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F


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327 von 350 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen F wie fabelhaft fabuliert.
Angesicht der sehr geteilten Rezensionen hier, habe ich meine Begeisterung bei der Lektüre des Romans erst einmal ein paar Tage abebben lassen. Doch auch nach diesen Tagen bin ich noch immer sehr verwundert über die doch herben Urteile (konstruiert, blutleer, wenig durchdacht, banal, lauwarm).

F ist für mich gute Literatur im besten Sinne. Nicht...
Vor 18 Monaten von Thomas Brasch veröffentlicht

versus
223 von 261 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Warum mich dieses Buch nicht überzeugt
Der Roman besteht im Wesentlichen aus drei Hauptkapiteln plus Rahmen. Die drei Hauptkapitel erzählen Ereignisse ein- und desselben Tages im Leben der drei Halbbrüder Martin, Erik und Iwan. Martin ist katholischer Priester, der seinen Glauben nicht verloren hat – er hatte ihn nie. Erik verwaltet die Finanzen der ganz Reichen und hat deren Geld verzockt. Nur...
Vor 19 Monaten von Waldschrat veröffentlicht


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327 von 350 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen F wie fabelhaft fabuliert., 11. September 2013
Von 
Thomas Brasch (München) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
Angesicht der sehr geteilten Rezensionen hier, habe ich meine Begeisterung bei der Lektüre des Romans erst einmal ein paar Tage abebben lassen. Doch auch nach diesen Tagen bin ich noch immer sehr verwundert über die doch herben Urteile (konstruiert, blutleer, wenig durchdacht, banal, lauwarm).

F ist für mich gute Literatur im besten Sinne. Nicht mehr und nicht weniger. Es hat alles, was ich von einem lesenswerten Roman erwarte: bleibende Szenen im Kopf, gut skizzierte Figuren, die ich mir weiter ausmalen kann, erzählerische Spannung und geistreiche Anspielungen. Es menschelt zudem sehr vielfältig und dreht sich viel um die Frage, wie sehr wir Herr über unser Schicksal sind.

Viele Süchte unserer modernen Gesellschaft werden behandelt. Zum einen unsere unstillbaren Begierden nach individueller Bedeutung, Attraktivität, gesellschaftlicher Anerkennung, nach Macht und Einfluss. Und zum anderen jene Süchte, die oftmals aus der Nichterfüllung der erstgenannten entstehen: Fresssucht, Spielsucht, Sexsucht.

Der Spannungsbogen der Erzählung entwickelt sich auch aus den zwar schicksalhaft beeinflussten doch überwiegend selbstgewählten Lebenswegen aller Protagonisten. Alle sind überdurchschnittlich begabt und von Kindheit an bestens ausgestattet, um ein erfüllendes Leben zu leben. Doch alle sind zugleich auch unersättlich und maßlos in ihren Ansprüchen an das Leben. Besonders die Brüder sind eine schöne Allegorie auf unsere herrschenden Ansprüche an Selbstverwirklichung. Sie illustriert unser gesellschaftliches „Leiden auf hohem Niveau“, das aus unserer individuellen Selbstüberschätzung resultiert. Die Fähigkeit, persönliches Mittelmaß zu akzeptieren und dennoch zufrieden mit dem zu sein, was man erreichen kann, ist uns offenbar mehr und mehr abhanden gekommen.

Unerträglich wird es für viele mit der Erkenntnis zu leben, dass unsere Existenz letztlich für den Gang der Dinge bedeutungslos ist – gleichgültig was wir tun. Der Vater der Brüder vertritt diesen Individual-Nihilismus. Nachdem er sich dazu bekennt, lebt er fortan ganz gut damit. Doch auf sein moralisches Konto gehen zwei verlassene Frauen, drei verlassene Söhne und einige verzweifelte Seelen, die sich nach der Lektüre seines Erfolgsromans das Leben nehmen. Das macht ihn in einer bigotten Wertegesellschaft zur Persona non grata.

Ich fand also vieles in F was mich berührt, mich beschäftigt, mich nachdenklich macht. Und ich wurde bestens unterhalten.

