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29 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Spanischer Stream of Consciousness
Nach dem Roman „Krematorium“ kehrt Rafael Chirbes erneut zurück nach Spanien, dem Land der Krise, in dem jeder dritte Jugendliche keinen Job hat. Dramatische Zustände, die Chirbes dem Leser in „Am Ufer“ auf meisterhafte Weise vor Augen führt.

Für seinen Roman wählt der den Stream of Consciousness, der seit Dos...
Vor 6 Monaten von Marius veröffentlicht

versus
3.0 von 5 Sternen Finanzkrise und Familiengeschichte
Esteban, ein 70 Jahre alter Spanier, führte bis vor kurzem die Familienschreinerei, die von seinem Großvater gegründet wurde und die er von seinem Vater erbte und selbst in den finanziellen Ruin steuerte, weil er auch vom Bauboom profitieren wollte und Geld in eine Baufirma investierte, die pleite ging.

Der Roman ist über 400 Seiten lang...
Vor 21 Tagen von uli123 veröffentlicht


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29 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Spanischer Stream of Consciousness, 17. Januar 2014
Von 
Marius (Augsburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Am Ufer (Gebundene Ausgabe)
Nach dem Roman „Krematorium“ kehrt Rafael Chirbes erneut zurück nach Spanien, dem Land der Krise, in dem jeder dritte Jugendliche keinen Job hat. Dramatische Zustände, die Chirbes dem Leser in „Am Ufer“ auf meisterhafte Weise vor Augen führt.

Für seinen Roman wählt der den Stream of Consciousness, der seit Dos Passos‘ „Manhattan Transfer“ und Joyce‘ „Ulysses“ als Stilmittel manch großen Romanen zur Vollendung verholfen hat. Rein äußerlich passiert eigentlich nichts, der Roman spielt an einem Tag und die Charaktere meistens Karten.
Der siebzigjährige Esteban sinniert über sich, seine Welt, seinen alten Vater und Spanien – und die Gedanken wandern ohne Ende. Leicht zu lesen ist das keineswegs – wörtliche Rede wird nicht immer als solche gekennzeichnet, Tagebucheinschübe unterbrechen die Handlung und auf einer Seite wechseln Estebans Monologe gerne auch dreimal die Richtung.

Man muss höchst konzentriert lesen um wenigstens halbwegs einen Überblick über das Treiben und die Charaktere zu behalten. Man liest und wird immer mehr in die Weltsicht Estebans gezogen und staunt ob des ästhetischen Sensorium Rafael Chirbes.
Er wechselt die Tonarten genauso geschmeidig wie glaubhaft und erschafft mit Esteban eine der tiefgründigsten Figuren, die mir in der letzten Zeit begegnet sind. Er zeigt den Kunsttischler als symptomatisch für eine Generation, nicht richtig versöhnt mit der Vergangenheit und auch nicht so richtig bereit für eine wie immer geartete Zukunft. So wird aus „Am Ufer“ ein Sittenbild eines Landes in der Krise. Ein spanischer Stream of Consciousness, der sich gewaschen hat.

Wer eine leichte Lektüre sucht oder von einem Roman in erster Linie Unterhaltung erwartet, dem sei nachdrücklich von „Am Ufer“ abgeraten. Alle Freunde anspruchsvoller literarischer Feinkost sei der Roman aber wärmstens ans Herz gelegt!
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Retrospektives Endoskop einer spanischen Altersdepression, 2. März 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Am Ufer (Gebundene Ausgabe)
Wer nicht nur alt ist, sondern auch einsehen muss, dass sein Leben weder im Stolz des Erreichten noch in der Hoffnung auf irgendeine Zufriedenheit enden wird, hat guten Grund, keine Kamingeschichte zu erzählen. Chirbes lässt keine Illusion zu, das Leben ist schlimm, gemein, ungerecht und wird böse enden. Ein Rezensent im Deutschlandfunk antwortete auf die Frage, ob denn im Buch etwas Tröstliches zu finden sei: "eigentlich nicht". Im Sumpf nahe eines katalonischen fiktiven Städtchens drehen die Verlorenen des Rennens um die besten Plätze ihre Runden, dort werden Leichen versenkt, das Aas und der giftige Müll sind Nahrung für Fische und Wild, die Esteban, der Schreiner, kunstvoll und artgerecht erlegt. Die Seerosen Monets stinken, die Windeln des von Esteban, dem 70jährigen gepflegten Vaters, der besoffene Mann der Pflegerin Liliana.

