerisch runden Reise. Wären die schön geschriebenen Dialoge doch nur nicht zu oft inhaltlich leer und die detailreichen Beschreibungen nicht zu oft der Ersatz für einen deutlichen Handlungsfortschritt – der Roman wäre perfekt. So, wie er ist, empfand ich ihn leider als 300 bis 400 Seiten zu lang - der Roman war inhaltlich zu wenig dicht.

Fazit: Pulitzer-Preis-Träger 2014, Bestseller und Auslöser eines Hypes um ein einziges kleines Kunstwerk. „Der Distelfink“ ist der erste Roman von Donna Tartt nach rund zehn Jahren. Sprachlich hat er auch mir sehr gut gefallen, inhaltlich flachte der Roman jedoch nach dem bewegenden Beginn spürbar ab und verlor sich in Wiederholungen, Rauschzuständen und leeren Gesprächen. Theo und sein gestohlener Distelfink waren zu selten gemeinsam im Mittelpunkt des Geschehens. Ich vergebe gute 3 Sterne für einen gut geschriebenen, aber zu langen Roman, der deutlich eher auf den Punkt hätte kommen können.
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am 9. Januar 2015
...ein Kunstraub mit ungeahnten Verwicklungen oder das wechselvolle Schicksal eines verwaisten Knaben sind zunächst keine wirklich neuen Romanmotive. Man denke nur an Erich Käster (Die verschwundene Miniatur) oder Charles Dickens (Oliver Twist). Aber Donna Tartt, die angeblich am Zeitgeschehen wenig Anteil nimmt und aus ihrer Wertschätzung für die Literatur des 19. Jahrhunderts (wieder Charles Dickens) keinen Hehl macht, bezieht ihre Themen scheinbar mehr aus den Klassikern der Weltliteratur als dem richtigen Leben. Warum auch nicht? Denn die altbewährten Motive ins 21. Jahrhundert zu verlegen und unter den heutigen gesellschaftlichen Gegebenheiten neu zu entwickeln, ist ein ebenso reizvolles wie ambitioniertes Unterfangen. Man darf also gespannt sein auf ihren dritten Roman, für den sie sich immerhin eine ganze Dekade Zeit genommen hat und der trotz seines gewaltigen Umfangs (1000 Seiten etwa) begeistert aufgenommen wurde.

Schon nach wenigen Absätzen begreift man das ungeheure Potenzial der Geschichte und ergibt sich dem enormen Sog ihrer buchstäblich fesselnden Sprache, die das Geschehen mit den an Dickens erinnernden Wendungen zu einem höchst originellen und packenden Leseerlebnis werden lässt. Der junge New Yorker, Theodore Decker, lebt, nachdem sich der Vater aus dem Staub gemacht hatte, alleine mit seiner fürsorglichen Mutter, die ihm bei einem gemeinsamen Museumsbesuch ihr Lieblingsgemälde zeigt. Ein letzter, vielleicht wegweisender Vorgang, denn ein plötzlicher Terroranschlag auf das Gebäude macht ihn zum Halbwaisen und Dieb des kleinen Kunstwerks, dass er, dem Zuraten eines Schwerverletzten folgend, aus den Trümmern "beseitigt". Plötzlich auf sich gestellt,findet er Unterschlupf bei der reichen Familie eines Schulfreundes und nimmt von dort aus Kontakt zu einem begnadeten Restaurator und Antiquitätenhändler auf, um den letzten Wunsch des mysteriösen Museumsbesuchers zu erfüllen. Den "Distelfink", der ihm als Erinnerung an die verstorbene Mutter zu einer Art Reliquie geworden ist, hält er jedoch verborgen und führt ihn unbemerkt mit sich, als sein überraschend auftauchender Vater ihn zwingt, mit ihm in sein neues "Zuhause" in die Wüste bei Las Vegas zu gehen. Da der trunksüchtiger Erzeuger ständig unterwegs ist, um "Kohle" zu machen, beginnt Theo eine verhängnisvolle Freundschaft mit Boris, einem Schicksalsgenossen mit russischen Wurzeln. Alkohol-, Drogenexzesse und was Pubertierenden sonst noch das Alleinsein erträglich macht, sind ab jetzt an der Tagesordnung - und Donna Tartt schmückt die chaotische Szenerie mit unendlicher Ausdauer bis ins letzte trostlose Detail aus, bevor sie Theo durch einen Verkehrsunfall des Vaters zum Vollwaisen werden lässt. Um der staatlichen Fürsorge zu entgehen, kehrt er nach New York zurück und dient sich dem bekannten Antiquitätenhändler als Verkäufer an. Mit seiner inzwischen geschulten kriminellen Intelligenz kommt Theo schnell aus den roten Zahlen und man fragt sich, wohin das noch führen soll...

