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TOP 100 REZENSENTam 30. Juni 2015
Das in Ostende herrliche Urlaubsflair von früher ist für den Schriftsteller Stefan Zweig nicht mehr. Die Freundschaft mit seinem besten belgischen Freund Èmile Verhaeren ist in Feindschaft geendet, der aufkommende Nationalsozialismus in Deutschland hat sie entzweit.

Stefan Zweig hat 1936 seinen in Amsterdam lebenden Freund und Pazifisten Joseph Roth zu sich nach Ostende in Belgien geholt. Roth ist gesundheitlich und finanziell am Ende. Seine Bücher werden wie viele seiner Kollegen nicht mehr in Deutschland verlegt und er ist auf seinen großzügigen Geldgeber Stefan Zweig angewiesen. Zehn Jahre besteht ihre Freundschaft und hat bislang manche Krise überstanden.

In Ostende finden sich mehrere deutschsprachige Dichter und Denker zusammen, zu denen nebst Stefan Zweig auch Arthur Koestler, Egon Erwin Kisch samt Ehefrau, Hermann Kesten, Ernst Toller und die junge, hübsche und lebenslustige Irmgard Keun als einzige Arierin gehört, in die sich Joseph Roth unsterblich verliebt. Sie alle halten Kontakt miteinander und sind verzweifelt, schreiben, diskutieren, sorgen sich und wollen über die fatale politische Entwicklung in Deutschland unterrichtet sein. Ihr jetziges Leben hat sich grundlegend verändert.

Sie sind eine Gemeinschaft von Fliehenden mit keiner Heimatzugehörigkeit mehr und versuchen dem Nationalsozialismus zu entkommen. Es sind Menschen jüdischen Glaubens im Exil und hier in Ostende, wo sie sich auch früher trafen, wollen sie mit simulierter Sorglosigkeit ein vorgetäuschtes Urlaubsflair wahrnehmen wollen. Optimismus ist Pflicht, den Strick haben sie im Koffer und erwähnen ihn nicht. Ihre Bücher werden in Deutschland verbrannt und nicht mehr verlegt, sie sind angewiesen auf ausländische Verlage, zu denen Stefan Zweig die besten Beziehungen hat.

Der Millionär Stefan Zweig animiert den alkoholabhängigen Trinker Joseph Roth zum Schreiben und unterstützt ihn finanziell in allen Lebenslagen. Er liebt und umsorgt ihn wie einen Bruder. Die beiden Männer sind von ihren Charakteren sehr unterschiedlich. Joseph Roth manipuliert seinen besten Freund und spottet über ihn, um nicht die eigene Selbstachtung zu verlieren.

Der Autor Volker Weidermann hat mit fundiertem Detailwissen die ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem Millionär und erfolgsverwöhnten Schriftsteller Stefan Zweig und dem recht erfolglosen und mittellosen Autor Joseph Roth beschrieben. Ihr zudem unstetes Familienleben hinterlässt verstoßene Ehefrauen und gewonnene Geliebte und hat somit Gemeinsamkeiten.

Volker Weidemann hat es meisterhaft verstanden das Leben dieses Freundeskreises und die glaubhaft und schillernden Charaktere seiner Protagonisten in der immer deutlich werdenden Aussichtslosigkeit ihrer Situation eindrucksvoll und sehr detailliert zu beschreiben und scharfsinnige Einblicke in deren Psyche zu gewähren.

