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Kundenrezensionen

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am 3. September 2014
Die Autorin gewann mit einem Auszug dieses Debüt-Buches den Ingeborg-Bachmann- Preis 2013. Sie erzählt ihre jüdisch-ukrainisch-polnisch-russisch-sowjetische Familiengeschichte im 20.Jahrhundert.
Der Verlag gibt als Untertitel 'Geschichten'. Ganz richtig scheint mir das nicht zu sein. Ich denke, die Autorin erzählt nicht so sehr 'Geschichten' im Sinne kurzer Prosa, als Ereignisse aus der Geschichte ihrer Familie.

Anfangs fand ich das alles zu zersplittert, zu zerfahren. Im Laufe der kurzen Kapitel ändert sich das, und ein Muster wird erkennbar, oder vielmehr, die verschiedenen Fäden fügen sich zusammen.
Ein Hauptthema entsteht in der Geschichte eines Großonkels, der als junger Mann, 1932, ein Attentat auf einen deutschen Diplomaten in Moskau verübt, und dafür vor Gericht gestellt wird.
Ein zweites Thema ist der Massenmord in Kiew, der unter dem Namen Babij Jar bekannt ist. Der Buchtitel bezieht sich auf das Schicksal einer Urgroßmutter, die zu den Opfern gehörte, von der aber nicht einmal der genaue Name bekannt ist. Vielleicht Esther?
Ein weiterer Faden ist der Weg des ukrainischen Großvaters durch sowjetische Karriere, Kriegsgefangenschaft, KZ, Gulag, bis zurück nach Kiew als lächelnder Großvater. Warum hat gerade er überlebt? Muss man ihm das vorwerfen?

Die 'Geschichten' sind teils Erlebnisse der Autorin anlässlich ihrer 'Ahnenforschung', eine Art Reisebuch, teils Erzählungen aus dem Leben ihrer Verwandten, so wie sie sie erzählt bekommen hat oder recherchiert hat, teils kurze Essays zu Leben und Tod.
Deutsch ist nicht die erste, und wohl auch nicht die zweite Sprache der Autorin. Daran gemessen ist ihre sprachliche Leistung beachtlich. Hin und wieder musste ich etwas stutzen, aber sie hat die Hürden gemeistert.
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am 26. April 2014
Es hat mich einigen Anlauf gekostet, das Buch zu beginnen, aber es hat sich sehr gelohnt. In fast traumhafter Sprache erzählt die Autorin die Suche nach der Geschichte ihrer jüdischstämmigen Familie in der Ukraine, Russland, Deutschland und Österreich. Sie gibt damit einen Blick frei auf die tiefen Wunden, die im 2. Weltkrieg im Osten geschlagen wurden und auch auf die Zuschüttungen und Überwucherungen "drüben" und hier bei uns.
Das Buch ist ein "Muss" um die ukrainische und russische Seele zu verstehen; gibt aber auch tiefe Einblicke in die Narben, die die Schuld unserer Großelterngeneration in unsere Seelen gegraben hat - ohne jemals anklagend zu sein.
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am 13. Juli 2014
Das Buch von Katja Petrowskaja ist nicht wirklich in gängige Literaturgattungen einzuordnen. Es ist kein Roman, da die Dokumentation und die persönlichen Erfahrungen der Autorin zu deutlich sind. Es ist aber (Gott sei Dank) auch weder eines der vielen Bücher, in denen durch die "Geschichte einfacher Leute" das "Grauen der Diktatur" deutlich gemacht werden soll noch einer der vielen Ergüsse, in denen Menschen der Nachkriegsgenerationen ihre persönlichen Probleme durch Schicksale der Vorfahren erklären.

Das Buch steigt zwar tief in die Familiengeschichte der Autorin hinab, aber es erzählt nicht linear und auch nicht vollständig. Katja Petrowskaja scheint sich in der vierten Dimension, der Zeit zu bewegen und dadurch entstehen Verbindungen und Bilder, die ein großes, aber nicht umfassendes Panorama einer Familie im 20. Jhd. entstehen lassen. Wunderbar ist, dass dieses Panorama nicht barock und auch nicht modern-plakativ gemalt ist, sondern vorsichtig, sehr zart, manchmal mit Witz und immer mit viel Neugier. Es lässt Lücken und Leerstellen zu und manchmal auch mehrere Varianten, wie das Bild aussehen könnte.