Bis endlich der titelgebende Distelfink ins Spiel kommt, liegen 80% der Geschichte hinter uns und der Entwicklungsroman mutiert abrupt zum Thriller. Dadurch erscheint alles, was vorher so schön und gut und vielversprechend war, mit einem Mal ziemlich künstlich, so dass man die Lust am Weiterlesen verlieren könnte. Offenbar haben die 10 Jahre seiner Entstehung doch nicht gereicht, um das erstaunliche Werk so abzurunden, dass es eines Tages zu den Klassikern der Weltliteratur aufsteigen könnte. Von meiner anfänglichen Begeisterung blieb jedenfalls zum Ende nur noch die Erinnerung. Die ist mir aber 4 Sterne wert.
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am 1. Juni 2015
Nach Die Geheime Geschichte, ihrem abgründigen Erstling, und Der kleine Freund legt Donna Tartt ihren dritten Roman in zwanzig Jahren vor, und er beginnt mit einem Mann in einem Amsterdamer Hotelzimmer. Er ist allein, verängstigt, möglicherweise paranoid. Weshalb er sich nicht nach draußen traut, wird nicht klar, doch er ist offensichtlich an einem Endpunkt angelangt – oder an einem Wendepunkt. Das Buch erzählt die Geschichte, die ihn hierhergebracht hat.

Der 13jährige Theo Decker lebt in New York bei seiner Mutter, einer schönen, gebildeten, weltoffenen Frau. Der Vater, ein unzuverlässiger, unberechenbarer Trinker, hat sie vor einem Jahr verlassen. Bei einem Besuch im Metropolitan Museum wird sie bei einem Bombenanschlag getötet. Was Theo aus dem Museum mitnimmt, ist der zermalmende Schock, der sein Leben fortan bestimmen wird, die Erinnerung an den roten Haarschopf des Mädchens, das er unbedingt ansprechen wollte, als das Unglück geschah, die Adresse, die ihr erwachsener Begleiter ihm im Sterben zuflüstert, dessen Ring (der sich später als verräterisch erweisen wird) und das Bild ‘Der Distelfink’ von Carel Fabritius, dem mutmaßlichen Lehrer Vermeers. Zunächst kommt Theo bei der Familie eines Schulfreunds in der Park Avenue unter und versinkt in tiefe Trauer. Schließlich sucht er die Adresse des Toten auf und gerät in einen Antiquitätenladen. Im Keller befindet sich die Werkstatt, ein in die Zeitlosigkeit entrücktes Reich der alten Dinge, wo sich auf den Tischen ‘das Licht in goldenen Lachen sammelt’. Hobie, der Geschäftspartner des Verstorbenen aus dem Museum, nimmt sich seiner rührend an. Hier findet er Trost und Geborgenheit und wird in die Geheimnisse der Tischlerei eingeweiht. Und in einem abgedunkelten Zimmer nebenan erholt sich Pippa, das rothaarige Mädchen, von den Folgen der Explosion.

