Kundenrezensionen

16
4,6 von 5 Sternen
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

19 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 12. März 2014
"Du sollst nicht funktionieren" ist wie die innere Stimme der Vernunft, das Gewissen, das man gern überhört. Aber das kann man beim Lesen dieses Buchs nicht. Die Autorin beschreibt mit solch einem Furor, woran es gerade in unserer Gesellschaft hapert, dass man sich dem unmöglich entziehen kann - und darauf unweigerlich reagiert. "Sei still", denkt man im ersten Moment. Oder: "Ach, quatsch." Der Zyniker sagt sogar: "Na und? So what!"
Doch dann kommt schon der nächste Gedanke: "Oder hat sie recht?"

Dieses Manifest der Empörung ist so glänzend geschrieben, dass es mühelos in einen eindringt. Es ist wie eine Messe. Ja, diese ewige Profitgier. Ja, der Gottesdienst am eigenen Ich bzw. am Selbstbild. Ja, die Marktwerdung von allem, von Freundschaften wie von sozialen Einrichtungen. Ja, der sinnlose Kampf gegen den Tod, statt das Leben zu feiern. Amen!
Und dazwischen immer wieder Sätze, die man in Stein meißeln kann.

Ein Buch, das dem selbstoptimierungs-Wahn entgegentritt und dabei nicht weniger als Lebensfreude- und Mut einfordert, auch Leidenschaft und den kindlichen Überschwang. Mit allen Konsequenzen. Oder wie die Autorin sagt: "Wenn man dem Genießen den dunklen Stachel zieht, bleibt nur noch bloßer Konsum."