Nach dem zuerst gelesenen Buch "Angst" von Stefan Zweig war ich fasziniert von dessen brillianter Schreibweise und seinem sagenhaften Einfühlungsvermögen in das Leben einer Frau. Es folgten weitere gelesene Bücher wie " Schachnovelle, Sternstunden der Menschheit, Ungeduld des Herzens und zuletzt die "Gesammelten Werke" von Stefan Zweig. Das Buch "Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft" hatte ich mir aufgrund einer Rezensentenempfehlung gekauft. Das war ein hervorragender Tipp! Ich bin ein bekennender Stefan Zweig Fan.
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Sie sind schon ein seltsames Paar, die zwei Freunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten, der erfolgsverwöhnte, kontrollierte Stefan Zweig und der stets am Rande des Bankrotts entlang lavierende Alkoholiker Joseph Roth, radikaler Pazifist der eine, "begnadeter Hasser" der andere. Zweig, dem Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen eigentlich ein Greuel sind, ist die Aufgabe zugefallen, seinen Freund vor sich selbst zu schützen, was im Wesentlichen heißt, ihn von der Flasche fern- und zum Schreiben anzuhalten, ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, zumindest was das Trinken angeht (er wird einige Monate vor Kriegsbeginn daran zugrunde gehen).

Zweig hat Roth nach Ostende eingeladen, wo er den Sommer 1936 verbringt. Hier hat sich eine kleine Gruppe von deutschsprachigen Schriftstellern zusammengefunden, denen der Nationalsozialismus die Heimat geraubt hat; Egon Erwin Kisch, Arthur Koestler, Irmgard Keun, Hermann Kesten und Ernst Toller gehören dazu. Während Deutschland und die Welt unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuern, haben sie hier eine kleine Idylle gefunden, die meisten von ihnen zum letzten Mal, in der sie diskutieren, schreiben, hoffen und, allen voran die frischverliebten Roth und Keun, trinken können.

Liebevoll und mit großem Detailwissen beschreibt Volker Weidermann die komplizierte Freundschaft zwischen den Stefan Zweig und Joseph Roth. Mit einfachen, knappen Worten zeichnet er ein atmosphärisch dichtes Bild zweier Menschen, die sich trotz der immer deutlicher werdenden Aussichtslosigkeit ihrer Situation Charakterstärke, Motivation und Kreativität bewahren können, und ihres kleinen, aber feinen und bei all den Widrigkeiten erstaunlich lebensfrohen Freundeskreises.

- Kostenloses Rezensionsexemplar -
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Ist es ein Buch über Stefan Zweig, ist es eins über Joseph Roth, vielleicht über deren Beziehung oder ist es eins über die Schriftsteller der Emigration nach 1933? Lesen wir hier Prosa oder einen Sachbuchtext? Weidemann will mit Ostende wohl alles zugleich, und das ist auch die Schwäche des Buches.

Das Buch entwirft sehr gelungen die Atmosphäre jener Jahre, die Lebenssituation vieler Emmigranten, deren Sorgen und Nöte, die Diskussionen und Hoffnungen auf Änderung in Deutschland. Dadurch, auch durch die vielen Rückblenden, erfährt der Leser einiges über die in Ostende versammelten Schriftsteller. Ostende 1936 ist nur der Knoten, die Lebensfäden der Emmigranten davor und danach werden in dem Buch soweit verfolgt, dass ein prägnantes Bild jedenfalls von Stefan Zweig und Joseph Roth entsteht. Und sicher verlockt das Buch auch wieder einmal ein Buch eines der emmigrierten Schriftsteller zu lesen.

Sicher steht der scheue, menschenfreundliche Stefan Zweig, der 1936 anerkannte und renommierte Schriftsteller, im Mittelpunkt. Zu Beginn des Buches wird im Rückblick sein Sommer 1914 erzählt, sein erster Sommer in Ostende. Stefan Zweig war damals mit seiner romantischen Vorstellung vom Krieg genauso kriegsbegeistert wie andere zunächst auch. Er liebte eine verheiratete Frau, Friderike. 1936 ist die Ehe mit ihr längst erstorben. Zweig ist mit seiner Sekretärin Lotte zusammen und auf dem Sprung nach Südamerika .

Dann der osteuropäische Jude Joseph Roth mit seinem Alkoholismus, seinen ewigen Geldproblemen, seinen Liebschaften, seiner rasenden Eifersucht, seiner klaren, radikalen aber auch bösen Sicht auf die Realität der Welt. Zweig und Roth, völlig gegensätzliche Typen, eine seltsam fragile Schriftsteller-Freundschaft.

