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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Fall von ästhetischer Selbstbehauptung, 4. Mai 2014
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Rezension bezieht sich auf: Dzim Svante (Sol' Svanetii) & Gvozd' v sapoge (DVD)
Der sowjetische Revolutionsfilm ist heute weitgehend aus dem allgemeinen kulturellen Gedächtnis verschwunden. Man kennt höchstens noch die Namen von Eisenstein und dem ›Panzerkreuzer‹. Ist man besonders filminteressiert, kommen noch Pudowkin, Vertov und Dowshenko hinzu. Der Georgier Michail Kalatosow (1903-1973) ist dagegen ein nahezu Unbekannter. Von seinen Filmen kennen ältere Menschen (mit ostdeutscher Sozialisation) vielleicht noch »Letjat zhuravli / Wenn die Kraniche ziehen« (1957), der 1958 die Goldene Palme in Cannes erhielt, oder »Krasnaja palatka / Das rote Zelt« (1969), eine amerikanisch-sowjetische Koproduktion mit Sean Connery, Peter Finch und Claudia Cardinale. Wirklich präsent ist jedoch keiner dieser Filme mehr, schon gar nicht im deutschen Fernsehen.

Die vorliegende DVD präsentiert die ersten beiden Filme Kalatosows. Diese beiden Stummfilme, die jeweils mit knapp über 60 Minuten Spieldauer eine mittlere Länge haben, stehen am Ende der Phase des avantgardistisch geprägten sowjetischen Revolutionsfilms. Kalatosow hat seine ästhetische Auffassung noch im persönlichen Kontakt mit Exponenten der konstruktivistischen Avantgarde entwickelt: Kuleschow, Tretjakow und Rodschenko. Kurze Zeit später wird der Sozialistische Realismus zur offiziellen ästhetischen Doktrin erhoben. Kalatosow hat bei seinen ersten beiden Filmen bereits den politischen Gegenwind der Stalinära zu spüren bekommen: »Dzim Svante / Das Salz Swanetiens« (1930) wurde nach der Premiere in die Archive verbannt und 30 Jahre lang nicht mehr gezeigt. Das Schicksal von »Gvozd' v sapoge / Nagel im Stiefel« (1932) war sogar noch härter: Der Film wurde noch vor seiner Aufführung zurückgezogen und erlebte seine Premiere erst nach der Jahrtausendwende.

Kalatosows eigenes Schicksal blieb wechselhaft: Einerseits wurde er mit wichtigen Produktions- und Leitungsaufgaben betraut (u. a. war er 1945-48 stellvertretender Filmminister), andererseits wurde ihm für etliche Jahre die Möglichkeit verwehrt, eigene Filme zu drehen. In der späteren Stalinzeit ordnete Kalatosow seine Filme der offiziellen Linie unter, doch nach 1953 zeigte er, dass er an seinen grundlegenden ästhetischen Prinzipien, die er seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entwickelt hatte, festhielt. Davon zeugte nicht nur »Wenn die Kraniche ziehen«, sondern auch sein Film über die kubanische Revolution, »Soy Cuba / Ich bin Kuba« (1964), bei dessen Uraufführung die kubanischen Offiziellen aus Protest den Saal verließen. Auch dieser Film verschwand in den Archiven und wurde erst Mitte der 1990er Jahre etwas bekannter, als sich Martin Scorsese und Francis Ford Coppola für ihn einsetzten.

Die vorliegenden Filme haben unverkennbar eine Agitprop-Ausrichtung: »Nagel im Stiefel« ist im Ganzen auf diesen Zweck hin konzipiert, während sich der appellative politische Kommentar bei »Das Salz Swanetiens« im Wesentlichen auf die letzten fünf Minuten beschränkt, die erkennbar nachklappen und den Eindruck erwecken, als gingen sie auf nachträgliche Überlegungen oder externe Forderungen zurück.

»Das Salz Swanetiens« schildert mit dokumentarischem Anspruch die Lebenssituation der Bewohner der Bergregionen Swanetiens (Georgien), die von Armut, prekären natürlichen Lebensgrundlagen und einer archaischen Kultur geprägt sind. In fantastischen und teils sehr poetischen Bildern fängt Kalatosow zunächst die natürliche Umgebung und das alltägliche Leben ein. Mit großer Genauigkeit und viel Respekt widmet er sich der Darstellung handwerklicher Abläufe und archaischer Bräuche. Doch der Regisseur hebt auch den Hindernischarakter von Brauchtum und Religion hervor: Ungleichheiten zwischen Besitzenden und Besitzlosen sowie zwischen den Geschlechtern können überdauern oder verschärfen sich sogar. Es sind diese Aspekte, die am Ende des Films den Übergang zum Agitprop herstellen.
Kalatosows erster Film, der eine Art dramatisierter Dokumentarfilm ist, offenbart einen atemberaubenden Reichtum an Ausdrucksformen: Präzision in der Kadrierung, Modellierungen durch Beleuchtungseffekte, eine Vielfalt an Kamerabewegungen, Montageeffekte usw. Kalatosow benutzt Elemente des Hollywoodkinos ebenso wie solche des sowjetischen Konstruktivismus, des französischen Impressionismus und des deutschen Expressionismus, und das, ohne effekthascherisch oder eklektizistisch zu wirken. Kalatosow hat bereits am Beginn seiner Karriere einen kraftvollen eigenwilligen Stil entwickelt, den er in der Post-Stalinzeit wieder aufnimmt. In einer Umwelt voller extremer Widerstände hat sich Kalatosow über die Zeit hinweg behaupten können.