Sicher, nicht alles ist perfekt an diesem Buch. Doch vor kurzem habe ich in einem Feuilletonartikel gelesen, wie jemand das Fernsehen in die Erloschenen (der große Teil aller Moderatoren und Unterhaltungshows) und die seltenen Lebendigen eingeteilt hat. Wenn man das auf die Literatur übertragen kann, dann sind dieses Buch und seine Autorin lebendig. Sehr lebendig.
11 KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 19. März 2014
Dieses Buch ist ein Generationenbuch – ein Weckruf einer Mitdreißigerin an ihre Generation! Und es bleibt zu hoffen, dass es auch die jüngeren Leser findet, die, getrieben vom Lebenslaufterror der Personaler in Unternehmen und Behörden, ihre Schullaufbahnen und Studiengänge wie Rädchen in einem großen Getriebe und nicht wie selbstbestimmte Persönlichkeiten mit dem Mut zu sich selbst absolvieren und das hieraus resultierende ungute Gefühl im wochenendlichen Alkoholexzess zu betäuben versuchen.
Das Buch ist eine Liebeserklärung an das Menschsein im philantropischen Sinn. Hallo Mensch, lebe würdig und weiß am Ende - und am besten auch unterwegs - warum Du der bist, der diesen unfassbaren Zufall Deiner Existenz rechtfertigt. Dazu braucht es gar nicht viel und erst recht keine kategorisierten Zielvorgaben.
Ariadne von Schirach stellt uns den Tod als gut meinenden Begleiter durch das Leben vor, der uns motiviert, wahrhaftig zu leben, uns zu „bewohnen“ und uns nicht ständig zu betäuben oder der Illusion hinzugeben, wir könnten ihm entkommen, indem wir alle möglichen dämlichen Dinge tun, die uns der Primat der Ökonomie und seine hässliche Schwester, die Profitgier, ständig als lebensnotwendig vorgaukeln. Das gehe soweit, dass wir uns beispielsweise in den sozialen Medien, aber nicht nur dort, als eigenes Produkt präsentierten, das in erster Linie den Marktanforderungen unterworfen sei und seine menschliche Natur im Wahn der Selbstoptimierung verdränge.
In den zahlreichen Feuilletonbesprechungen zu dem Buch liest man immer wieder, das sei alles nicht neu und es wird versucht, die Autorin auf ihre wirklich vorhandene Sprachbegabung zu reduzieren. Dass nicht alles neu ist, stimmt und wird dem Buch doch nicht gerecht. Den Tod als fröhlichen Gesellen kennt man z.B. popkulturell aus Peter Maffays Tabaluga, dieser freimaurerisch geprägten Liebeserklärung an den Menschen als Beziehungswesen. Wer jenseits Freuds etwas über das neurotische Ego unserer Zeit lesen möchte, der greife zu Eckart Tolle und eine fast prophetische - aber unheimlich zutreffende - Beschreibung dessen, was die neuen Medien mit uns Menschen ohne sinnstiftende Geschichte als Leitstern machen können, findet sich schon in den Veröffentlichungen Neill Postmans. Von Schirachs Buch ist aber deutlich mehr, als das Zusammenrühren altbekannter Thesen, Motive und Beobachtungen. Es fügt diese essayistisch zusammen und gibt dem diffusen Gefühl des „Hier stimmt etwas nicht“ einen pointierten und zeitgemäßen Ausdruck. Das diffuse Unwohlsein wird entblättert, analysiert und anhand ziemlich realistisch dargestellter Charaktere erläutert. Die Autorin kommt dabei nicht so sehr mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Im Gegenteil, sie appelliert überaus engagiert an das Menschsein in seiner Gänze, mit all seinen Ambivalenzen; ohne dabei freilich Beliebigkeit das Wort zu reden. Dies gelingt ihr in der Tat in einer wunderbaren Sprache, die den beschriebenen Situationen stets angemessen ist. Man liest viel über die Schönheit von Schirachs Sprache. Das stimmt auch. Ich habe allerdings auch noch niemals das Märchen vom Fischer und seiner Frau derart rotzig erzählt bekommen, allerdings auch noch nie passender.
Jeder Leser, auch ich, wird der Autorin in mancher These oder Beobachtung widersprechen wollen und eine tiefere Diskussion einfordern – Stichwort „Bioterror“. Bitte, das Buch fordert genau hierzu gerade auf und es ist eine mehr als gelungene Basis, von der aus jeder einzelne losziehen kann, die wesentlichen Fragen für sich zu beantworten, ohne die Natur des Menschen zu verleugnen oder deren Überwindung als Ziel zu formulieren. Das Buch liest sich leicht, ohne banal zu sein und lädt hierdurch dazu ein, immer mal wieder hereinzuschauen und sich die ein oder andere Passage zum „Wachbleiben“ und „Mutigsein“ wiederholt zu Gemüte zu führen. Die Autorin führt unseren Blick in Richtung mehr Empathie, das Zulassen des Schönen zur Pflege der Seele und appelliert an unsere menschliche Lebendigkeit, die durch niemanden besser repräsentiert werden könnte, als durch den wahren Helden dieses Buches: Henri! Ein kleiner liebenswerter Rotzlöffel, der unter utilitaristischen Gesichtspunkten ein Niemand ist, aber schon (pessimistisch gesprochen noch) eine intuitive Vorstellung davon hat, dass es eine ziemlich geile Sache ist, auf der Welt zu sein.
Kurzum: Die Lektüre des Buches hat großen Spaß gemacht und erzeugt eine motivierende Kraft. Ich werde es noch oftmals verschenken – es lohnt sich! Es ist eine komische Perspektive, aber ich kann sagen, mich selten von einem Buch so verstanden gefühlt zu haben.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
30 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 25. Februar 2014
Ariadne von Schirach kann schreiben. Und wie. Sie hat diesen klaren poetischen Ton, der es zu einem großen Vergnügen macht, ihren Gedanken und Geschichten zu folgen. Gedanken und Geschichten über unsere durch und durch ökonomisierte Gegenwart, in der es nur noch Waren gibt, aber kaum noch Menschen, weil wir uns Tag für Tag selbst zum Produkt machen, indem wir unsere Körper und unsere Lebensläufe optimieren, anstatt lebendig zu sein.

Das Buch beginnt mit einem nervenaufreibenden kleinen Jungen, der eines Tages zwischen Geschrei und Getobe in die Runde blickt, um zu sagen „Es ist schön, dass ich auf der Welt bin.“ Diese einfache Freude über ihr Dasein haben die meisten Erwachsenen schon lange nicht mehr empfunden, weil sie nur noch an die Bedeutung von Dingen glauben, die sich ökonomisch verwerten lassen. Und weil sie pausenlos kaufen und verkaufen, um zu verdrängen, dass sie selbst schon in wenigen Jahrzehnten nicht mehr da sein werden und jeder Augenblick ihres Lebens kostbar ist.
An dieser Stelle lässt Ariadne von Schirach den Tod auftreten. Er sitzt in einem Jogginganzug auf dem Sofa und stellt unangenehme Fragen. „Den Tod ernst zu nehmen“ schreibt Ariadne von Schirach, „heißt, sich selbst ernst zu nehmen.“ Das Kind und der Tod sind für die Philosophin zwei Leitfiguren, die dabei helfen können, das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren. „Der Tod erinnert uns an unsere Sehnsucht und das Kind erinnert uns an unseren Anstand.“ (S.42)