Nachtrag: An F wird mir einmal mehr deutlich gemacht, dass sich die Kultur der Rezensenten bei Amazon offenbar wandelt. Einerseits steigt offensichtlich das Bedürfnis, Bücher zu verreißen. Das ist grundsätzlich nicht zu beanstanden, doch die relative Zunahme verwundert mich. Ich selbst komme nur in sehr seltenen Fällen dazu, ein enttäuschendes Buch auch noch zu rezensieren. Doch weit mehr - sicher auch, weil ich betroffen war - nimmt offenbar das Bedürfnis zu, Bewertungen und Rezensionen, die der persönlichen Einschätzung entgegen stehen, aktiv mit nicht hilfreich negativ zu bewerten. Dies kann ich überhaupt nicht nachvollziehen und finde ich eine bedenkliche Entwicklung. Das ist doch nicht der Sinn der "nein"-Funktion. Zumindest käme ich nie auf die Idee, eine Rezension als nicht hilfreich zu bewerten, nur weil sie das Buch anders bewertet als ich. Das ist für mich nur dann legitim, wenn jemand die Rezensionsfunktion bewusst missbraucht. Aber vielleicht habe ich da was falsch verstanden. Mir macht es auf jeden Fall immer weniger Vergnügen, Rezensionen zu veröffentlichen.
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223 von 261 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Warum mich dieses Buch nicht überzeugt, 3. September 2013
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
Der Roman besteht im Wesentlichen aus drei Hauptkapiteln plus Rahmen. Die drei Hauptkapitel erzählen Ereignisse ein- und desselben Tages im Leben der drei Halbbrüder Martin, Erik und Iwan. Martin ist katholischer Priester, der seinen Glauben nicht verloren hat – er hatte ihn nie. Erik verwaltet die Finanzen der ganz Reichen und hat deren Geld verzockt. Nur der Credit Crunch rettet ihn, denn er bietet ihm die Möglichkeit, die Verluste als Ergebnis der globalen Krise zu kaschieren. Iwan, Eriks Zwillingsbruder, ist gescheiterter Maler und macht damit Karriere, Bilder zu fälschen und als die seines Lebensgefährten auszugeben. Nach dessen Tod lässt er immer weitere Bilder auftauchen, die er zu horrenden Preisen verkauft. Die drei Kapitel werden auf mehrfache Weise miteinander verbunden, nicht zuletzt durch ein Gewaltverbrechen, dem Iwan zum Opfer fällt. Thematisch deckt der Autor mit den drei Brüdern die Bereichte Religion, Wirtschaft und Kunst ab. In allen regiert die Fälschung, der Fake, die Fiktion des Vorspiegelns falscher Tatsachen. In dieser Lebenshaltung sind sich die Brüder bei aller Unterschiedlichkeit einig.

Der Verlag preist Kehlmanns neuen Roman als ‚vielschichtig, geheimnisvoll und kühn’ an. Ich denke, das Buch ist nichts von alledem.

Zunächst der Stil: Kehlmann schreibt in einer biegsamen und glatten Journalistenprosa, die jegliche literarische Vertiefung der Sprache vermissen lässt. Man bleibt an keiner Formulierung hängen, keine Metapher weitet die Perspektive. Gerade das Motiv der Täuschung böte reichlich Anlässe, Gesten und Situationen durch die Sprache auszuloten. Kehlmann verzichtet darauf. Um nicht falsch verstanden zu werden: Kehlmann schreibt nicht schlecht. Aber kunstvoll ist diese Sprache keineswegs. Bloß handwerklich ganz ordentlich gemacht.

Das führt mich zum zweiten Punkt: In einigen Rezensionen wird die kunstvolle Konstruktion des Romans gelobt. Das kann ich nicht nachvollziehen. Die drei Hauptkapitel und die Rahmenhandlung sind durch eine Reihe von Bezügen und Motiven miteinander verbunden. Die meisten davon sind so offensichtlich, dass sie einen regelrecht anspringen – etwas die Äußerlichkeiten der Jugendgang, die Iwan überfallen, ihre Kleidung, die Piercings. Diese Vordergründigkeit ermüdet. Man hört als Leser das Handwerk so deutlich klappern, dass einem jegliche Entdeckerfreude abhanden kommt. Auch hier also: eher Kunsthandwerk als Kunst.

Am schwersten wiegt jedoch die Unglaubwürdigkeit und Blutleere der Figuren. Der Priester und der Finanzhai wirken wie schlechte Abziehbildchen billiger Klischees. Als hätte sich jemand hingesetzt und alle Schlagworte gesammelt, die zu einem ungläubigen Priester (der aus Frust dauernd futtert) oder zu einem gewissenlosen Finanzspekulanten gehörten. An diesen Figuren lebt nichts, sie stehen da nur so auf dem Papier, weil der Autor sie so haben wollte. Man wird den Eindruck nicht los, dass Kehlmann hier über Milieus schreibt, die er weder kennt noch versteht. Daher entwickelt sich die Handlung auch nicht nachvollziehbar aus den Charakteren und ihren Voraussetzungen, sondern wirkt konstruiert und bizarr. Einzig Iwan und seine Gedanken über Echtheit und Fälschung in der Kunst wirken ein wenig glaubwürdiger. Hier kam dem Autor wahrscheinlich seine Erfahrung aus früheren Arbeiten (Ich und Kaminski) zugute.