Der zweite Film, »Nagel im Stiefel«, ist als Parabel konzipiert. Erzählt wird zunächst die Geschichte einer militärischen Kampfhandlung (die sich später als Manöver entpuppt), bei der ein als Bote eingesetzter einfacher Soldat eine entscheidende Nachricht nicht überbringt und dadurch den ›Tod‹ einer ganzen Panzerzugbesatzung verursacht. Die zweite Hälfte des Films schildert ein juristisches Verfahren: Der Soldat steht wegen Verrats vor einem Volksgericht. Das Nichtüberbringen der Nachricht wird dabei als Pflichtvergessenheit mit schwersten Konsequenzen interpretiert. Was zunächst wie eine Vorwegnahme der stalinistischen Schauprozesse aussieht, nimmt schließlich eine andere Wendung, an deren Ende direkt an jedermanns Verantwortungsbewusstsein appelliert wird.
Die Parabel ist in der zweiten Hälfte derart komplex und vieldeutig angelegt, dass der Film unweigerlich mit den formelhaften didaktischen Maßstäben, die seinerzeit vorherrschten, in Konflikt geraten musste. Dazu kommt, dass sich die Inszenierung der ersten Filmhälfte extrem weit vom schlichten Didaktizismus entfernt. Kalatosow brennt gerade bei der Inszenierung des Kampfgeschehens ein Feuerwerk ab, das einen auch heute noch komplett von der eigentlich Filmparabel ablenkt. Was der Regisseur dort leistet, ist grandios, – das gilt sowohl für die Schilderungen der Kampfhandlungen als auch für die Darstellung der Erlebnisse des Boten. Es verwundert zumindest nicht, dass sich Kalatosow schon vor der Filmpremiere dem damals sehr gefährlichen Formalismusvorwurf ausgesetzt sah.

Sieht man von den zeitgebundenen Agitprop-Aspekten ab, so wird kenntlich, dass Kalatosows formale Brillanz durchaus kein leeres Virtuosentum ist. Es geht dem Regisseur um die Situation des Einzelnen oder einer Gruppe in einer (natürlichen und sozialen) Umwelt, die prekär oder sogar bedrohlich ist. Er fokussiert sowohl die Umweltbedingungen als auch die Art, wie der Einzelne damit zurecht zu kommen versucht. Archaisches Brauchtum ist für Kalatosow daher nicht nur bloße Rückständigkeit, sondern auch habitualisierte Überlebensstrategie, die Respekt einflößt. Auch die enormen Anstrengungen des Botens in der Parabel werden am Ende nicht einfach durch den Misserfolg entwertet. Bisweilen ist ein fast existenzialistisches Pathos bei Kalatosow spürbar.

Die DVD bietet die beiden Filme in sehr gut restaurierten Fassungen. Die originalen Zwischentitel sind in russischer Sprache. Es können deutsche, englische oder georgische Untertitel angewählt werden. Für beide Filme kann man zwischen stummen und musikalisch begleiteten Fassungen wählen. Bei »Das Salz Swanetiens« liegen zwei musikalische Fassungen vor: eine von Masha Khotimski, die Chormusik einsetzt, sowie eine instrumentale Musik von Günter A. Buchwald, für die dieser 2013 auf dem Bonner Beethovenfest ausgezeichnet wurde.
Das 20-seitige Booklet enthält zwei längere Essays: Sergej Kapterev informiert in einem englischsprachigen Beitrag über Kalatosows frühe Jahre. Alexander Schwarz geht den biografischen und filmhistorischen Konsequenzen der stilistischen Eigenheiten Kalatosows nach. Das Booklet wird abgerundet durch einen biografischen Überblick mit Filmografie (ebenfalls von Alexander Schwarz) sowie durch Informationen zu den Komponisten der Filmmusiken.

Fazit: Eine grandiose DVD-Veröffentlichung. Einer jener Fälle, bei denen man sich fast ein bisschen schämt, so lange eine solche Wissenslücke gehabt zu haben.
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Dzim Svante (Sol' Svanetii) & Gvozd' v sapoge
Dzim Svante (Sol' Svanetii) & Gvozd' v sapoge von Michail Kalatosow (DVD - 2014)
EUR 16,99
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