Wer nicht bereit ist, sich selbst und sein Leben ernst zu nehmen, wird dieses Buch als Zumutung empfinden. Denn hat man diese Gedanken einmal in sich aufgenommen, lassen sie einen nicht mehr los. Man muss sich damit auseinandersetzen.
Es sei denn, man schiebt sie ganz schnell wieder von sich weg. „Das ist doch alles nicht neu!“, könnte man sagen, um sich wie schon all die anderen Male zuvor, vor der Auseinandersetzung zu drücken. Oder: „Wie kann sie behaupten, dass ALLE nur noch Diät machen und das Genießen verlernt haben, während doch ein Großteil der westlichen Zivilisation immer fettleibiger wird?“ Da könnte man ja mit ebenso starken oder vielleicht sogar sehr viel stärkeren Argumenten behaupten, dass wir in einer genusssüchtigen Gesellschaft leben, die den Wert der echten Askese nicht mehr kennt. Oder: „Sie sagt, wir sollen anderes Leben achten, aber wenn wir keine Burger essen wollen, schimpft sie uns genussfeindlich und befürchtet gleich Bioterror. Ist das nicht ein bisschen widersprüchlich? Verantwortung light?“ Oder: „Wie kann man nur so kitschig und naiv sein?“
Aber die volle Verantwortung, würde die Autorin vermutlich sagen, schließt die Verantwortung für die eigenen Widersprüche mit ein, und wir müssen uns alle damit auseinandersetzen, wie das in unserem ganz speziellen Leben aussehen könnte, welche Werte wir setzen wollen und welche wir links liegen lassen. Derzeit seien wir alle noch etwas schizophren „die rechte Hand recycelt den Müll und die linke kippt ihn ins Meer.“ (S.85)

Ariadne von Schirach lässt trotzdem nicht locker, gerade weil sie weiß, dass wir die existentiellen Fragen des Lebens heutzutage kitschig nennen, um sie von uns abzuschütteln. In aller Naivität fordert sie dazu auf, uns selbst und die Natur und alle anderen Lebewesen ernst zu nehmen. Das macht sie bildhaft und kenntnisreich und unterhaltsam, vor allem aber mit voller Absicht. Denn natürlich ist sie sich darüber bewusst, dass es eine Menge Leute gibt, die das ganz und gar uncool finden und die sie dafür angreifen werden. Aber das ist ihr egal. Sie nimmt sich selbst die Freiheit, sich ernst zu nehmen alle Widersprüche inbegriffen, und das ist vermutlich das Coolste, was man heutzutage machen kann.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 1. März 2014
Darum geht es hier. Und das erfordert Fingerspitzengefühl und keinen Katalog an Ratschlägen. Denn das ist es eben nicht: Ratgeber-Literatur.
Es ist ein philosopisch, soziologisch und psychologisch untermauerter Essay.
Wikipedia zum Begriff: "Der Essay : ist eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinem jeweiligen Thema. Die Kriterien wissenschaftlicher Methodik können dabei vernachlässigt werden; der Autor hat also relativ große Freiheiten." [...]
Könnte kaum passender gesagt werden, denn hier schreibt eine offensichtlich begabte Autorin völlig subjektiv.
Und kommt in ihren fein der lebendigen Welt abgelesenen Betrachtungen zu Schlüssen, die ich als wahr empfinde.
Ganz gewiss war sie hierbei auch selbst ihr eigenes Objekt, und es braucht sich niemand persönlich angegriffen zu fühlen, zum Beispiel durch die Figuren, die sie beispielhaft anführt, und die das Buch um eine erzählerische Komponente bereichern.

Wenn Felix Stephan in der Welt schreibt "man kann es Frau Schirach nicht recht machen", hat er damit erstens recht, denn hier geht es nicht ums "recht machen", und unterliegt zweitens fundamentalen Missverständnissen:
Die eingeführten Figuren sind idealtypisch zu verstehen, und nochmal: das ist hier keine Ratgeber-Literaur.

Überhaupt: Beispiele und Vergleiche müssen sich lohnen, und hier tun sie es. So überzeugend, wie ich das schon länger nicht mehr las.

Zusammenfassend: liebevoll, klug, subjektiv, subversiv as hell, erhellend, spannend und unterhaltsam: absolut empfehlenswert.

Also: ein perfektes Buch? Nein, aber lebendig. Und Luft nach oben ist immer, auch wenn die in diesen Gerfilden schon dünn wird.

4 3/4 Sterne, ;)
22 KommentareWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
27 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 50 REZENSENTam 28. Februar 2014
Der Titel des Buches weist schon recht zielsicher darauf hin, worum es in ihm gehen soll: um den ungesunden Perfektionismus, der immer mehr in unserer Gesellschaft um sich greift. Die Autorin schreibt über ein Unbehagen, das durch Beschleunigung, Globalisierung, Digitalisierung entsteht und alle Lebensbereiche erfasst. Zitat: "Ständige Selbstbeschau,- kontrolle und -ausbeutung sind das Wesen des marktgewordenen Menschen."