Insgesamt also ein eher enttäuschender Roman, der keinesfalls hält, was die Werbung verspricht.
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Famos, fabelhaft, Friedmann, 28. November 2014
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
Man muss Daniel Kehlmann schon dafür lieben, dass er das hässlichste Wort der deutschen Sprache geschickt ausblendet: Hier ist ein Telefon, auch wenn man es überallhin mitnehmen kann, ein Telefon und keine hinkende Anglizismus-Missgeburt. Man muss Kehlmann aber auch lieben für die Leichtigkeit, mit der er seine beiden letzten Bücher runtergeschrieben zu haben scheint. Es ist, als ob ihm die Gedanken ganz von selbst zugeflogen kämen und sich dann auch noch gefügig in eine vom Autor erst nur in Umrissen im Kopf herumspukende Handlung einbauen ließen. Der Eindruck mag falsch sein, aber der Roman liest sich trotzdem so. Er ist dialogstark, wo andere eine Erzählerstimme verquastes Zeug faseln lassen, traumwandlerisch sicher in der Figurenführung, wo andere Autoren ihre Helden eine so gewollt wirkende Entwicklung nehmen lassen, dass man jede Lust verliert, und zugleich so facetten- und ebenenreich in der Struktur, wie man es heute von einem modernen Roman erwartet. Der »Spiegel« urteilte, die Figuren von »F« ließen einen kalt. So kalt, möchte man replizieren, wie die Figuren Thomas Manns, dessen Humor und feine Ironie Distanz zum Dargestellten erzeugten, ohne dass deswegen das Geschriebene an Faszination eingebüßt hätte.
Der Auftakt lässt von ferne an »Mario und der Zauberer«, die kleine, kunstvolle Novelle von Thomas Mann, denken: Arthur Friedmann und seine drei Söhne, die Zwillinge Iwan und Eric von der aktuellen Frau und deren Halbbruder Martin, Sohn einer Geliebten, besuchen eine Darbietung des großen Lindemann, eines Hypnotiseurs. Der wird später als running gag noch ein paar Auftritte haben, zunächst einmal wird er brutal unterschätzt und selbst dem extravaganten Arthur, bei dem Hypnose eigentlich nicht funktioniert, hat Lindemann etwas zu geben: Er wird in eine völlig neue Richtung geführt und verlässt wenig später seine Familie. Er wird zu einem der meistbeachteten Autoren seiner Zeit – mit dem Buch »Mein Name sei Niemand«, das eine ähnliche Selbstmordwelle auslöst wie dereinst Goethes Werther. Zurückgezogen nur der Kunst lebend, wird er seine Söhne nur ab und zu mal aufsuchen – in den nachfolgenden Kapiteln, in denen sich alles um Friedmanns erwachsene Söhne dreht.

Jahre später ist nämlich klar, dass die drei Söhne des Verschwundenen Lebenswege gewählt haben, die dem ihres Vaters in punkto Originalität in nichts nachstehen. Eine Ausnahme bildet vielleicht Martin, der ein Pfarrer ohne Glauben ist und sich lieber mit seinem Rubik-Würfel beschäftigt, bei dessen Auflösung er 22. der nationalen Bestenliste geworden ist; außerdem ist er übergewichtig. Durch ein Missverständnis wird er zu einem Gespräch mit Eric gerufen, der eigentlich seinen Zwillingsbruder Iwan sprechen wollte (interessantes Crossover zum Eric-Kapitel). Außerdem landet der Halbstarke Ron, der Mörder seines Bruders (Iwan) bei ihm in der Beichte, was Martin aber zu dem Zeitpunkt nicht ahnt.
Eric ist ein amphetaminsüchtiger Investment-Bänker, der kurz vor dem Bankrott steht. Er ist verheiratet mit der bildschönen Schauspielerin Laura, trifft sich aber auch regelmäßig zum Sex mit einer Geliebten, an der er sonst nicht viel finden kann. An dem regen SMS-Verkehr mit ihr scheitert auch das Gespräch mit Martin (Crossover). Außerdem hat eine Tochter namens Marie, die er ständig mit Dingen volltextet, die sie nicht versteht. Eric, ein klassischer Hochstapler und Betrüger, hat sich total verspekuliert und Kundengelder veruntreut. Als er sich den Ansprüchen eines Kunden gegenübersieht, der sein Geld zurück haben möchte, ist ihm klar, das er in Kürze endgültig auffliegen dürfte. Erics Amokfahrt zu seiner Geliebten und sein sich auflösendes Bewusstsein – er weiß wegen der Drogen nicht mehr genau, was er tut, verwechselt fortwährend Wahn und Wirklichkeit und findet sich auf einmal in einem mysteriösen Kellerlabyrinth wieder – gehören nicht nur zu den besten Stellen im Buch, sie gehören in der temporeichen und sprachlich eleganten Inszenierung überhaupt zum Besten, was ich seit langem von einem deutschen Autor gelesen habe (höchstens noch übertroffen von Jan Brandt in »Gegen die Welt«).
Und schließlich Iwan, Erics Zwilling und Seelenverwandter, ein gescheiterter Künstler auf den ersten Blick, tatsächlich aber der wahre Urheber aller bekannten Eulenböck-Bilder (von denen eines sogar bei Eric im Büro hängt), ohne freilich der berühmte, von ihm berühmt gemachte Künstler zu sein. Und das kam so: In der Einsicht, es selbst nicht zu höheren Weihen bringen zu können, strebte Iwan den Weg des Kunstkritikers an und traf zu einem Interview den scheuen, zivilisationsmüden Eulenböck. Er wurde, im Gegensatz zu Eric homosexuell empfindend, dessen Lebensgefährte und konnte ihn schließlich davon überzeugen, Bilder in seinem Namen zu malen. Zunächst gedacht als Verspottung des Kunstbetriebs, deren Kunstverstand ad absurdum geführt ist, wenn die Fälschung nicht entlarvt wird, begründen die Eulenböck-Bilder im neuen Stil erst Eulenböcks eigentlichen Ruhm. Nach dem Tod des Meisters malt Iwan, zugleich oberster Eulenböck-Experte, munter weiter: Bilder, die er zuvor erfunden und auf von ihm angefertigten und in Umlauf gebrachten Listen aufgeführt hat. Damit der Betrug ein gut gehütetes Geheimnis bleibt, hat Iwan sich in einem abgelegenen Industriegelände ein Atelier zugelegt. Dort stirbt er, nachdem er sich in einem unbegreiflichen Akt des Altruismus in ein Handgemenge unter Jugendlichen eingemischt hat und von Ron niedergestochen worden ist.