Das Buch ist eine Geschichte, nur keine Handlung. Man muss nicht die Personen in einem Netzwerk ordnen, mehr die Zeit, in der sie geboren wurden. Die letzten 120 Jahre der Geschichte Spaniens sind für die meisten von uns leider nur schwer zu verstehen. Geschichte ist nicht die Historie der Historiker, die versuchen, dem Vergangenen eine Logik zu geben. Chirbes führt uns durch die Vergangenheit eines Lebens, die ganz natürlich mit der Distanz, diffuser wird, aber dann beschrieben wird, wenn sie die Realität prägt. Dazu gehört der Bürgerkrieg (lesen Sie "Blood of Spain"!), die Zeit des Wachstums, des kleinen Wohlstands und des Versuchs, beim großen Spiel dabei zu sein und die Bilder der Zerstörung zu zeigen. Tatsächlich kommt der Blick aus der Sicht der jetzt arbeitslosen Generation der 20-30 jährigen nicht vor. Die Staatsmacht enteignet die Verschuldeten und verramscht den gepfändeten Besitz, jeder kann billig Gebrauchtwagen kaufen. Wir blicken in den Mikrokosmos eines Lebens, die nach der Niederlage einer unglücklichen Liebe keine Geschäftsbeziehung mehr eingehen konnte ("Ehe=GmbH). Und in den Makrokosmos aus Betrügern, Krisengewinnlern, Arbeitslosen, der spanischen Realität.

Das Buch ist nicht für Deutsche und nicht auf Deutsch geschrieben. Es begeistert, ob es einmal als Klassiker im Bücherschrank überdauert, ist fraglich. Jeder der einmal mit Ulysses in der Wollschläger-Übersetzung angefangen hat und dann irgendwann das Original gelesen oder gehört hat, versteht, dass das spanische Original einen anderen Klang hat - vor allem für alle, die Sprache, Kultur und Geschichte können/kennen (was ich leider von mir noch nicht behaupten kann). Deshalb ist die Übersetzung sehr zu loben, die ersten Seiten im Original zu vergleichen, war ein Vergnügen mit Bewunderung für die Sprachfertigkeit der Übersetzerin.

Esteban, der Schreiner, wird beim Lesen nicht sympathisch. Eher zweifelt man selbst und wird beim Schönfärben der Vergangenheit (die ein bewährter psychologischer Selbstschutz ist) ertappt. Eine ganz starke Szene ist der Monolog Lilianas, der Kolumbianerin, wie sie die Avancen des ekligen Alten empfindet, der ihr aus seiner Sicht nur verträumt liebevoll begegnet.

Spanien macht neugierig, ist endlos, vor allem endlos widersprüchlich. Wer sich darauf einlässt, sollte "Am Ufer" lesen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Große Literatur, ein Genuss zu lesen, 29. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Am Ufer (Kindle Edition)
Der siebzigjährige Tischler Esteban hat seine Ersparnisse und eine aufgenommenen Hypothek auf Haus und Betrieb in ein windiges Immobilienprojekt seines Freundes Pedrós gesteckt. Das Projekt ist pleite, Pedro abgehauen. Die Zwangsvollstreckung steht bevor, die Angestellten sind gekündigt. In einem Rückblick berichtet Esteban über seine Familie in den fiktiven Orten Olba und Misent, bis hin zur Francozeit. Die Landschaft erinnert in der Beschreibung an die Dénia bei Alicante (Residenz des Autors).
Er beschreibt eine zerrissene Landschaft voll von Bauruinen zwischen Meer und Sumpf, beschreibt arbeitslose Menschen, osteuropäische Nutten, schwelender Hass auf Migranten. Die Köpfe der Spekulanten haben mit dem Platzen der Immobilienblase das Land verlassen, nicht vergessen, ihr Vermögen mitzunehmen. Chirbes analysiert die Entwicklung Spaniens in den letzten Jahrzehnten. Ein Bauernstaat, der ganze Landstriche verkaufte, bebaute, selbst die spanische Seele verhökerte. Er beschreibt den Traum vom Häuschen für Jedermann, vom Leben im Luxus, ein Traum, der einer ganzen Generation verkauft wurde. Ein Protagonist berichtet, früher war man froh, eine Arbeit als Orangenpflücker zu haben, das war eine anständige Arbeit. Das würde heute keinem Jugendlichen genügen. Dafür gibt es die Marokkaner. Er selbst habe auch seinen Job verloren, aber er sei froh, wenigstens als Straßenkehrer etwas gefunden zu haben.