Das Jahr 1936 ist für Stefan Zweig und die meisten anderen ein Jahr des Abschiednehmens von Deutschland. Sie dürfen im Hitler-Deutschland nicht mehr publizieren. Wohin nur? Wie überleben ohne nennenswerte Möglichkeit zu veröffentlichen? Unter den kommunistischen Schriftstellern im Kreise Kischs wird in Ostende freilich auch heftig über Aktionen gegen den europäischen Faschismus diskutiert.

Das Manko des Buches ist die Sprache. Es wirkt auf mich manchmal hölzern und ungelenk. Das tritt besonders dann hervor, wenn es um Gefühle, um Liebe geht. Da ist etwa die junge, selbstbewußte, schöne, ebenfalls erfahrene Trinkerin Irmgard Keun. Sie lernt den viel älteren versoffenen Joseph Roth eines Abends kennen und sofort gehen die beiden eine Liebesbeziehung ein. Diese Annäherung, die entstehenden Gefühle der beiden, sagen wir es offen: die Liebe, wird seltsam kurz und sachlich dargestellt.

Ein weiteres Beispiel: es muss doch zwischen dem frisch verheirateten Ehepaar Ernst Toller und der Schauspielerin Christiane Grautoff enorme Spannungen und Krisen gegeben haben. Denn sie hatte bereits ein einjähriges Bühnenengagement in London angenommen und Toller wollte auf Vortragsreise nach Amerika. "Du musst zu Hause bleiben!" - "Zu Hause? Wo ist das?" fragt Ernst Toller zurück. Und im Oktober steht sie an Deck der SS Normandie.." So einfach ist das also. Literarisch wäre hier viel mehr zu erzählen gewesen. Wo bleiben die Emotionen, wo die Irrungen und Wirren bei diesem Paar, deren Lebenswege doch krass auseinanderzulaufen schien?
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Ostende, ein feudales, aber recht günstiges Seebad im neutralen Belgien im Jahr 1936. Hier treffen sich im Sommer Schriftsteller, deren Bücher man in Deutschland verbrannt hat und die damit den größten Teil ihres "Marktes" verloren haben. Eine Rückkehr in das nationalsozialistische Deutschland (oder in das austrofaschistische Österreich - siehe Stefan Zweig) ist unmöglich); somit bleibt nur das Exil.
Für Stefan Zweig, den erfolgreichsten dieser Schriftsteller, ist es bereits "der zweite Juli". Er verbrachte bereits den Juli 1914 in Ostende; er erlebte die überstürzte Abreise der Gäste knapp vor dem Kriegsausbruch.
22 Jahre sind seither vergangen; Zweig ist weltberühmt und diszipliniert; sein Freund Joseph Roth ebenfalls genial (und schwer alkoholkrank). Eine sonderbare Freundschaft, ja Liebe verbindet die beiden Männer. Zweig finanziert Roth, der immer in Geldnöten ist (auch weil sein größter Erfolg - "Radetzkymarsch" - in Deutschland verboten ist). Sie lesen sich gegenseitig aus ihre Schaffen vor; ja, sie schreiben sogar manchmal für den anderen (der das Geschriebene dann umarbeitet).