Die Schlusskapitel sind aus der Sicht von Erics Tochter Marie geschrieben. Sie enthüllen, dass Ron Martins neuer Messdiener geworden ist und Eric dank der Finanzkrise und dank des Erlöses aus dem Verkauf von Eulenböck-Bildern, die er nach Iwans Tod vermarkten durfte, finanziell saniert ist und den drohenden Ruin abwenden konnte. Anders als Martin, der Pfarrer, sieht er diese glückliche Wendung als Eingreifen Gottes.
Bankenkrise, Fälscherskandal, Zivilcourage, Volkskirche ohne Volk: Daniel Kehlmann hat mit leichter Hand Themen der deutschen Gegenwart zu einem furiosen, handlungsstarken Roman verwoben. Und man hat das Gefühl, dass ihm das alles so leicht von der Hand ging wie Iwan ein Eulenböck. Fabelhaft!
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Meine hohen Erwartungen wurden enttäuscht, 15. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
"F" ist unterhaltsam, lesenswert. Den Leser erwartet darin durchaus etwas Anspruch, nicht jedoch eine dicht erzählte Geschichte. Vielmehr besteht das Buch aus drei größeren Fragmenten, die sich zwar berühren, überschneiden, miteinander korrespondieren, aber trotzdem jede sehr stark für sich selbst stehen und im Zusammenspiel viele kleinere, aber keine größere Aussage ergeben.

Das Kluge, Philosophische und was so mancher Rezensent auch noch darin sieht, ist durchaus enthalten, wirkt aber mehr wie eine Fingerübung des Autors, wie ein bloßes Spiel, nicht hingegen als Fundament für das Buch oder als Element, das eine irgendwie geartete Erkenntnis schaffen könnte - weder inhaltlich noch stilistisch. Und das ist das Problem: Daniel Kehlmann ist toll, wenn er Dinge akribisch beobachtet und beschreibt. Eine wirkliche schöpferische Kraft bringt er weniger zum Ausdruck. Daniel Kehlmann wagt nicht den Schritt in die Tiefe. Sein Buch bleibt oberflächlich, es wirkt einfach nur gewollt verspielt und somit auch ein wenig belanglos.

Wer jetzt über mich schimpfen mag wegen dieser Rezension, möge hier weiterlesen und es vielleicht selbst ausprobieren: Kurz vor diesem Buch las ich "Milchmusik" von Thomas Strittmatter, ebenso eine Sammlung an zusammengehörigen Fragmenten, ebenso aus der Sicht sich gescheitert fühlender Segelnder durch die Wirren einer sich immer stärker verändernden Welt. Strittmatters Buch ist jedoch von literarisch und erzählerisch enormer Stärke. Stellenweise fühlte ich mich in "F" an einzelne Passagen erinnert, besonders im Finale der Geschichte um Iwan, der für mich besten Stelle im Buch. Irgendwie zeigt Daniel Kehlmann in solchen Momenten, was er drauf hat. Ich frage mich nur, warum er dann an anderen Stellen so viel erzählerisches Potenzial ungenutzt lässt. Weil er sich nicht so weit hinauswagen möchte? Oder aus Gründen der besseren Vermarktung seiner Bücher? Immer dieser Humor und dieses Augenzwinkern, das wirkt auf Dauer etwas fad und kraftlos. So verstehe ich ihn nicht richtig. Er scheint, literarisch viel zu wollen und sich dann mit weniger zufrieden zu geben.

Diese Rezension ist mit Verlaub verfasst und mit Respekt für die Leistung des Autors. Wie zu Beginn bereits gesagt, halte ich dieses Buch für sehr lesenswert, aber bin aber leider trotzdem enttäuscht, vielleicht ob meiner zu hohen Erwartungen.
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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Mechanismen des Bewusstseins" oder: "Ich bin niemand!", 30. August 2013
Von 
MyandMar - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
1974 erfand ein ungarischer Professor für Physik und Design einen bunten Plastikwürfel, der sich zu Beginn der achtziger Jahre wie ein Virus in der Welt auszubreiten begann. Seitdem fummeln Millionen Menschen an der Erfindung von Ernö Rubik herum und versuchen, die Schichten des Zauberwürfels so zu verdrehen, dass alle Seiten gleichfarbig werden. Zwar ist der große Hype mittlerweile verebbt, doch scheint es immer noch ein gewisses Interesse zu geben. Seit einigen Jahren fasziniert das bunte Spielzeug sogar die Wissenschaft. 43.252.003.274.489.856.000 Ausrichtungsmöglichkeiten soll es geben. Für das Wiederherstellen der farblichen Ordnung sind allerdings, man höre und staune, nur zwanzig Züge erforderlich. Der Weltrekord liegt übrigens bei sieben Sekunden.