Und die Autorin hat ja recht, wie ich finde. Immer mehr Menschen beschäftigen sich heute zunehmend mit sich selbst und ihrem Image, was sie ihrer Umgebung vermitteln wollen. Das soll möglichst perfekt sein. Verstärkt wird dieser Trend durch unsere Gesellschaft. Zum einen durch die sozialen Netzwerke, in denen man zwangsläufig mit Tausenden Usern um das Interesse der anderen konkurrieren muss. Zum anderen durch die Werbung, die suggeriert, dass man alles werden, alles schaffen kann, wenn man nur will. Heraus kommen dabei oft neurotische Menschen, die ständig an sich zweifeln oder gar zur Depression neigen.

Doch wie soll man aus dieser "Selbstperfektionierungsspirale" heraus kommen? Frau Schirach plädiert für eine innere Umkehr, einen neuen Modus: Weniger gestalten, differenzieren, urteilen. Mehr aushalten, zulassen, dulden. Mehr zurück zur Natur, wandern, das Meer genießen. Das klingt sicher alles sehr gut. Aber man muss natürlich auch sagen, dass es bereits Tausende Bücher gibt, die Ähnliches zum Inhalt haben. Es kommen im Buch aus meiner Sicht zu viele Allgemeinplätze vor, Formulierungen wie: "Auf die eigene Stimme hören" oder "Lieben heißt teilen". Man hat irgendwie das Gefühl, dies schon (zu) oft anderswo gehört zu haben. Obwohl ich der Autorin in ihrer Grundaussage durchaus zustimme, fehlten mir irgendwie die besonderen Bilder, die Alleinstellungsmerkmale, die dieses Buch aus der Masse der tausenden anderen Lebensratgeber herausheben könnten.
11 KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 11. März 2014
Dieses Buch ist von nahezu allen Feuilletons verrissen worden. Aufgrund eines Beitrages in der Sendung Kulturzeit auf 3sat habe ich es mir dennoch gekauft. Frau von Schirach schreibt von den Optimierungszwängen unserer Gesellschaft. Ja, das haben bereits Einige vor ihr getan und ja, das Buch enthält Allgemeinplätze. Es ist aber auch ein großer Wurf, der der jungen Philosophin gelungen ist, denn sie traut sich heran an die kaum fass- und überschaubaren Themen die meiner Generation auf der Seele liegen und die so schwer in passende Worte zu bringen sind.

Ich habe die Lektüre sehr genossen und kann das Buch jedem kritischem Geist nur empfehlen.
22 KommentareWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 27. März 2014
Effizient, leistungsbereit und leistungswillig, hungrig nach Erfolg und Reichtum, jung, dynamisch, gesund.

Die Liste der Eigenschaften, die der „moderne Mensch“ anscheinend braucht, um unter Seinesgleichen Anerkennung und Erfolg zu finden, ließe sich beliebig fortsetzen. Ob das aber dem Menschen so wirklich inne liegt und ihm langfristig überhaupt gut „zu Gesichte“ steht, das nun bestreitet Ariadne von Schirach vehement.

Die Ursache für das „moderne Menschenbild“ sieht sie folgerichtig auch nicht in einer wie immer gearteten innerlichen evolutionären Entwicklung begründet, sondern in der „Allgegenwart der Märkte“.
Das Leben selber wird zur Ware, die Menschen tragen im doppeldeutigen Sinne des Wortes „Ihre Haut zu Markte“. Mit vielfachen Folgen, auch jener, dass der „äußere Schein“ deutlich mehr an Gewicht gewonnen hat als in früheren Zeiten der Kulturgeschichte. Was auch daran liegen mag, dass die wichtigste Kompetenz in einer „Zeit der Märkte“ für den Menschen ist, sich selbst „vermarkten“ zu können.

Dies alles legt von Schirach sehr beredt vor die Augen des Lesers, nimmt im Hintergrund vielfache, durchaus aber schon gut bekannte, öffentliche Diskussionen auf (vom „Downshifting“ bis zur Warnung vor „Burn-Out“ oder der Kampf gegen die zunehmende Schnelligkeit aller Dinge) und setzt dem, auch nicht neu, den Ruf nach einer „neuen“ Gelassenheit entgegen.
Einem „warmen, umarmenden“ Umgang mit sich selbst, einem „Loslassen“ von allen inneren Zwängen, die von außen dem Menschen entgegengebracht und von ihm selbst verinnerlicht werden.

Gegen einen Perfektionismus an Leib und Seele mitsamt aller Folgen des ständigen „Trainings“ und des ebenso ständigen Gefühls, „nicht zu genügen“ rät sie zur „Genuss-Seite“ des Lebens, zum „lockerlassen“, leger gesagt.