Das Beste an dem Buch ist aber die Sprache und die Bilder, die die Autorin damit zeichnet. Sie stellt dadurch ihre Eindrücke und Gedanken bei dem Eindringen in die Familie so dar, dass in der Familiengeschichte und deren Wirkungen bis heute die beiden großen Diktaturen Europas, der zweite Weltkrieg und der Umgang mit diesen Schrecken erkennbar werden. Das große Talent der Autorin für Bilder und Eindrücke, die jenseits der messbaren Wirklichkeit stehen, macht auf diese Art und Weise Schrecken und Entsetzen und den Umgang damit wahrnehmbar und damit auch fassbar. Auch die vielen Zufälle, die jede kleine Geschichte von Irgendjemand zum aktiven Teil der Weltgeschichte machen, stellt Petrowskaja klug und mit einer wunderbaren Sprache dar. Die Geschichten der einzelnen Familienmitglieder kann Katja Petrowskaja nicht nur nacherzählen, sondern sie schafft es, sie in die gegenwärte Wirklichkeit zu stellen. Deshalb ist es keine einfache "Mein Großvarter hat dies und jenes getan / erlebt und deshalb kann ich das oder jenes nicht."-Wirkung, die das Buch beschreibt, sondern ein Art Raum, ein Zimmer in dem alle Handlungen und Erlebnisse der Familienmitglieder stattfinden und durch die Begrenztheit des Zimmers immer mit den anderen Bewohnern und Dingen in Zusammenhang stehen.

Wie gesagt ist die Sprache sehr reich und phantasievoll. Petrowskaja beschreibt Eindrücke so, dass sie auch der Leser wahrnehmen kann. Und die Kleinteiligkeit der Geschichten unterstreicht einerseits ihr Können und betont andrerseits das bildhafte der Erzählung.

Übrigens: In einer Fremdsprache so schreiben zu können, treibt mir grüne Neidpickel ins Gesicht!
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am 5. Mai 2014
Ich weiss nicht, wie man diese Buch ohne russisch (sovetiesch)-judisches hintegrund liest, aber fuer alle Enkelkinder judisches Omas - es ist ein muss. Das kulturelle und geschichliche Landschaften USSR, immigration, wuerzellose judische Familien, fliessen zusamen, und jedes Teil alleine waere schon genug um gute Buch zu machenb. Ich bin sehr beindrueckt. Aber, natuerlich, nichts fuer Aktion-fan
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TOP 500 REZENSENTam 10. März 2014
Katja Petrowskaja hatte schon im letzten Herbst durch Ihren Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises durch ihren Text "Vielleicht Esther", dem gleichnamigen Titel dieses Buches, aufmerksam gemacht, eine Hommage an ihre Babuschka (Ur-Grossmutter) während des 2. Weltkriegs. Auch wenn es kein Roman geworden ist, wie ich ursprünglich angenommen hatte, sind es doch Texte der biographischen Aufarbeitung, eine Art Synthese zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Zeugenschaft und Imagination wenn sie so wollen, ja sind Erinnerungen, Phantasien, Träume, Geschichte und literarische Verarbeitung, wie vor allem die eigenen Ur- und Grosseltern den Krieg erlebt haben. Eine Spurensuche, die in Kiew ihre Wurzeln hat und ihre Suche ausdehnt nach Polen (Warschau), nach Auschwitz, nach Österreich (Mauthausen). Manchmal klingt es wie eine Reportage, manchmal wie ein Tagebuchstil, dann wieder fast wie ein Roman...