Und dann kommt noch eine schöne, schwierige, selbstbewusste Frau nach Ostende: Irmgard Keun. Auch ihre Bücher sind - obwohl sie keine Jüdin ist - in Deutschland verboten ("Asphaltliteratur"), ebenso die von Egon Erwin Kisch, der unweit von Ostende im Hotel wohnt. Irmgard Keun und Joseph Roth verlieben sich ineinander. Kein Mensch kann das verstehen - aber die beiden verbindet (auch) das Trinken. Die Freundschaft zwischen Zweig und Roth ist nicht mehr so, wie sie einmal war...
Volker Weidermann hat ein faszinierendes Buch über Künstler geschrieben, denen der Nationalsozialismus in Deutschland letztlich die Existenz zerstört hat. Aktuell können sie sich noch mehr schlecht als recht über Wasser halten; da ihnen aber der - deutschsprachige - Markt weitgehend entzogen wurde, sind ihre Aussichten düster.
War im Jahr 1936 für diese Schriftsteller der "letzte schöne Sommer"? Es war eher der letzte Sommer der Freundschaft zwischen ihnen (trotz aller Querelen), denn für die meisten von ihnen ging es ab nun nur mehr bergab (siehe Joseph Roth und Stefan Zweig).
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am 27. Februar 2015
Ich habe die Lektüre dieses Buches - die ja auch angenehm kurz ist - sehr genossen. Es liest sich einfach gut, es ist witzig, es ist anrührend. Und wenn man einen Bezug zu Ostende hat, vielleicht sogar schon Ensors Atelier besucht hat, hat man auch immer ein wenig die Stadt vor Augen - auch wenn, wie Weidermann resümiert, es Ostende eigentlich gar nicht mehr gibt.
Ich denke, dass "Ostende" vor allem die begeistern wird, die sich ein wenig mit Literaturgeschichte auskennen und Werke der erwähnten Schriftsteller gelesen haben. Aber obwohl meine Kenntnisse rudimentär sind, fand ich es überaus lesenswert. Zu Beginn hatte ich den Eindruck, Weidemann hat vor allem viel recherchiert und das wird jetzt eher ein dokumentarisches Werk, aber diese Erwartung musste ich zunehmend revidieren. Immer wieder hatte ich Tränen in den Augen stehen...
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TOP 500 REZENSENTam 18. Juni 2014
Im belgischen Küstenort Ostende treffen sich im Sommer 1936 Stefan Zweig und Joseph Roth, um dort gemeinsam die Ferien zu verbringen. Ich kenne die Biografien der beiden Literaten und habe immer wieder Probleme, mir diese beiden völlig unterschiedlichen Männer als Freunde vorzustellen. Joseph Roth zähle ich zu meinen Lieblingsautoren und auch Stefan Zweigs Werk schätze ich sehr. Die Runde wird durch Irmgard Keun, Hermann Kersten, Ernst Toller und Egon Erwin Kisch komplettiert. Sie sind Emigranten, weil sie – bis auf Irmgard Keun – Juden sind, weil ihre Bücher in Deutschland nicht mehr verlegt werden. So nah sie sich im Geiste sind, so sehr unterscheiden sie sich in ihrem Leben. Ost-Jude, West-Jude, Nicht-Jude, armer Jude, reicher Jude, Trinker und Pazifist, Liebende, Lebende, Verzweifelte sind sie. Und sie sind Freunde, wenn auch diese Freundschaft, insbesondere die zwischen Zweig und Roth, argen Belastungsproben ausgesetzt ist.