Was sich alles gut liest, hier und da ein wenig gedrechselt in den Formulierungen einher kommt, zu dem man aber auch bei zunehmender Lektüre feststellt, dass von Schirach nicht unbedingt Neues an Erkenntnissen zur „Seinfrage“ des Menschen beisteuert.

In der ein oder anderen Form hat man dies alles bereits gehört und in diversen Medien verfolgen können. Was im Übrigen natürlich nicht heißt, das von Schirach nicht Recht hätte und ihre Analyse nicht zutreffen würde. Zumindest auf eine große Zahl der Menschen in der gegenwärtigen Welt trifft es ja durchaus zu, dass sie nicht selbst die Kontrolle und die Rahmenbedingungen ihres Lebens mit in der Hand haben, dass gerade im Lauf der letzten Jahrzehnte sich fast wieder ein (vielleicht nie verschwundenes, nur verdeckter vorliegendes) Feudalsystem offen wieder zeigt.

Ein einfaches „Zurück zum Eigentlichen“, welches „Damals“ (wann immer das genau war) besser für Menschen funktioniert hat, ist allerdings ein bisschen wenig an Ertrag für die Lektüre des Buches. Wie man angesichts der globalisierten Welt mit ihren aktuellen Herausforderungen das eigene „Leben (wieder) umarmen“ kann, das erschließt sich nicht ganz aus der Lektüre. Bekanntermaßen ist ein „zurück“ ohne gleichzeitiges „Aussteigerleben“ nicht „einfach so“ zu haben.