Petrowskaja versucht hier Menschen, oder besser die Vorfahren der eigenen Familie zu porträtieren, indem sie Archive aufsucht (Berlin,Wien, Moskau, Kiew, Warschau) Menschen aufsucht, ja sich mit anderen gemeinsam jene Orte annähert, wo eigene frühere Familienmitglieder dem Leid des Krieges nur schwer entkommen konnten. Sehr intensiv wird etwa der Werdegang des eigenen Grossvaters erzählt, der nach 40 (!) Jahren wieder zurückkehrt. Auch die Schilderung wie die eigenen Ur-Grossmutter erschossen wurde, wird im Titeltext sehr berührend geschildert. (Sie folgte jenem Aufruf zur Besammlung zum Abtransport, obwohl sie hätte flüchten können, wie jemand der in sein Schicksal einwilligt, ohne wirklich zu wissen, in was er einwilligt) Eine Nachkriegsverarbeitung, die der Vergangenheit nachspürt und betroffen macht, weil die Autorin so nah wie möglich an die Einzelschicksale geht, als ob sie genauestens nachspüren wollte, wie es jenen Menschen damals wohl ergangen sein muss. Ein besonderes Kapitel: Babij Jar, ursprünglich eine Schlucht bei Kiew, liegt heute mitten in der Stadt. 10 Tage nach Einmarsch der Deutschen in Kiew, wurden im September 1941 eines der grössten Massaker der Nazis verübt, innert 2 Tagen wurden hier über 33'000 Juden getötet, eine Gesamtzahl ist schwierig einzuschätzen und liegt zwischen 100'000 und 200'000 Juden die gesamthaft in Kiew umgebracht wurden. Auch dem Grossonkel Judas Stern, der am 5. März 1932 ein Attentat auf den Botschaftsrat Fritz von Twardowsky machte, ist ein grösseres Kapitel gewidmet.

Somit wirft dieses Buch einen Blick auf die Regionen Polen und Ukraine während der 30er und 40er Jahren (und davor bis ins 19. Jhd.), vor allem aber der Kriegszeit und gibt einen guten Einblick wie dort die Auswirkungen des Krieges erlebt wurden. Petrowkajas Buch ist eine Geschichtsaufarbeitung und Würdigung, an die Menschen, die das damalige Leid im Krieg erlebt haben, oft - wenn nicht gar immer von völlig unschuldiger Seite her. Auch wenn die Autorin die Tendenz hat sich literarisch in Vorstellungen fallen zu lassen (ohne manieriert zu wirken) , wo der Leser nicht mehr weiss ob es noch Wirklichkeit oder Traum ist, ist es eine wertvolle Porträtierung jener Zeit in jenen Regionen. Manchmal etwas trocken, manchmal phantastisch zu lesen. Hier geht wirklich eine Autorin an ihre russischen Wurzeln. Die Förderung von Taubstummen früherer Vorfahren, die Schaffung von Schulen ist von besonderer Kennzeichnung: "Sie unterrichteten taubstumme Kinder, sie gründeten Schulen und Waisenhäuser und lebten mit diesen Kindern unter einem Dach, sie teilten alles mit ihnen, sie kannten keinen Spalt zwischen Beruf und Leben. (..) Er (Schimon Heller) brachte Kindern das Sprechen bei, damit sie gehört wurden, sonst galten sie bei seinen Glaubensbrüdern als geisteskrank..)

'Vielleicht Esther' ist eine Forschungsarbeit in Sachen Kriegsaufarbeitung der eigenen Familie. Als ob sich Geschichte und Literatur die Hand geben würden. Der Hang jedoch ins Hypothetische zu schreiben, kann begeistern wie verunsichern. (Vielleicht Esther?) Eine Auslotung dessen was das Böse damals vollbrachte (die Deutschen) und wie sehr die Menschen um ihre Existenz und ihrem Leben rangen. Wer sie hört, wird die fühlen, die stille Wut die hier anwesend ist, die sich gegen damalige Macht und Ohnmacht und jene unglücklichen Geschichten richtet, die sich auch gegen das Vergessen von Wissen zumutet. Der Titeltext ist mit Sicherheit einer der Stärksten in diesem Buch. (Der auch auf der website des Ingeborg-Bachmann-Preises ausdruckbar ist, für diejenigen die vielleicht nicht das ganze Buch lesen wollen, oder sich in den Text einlesen wollen) Eine literarische Annäherung an das damals Unerträgliche, für das es eigentlich gar keine Worte mehr gibt. Auch wenn mich nicht alles hier überzeugt hat, kann sich das Debüt der Autorin sehen lassen, weil der Einblick in ihre Aufarbeitung, noch einmal einen ganz anderen Blick wirft, als den, den wir vielleicht schon kennen.