Diesen Roman habe ich sehr genossen. Ich fühlte mich Roth, Zweig und den anderen so nah, wie ich es durch das bloße Lesen ihrer Biografien nie war. Beeindruckend dabei ist, das Volker Weidermann mir dieses Leseerlebnis auf nur 160 Seiten bescherte. Es gibt keine überflüssigen Worte oder Dialoge und schon gar keine Längen. Die Urlaubsidylle ist jedoch nur scheinbar. Das wird sehr deutlich, wenn man von jedem der Protagonisten mehr Hintergrundinformationen erhält. Dieser Rückzugsort ist wie ein Mantel des Schweigens, der ihre eigentlichen Sehnsüchte verhüllt. Sein besonderes Flair hat Ostende nur durch die Gemeinschaft.

Für mich war es sehr interessant, ein wenig an den Gedanken und Gefühlen dieser literarischen Gemeinschaft teilhaben zu können. Ich habe ihre Hoffnungen, Wünsche, Abgründe und ganz persönliche Tragik erkennen können. Darüber hinaus bekam ich so ganz nebenbei einen kleinen Einblick in die Werke der Autoren und „Meine Freunde, die Poeten“ von Hermann Kersten ist sofort auf meinen Wunschzettel gewandert, weil es diesen Roman, den ich sehr gern weiterempfehle, noch einmal vertieft.
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am 17. Mai 2014
Im Sommer 1936 treffen die deutschsprachigen Exilautoren ein letztes Mal an Strand und Promenade in Ostende zusammen. Es kommen Stefan Zweig und seine Sekretärin Lotte Altmann, um zu schreiben; Joseph Roth, der weder Meer noch Strand etwas abgewinnen kann, war gekommen, sich Rat von seinem guten Freund Stefan Zweig zu holen und soll in diesem Sommer seine große Liebe zu Irmgard Keun erfahren. Zentrum des Zusammentreffens ist das Hotel de la Couronne.

"Jetzt sind sie Menschen auf der Flucht in einer Urlaubswelt. Der scheinbar immer frohe Hermann Kesten, der Prediger Egon Erwin Kisch, der Bär Willi Münzenberg, die Champagnerkönigin Irmgard Keun, der große Schwimmer Ernst Toller, der Stratege Arthur Koestler, Freunde, Feinde, von einer Laune der Weltpolitik in diesem Juli hierher an den Strand geworfene Geschichtenerzähler. Erzähler gegen den Untergang." S6

Neben all den Haupt- und Nebendarstellern ist das zentrale Thema der Novelle der Untergang des Abendlandes, das verzweifelte Hinauszögern einer nationalsozialistischen Begebenheit, das künstliche Festhalten an einem Leben der Kunst und Schönheit. Joseph Roth trinkt sich langsam aber stetig zu Tode,

Nur dort, wo er herstammte, war er nicht tausendfach zersplittert." S 143

Irmgard Keun leistet ihm dabei Gesellschaft, bis sie sich von einem anderen aus diesem Elend retten lässt und Stefan Zweig von seiner Frau in Trennung lebend sucht nach einem neuen Zuhause für sich und Lotte Altmann. Und Ostende? Ostende ist heute eine andere Stadt.

Die Novelle "Ostende" ist eine sehr melancholische Erinnerung und eine verdiente Hommage an unsere deutschsprachigen Exilautoren, die ihre Heimat zurücklassen, die vor den Nationalsozialisten fliehen mussten. Besonders berührt hat mich das letzte Kapitel "Mystery Train", das die Lebensenden eines jeden Autors beschreibt, der hier Erwähnung findet und die spätere Ausgrenzung der Literaten aus der deutschsprachigen Literaturszene andeutet; Sie waren auch in ihrem Genre ins Getto der Exilautoren verbannt worden.