Rohbauten im Höhenrausch, eine verbaute Küste und in der Hinterhand der morastige Sumpf. Der Sumpf steht für die Gesellschaft, die im Morast erstickt.

In gut 400 Seiten versucht Rafael Chirbes (aus Valencia stammend) aus der Sicht verschiedener Protagonisten zu erklären, wie es zu der Krise kam. Esteban spielt Karten mit einem Teerpappenfabrikanten, einen Mann, der Flüchtlinge aus Afrika schleust, den Leiter der Sparkasse und einen Weinkritiker, die alle zu Wort kommen, ebenso die Südamerikanerin, die Esteban bei der Pflege des dementen Vaters hilft und mit der er ein Verhältnis hat und sein marokkanischer Freund. Ein Land in der Krise, in dem Migranten keinen Platz mehr haben, weil viele arme Spanier nicht mehr wissen „wie der Kühlschrank zu füllen ist“. Krise an allen Ecken: die Krise in der Familie, die Krise die Esteban in sich selbst trägt, der alles im Leben falsch machte, Sinneskrise bei den Menschen, die gierig nach mehr trachteten, Baukrise, politische Krise, Wirtschaftskrise. Schnelles Geld führt zu nichts. Man sollte als Hintergrundwissen immer bedenken, dass Chirbes Kommunist ist. Er zeigt die Entwicklung Spaniens in den letzten 70 Jahren auf, schonungslos mit kräftigen Worten. Er ist weder besserwisserisch noch zukunftsweisend.

Große Literatur, ein Genuss zu lesen, allerdings nicht ohne Beklemmung. Ein Roman, der lange nachhallt und im Leser weiterklingt.
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3.0 von 5 Sternen Finanzkrise und Familiengeschichte, 2. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Am Ufer (Gebundene Ausgabe)
Esteban, ein 70 Jahre alter Spanier, führte bis vor kurzem die Familienschreinerei, die von seinem Großvater gegründet wurde und die er von seinem Vater erbte und selbst in den finanziellen Ruin steuerte, weil er auch vom Bauboom profitieren wollte und Geld in eine Baufirma investierte, die pleite ging.