Eine Lektüre die berühren kann und gleichzeitig macht sie betroffen im gleichen Augenblick. Angesichts der Thematik ist es nicht ganz zu leugnen, dass während des Lesens eine gewisse Schwere aufkommen mag, was bei einer Kriegsaufarbeitung nicht verwundern mag. Katja Petrowskaja, schreibt über die Haltung eines Menschen aus heutiger Sicht über den damaligen Krieg und dem damit verbundenen Leid, das in dieser Weise wohl nicht bis anhin zu lesen war. Es ist schon etwas Besonderes, wenn eine ursprünglich in Kiew geborene Autorin ihre dortige Geschichte aufarbeitet, dazu in einer Sprache, (die Autorin musste ja deutsch lernen und schreibt in einer ihr fremden Sprache) die die dortige Familie nicht einmal versteht. Fast so als ob jemand die Seiten gewechselt hätte und sich in die Ursprüngliche wieder einfühlen will, wunderbar.

Nachtrag vom 8.4.2014

Nicht einmal die ihre eigenen Eltern verstehen deutsch und können ihr Buch nicht lesen. Es wäre also interessant, von ihnen zu hören, wie es ihnen damit geht, denn z.Zt. wird ihr Buch auch auf ukrainisch übersetzt.

Zitat: (212)

"Hier folgte jeder seinem eigenen Atem."

Nachtrag vom 13.5.2014

Elke Heidenreich im Literaturclub vom 13.5.2014: "Dieses Buch ist ein Meisterwerk".
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am 16. April 2014
Katja Petrowskaja hat mich überrascht. Ich war mir sicher, alles zu diesem Thema irgendwie schon gelesen zu haben. Ein tiefer und starker Text voller Anspielungen, authentisch und berührend, der sprachlich dem großartigen Auftakt nicht immer gewachsen bleibt.
Dennoch großartig - Vergleichbares gibt es auf dem deutschen Markt derzeit nicht. Ich hoffe sehr, mehr von der Autorin zu lesen.
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Achtung! Bei diesem Buch handelt es sich nicht um einen Roman oder eine zusammenhängende Erzählung. Petrowskaja umkreist hier vielmehr ihre Familiengeschichte. In immer neuen intensiven Ansätzen versucht sie das längst Entschwundene dem Vergessen zu entreißen, sie nähert sich dabei den Vorfahren in ihrer Familie mal auf diesem mal auf jenem Weg. Die Autorin kann sich dabei kaum auf Quellenangaben stützen, auch kaum auf Zeugenberichte. Das ist das Dilemma, dass nicht nur Petrowskaja hat: zu Lebzeiten der Großeltern ist man selbst zu jung und an der Lebensgeschichte der Alten nicht interessiert. Später wenn das Interesse für die Vorfahren erwacht, sind diese bereits tot. Geschichte beginnt, wenn plötzlich keine Menschen mehr da sind, die etwas erzählen können.

Warum überhaupt dieses Interesse an der Familie? Vielleicht ist es die Ferne und Entfremdung von der alten Heimat Kiew. Das fremde Deutsch wird für die nach Deutschland ausgewanderte Autorin die Wünschelrute auf der Suche nach den Ihrigen. Erst mit dem Tod der taubstummen Lida, der älteren Schwester der Mutter, ist unsere Autorin reif und bereit, sich den Windmühlen der Erinnerung zu stellen.
Gegen Windmühlen kämpfen, also einen aussichtslosen Kampf aufnehmen. Dies ist einer der Schlüsselstellen des Buches, die die sprachliche Versiertheit der Autorin zeigt. Aber auch die Einsicht, dass Sie auf verlorenen Posten steht und vieles mit ihrer Phantasie auskleiden muss.