Eine würdige Erinnerung an unsere ganz großen Autoren (!)
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TOP 1000 REZENSENTam 5. Oktober 2014
Der biographische Roman ‚Ostende‘ von Volker Weidemann ist ein vielschichtiges Werk. Das Wort ‚Roman‘ kennzeichnet das Buch zu ungenau. Eigentlich ist es ein zeitgeschichtlich bedeutendes Dokument über das Schicksal verfolgter jüdischer Schriftsteller in der NS-Zeit, die zur Emigration gezwungen waren. Es ist der Zeitraum zwischen 1936 und 1938, in dem jegliche Hoffnung schwand, diese Diktatur würde enden; im Gegenteil, immer stärker wurde klar, die Welt steuert einer Katastrophe zu.
Im Mittelpunkt steht zunächst einmal die merkwürdige Beziehung zwischen dem 1881 geborenen, sehr erfolgreichen Stefan Zweig und dem alkoholkranken, auf Unterstützung angewiesenen Josef Roth, dessen Schaffenskraft anfängt zu versiegen. Es besteht zwischen beiden eine kaum verständliche Bindung, beide beraten, kritisieren und helfen sich bei ihrer Arbeit. Unbegreiflich fast, mit welcher Hingabe Zweig sich lange an Roth gebunden fühlte, bis er einsehen musste, dass er dessen Selbstvernichtung nicht verhindern kann.
Alles spielt zunächst in Ostende, wo sich gleichsam eine künstlerische Boheme immer wieder trifft. Erstaunlich, wie viele Berühmtheiten hier immer wieder zusammenkamen, unter anderem neben den beiden Genannten Egon Erwin Kisch, Koestler, Toller, selbst Max Schmeling wird erwähnt, weil er nicht bereit war, sich von seinem jüdischen Manager zu trennen. Immer wieder bricht in diese lebensfrohe, aber recht unbürgerlich lebende Gemeinschaft die Tragik der Ächtung, der Vertreibung durch, ihre existenzielle Not, da die eigenen Bücher nicht mehr erscheinen konnten. Und schwer lastet auf allen die Ahnung des Furchtbaren, das offenbar nicht mehr aufzuhalten ist.
. Die vielen Danksagen des Autors am Ende dokumentieren, wie stark er recherchiert hat, Einblick bekam in Briefe und Dokumente und natürlich auch Gespräche mit Menschen führte, denen die Personen des Buches nahe standen. Erschütternd ist das Schlusskapitel ‚Mystery Train, in dem der Autor die späteren Schicksale der Hauptpersonen seines Romans nennt. Viele von ihnen, auch Stefan Zeig, schieden durch Suicid aus dem Leben oder wurden ermordet.
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am 17. April 2016
Ostende, der belgische Badeort an der Kanalküste, wurde 1944 durch alliierte Luftangriffe nahezu zerstört. Von der Bahnhofsfassade steht nur noch ein trauriger Rest. Der breite, mit roten Steinen gepflasterte Boulevard wird von weißen gesichtslosen Häusern gesäumt. Nach dem Hôtel de la Couronne, dem Maison Floréal oder dem Restaurant des italienischen Wirts Almondo in der Langestraat wird man heutzutage vergeblich suchen. Und doch waren all dies Lokalitäten im Sommer 1936 Zeugen der Begegnung einiger deutschsprachiger Schriftsteller, die eines gemein hatten. Sie wurden verfolgt, ihre Bücher verboten, hatten ihre Heimat verloren. Kurzum es waren Dichter auf der Flucht, Schriftsteller im Exil.

Der Spiegel-Feuilletonist Volker Weidermann erweckt auf 152 Seiten das Exil-Literatentreffen im Juli 1936 im friedlichen sonnigen Ostende zum Leben. In den Mittelpunkt rückt er die sonderbare Freundschaft zwischen dem Millionär Stefan Zweig und dem begnadeten Trinker Joseph Roth. Zu diesen österreichischen Schriftstellern gesellen sich Egon Erwin Kisch, der rasende Reporter, Arthur Koestler, Irmgard Keun, Ernst Toller, Christiane Grautoff, Willi Münzenberg und Hermann Kesten. Trotz der sich zuspitzenden politischen Lage entwickelt sich ein idyllischer Urlaub am Meer unter Freunden voller Trinkfreuden und anregender Gespräche. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz. Die junge leidenschaftliche 31-jährige Keun verliebt sich in den mehr als 10 Jahre älteren Roth.

Fazit: Es macht Spaß, mit dem früheren Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in die Zeit 3 Jahre vor Ausbruch des unseligen Krieges einzutauchen. Ganz offensichtlich hat sich der Autor von Florian Illies’ „1913 Der Sommer des Jahrhunderts“ inspirieren lassen, der sich einer grob vergleichbaren Thematik, nur einen Weltkrieg früher, angenommen hat. Das flüssig geschriebene und damit schnell lesbare Büchlein regt an, sich mit den Werken Zweigs und Roths zu befassen. Abgerundet wird es durch das 5-seitige Schlußkapitel ‚Mystery Train’, in dem das weitere Schicksal der obigen Protagonisten kurz und prägnant skizziert wird.
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TOP 50 REZENSENTam 7. April 2014
Was erleben Menschen bzw. Schriftsteller im Exil? Haben wir alle je daran gedacht, Personen, die Deutschland verlassen mussten, ein Denkmal, eine Erinnerungsstätte zu bauen? Meines Wissens gibt es keine.