So verbleibt eine sprachlich schön zu lesende Analyse bekannter Probleme, die auf den Menschen in der modernen Welt zukommen, eine Erinnerung daran, dass dies nicht alles und nicht das Wesentliche des Lebens sein kann und ein Anstoß, in eigener Reflexion zumindest hier und da eher auf Genuss und Freiheit zu setzen statt auf Eigenoptimierung und Laufen im Hamsterrad.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 17. April 2014
Kurze prägnante Sätze über unsere (westliche) Welt/Gesellschaft, die jedesmal den Nagel auf den Kopf treffen. Dabei ist das Buch kein nervtötender Ratgeber, ich finde den Titel mit "Für eine neue Lebenskunst" sogar relativ schlecht gewählt, ist diese Buch eher eine scharfe Beobachtung in der sich wohl hier und da alle wiederfinden werden. Mich zumindest hat das Buch tief beeindruckt und ich kann es nur jedem empfehlen.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
am 11. September 2014
Ein hochintellektuelles, kritisches Buch über die Veränderung des Menschen in der heutigen Zeit.
Gleich zu Beginn möchte ich aber auch kritisch anmerken, dass nach meinem Geschmack die kluge Autorin mit etwas zu vielen Wiederholungen ihrer Erkenntnisse hantiert, wenn auch nie mit denselben Worten. Trotzdem hat das auf mich hin und wie-der ein wenig ermüdend gewirkt
Den Satz auf Seite 84 über Sinn und Ziel des Lebens: ‚Von den alten Griechen lernen: Selbsterziehung zum Guten, Vorbereitung auf das Schlimmste, Selbsteinschränkung und Daseinslust verbunden mit einer stillen Freude an den kleinen Dingen', halte ich nicht nur für eine gute Formulierung, sondern für wert, ihn gerade in der heutigen Zeit, so oft es geht zu wiederholen. Das vor allen Dingen auch deshalb, weil heute zu gelten scheint: 'Wenn jeder für sich sorgt, ist an alle gedacht'.
Die Autorin stellt fest, dass wir im Zeitalter des optimierten Menschen leben und dieser Typ Mensch ist bestimmt durch Selbstverherrlichung, Bildwerdung und Todesflucht (Seite 110). Die vollkommen ökonomisierte Welt kennt nur noch 2 Daseins-formen: Reiche und Arme, Gewinner und Loser (Seite 111).
Schirach beläßt es nicht bei dieser Feststellung, sondern hält dagegen mit einem Zitat von Kayt Sukel: ‚In einer guten Beziehung sorgt jeder dafür, dass der andere das bekommt, was er braucht. Das ist doch wirklich eine revolutionäre Idee‘, schreibt die Autorin dazu. (Seite 109)
Dem Inhalt dieses Satzes stimme ich gern zu, aber revolutionär ist er nur dahingehend, weil kaum jemand - aus welchen Gründen auch immer - ihn heutzutage laut ausspricht, denn neu ist der Gedanke nicht. Man kann ihn im Werk von Friedrich Engels, etwas anders formuliert, nachlesen: ‚Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats‘. (Am Ende von Kapitel II, Die Familie).
An dem Buch finde ich außerdem interessant, dass viele Gedanken der jungen, im Westen Deutschlands aufgewachsenen Frau, sich mit denen meines bereits 70-jährigen Freundes Max Balladu, der, wie ich, 40 Jahre in der DDR gelebt hat, verblüffend decken. So liest man bei Schirach auf Seite 118: ‚… Das Gute der Kirche zu übernehmen und humanistisch zu öffnen … Wir brauchen Ermahnung, Beichte, Trost. Wir brauchen Ideen und Grün-de, die mehr sind als wir selbst …‘
Diese Gedanken, mit anderen Worten, verwendet der atheistische Balladu, auf unserer gemeinsamen Webseite ([...] , um für die Gründung einer neuen Organisation - keiner Partei - aufzurufen, mit der die Demokratie in den entwickelten westlichen Ländern entschieden belebt und wieder etwas offener gestaltet werden könnte: ‚Die neue Organisation sollte ein viel breiteres Feld umfassen, als das eine einzelne demokratische Partei heutzutage kann. Sie muss für viel mehr Menschen ein ideologisches Zuhause sein können. So ähnlich wie die Kirche mit einfacherer und demokratischer Struktur, aber eben ohne die Rituale, die Gottgläubigkeit, ohne Supermann Papst mit seiner Gefolgschaft wie Kardinälen und Bischöfen und nur der Bibel als dem Nonplusultra. Doch die große Ebene der Pfarrer und Priester, die sich wirklich um die Belange der Menschen kümmern, wäre doch goldrichtig. -
Oder man könnte auch sagen, so ähnlich, wie das Leben in der DDR war, aber eben ohne Diktatur einer Partei oder von sonst irgendwem, ohne Einschränkungen der Freiheit, ohne Superbonzen und deren Handlager, aber mit der großen Ebene der kleinen, ehrlichen ‚Parteisekretäre’, vergleichbar mit den oben genannten Priestern, die sich auch um den einzelnen Menschen kümmern.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 20. April 2014
Das Eine gleich vorweg: Ja, wir wissen es, und wer es nicht wusste, weiß es schon nach der Lektüre des Titels. "Du sollst nicht funktionieren" befiehlt uns genau das, wofür Ariadne von Schirach in ihrem Essay schon gar keine Begründung mehr finden muss: Nichts lieber als das, möchte man ihr entgegenrufen, nicht erst seit Rilkes "Briefe an einen jungen Dichter", sondern schon lange. Seitdem industrialistische Systeme zur Daseinserhaltung einen verfügbaren Arbeiter brauchten. Seitdem Menschen in Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeiten ihren Zweck für Gott und Vaterland erfüllen mussten. Und natürlich erst recht, seitdem der ganze Zwang, sich in Schuss zu halten, internalisiert werden musste - seitdem die äußeren Zwänge großteils wegfielen und den unsichtbaren Prozessen Platz machten, die das Individuum dazu brachten, sich im neoliberalen Kapitalismus unbemerkt selbst auszubeuten, anstatt die Früchte seiner Hände Arbeit nun endlich zu genießen. Gemäß dem Goethe-Wort, niemand sei mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.