Die Stelle offenbart zugleich eine zweite Ebene des Buches: wie wirkt das Erfahrene der Geschichte auf die Autorin, was erfährt sie über sich selbst dabei? Petrowskaja lässt uns einerseits daran teilhaben, wie sie sich mit der Geschichte beschäftigt, aber auch, wie sich die Geschichte mit ihr selbst beschäftigt. Immer wieder die Frage, wozu brauchst du diesen Vorfahren und wie ist es, mit ihm verbunden zu sein.

Wunderbar unverblümt und lakonisch erzählt Petrowskaja, wie es vielleicht nur eine Russin und Ukrainerin vermag, von ihrer ersten Reise ins Ausland - nach Polen, nach Ausschwitz. Betroffenheit im Angesicht des ehemaligen Konzentrationslagers? Fehlanzeige - sie weiß gar nichts mehr von dieser ersten Reise. Bis auf dies eine: wie sie mit sich vor einem der Souvenirläden gerungen hat, ob sie - wie alle anderen - ein Mitbringsel, eine Halskette kaufen solle. Sie kauft gleich drei Ketten. Eine erfrischend freizügige Erzählung, ohne Schuldgefühle und Betroffenheitslyrik.

Überhaupt diese frische, ungezwungene Sprache - eine Sprache, die sich nicht anpasst an die Konventionen, die Steifheit, die sich oft einstellt bei denen, die über Krieg oder die Judenvernichtung sprechen. Es ist ganz einfach die Sprache mit der eine moderne Deutsch-Russin ihre Gefühle im Hier und Jetzt ausdrückt. Die lockere und ungezwungene Sprache wird dabei trotzdem dem Gegenstand der Erinnerung völlig gerecht.
Das Buch hat etwas spielerisches, vielleicht weil die Autorin sowohl die russische als auch die deutsche Klaviatur beherrscht, weil sie weiß, dass es nicht den einen richtigen Blick auf die Geschichte gibt.

Wie wir doch alle abhängen von unseren Vorfahren. Was wäre, wenn Babuschka Rosa und Großvater Ozjel, die in Polen lebten und dann später nach Kiew zogen, was wäre, wenn sie in Warschau geblieben oder nach Amerika ausgewandert wären? Wie sehr schaukelt die Geschichte mit uns? Das wird der Autorin bewußt als sie als Russin aus Deutschland in das jüdische Warschau ihrer Verwandten, nach Polen, fährt. Sie denkt auf russisch, sucht ihre jüdischen Verwandten und schreibt auf Deutsch. In der Autorin kulminieren eigenartig viele Strömungen der europäischen Geschichte, die es ihr vielleicht erst ermöglicht mit leichter Sprache über die schreckliche Geschichte zu sprechen, ohne dass man ihr dies als Gedankenlosigkeit oder Oberflächlichkeit auslegen könnte.

Wir erfahren in dem Buch einiges über die Familie, mehr oder weniger große Bruchstücke einzelner Personen. Was immer im Dunkel bleibt, wird mit Phantasie ausgeschmückt: so hätte es sein können. Der Stammvater der Familie erweist sich als uneheliches Kind, Ozjel war nicht früh verwitwet, sondern geschieden und dann noch der Verwandte namens Adolf - und das in einer jüdischen Familie. Die Familie unterrichtete über Jahrhunderte taubstumme Menschen, überhaupt waren viele als Lehrer beschäftigt. Petrowskaja findet auch Spuren der ersten Ehefrau des Großvaters und der Kinder, deren Nachkommen heute in England leben, und entreißt sie dem Vergessen.
Dann gab es diesen Großonkel Judas Stern, der in Moskau im Jahre 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschafter verübte. Hier und nur hier greift Petrowskaja in die Truhe reichhaltiger Quellen. Sie fasziniert die Einfachheit des Gerichtsprozesses und die Vorhersehbarkeit des Ausgangs. Aber das Motiv und der dahinter stehende Sinn der Tat bleibt dunkel.