In sieben Kapiteln beschäftigt sich auch Daniel Kehlmann mit dem Ausloten und der Suche verschiedener Möglichkeiten sowie einem eventuell "berechenbaren" Schicksal. Zwar geht es in seinem neuen Roman mit dem schlichten Titel "F" nicht um jene magische "Gottes Zahl", aber Rubiks Würfel findet sich darin gleichfalls wieder. Einer der drei Brüder, aus deren wechselnder Sicht das Buch jeweils in der Ich-Form erzählt wird, ist diesem magischen Zauber erlegen. Das Mysterium der Existenz Gottes wird ihm im Gegenzug dazu, jedoch Zeit seines Lebens nicht klar werden. Was umso mehr erstaunt, als dass Martin katholischer Priester ist. Seine zwei Halbbrüder wiederum - die Zwillinge Eric und Iwan - scheinen auf den ersten Blick das große Los gezogen zu haben: der eine als schwerreicher Finanzmakler, der andere als erfolgreicher Kunst-Kurator. Doch auch hier trügt der oberflächliche Schein. Die Wahrheit brodelt düster-drohend unter der Oberfläche und schaut weniger optimistisch aus. Denn alle drei Leben, so unterschiedlich sie sich entwickeln, bauen nur auf Betrug und Täuschung auf. Mehr oder weniger haben sich alle drei komplett verloren. Ja, unweigerlich kommt der Verdacht auf, dass sie sich selbst nicht mehr ganz sicher sind, wer sie eigentlich sind und vielleicht gar das Leben des anderen führen.

Ausgangspunkt ist der Besuch einer Hypnoseshow, gemeinsame mit ihrem Vater Arthur Friedland. Diese, so hat es den Anschein, besiegelt in Gestalt des ominösen Lindemann ihr weiteres Schicksal und legt den Grundstein für Kehlmanns ominöses "F". F wie Fatum? Im Lateinischen steht das Wort für eben jene höhere Gewalt, der sich Martin, Eric, Iwan und auch Arthur restlos unterwerfen und die sie, jeder auf ihre eigene Art, als Begründung für diverses Versagen, unterschiedlichste Ängste und persönliche Fügungen gebrauchen. Letzterer macht sich hernach komplett aus dem Staub, um sich fortan als mysteriöser Autor von Zeit zu Zeit aus der Versenkung bei seinen Söhnen zu melden. Diese wiederum fungieren in Kehlmanns Text alles andere als fröhliche Experimente, sondern eher als "zweckfreie Produkte eines spielerischen Geistes", als "böswilliger Angriff auf die Seele jedes Menschen", der sein Buch liest. Letztendlich wirft der Autor die Frage auf: "Wie, wenn wir immer derselbe sind, in immer anderen Träumen? Nur die Namen täuschen uns." Die Antwort liefert er gleich mit: "Lass sie beiseite, und du siehst es sofort."

2005 hat Daniel Kehlmann mit "Die Vermessung der Welt" einen gut lesbaren, humoristischen Bestseller geschrieben. Doch schon mit dessen Nachfolger "Ruhm" verlor er einen Großteil der sprunghaft angewachsenen Fangemeinde. Mit "F" wird er wohl die verloren gegangenen "Schäfchen" auch nicht wieder zurückholen. Zu viele "Spiegelungen und unerwartbare Volten von einer leicht sterilen Brillanz" finden sich in seinem Text, der den Leser in ein Wechselbad der Gefühle wirft. Aber wie der Autor mit mehreren Wirklichkeiten, Bewusstseins- und Daseinsebenen variiert, ist schon grandios. Kehlmanns Stil und sein Spiel mit Strukturen gibt den virtuellen Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und Traum beeindruckend wider. Gerade noch fabuliert er voller "Melancholie, ausbalanciert durch Humor", doch schon im nächsten Kapitel offenbart er eine "in der Schwebe gehaltene Brutalität" oder gar philosophische Betrachtungsweisen des Lebens und des Seins an sich. Auf mysteriöse Weise ist letztendlich alles mit allem verbunden. Am 08.08.08 kumuliert die Handlung zu ihrem alles andere als glorreichen Höhepunkt: Eine Geschichte, die dem Fatum - dem Schicksal - einen großen Raum einräumt, in der manchmal jeder Weg falsch ist und in der der Teufel und unterschiedlichste Dämonen mit Gott würfeln. Ob allerdings mit Rubiks Würfel sei dahingestellt.