Und wer in den letzten Jahrzehnten auch nur die Titel der Psychologie, Soziologie, Philosophie, Kulturtheorie zur Kenntnis genommen hat, ahnt, dass mit den wachsenden Freiheitsräumen auch ein Unbehagen an der Gesellschaft einhergeht, dass wir in einer Kultur des Habens statt des Seins leben, dass das unternehmerische Selbst erschöpft ist, dass die moderne westliche eine McKinsey-Gesellschaft ist, dass unser effizientes Leben von der Ökonomie diktiert wird, dass die Digitalisierung ein Fluch und der Mensch im neuen Kapitalismus zwischen Kreation und Depression gefangen ist.
Also können wir von Schirachs Imperativ gar nicht ernsthaft als solchen empfinden. Wer will schon gern funktionieren? Und die unter uns, die gern funktionieren möchten, die sich also - verfügten sie nur über ausreichend Selbstdistanz - in den Zombies wiederfinden könnten, deren Geschichten uns die Autorin erzählt, die lesen das Buch sowieso nicht. Alle anderen nicken einhellig bis selbstgefällig. Kann man mal sehen, wie es den ganzen Selbstvermessungsidioten mit ihren elektronischen Armbändern geht, die ihr Essen zu Zwecken der Anerkennung erst fotografieren müssen und sich desolat fühlen, wenn nur zwölf "Freunde" ihren facebook-Post bezüglich ihres letzten Klogangs geliket haben!
Aber ebenso paradox, wie der Imperativ des Titels daherkommt (als ob man jemandem beföhle, spontan zu sein), ist auch der gesamte Impetus des Buches. Es möchte uns vom Nützlichkeitsdenken befreien und von unserem egoistischen Wahn, uns selbst zu optimieren, und wird doch nur von solchen Menschen gelesen, die sich überhaupt noch für Verbesserung interessieren - ihrer selbst, ihres Lebens, der Welt. Denn auch die Selbstoptimierer, wie sie im Buch mit leichtem Dünkel zu Zwecken der Distinktionsgewinnung ("so bin ich ja zum Glück noch nicht!") gezeichnet werden, wollen ja gar nicht in erster Linie besser sein. Sie wollen wie wir alle nur ein besseres Leben führen, und als Weg dahin sehen sie bloß, was sie für sich selbst tun können, weil ihr Blick verengt wurde auf Individualität, Besser- und Schönersein. Ein besonderer Mensch sein, ein Jemand sein, der Autor und das Subjekt des eigenen Lebens, eigenverantwortlich und selbstbestimmt. Individualität, so auch Schirachs Analyse, ist der neue Götze, nachdem Gott abgedankt hat, und sie ist es, die dem modernen Selbst Glück und gelingendes Leben verheißt. Glücklich, gesund und erfolgreich wollen wir sein, geliebt, sicher und anerkannt - und um das zu erreichen, soll ich nun nicht mehr funktionieren (wie ich und die übrigen Opfer der jüngeren Generation, denen der Fortschritt solche Erste-Welt-Probleme erlaubt, irrtümlicherweise annahmen), sondern - ja, was? Erstmal ein Buch dazu lesen, ein weiteres Selbsthilfebuch auf meinem Nachttisch, und diesmal eins, das mir sagt, dass Selbsthilfebücher im Grunde nutzlos sind.
Eine paradoxe Erfahrung also, ein solches Buch zu lesen, das ich nur lese, weil ich glücklicher sein (und die Welt verstehen) will, womit ich doch schon mit einem Bein im Grab des Nutzendenkens stehe. Denn stets frage ich mich, muss ich mich fragen: Wie kann ich Schirachs Erkenntnisse, ihre Vorschläge umsetzen in meinem eigenen Lebensvollzug?
Die Antworten, die von Schirach auf diese Frage gibt (ebenso wenig neu wie unerhört), sind - da muss man nicht viel Menschen- und Weltkenntnis haben, um so zu urteilen - die richtigen. Sie sind brauchbar und nützlich, und sie funktionieren sogar. Womit wir wieder bei der paradoxen Erfahrung der Lektüre dieses Buches wären: eine neue Lebenskunst der Selbstsorge (statt nabelbeschauendem Egoismus), Liebe und Schönheit, Poesie und Uneigennützigkeit, Zuhören, Akzeptanz von Widersprüchlichkeit, Verletzlichkeit, Einsamkeit und Angst - Menschlichkeit eben. Es stimmt, dass ein Buch, das dazu rät, dass Menschen sich selbst und andere Menschen menschlich behandeln, mit seinen Einsichten niemanden vom Hocker reißen kann. Aber auch davon müssen wir uns vielleicht frei machen - von diesem Drang nach Originalität, nach bahnbrechenden Erkenntnissen, nach alles umstürzenden Lösungsvorschlägen. Vielleicht liegt in unserem Bedürfnis nach aufregenden Theorien über die Rettung des Menschengeschlechts genau das Problem, das von Schirach anprangert, und solange wir nur nach dem nächsten Buch dürsten, das uns endlich dieses neue und unerhörte Wissen zur Weltverbesserung zur Verfügung stellt, ist diese Welt und sind wir selbst in ihr nicht zu retten.