Der Roman ist über 400 Seiten lang und eng bedruckt. Die Lektüre habe ich als sehr beschwerlich empfunden. Zum einen wechselt nämlich die Erzählperspektive häufig und unvermutet. Zum anderen gibt es nur wenig Handlung. Im Wesentlichen sinniert und monologisiert Esteban über sein Leben und den traurigen Stand der Dinge in der kleinen spanischen Stadt Olba, in Spanien und der Welt. Das Ufer aus dem Buchtitel ist Symbol für die Lage in Spanien. Das Flussufer ist eine Müllhalde für alle Arten von Abfällen einschließlich chemischer Abfälle und Leichen von Tieren und Menschen. Esteban grübelt und spricht mit seinen Freunden in der Bar über Themen wie Globalisierung, Einwanderung, Korruption. Er sucht nach den Gründen für den Zusammenbruch, an dem er als Täter und Opfer beteiligt ist. Das Buch zeichnet ein sehr düsteres Bild des gegenwärtigen Spaniens. Zugleich erfahren wir die interessanten Lebensgeschichten von Esteban, von seinem Großvater, der am Ende des spanischen Bürgerkriegs mit einem Genickschuss getötet wurde, und von seinem Vater, einem überzeugten Sozialisten, der sich nach dem Bürgerkrieg den Francisten stellte und dann eine Haftstrafe absaß. Das ist eine gute Einführung in die uns Deutschen ja doch eher unbekannte spanische Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Wer sich an einen anspruchsvollen Stoff heranwagt, ist mit dem Buch gut bedient.
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5.0 von 5 Sternen Der Meister, 19. Juni 2014
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Am Ufer (Kindle Edition)
Das ist Weltliteratur, das muss man gelesen haben. Ein Kaleidoskop der Iberischen Krise verpackt in einem an Symbolkraft erfüllten Roman.
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5.0 von 5 Sternen Kunstvoller Pessimismus, 9. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Am Ufer (Gebundene Ausgabe)
In der sumpfigen Uferzone einer fiktiven Kleinstadt am Mittelmeer breitet Rafael Chirbes ein Sozialpanorama des Spaniens der Gegenwart aus. Landschaft, Wirtschaftskrise, das Wegbrechen der Mittelschicht und Vanitas-Motive rund um den insolventen, alternden Hauptprotagonisten Esteban, der seinen dementen Vater pflegt, ergänzen und verstärken einander im Roman zu einem insgesamt niederschmetternden Befund. Der Text hält über 400 Seiten eine große Gedankendichte aufrecht und ist kunstvoll organisiert - allein wie im kurzen Schlusskapitel mit der Bezeichnung Exodus ein ganz anderer Ausgang präsentiert wird als jener, auf den der Leser im langen Mittelteil vorbereitet wird, ist eine bittere finale Pointe.

Überzeugend und eindrucksvoll sind auch die verschiedenen Erzählstimmen aus der Unter-, Mittel- und Oberschicht gestaltet. Francisco, der opportunistische Siegertyp und salonsozialistische Intellektuelle, reflektiert über den Unterschied zwischen seinem eigenen substanziellen Verständnis von Wein und Gastronomie und jenen Parvenus, die bloß die Ordnung der Etiketten auswendig gelernt haben. Die Unterschicht, repräsentiert durch die Einwanderer aus Afrika, Südamerika und Osteuropa, sowie durch die Handvoll ungelernter spanischer Arbeiter, die Esteban bei seiner Insolvenz auf die Straße setzt, kämpft ums schiere Überleben und kann sich Moral nicht leisten. Das Hauptinteresse des Romans gilt aber der Mittelschicht, die in den Boomjahren glaubte, sich nach oben zu orientieren, gern unter Ausbeutung der Unterschicht, nun aber feststellen muss, dass ihre sicher geglaubte materielle Basis im übelriechenden Sumpf der geplatzten Immobilienblase versinkt und der Abstieg in die Unterschicht droht.

Ich habe Respekt vor der Leistung der Übersetzerin, bedauerte aber, den Text nicht auf Spanisch lesen zu können - das Deutsch gerät hier stellenweise etwas sperrig, wobei auch der sonst so beschreibungsmächtige Autor an einigen wenigen Stellen übersteuert haben dürfte. Als (deutschsprachiger?) Tourist stößt man im sumpfigen Örtchen Olba übrigens auf Unverständnis: "Ich gehe gern spazieren, wenn es regent, ich ziehe mir Ölzeug an und gehe durch die leeren Straßen. ... Jetzt gerade gehört das alles uns, wie genießen es mehr und zu einer besseren Jahreszeit als diese Trottel, die Unsummen zahlen, um in den schlimmsten zwei Augustwochen herzukommen. Ich würde im August nicht einmal geschenkt hier Urlaub machen ..."
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Roman erzählt tiefgründig und glaubhaft ein Stück spanischer Geschichte seit dem Bürgerkrieg, 12. Februar 2014
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Am Ufer (Gebundene Ausgabe)
Mit einem Zitat aus einer Besprechung in der spanischen Zeitung El Pais wirbt der Verlag für das neue Buch des spanischen Schriftstellers Rafael Chirbes:
„Am Ufer ist ein großer Roman, den jeder lesen sollte, der den Schrecken verbreitenden Auftakt des 21. Jahrhunderts besser verstehen will. Eine Zeit ohne Götter, gespickt mit Karrieristen und korrupten Handlangern, in der das Finanzkapital, sekundiert von konservativen Regierungen und unter Duldung der Sozialdemokraten mit der Wohlstandsgesellschaft und sozialer Marktwirtschaft aufgeräumt hat.“