Nach einem Jahr Jahr endet die Idylle abrupt. Überraschend meldet sich sein Vater und holt ihn zu sich und seiner Freundin nach Las Vegas, wo er am Rand der Wüste in einer nahezu unbewohnten Straße haust. Sein Geld verdient er als Zocker, und dass er sich um seinen Sohn kümmert, ist nicht väterlichen Gefühlen, sondern eher finanziellem Interesse an der Hinterlassenschaft seiner verstorbenen Frau geschuldet. Aus der emotionalen Indifferenz der fremden Upperclass-Familie in eine andere, brutalere Art von Fremdnis versetzt, schließt Theo sich seinem Klassenkameraden Boris an und erlebt mit ihm eine wilde, intensive Freundschaft: lange Gespräche, pubertäre Ausgelassenheit, Drogenekstase, aber auch Gewalt und Zügellosigkeit. Später wird sich zeigen, dass damit ein ungutes Fundament gelegt ist, auf dem er, wieder zurück in New York und inzwischen Teilhaber von Hobies Antiquitätenladen, aufzubauen weiß. Theos Geschichte ist ein Abstieg, stets begleitet von dem geliebten Gemälde, das ihn an an seine Mutter erinnert und gleichzeitig wie den Finken an seinen Sitz an den Tag kettet, an dem er sie verlor. Die andere Konstante ist Pippa, die in London mit einem Freund zusammenlebt. Um diesen beiden Fixsterne kreist sein Leben, doch seine Bahn ist eine Abwärtsspirale, auf der wir ihm bis zu dem Hotelzimmer in Amsterdam folgen.

Der Distelfink ist ein Buch der Erinnerung, ein Versuch, der Flüchtigkeit der Zeit zu trotzen – eine Beschwörung des Vergangenen, aber auch eine Beichte, ein Rechenschaftsbericht. Und ein erstaunlich unmodernes Buch. Es gibt zwar ein paar Zeitsprünge, nach denen die Lücken mit Rückblenden geschlossen werden, doch das mutet fast schon ein bisschen gewagt an im steten Fluss des Erzählens. Im Wesentlichen verzichtet Tartt auf die Tricks und Kniffe, die Raffungen, harten Schnitte, Spiegelungen, Perspektivwechsel des modernen Erzählens. Die Handlung schreitet langsam voran, die Turning Points sind rar gesät, doch die Lesegeduld wird reich belohnt. Man kann in diesem Buch versinken und sich treiben lassen in der Fülle der Details und Personen, in den Nuancen von Theos Gefühlswelt und der bizarren Alltäglichkeit der wenigen Katastrophen und vielen Irrtümer und falschen Entscheidungen, aus denen sich sein Leben entwickelt, doch dies alles erschließt sich erst vom Ende her. Da mündet es in die alte, immer noch aktuelle Frage: Kann aus dem Bösen Gutes erwachsen, das Richtige aus dem Falschen? Und kaum stellt sich Sinn her und eine Art Eindeutigkeit, löst sich alles wieder in vielschichtiger Ungewissheit auf. Was bleibt, ist allermindestens das: eine genussvolle, äußerst lohnende Übung in Entschleunigung.
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am 22. April 2015
Im Alter von dreizehn Jahren verliert Theo Decker während des Besuchs eines New Yorker Museums seine Mutter aufgrund eines Anschlags. Unbemerkt im Chaos klaut Theo ein Gemälde, das ihn sein Leben lang begleiten wird. Nachdem Theo zunächst bei einer befreundeten Familie unterkommt zieht er zu seinem Vater, der ihn und seine Mutter vorher im Stich gelassen hatte. Das einzige, das Theo an seine Mutter erinnert aber ihm trotzdem keinen Trost spenden kann, ist das gestohlene Gemälde. Mit fortschreitendem Alter gerät Theo immer mehr in eine Krise und bewegt sich in kriminellen Kreisen.