Fazit: "Dieses Buch berührt mich auf das Merkwürdigste, und bis heute macht es mir Angst. Zum Teil weil es zeigt, wie unübersehbar die Konsequenzen jeder Entscheidung und jeder Bewegung sind - jede Sekunde kann alles zunichtemachen, und wenn man das zu Ende denkt, wie lässt es sich überhaupt leben?" "F" entpuppt sich als hochwertige und anspruchsvolle Publikation, die einen ganz anderen Duktus als sein Bestseller "Die Vermessung der Welt" aufweist. Doch insbesondere diese Andersartigkeit zeigt, welch vielfältige literarisch-stilistische Qualitäten der 38-jährige Autor hat.
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73 von 98 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Lauwarm, fast schon kühl, 4. September 2013
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
Schade. Ich habe mich sehr auf den neuen Kehlmann gefreut. Doch so richtig wollte diese konstruierte Geschichte um drei Brüder bei mir nicht zünden. Und ich glaube auch zu wissen, warum das so ist.

Daniel Kehlmann gilt als Edelfeder Nummer eins im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Er sagt äußerst schlaue Sachen, hat eine tolle Schreibe und wirkt, wie ich finde, ziemlich nett, so man das aus der Distanz sagen kann.

Da ich bereits viele Kehlmann-Bücher gelesen habe (am besten fand ich sein Debüt "Beerholms Vorstellung", dicht gefolgt von "Ruhm" und erst dann "Die Vermessung der Welt") habe ich mich richtiggehend gefreut auf den neuen Roman.

Als ich zu lesen begonnen habe, war mein erster Gedanke: ja, ein klassischer Kehlmann. Die Sätze kompakt, die Atmosphäre reduziert, in allen Situationen eine angenehme Komik. Und über allem drübergestreut eine Prise Bildung und Wissen. Als Leser mag ich soetwas gerne, man hat das Gefühl, etwas en passant zu lernen. Bei Kehlmann erfährt man in der Tat viel über die ersten und letzten Dinge, über Sinn und Unsinn des Lebens.

Aber so richtig bin ich nicht in die Geschichte hineingekommen. Obwohl ein einfacher Lesefluss und viele gute Ideen, zog sich die Geschichte wie ein Kaugummi. Das ist das Stichwort: Geschichte! Besser noch: Story! Denn das Gefühl, hier eine Geschichte vor sich zu haben, wollte sich bei mir perdu nicht einstellen.

Das ist, wenn man so will, der Fehler dieses Buches - und bei genauerem Hinschauen vielleicht sogar der "Fehler" Kehlmanns. Er erzählt keine Geschichte!
Vladimir Nabokov hat sich einmal abschätzig über Thomas Mann geäußert. Nabokov meinte sinngemäßg, Mann will keine Geschichten erzählen, sondern dem Leser eine Ideologie, ein Weltbild, Philosophie vermitteln. Genau das sei das Problem.

Dieses Problem habe ich mit "F". "F" wie "Fehler" sozusagen. Ich habe nie das Gefühl, dass diese Figuren im Roman echt sind. Ein guter Schriftsteller muss das aber in mir auslösen. Murakami schafft das, Stephen King schafft das, Philip Roth oder Truman Capote schaffen das u.v.a.

Aber zu keiner Sekunde, hatte ich den Drang, unbedingt weiterlesen zu müssen, um zu erfahren, wie die Geschichte endet. Bei mir stellte sich ein Gefühl von Belanglosigkeit ein. Ein sicheres Zeichen von zweitklassiger Literatur.

Was mir über die ganze Strecke des Buches immer wieder unangenehm aufgefallen ist: Kehlmann befolgt eine der wichtigsten, ja wenn nicht gar DIE wichtigste Regel, erzählerischen Schreibens nicht: Show, don't tell!

Bei Kehlmann wird daraus ein Tell, don't show! Nicht in allen Szenen, aber doch zu oft für meinen Geschmack. Kehlmann zeigt nicht, wie sich seine Protagonisten fühlen, er erklärt es.

Das Buch hinterlässt bei mir ein lauwarmes Gefühl. Ich habe zum Teil jetzt schon die Handlung wieder vergessen. Ein schlechtes Zeichen.

Fazit: Ein äußerst konstruierter, angestrengter und schaler Roman.
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11 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen F -das neue Buch von Daniel Kehlmann, 18. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
Aus der Sicht der drei Brüder wird ein entscheidender Tag in ihrem Leben dreimal wieder erzählt. Das ist eine Form, die die Außen- und Innenwahrnehmung thematisiert und eine teils gelungene Komik erzeugt.
Sprachlich wird das Buch oft als eine ,Formulierungskunst' beschrieben jedoch finde ich, dass das Buch ehr aus einer Aneinanderreihung, nichtssagender, inhaltsloser Handlungsstränge besteht, wodurch keine Spannung aufgebaut wird. Das Buch liest sich sehr schwer und wird nach einigen Seiten langweilig.
Des Weiteren wirkt die Doppelbödigkeit zwischen Realität und unerklärlichen Phänomenen konstruiert und flach. Vorurteile werden sehr bedient, wie zum Beispiel die Telepathie der Zwillinge.
Im Großen und Ganzen finde ich ist es Kehlmann bei langem nicht gelungen sein Werk ,Vermessung der Welt' zu übertreffen.
,F' ist langweilig, relativ inhaltslos und nicht empfehlenswert!!!!
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5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Seltsam auseinanderfallend und leer, 18. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
Daniel Kehlmanns "F" ist die Geschichte eines Vaters und seiner drei Söhne. Der Roman beginnt mit einem Ausflug, den alle vier miteinander unternehmen zu einer Zeit, als alle Söhne noch Kinder/Jugendliche sind. Nach diesem Ausflug, verschwindet der Vater bis auf weiteres. Was dann folgt ist die Schilderung von entscheidenden Lebensabschnitten der Söhne im Mannesalter, in drei voneinander scheinbar unabhängigen Sequenzen, mit gelegentlichen Auftritten des plötzlich wieder auftauchenden Vaters angereichert. Diese jeweiligen Lebensabschnitte der Söhne haben es durchaus in sich, und bei aller Unabhängigkeit der Ereignisse, sind sie inhaltlich miteinander verknüpft, und auch schriftstellerisch einigermaßen geschickt miteinander verwoben. So weit, so akzeptabel.