Das klingt nach einem weiteren kritischen Roman über die Finanzkrise und ihre Folgen. Doch der über 400 eng bedruckte Seiten lange Roman ist weit mehr als das. Esteban, ein fast siebzigjähriger Schreiner, der bei waghalsigen Spekulationen( zu denen ihn keiner gezwungen hat) das ganze Kapital der seit Generationen in Familienbesitz befindlichen Schreinerei verloren hat, erzählt nicht nur seine eigene Lebensgeschichte, sondern auch die seines Großvaters, der am Ende des spanischen Borgerkriegs mit einen Genickschuss getötet wurde und seines Vaters. Der liegt, fast neunzigjährig, bettlägerig zu Hause und wird von Esteban, der zeit seines Lebens ledig geblieben ist, mit Hilfe von Liliana, einer Kolumbianerin, gepflegt. Dieser Vater war überzeugter Sozialist und hatte sich auf Drängen seiner Frau nach dem Bürgerkrieg den Francisten gestellt und dann eine Haftstrafe abgesessen.

Auch die Geschichten und Schicksale vieler weiterer Personen werden von Esteban in dem zentralen zweiten Kapitel des Buches, das sich schier endlos über fast 400 Seiten hinzieht, erzählt. Da sind Estebans Geschwister: Carmen, die in Barcelona lebt, der früh verstorbene Bruder Germain und der Windhund Juan, der nur nach Hause kommt, wenn er Geld braucht.

Mit Bernal, einem Teppichfabrikant, Justino, der mit Menschenhandel viel Geld verdient und Carlos, dem Leiter einer Sparkasse, spielt Esteban regelmäßig Karten. Ähnlich wie der aus einer Falangefamilie stammenden Weinkritiker Francisco Marsal, ein Jugendfreund Estebans, der Estebans große Jugendliebe Leonor geheiratet hat, haben sie im Gegensatz zu dem alten Schreiner jeder sein mehr oder weniger dunkles Geschäft gemacht, während Esteban, von seinem Vater quasi zur Übernahme des Familienbetriebs gezwungen, nie wirklich sein Glück gefunden hat. Im Gegenteil. Er fällt den falschen Versprechungen des Bauunternehmers Pedros zum Opfer, der ihn um sein komplettes Vermögen bringt.

Mit Esteban hat Rafael Chirbes eine Figur erschaffen, mit dem er tiefgründig und glaubhaft ein Stück spanischer Geschichte seit dem Bürgerkrieg erzählt, der noch immer ein in Spanien nicht wirklich verarbeitetes Trauma darstellt. Esteban steht für eine Generation, die nicht wirklich fertig ist mit ihrer Vergangenheit und sich nicht öffnen kann für eine Zukunft , die nur als unsicher und prekär wahrgenommen wird. Der ganze Roman handelt zwischen den Zeilen von einem Land und einer Gesellschaft, das sich nicht nur wirtschaftlich in einer großen Krise befindet.

Durch die permanent wechselnden Perspektiven, die Estebans unerschöpflicher Erzählfluss einnimmt, und durch die nur durch kurze Absätze gegliederte Länge des Hauptkapitels ist die Lektüre nicht immer leicht. Es ist anspruchsvoller Stoff, aber die wunderbare, von Dagmar Ploetz trefflich ins Deutsche übersetzte Sprache Chirbes` hält einen an einem Buch fest, das als wirklich großer zeitgenössischer Roman bezeichnet werden darf.
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Am Ufer
Am Ufer von Rafael Chirbes
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