Eindrücklich beschreibt Petrowskaja auch die Massenmorde der Deutschen in Kiew. Und wie wenig hiervon davon nach Jahrzehnten in Kiew noch zu bemerken ist, so als wäre das alles nur ein böser Traum gewesen - kaum Erinnerungsorte, Mahnmale, und kaum Menschen, die bereit wären, über diese Zeit Auskunft zu geben. Erschreckend oder doch nur normal wie schnell die Zeit unbeirrt weiter geht und wie schnell Menschen vergessen, was eins, zwei Generationen vorher geschah.

Zum Schluss gibt die Autorin den Kampf mit den Windmühlen der Geschichte auf. Sie bemerkt: ich kehre zu oft hierher zurück - in die Vergangenheit. Es ist Zeit, sich wieder mit der Gegenwart zu beschäftigen. Als Leser hat man den Eindruck, dass Petrowskaja in der Tat irgendwann abgebrochen hat. Vielleicht hat sie erkannt, wie sehr sie sich in den Irrgängen der Vergangenheit verloren hat und diese nicht mehr zu einem Ganzen verknüpfen kann. So hält man etwas Unfertiges, Unabgeschlossenes in Händen. Aber den Tauchgang in die Tiefen der Familiengeschichte irgendwann zu beenden, vielleicht um des eigenen Lebens willen, ist das gute Recht der Autorin.
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am 10. August 2014
Als die jüdische Bevölkerung aus Kiew floh liess man sie zurück, diese vielleicht Esther, die aus Kiew verschleppt und unterwegs nach Babij Jar ums Leben gekommen ist.

Die Autorin hat sich von Berlin in Richtung Warschau aufgemacht ihre Familiengeschichte zu ergründen, sucht recherchierend Archive, Städte und Stätten auf um mehr darüber herauszufinden. So erzählt sie denn Geschichten. Wie z.B. erstmals 1864 ein Simon Geller, Leiter einer Taubstummen-Schule, in einer jiddischen Zeitung erwähnt wird und wie diese Schulen während 200 Jahren von ihren Angehörigen über die ganze Welt verstreut geführt worden waren. Und sie beschreibt all die mehr oder weniger liebenswürdigen, zuweilen etwas seltsamen, Charaktere die in jeder Familie vorkommen. Ebenso berichtet sie über Erschiessungen und Deportationen in Konzentrationslager durch die Nationalsozialisten die jene Zeit überschatten.
Das Buch umfasst 7 Kapitel, ein Nachwort und Danksagungen. Sieben unterteilte Kapitel ihrer Familiengeschichte, Fragmente die irgendwie zusammen gehören.

Ich glaube man muss das Buch mehrmals lesen um sich darin ein bisschen besser auszukennen. Es ist eben kein Roman sondern eine Sammlung von Geschichten, Familiengeschichten, Einzelgeschichten, Geschichten ihrer Vorfahren, ihrer Eltern und wen es sonst noch so gegeben haben mag.

Ein beeindruckendes Buch ganz sicher.
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am 10. März 2015
Die in Kiew geborene, russischsprachige Autorin Katja Petrowskaja hat mit «Vielleicht Esther» ein Buch vorgelegt, das ausdrücklich nicht als Roman firmiert, sondern der Rubrik «Geschichten» zugeordnet ist. Mit der gleichnamigen Geschichte aus diesem Band hat sie 2013 das Wettlesen um den renommierten und hochdotierten Ingeborg-Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurt gewonnen. «Ich habe alles so aufgeschrieben, wie es passiert ist. Es ist leider eine wahre Geschichte» erklärte die seit 1999 in Berlin lebende Autorin, die mit ihrer Kolumne «Die west-östliche Diva» in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung als Journalistin bekannt geworden ist.