Der Distelfink von Donna Tartt ist ein spannender Entwicklungsromanroman, der zum Ende hin ein richtiger Thriller wird. Das Erzähltempo ist eher langsam, wodurch der Autorin viele Momente bleiben, um das Geschehen detailreich und bildhaft in Szene zu setzen. Donna Tartts Sprache trifft eine wunderbare Mischung aus unterhaltsam und anspruchsvoll, auch wenn sie es aus meiner Sicht mit manchen metaphorischen Beschreibungen übertreibt. Die gesamte Geschichte wird vom Ich-Erzähler Theo Decker getragen, den der Leser in seinem Leben begleitet. Durch die gute Schreibweise konnte ich mich früh mit Theo identifizieren und seine Gefühle und seine Handlungsmotive nachvollziehen, obwohl ich mit mancher seiner Entscheidungen nicht unbedingt einverstanden war. Theos Leidenschaft für Pippa, die er bereits am Tag des Anschlags kennenlernt, konnte mich leider nicht richtig berühren. Neben Theo sind auch die anderen Charaktere sehr ausführlich ausgearbeitet und begleiten diesen in den verschiedenen Abschnitten seines Jugendalters. Bei den Nebencharakteren ist mir nur Hobie an manchen Stellen negativ aufgefallen. Der Restaurator, bei dem Theo arbeitet, erscheint mir doch etwas sehr naiv und gutgläubig in Bezug auf Theos Verhalten, bei dem Alkohol und Drogen eine nicht unwichtige Rolle spielen.

Donna Tartts Der Distelfink ist ein interessantes Buch, das spannende Themen und einen anspruchsvollen Stil bietet. Das Buch hat beim Lesen einen Sog auf mich ausgeübt, so dass ich es kaum aus der Hand legen konnte, obwohl mir ein paar Aspekte negativ aufgefallen sind. Wer sich nicht von detaillierten Beschreibungen, die für manchen zu langatmig werden könnten, abschrecken lässt und wer sich für Entwicklungsromane interessiert, sollte hier unbedingt zugreifen.