Dennoch stellte sich ab einem gewissen Zeitpunkt für mich die Frage worum es denn nun eigentlich ginge, bei dieser vordergründigen Familiengeschichte (ein genauso eigenartiges wie deplatziertes Kapitel über die tatsächliche Familiengeschichte der F's bis zurück ins 14. Jahrhundert inklusive). Betrug, Verrat, Lüge... ja, schön und gut, aber gibt es dabei auch einen größeren Bogen, ein übergeordnetes Interesse oder Aussage, eine Klammer, oder einfach nur eine richtige Geschichte, die alles zusammenhält und 380 beschriebene Seiten rechtfertigt?

Falls sie da war (ist) habe ich sie nicht entdeckt, bzw. Kehlmann hat sie erfolgreich zu verbergen verstanden. So bleibt für mich zurück der Eindruck einer seltsam auseinanderfallenden Geschichte, die zwar irgendwie ansprechend, auch etwas spannend und mitunter nett erzählt ist, aber dennoch letztlich nur Leere entstehen lässt. Das Gefühl das sich einstellt, wenn man einen Stein die Brücke hinunter wirft, aber dann das Aufplatschen auf das Wasser nicht hören kann...

Grds. habe ich so meine Schwierigkeiten mit der zeitgenössischen deutschen Literatur, und ich habe auch nie ein Hehl daraus gemacht (siehe etliche meiner vorangegangenen Rezensionen). Dennoch gebe ich mir Mühe und versuche redlich mir selbst diesen Eindruck zu zerstreuen mit dem Lesen der derzeitig benannten "Schwergewichte". Leider muss ich sagen, dass sich mein Gesamteindruck des Zustandes der deutschen Gegenwartsliteratur auch mit der Lektüre von "F" keinesfalls geändert hat - im Gegenteil: der Inhalt von "F" ist genau so banal und einfallslos wie sein Titel.

In diesem Sinne nur bestenfalls 2 Sterne und eher keine Leseempfehlung.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Klug mit kleinen Schwächen, 20. August 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
Drei unterschiedliche Brüder, drei Hochstapler. Ein Vater, der seinen eigenen egoistischen Weg geht. Ein Hypnotiseur, der ihm den Weg dahin weist. Eine Familie, die nicht aus ihrer Haut kann - vorleben, weiterreichen. Das sind die Themen von "F" - dem neuen Roman von Daniel Kehlmann.

Iwan ist Maler, offen schwul und Fälscher von Bildern, mit denen sein inzwischen verstorbener Geliebter berühmt geworden ist. Doch genau dieses Geheimnis - und ein Rest von Zivilcourage - lassen ihn Opfer eines Gewaltverbrechens werden und einsam in seinem Atelier umkommen.

Sein Zwillingsbruder Eric ist Finanzjongleur und hat das Geld seiner Anleger verzockt, bis ihn die Finanzkrise erlöst und seine Verluste als Teil dieser Krise erscheinen lassen. Somit ist er zwar pleite und muss bei seinem Halbbruder Martin einziehen. Aber wenigstens entgeht er einer Strafverfolgung, da keiner der Geschädigten ihn anzeigt. Er muss keine Verantwortung übernehmen. Dennoch leidet er unter Art Verfolgungswahn, ist psychisch krank und kommt ohne Tabletten nicht mehr aus. Sein Leben geht den Bach runter als auch noch seine Frau mit der gemeinsamen Tochter ihn verlässt.

Halbbruder Martin ist Pfarrer ohne Glauben, fett und weiß nichts mit seinem Leben anzufangen. Die Ereignisse aller drei Brüder greifen ineinander. Und über allem schwebt die Aura der Abwesenheit des gemeinsamen Vaters, der nach einer Vorstellung bei einem Hypnotiseur auch seine zweite Frau und die Zwillinge verlässt. Während der Vater seinen Frieden mit sich selbst macht, sind die Kinder verloren. Kein Halt finden sie in dieser Gesellschaft. Jeder will mehr sein, als er wirklich ist. Mit einer Mittelmäßigkeit will sich keiner der drei zufrieden geben. Das ist das Vermächtnis ihres Vaters.