Ariadne von Schirach zollt dieser Einsicht Tribut, dass ihr Buch im Grunde nichts Neues bieten kann, dass alles schon einmal gesagt wurde und dass genau dies das Wichtige an ihm ist. Sie zieht das Erzählen dem Theoretisieren vor. Das Bild dem Begriff. Das Konkrete der Abstraktion. Ihr gelingen poetische, stellenweise ergreifende Passagen. Ihr Stil ist zwar überwiegend der um Lockerheit ringende Kolummnenton des neuen bildungsbürgerlichen Feuilletons (die Anrede immer schön abwechseln zwischen man, du und ich; im Nebensatz bloß kein Prädikat in Endstellung; und vor allem das Partizip nicht zu weit vom Hilfsverb weg; und immer dieses „irgend-" … auf ein, zwei Seiten ok, aber in dieser Penetranz auf 180 Seiten schwer zu ertragen), aber die Kraft ihrer Sprache überzeugt auf vielen Seiten und macht die Lektüre oft zu einer nicht nur intellektuellen, sondern auch sinnlichen Freude. Paradoxerweise, muss man noch einmal betonen, da ja schon nach dem Titel alles klar ist, da wir ja schon einhellig genickt haben, da wir das bei Robert Pfaller, Byung-Chul Han und Alain Ehrenberg, bei Wilhelm Schmid, Peter Bieri und dem späten Foucault so ähnlich schon gelesen haben, und umso mehr, als das Anliegen der Autorin nicht in der originellen Analyse von zeitgenössischen Alltagsphänomenen (die Tücken von Facebook kannten wir schon) besteht. Und auch die Selbstoptimierzombies sind es nicht, deren Geschichten man mit Grausen verfolgt und bei denen es einem recht bald egal ist, ob sie reine Kopfgeburten der Autorin sind oder ob reale Menschen für sie die Vorlage abgegeben haben.
Es ist die Poesie der Bilder, die von Schirach gelingen. Zum Glück. Denn die kann man nicht zusammenfassen, die muss man selber erleben, die bleiben hängen, und sie sind die vielen Kleinode des Buches. Im Gegensatz zu den ebenso wahren wie kitschigen Gemeinplätzen, von denen es nur so wimmelt: „... am wichtigsten ist es doch, sich in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Verletzlichkeit zu zeigen und trotzdem geliebt zu werden.“ Dass wir heute solche Sätze brauchen, dass wir ihren Kitsch aushalten und ihre Wahrhaftigkeiten annehmen und umsetzen müssen, ist vielleicht das traurigste Zeugnis, das Ariadne von Schirach damit unserer Zeit ausstellt.
Aber ihre Stärke ist eben nicht, darüber zu theoretisieren, dass der Schlankheitswahn seine Ursache im Effizienzdenken der kapitalistischen Selbstausbeutung hat, sondern uns von in dieser Überflussgesellschaft freiwillig hungernden Menschen und deren Nöten, Begierden und Selbstbildern zu erzählen. Es handelt sich um ein literarisch-feuilletonistisches Essay und nicht um ein begrifflich sauber argumentierendes philosophisches Traktat. Trotz ihres leidenschaftlichen Plädoyers am Schluss für mehr zweckfreie Schönheit und selbstlose Hingabe bleibt der Tenor dieses Essays dunkel. Pessimismus beschleicht denjenigen, der sich vorstellt, es könnte solche Menschen in dieser Eindimensionalität wirklich geben und sie wären wirklich mehr als nur die paar zu jung gebliebenen Besserverdiener in den Großstädten. Dieser Pessimismus liegt darin, dass die Autorin mit dem Kapitalismus zwar den Grund für den Ist-Zustand angibt, aber mit ihren Lösungsvorschlägen nicht bei diesem Grund ansetzt. Wenn die kapitalistische Produktionsweise Schuld an dem fortschreitenden Verlust nicht nur von Glück und Gesundheit, sondern auch von Anmut und Poesie in unserer Welt ist, dann ist es fast schon gemein, vom Individuum jetzt auch noch zu fordern, es solle endlich einsehen, dass es so nicht weitermachen könne. Ihm einzureden, es gäbe im falschen System ein richtiges Leben, wenn man nur dem Nützlichkeitsdenken entsagt. Die Kosten-Nutzen-Abwägung ist ja nicht eine dem kapitalistischen System aufgepfropfte Ideologie, sondern in ihrer Übertragung auf die sozialen Verhältnisse wesentlich für seine Existenz verantwortlich und vice versa.
Optimismus ließe sich vielleicht finden, wenn man seinen Blick auf all die Menschen richtet, die tatsächlich aus dem Hamsterrad ausgebrochen sind und ihren Alltag bereits nach genau den Regeln der Lebenskunst, die von Schirach fordert, gestalten. Oder besser noch ohne Regeln gestalten, schon in diesem Augenblick, angeregt vielleicht durch Bücher wie das vorliegende. Menschen, die sich nicht mehr zur Verfügung stellen und dadurch dafür sorgen, dass dem System seine Lebensgrundlage entzogen wird. Ein zweiter Band wäre also nötig, in dem uns Ariadne von Schirach die vielen guten Geschichten da draußen erzählt, als lebensfrohe Beispiele für eine zweckfreie, uneigennützige und poetische Lebenskunst.
Das wäre vielleicht wirklich neu und unerhört.
0KommentarWar diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinSenden von Feedback...
Vielen Dank für Ihr Feedback.
Wir konnten Ihre Stimmabgabe leider nicht speichern. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Missbrauch melden
     
 
Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch angesehen


Der Tanz um die Lust
Der Tanz um die Lust von Ariadne von Schirach
EUR 9,99