Ich würde 4 1/2 Sterne vergeben!
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am 10. Oktober 2015
Eine fesselnde grandiose Geschichte, die Donna Tarrt wunderbar erzählt. Ergreifend und ungeheuer einfühlsam beschreibt sie die Geschichte von Theo Decker, der als Dreizehnjähriger bei einem Sprengstoffanschlag in einem New Yorker Museum seine Mutter verliert und selbst nur knapp mit dem Leben davonkommt. Ganz nebenbei gelangte er dabei in den Besitz eines wertvollen Gemäldes, das namensgebend für das Buch ist.
Ungeheuer einfühlsam und authentisch beschreibt Donna Tarrt die Untröstlichkeit des Jungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Seinen Wandel vom verletzten Kind zu einem Wesen, das er nicht werden will, weil es seinem verhassten Vater ähnelt. Mit seinem Suchtverhalten und Tricksereien bis hin zu schwerem Betrug scheint er in dessen Fußstapfen zu treten.
Bei ihren Schilderungen liegt die Autorin mit den reichlich gebrauchten Metaphern nie daneben. Einige Längen kurz vor Schluss sind verzeihlich. Dafür versöhnt sie auch am Ende wieder mit Sätzen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann. Donna Tarrt steht mit ,Der Distelfink‘ für mich literarisch auf der gleichen Stufe mit amerikanischen Kollegen wie John Irving, T. C. Boyl und Jonathan Franzen. Die deutsche Übersetzung von Rainer Schmidt und Kristian Lutze ist sprachlich hervorragend gelungen. Ich freue mich schon darauf, als nächstes ihren ersten Roman ,Die geheime Geschichte‘ zu lesen.
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am 12. Juli 2015
Au Mann, mal wieder ein Tausendseiter, ein „Kilobuch“, da muss man sich erst mal ran wagen. Lange genug habe ich gewartet, denn eigentlich fand ich "Die geheime Geschichte" von ihr damals schon absolut faszinierend. Der Roman beginnt in der Gegenwart geht schnell in eine Rückblende, baut das Leben nach und endet heute. Als Roman oft so genutzt. Aber das muss man auch können. Und Donna Tartt kann es. Man wird in die Geschichte förmlich rein gezogen, erfährt viele (mir) unbekannte Sachen aus der klassischen Kunst und Malerei, erfreut sich an Details des Restaurierungswesen und kriegt quasi ganz nebenbei eingeschüttet, für was Menschen Geld ausgeben. Das ist die eine Seite. Die Didaktische. Wie man so schön sagt, die zweite Ebene eines Buches. Gibt bestimmt ein Fremdwort dafür.
Und dann ist es eben die Lebensgeschichte von Theodore Decker, der 13 - jährig und voller Lebenszweifel bei intensivster Liebe zu seiner Mutter, eben diese durch einen eine Explosion in einer Museumsgalerie verliert und im Chaos mit dem Bild des Distelfinks, wieder aufwacht. Hier geht es richtig los. Dieses Ereignis und der Distelfink (gemalt 1654 in Holland von einem gewissen Fabritius, ein Schüler Rembrandts) welcher nun fortan und illegal quasi an seinem Leib klebt, krempeln sein Leben völlig um; er kommt auf seinem Weg mit ganz vielen, und unterschiedlichsten Menschen zusammen, von denen drei in dem Roman die wichtigsten sind: Pippa, in die er sich kurz vor der Explosion auf der Stelle verliebt hat, Hobie, der zu seinem väterlichen Freund wird und Boris, der ukrainische Schlawiner, der Theo mit seinem Drogen- und Alkoholkonsum fast fertig macht und der, gleichwohl als Freund, bis zum Ende windig und undurchschaubar bleibt.
Ein Aspekt, der mir am Ende immer wieder durch den Kopf ging, ist eben dieser lakonische Drogenmissbrauch, diese Selbstverständlichkeit, des sich Abschießens, das Treffen mit den Dealern, und immer eine "Nase" zur Hand. Wenn ich mir heute mal einen Schnaps gönne, was kaum geschieht, aber wenn, habe ich anderntags Kopfschmerzen. Und da wird alles in sich rein geschüttet, was auch nur annähernd, die Sinne vernebeln könnte. Aber vielleicht mein Problem, soll keinen interessieren. Interessieren wird vielleicht meine Wertung: absolut lesenswert!
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am 3. Juni 2015
Bei einem verheerenden Bombenattentat kommt die Mutter des sensiblen dreizehnjährigen Theo Decker ums Leben. Während der leicht verletzte Junge versucht, sich aus den Trümmern zu befreien, nimmt er ein kleines Bild an sich: Der Distelfink, ein hochdotiertes Meisterwerk des niederländischen Malers Carel Fabritius aus dem 17. Jahrhundert. Theo kommt für ein paar Wochen bei der Familie seines Schulfreundes Andy Barbour unter, aber in der distanzierten Atmosphäre dieser Familie findet der traumatisierte Junge wenig Trost. Erst als er den Restaurator und Antiquitätenhändler James Hobart kennenlernt und dort die gleichaltrige Pippa, auch eine Überlebende des Anschlags, trifft, scheint er ein wenig Halt zu gewinnen. Aber dann holt ihn sein Vater Larry, ein Zocker und Alkoholiker zu sich nach Las Vegas.
In Las Vegas fühlt sich Theo einsam, bis er Boris kennenlernt, ein junger Russe, der mit allen Wassern gewaschen zu sein scheint. Zusammen vertreiben sie sich die Zeit mit Kleindiebstählen, Drogenexperimenten und sonstigem Blödsinn. Als auch Theos Vater ums Leben kommt, fährt der Junge zurück nach New York und beginnt bei Hobart “Hobby” eine Ausbildung als Restaurator.
Jahre später hat Theo viel Erfolg als Antiquitätenhändler, wenn auch oft mit unseriösen Geschäften. Der Distelfink ist immer noch in seinem Besitz, obwohl FBI und Interpol mit Hochdruck nach diesem Gemälde suchen. Kurz vor seiner Verlobung mit Kitsey Barbour tritt unerwartet Boris wieder in sein Leben.
Dieser erzählt ihm eine unglaubliche Geschichte und verwickelt ihn in einen gefährlichen Plan …

Donna Tartt

Die hochintelligente, begabte und zugleich zurückhaltende Autorin Donna Tartt wurde 1963 in Greenwood, Mississippi geboren. Ihren ersten internationalen Erfolg erhielt sie mit dem Roman “Die geheime Geschichte”. Für “Der Distelfink” bekam sie 2014 den Pulitzerpreis.