In der Mitte des Buches wird dieser Lauf der Dinge - die Familie und der Einfluss auf die folgenden Generationen - noch einmal sehr plakativ und langatmig in einem schriftstellerischen Erguss des Vaters zitiert. Das ist für mich der schwächste Teil des Buches. Ich konnte wenig damit anfangen, denn auch so hätte sich das Thema dem Leser gut erschlossen.

Denn Kehlmann erzählt in einer schnörkellosen Sprache - flüssig und gut lesbar. Keiner der Charaktere ist wirklich sympathisch, aber alle kann man irgendwie in ihrem Tun verstehen. Das Buch ist unterhaltsam und sozialkritisch zugleich ohne den Zeigefinger zu erheben. Am Ende fügt sich alles und man empfindet sich selbst nur als unausweichlichen Extrakt einer Familie und der Gesellschaft. Das ist nicht neu, aber nüchtern und klug auserzählt.

Mit kleinen Abzügen für mich ein wirklich gutes Buch, welches mir Lust auf mehr von Kehlmann macht.
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42 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Da ist ein guter Schriftsteller an einem Buch gescheitert, das er vielleicht nie hätte schreiben sollen, 5. September 2013
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: F (Gebundene Ausgabe)
Da schreibt ein junger Schriftsteller einen Roman, der sich in wenigen Jahren zu einem der meistverkauften deutschen Bücher Nachkriegszeit entwickelt, in bisher 46 Sprachen übersetzt wurde und eine gefeierte Verfilmung erlebte. Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ war ein wirklich gutes Buch, und die sind wirklich sehr selten. Er hat danach zwei Bücher nachgelegt, aber dann war Pause. Zehren vom Ruhm, die vielen Einladungen, die Medienpräsenz, vielleicht auch finanzielle Aspekte seitens des Verlags solange sich der Bestseller gut verkauft – es sind alles nur Spekulationen. Auch die Gründung einer Familie und die Geburt eines mittlerweile vierjährigen Kindes können kein wirklicher Grund für eine so lange Pause sein.

Wenn man beim Lesen des neuen, mit viel Vorschusslob hochgejubelten Romans von Daniel Kehlmann etwa in der Mitte angelangt ist, und bis dato jegliche Hoffnung auf eine positive literarische und kompositionelle Wendung des Buches aufgegeben hat, dann beschleicht den Rezensenten ein immer stärker werdendes anderes Gefühl. Da ist ein guter Schriftsteller an einem Buch gescheitert, das er vielleicht nie hätte schreiben sollen. Und sein Lektor hat ihm nicht geraten, es zu lassen und noch einmal ganz neu anzufangen. Denn der Literaturbetrieb ist hart und die bohrenden Fragen, wann denn nun endlich ein neues Buch käme, wollten gar nicht aufhören. Eines ist klar: Daniel Kehlmann hat sich mit diesem Buch keinen Gefallen getan und sein Verlag ihm ebenso wenig.

Da wird von drei Brüdern erzählt und ihrer Geschichte mit ihrem Schriftstellervater, der zunächst nichts schreibt, dann aber mit einem dubiosen Roman „Mein Name sei Niemand“ einen zweifelhaften Erfolg hat, um danach wieder in eine Schreibhemmung zu fallen. Martin, der älteste Bruder aus einer früheren Beziehung des Vaters ist ein katholischer Priester, der den Glauben verloren hat (wenn er denn je einen besaß) und daraus keine Konsequenzen zieht, sondern einfach so weiter macht. Die beiden Zwillingsbrüder Eric und Iwan lernen Martin kennen, als sie sieben sind. Eric wird ein Investmentberater, der 2008, in dem Jahr, in dem das Buch hauptsächlich spielt (auch das ein Hinweis darauf, wie lange sich Kehlmann mit dem Roman gequält hat?) alles verliert. Iwan ist Maler, homosexuell, der aber wegen seiner eigenen Mittelmäßigkeit kein Erfolg hat, sich an einen alten Maler heranmacht und diesen mit grandiosen Fälschungen und einem genialen Plan, der die Kunstwelt hinters Licht führt, zum Erfolg führt und sich selbst zum reichen Mann macht.

So weit, so gut. Aus diesem Stoff hätte man vor zwei drei Jahren ein gutes Buch machen können. Aber die Handlungsstränge sind wenig durchdacht, die Zusammenhänge zwischen den jeweiligen Geschichten der drei Brüder, die sich am Ende des Buches auftun, bleiben banal. Auch hier hätte man mehr damit machen können. Niemand entwickelt sich wirklich in diesem Buch. Es herrscht ein immer langweilig werdender Stillstand in einer Umgebung, die doch in permanenter Veränderung ist.

Für mich ein erneuter Hinweis darauf, dass dieses Manuskript schon vor langer Zeit begonnen wurde, dann liegen gebelieben ist, und nun auf eine auch handwerklich schlechte Weise zu einem unbefriedigenden Abschluss gebracht worden ist.

Ich wünsche Daniel Kehlmann von Herzen, dass er dieses Buch schnell hinter sich lassen kann und sich an einen neuen Roman setzt. Vielleicht gibt das Leben als Familienvater und der tägliche Kontakt mit einem Kind neuen Stoff.
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