Aber es gibt jetzt für einige davon dieses Buch, das in hervorragender Weise und bestens recherchiert einige Schriftsteller wie Stefan Zweig, Josef Roth, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten zusammenführt und ihre gemeinsamen Diskussionen, Freundschaften, Leiden und Diskussionen im Sommer 1936 wieder lebendig werden lässt.

Wenn man "Die Welt von gestern" von Stefan Zweig oder "Meine Freunde, die Poeten" (H. Kesten) kennt, liest man auf, wo viele Inhalte herkommen - und doch ist es weit mehr, man nähert sich Stefan Zweig und seiner zweiten Frau auf bislang nicht gekannte Weise, geradezu psychoanalytisch werden Tatsachen erhellt, ganz so, wie das Stefan Zweig geschrieben hätte.

Niemand wird geschont und besonders in Erinnerung bleibt mir die Aussage von Joseph Roth, als Irmgard Keun, seine damalige Geliebte, ihn fragt, wie sie sich denn von ihrem deutschen Mann, einem Nazi, scheiden lassen könnte. Nichts würde funktionieren. Aber der Geschichtenerzähler Roth hatte sofort die (funktionierende Lösung):
sag ihm einfach du schläfst hier mit Juden und Afrikanern."

Kleinste Kleinigkeiten kommen ans Licht und irgendwie sitzt man in Ostende mit in den Cafés und am Strand, in den Hotels und Häusern der Exil-Schriftsteller und Journalisten. Auf Seite 9 eine meiner Lieblingsaussagen, von Verhaeren, durch Stefan Zweig ins Deutsche übersetzt:

"Wenn wir einander unentwegt Bewunderung zollen
Aus unserer Herzen tiefster Glut und Gläubigkeit,
So werdet ihr, die Denker, Dichter, ihr, die Meister,
Die neue Formel finden für die neue Zeit."

Stefan Zweig unterstützte den müde werdenden Joseph Roth auch in Ostende, klaglos und mit dem Dank, dass über ihn gespottet wurde. "Wenn Roth über Zweig spottet, dann aus Selbstverteidigung, aus dem Bemühen heraus, seine Selbstachtung nicht zu verlieren, auch nicht hier, im neuen Anzug, bezahlt vom Geld des Freundes." Roths Gedanken über Geld fließen ein in seine Erzählung " Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht." Dieses Buch schreibt er zusammen mit den Optimierungen, Anregungen von Stefan Zweig und schickt es aus Ostende an seinen Verleger Walter Landauer.

Das Buch schildert die jeweiligen LebEnden und den erneuten Versuch von Joseph Roth, 1937 nochmals in Ostende zu sein, sie alle zu treffen. Aber schon zu müde ist er, verbraucht von einem rastlosen Leben, während alles um sie herum zerbricht und in alle Winde zerstreut wird. Eine letzte Hoffnung und Freude für Zweig in Brasilien, unvergleichlich die Art wie sich Volker Weidemann ihm nähert, uns geradezu beim Entstehen der Werke zusehen lässt, vor allem dies kann ich immer wieder lesen, aus dem Essay "Das Buch als Eingang zur Welt: "Und ich verstand, dass die Gabe oder die Gnade, weiträumig zu denken und in vielen Verbindungen, dass diese herrliche und einzig richtige Art, gleichsam von vielen Flächen her die Welt anzuschauen, nur dem zuteil wird, der über seine eigene Erfahrung hinaus die in den Büchern aufbewahrte aus vielen Ländern, Menschen und Zeiten einmal in sich aufgenommen hat, und war erschüttert, wie eng jeder die Welt empfinden muss, der sich dem Buch versagt." Stefan Zweig ist ein Mann, der Menschen lesen kann wie Bücher, schreibt Weidermann. Wie wahr, und der sogar anderen beim Bücher schreiben geholfen hat.
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