Der Distelfink – Meine Meinung

Der Einband mit dem putzigen Vögelchen sollte mit einer Warnung versehen werden. Denn dieses Buch ist nichts für schwache Nerven.
Der in der Ich-Perspektive gehaltene Roman beginnt in einem Amsterdamer Hotel und scheint dem Leser eine solide, aber harmlose Spannung zu verprechen. Bis der Protagonist beginnt, in einer Rückblende seine tragische und zugleich verworrene Lebensgeschichte zu erzählen. Die Passagen, in denen Theo durch das zerstörte Museum stolpert, sind dramatisch; die Trauer um seine Mutter nimmt einen mit, seine Introvertiertheit scheint unbegreiflich. Man erlebt mit Theo die wohltuende Routine in Hobbards Werkstatt und dann wieder die Selbstzerstörung seiner Drogenexzesse und fühlt sich über Seiten hinweg wie in einer Anleitung zum Borderline-Syndrom. Dennoch ist keine Wendung vorhersehbar, auch wenn man von Anfang an meint zu wissen, wie das alles endet.
Nebenher erhellt einen die Autorin mit Gedanken über die Wirkung von wahrer Kunst ebenso, wie mit dem Schreinerhandwerk. Die Einsichten in den Kunsthandel und den internationalen Kunstraub, sowie den Drogenhandel sind genauso lehrreich, wie die Beschreibung von Instandsetzungsarbeiten bei Antiquitäten.
So ein kleines Chippendale Sofa könnte ich nach dieser Lektüre nun auch ein bisschen restaurieren.
Angeblich hat die Autorin 10 Jahre an diesem Buch gearbeitet. Hätte sie nur 8 Jahre daran geschrieben, wären uns einige Längen erspart geblieben, die zwar voller Philosophie stecken, aber anstrengend sind. Gerade die Betrachtungen über Gut und Böse sind mir zu weit hergeholt und zu selbstgerecht.

Dieses Buch ist ein Kunstwerk um ein Kunstwerk. Und es ist auf jeden Fall empfehlenswert, auch wenn man eine stabile Psyche benötigt.

Ein Lob gebührt dem Hörbuchsprecher Matthias Koeberlin, dem es gelang, die Theos Lethargie und Melancholie stimmlich wiederzugeben.
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am 20. Januar 2015
mal ein ganz anderes Buch, welches aus 3 Gründen gerade in mein Leben passte: 1. war ich krank und hatte viel Zeit zum Lesen, 2. passt es thematisch zu HAPE Kerkelings Buch (Der Junge muss an die frische Luft )
Hape 's Geschichte in Deutschland, Theos ins Amerika 3. waren wir von einigen Wochen in Amsterdam und Haarlem und haben in den Museen die Meister vor Augen gehabt.
Interessant und teilweise sehr spannend. Ist die amerikanische, heutige Welt so voller Drogen? Die sehr ausführlichen Beschreibungen der Alkohol-und Drogenexesse, sind nicht mein Ding, vielleicht bin ich dafür zu alt?
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am 20. März 2015
Ein wundervolles Buch, in einer mitreißenden Sprache geschrieben, das uns mitnimmt auf die bewegende Reise ins Leben mit all seinen Hindernissen, Gefahren und Chancen. Vor allem die innere Einsamkeit und Verletzlichkeit des Hauptprotagonisten, seine Selbstzweifel und Verführbarkeit haben einen tiefen Eindruck auf mich hinterlassen. Nur die 'Auflösung' am Ende fand ich nicht so stimmig, auch wenn sie durchaus schlüssig war. Als ich fertig gelesen hatte, habe ich Theo vermisst, wie man einen Freund vermisst, der für längere Zeit wegfährt.
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