Es geht in ihrem Debüt um ihre Herkunft und Biografie, um die Geschichte ihrer Familie, die sich unversehens zu einem ergreifenden Spiegelbild einer ganzen Epoche erweitert, dem unheilschwangeren zwanzigsten Jahrhundert, dem Säkulum der Massenmorde. In einer hartnäckig verfolgten Recherche, die sie in Berlin beginnend nicht nur nach Warschau, Moskau und Kiew führt, sondern auch nach Auschwitz und Mauthausen, stöbert sie, alle modernen Mittel der Kommunikation nutzend, nimmermüde entfernte Verwandte und Zeitzeugen auf, ehemalige Nachbarn, Kollegen, Mithäftlinge, durchforscht staubige Archive ebenso wie das Internet. «Google sei Dank» heißt denn auch gleich die Überschrift der als Einleitung fungierenden ersten Geschichte, die sich am Berliner Hauptbahnhof abspielt. «Manchmal ist es gerade die Prise Dichtung, welche die Erinnerung wahrheitsgetreu macht» schreibt sie an einer Stelle, und in der Tat, die Erinnerungen sind brüchig nach so vielen Jahren und bedürfen fiktionaler Ergänzung.

So erinnert sich ihr Vater nicht mehr genau an den Namen der Urgroßmutter. «Vielleicht Esther» sagt er, und die Autorin erzählt die beklemmende Geschichte, wie die von ihrem Vater nur Babuschka genannte Greisin 1941 bei der Flucht vor den deutschen Truppen, weil sie dafür schon zu gebrechlich war, ganz allein in der Wohnung in Kiew zurückgelassen werden musste. Und wie «Vielleicht Esther» dann dem Aufruf der Besatzer zum Abtransport nachkommen wollte, einen Soldaten auf Jiddisch ansprach und gleich auf offner Straße erschossen wurde, während alle anderen ihren Tod in Babi Jar fanden. Es waren 33.771 Juden, die in dieser Schlucht am 29. und 30. September erschossen wurden, wie die Nazis mit groteskem buchhalterischem Eifer notierten. In dem aufsehenerregenden Roman «Die Wohlgesinnten» von Jonathan Littell, sei hierzu noch angemerkt, wird das schreckliche Geschehen dort aus der Täterperspektive beschrieben. Und nicht minder grauenvoll sind die Untaten während der Ära Stalins, von denen Katja Petrowskaja auch berichtet. Damals hätte man eifrig versucht, erfahren wir, durch Pfropfen neue Apfelsorten zu züchten, «gleichzeitig wurde zielstrebig an der Reduzierung der Menschentypen gearbeitet». Ihr Großonkel verübte 1932, dem Herostratos-Syndrom erliegend, ein Attentat auf einen deutschen Botschaftsrat in Moskau, der aber nur verletzt wurde. Nach einem gut dokumentierten Prozess wurde der meschugge Onkel zum Tode verurteilt, die wahren Hintergründe aber wurden nie aufgeklärt. Ein Urgroßvater wiederum gründete in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme jüdische Kinder, über mehrere Generationen hinweg waren deshalb viele Vorfahren der Autorin als Lehrer solcher Kinder tätig.

In sechs Kapiteln mit 72 erfreulich schnörkellosen Geschichten entsteht das mosaikartige Familienbild einer eifrigen Ahnenforscherin, die klug und mit fein durchscheinender Ironie aus dem Abstand vieler Jahrzehnte erzählt, was eigentlich unerzählbar ist. Und ernüchtert feststellt: «Geschichte ist, wenn es plötzlich keine Menschen mehr gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen». Man folgt der Autorin gerne bei ihren spannenden Recherchen, sie zieht darüber hinaus ihre Leser mit einer assoziationsreichen Sprache in Bann, die noch lange nachklingt.
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am 7. Juli 2014
...dieses Buch zu Ende zu lesen! Ich habe mehrere Anläufe gemacht, verstand nicht alles gleich, aber ich habe das Buch zu Ende gelesen und bin voller Bewunderung für die Autorin, die uns diese Bilder ihrer Geschichte geschenkt hat.
Es ist eine ganz andere Beschreibung des Krieges und dessen, was er aus uns, die wir ihn nicht erlebt haben, macht.
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