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am 22. Juni 2014
Kindesmisshandlung, ein Thema, das in Deutschland nach wie vor ein Tabu-Thema ist. "Mir hat das auch nicht geschadet", eine häufige Aussage von heutigen Erwachsenen, die selbst Gewalt in ihrer Kindheit erlebt haben, doch die Fakten sprechen eine andere Sprache. Laut offizieller Polizeistatistik sterben in Deutschland jede Woche drei Kinder durch Misshandlung, siebzig werden so schwer misshandelt, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Doch diese Zahlen sind nur die offiziellen Zahlen, die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher anzusetzen. Geht man jedoch davon aus, dass "nur" 50 Prozent der Gewaltdelikte an Kindern nicht bemerkt werden (was jede zweite Misshandlung wäre und damit eigentlich vollkommen unrealistisch, solch eine geringe Prozentzahl anzunehmen) könnte man sagen, dass jeden Tag in Deutschland ein Kind an den Folgen von Misshandlungen stirbt und mehr als 200.000 Kinder jährlich misshandelt werden.

Michael Tsokos und Saskia Guddat haben sich daran gemacht, diese Thema aus rechtsmedizinischer Sicht aufzuarbeiten, denn sie sind es, die schlussendlich die Fälle, die bekannt werden, "begutachten" bzw. obduzieren und was sie dabei Tag für Tag sehen und erleben müssen, grenzt an Unmenschlichkeit gegenüber den schwächsten Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft. Kindesmisshandlung kommt in allen Gesellschaftsschichten vor, egal, ob in Familien mit Migrationshintergrund oder Akademikerfamilien, Fakt ist, die Opfer sind immer Kinder und Jugendliche und die Täter fast immer Eltern- bzw. Stiefelternteile. Wer die Meinung vertritt "Eine Mutter tut so etwas nicht", der irrt, denn es sind nachweislich die Mütter und Väter, die ihre Kinder verletzten oder gar töten. Seit dem Jahr 2000 hat jedes Kind in Deutschland ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung - die Realität sieht anders aus.

Schlussendlich ist es die Aufgabe der Rechtsmedizin, Fakten zusammen zu tragen, wenn Eltern und ggf. das Jugendamt versagt haben und ein Kind zu Schaden/Tode kam. Doch die Rechtsmedizin kann auch entlasten. In dem Buch wird ein Fall benannt, in dem ein sechs Wochen alter Säugling 23 Knochenbrüche aufwies. Auf den ersten Blick sah alles nach Kindesmisshandlung aus, zumal der Kindsvater bereits Vorstrafen in Sachen Gewaltdelikte hatte. Hier konnte die Rechtsmedizin helfen und klären, dass dieses Kind keinesfalls von seinen Eltern misshandelt wurde, sondern an der Glasknochenkrankheit leidet, was den Eltern die Möglichkeit gab, frühzeitig mit Therapien zu Gunsten ihren Kindes zu beginnen. Doch solche Fälle sind selten, meistens sind es Verletzungen, die keinen anderen Schluss zulassen, als dass die Eltern ihr eigen Fleisch und Blut misshandelt haben. Viel muss getan werden, um diesen Missstand in Deutschland (und weltweit) auszumerzen.

"Wenn auf dem Grab jedes Ermordeten eine Kerze brennen würde, wären Friedhöfe nachts hell erleuchtet"! Dieses Buch klärt auf und beschönigt nichts, denn bei Kindesmisshandlung gibt es nichts zu beschönigen! An Hand diverser Fälle wird aufgeführt, wie Eltern und staatliche Stellen versagt haben, in denen schlussendlich Kinder zu Schaden/Tode kamen. Was mir besonders gut gefallen hat, ist, dass hier Lösungsansätze aufgezeigt werden. Gäbe es zum Beispiel eine generelle Obduktionspflicht für verstorbene Kinder und Jugendliche, würden viele Misshandlungen entdeckt werden und die Verursache endlich zur Rechenschaft gezogen. Wenn bekannt wäre, wie hoch die Zahl der Misshandlungen wirklich ist (was mit Hilfe einer Obduktionspflicht zumindest bei getöteten Kindern und Jugendlichen deutlichere Zahlen hervorbringen würde), müssten sich die Gerichte und die Gesellschaft sich endlich den Tatsachen stellen und zwar, wie viele Kinder und Jugendliche tatsächlich in Deutschland durch Misshandlungen sterben, ein Tabu-Thema, das endlich zur Sprache gebracht werden müsste. Ich muss gestehen, dieses Buch hat mir die Augen geöffnet, denn es zeigt auch mir, als einfachem Bürger an, was ich tun kann, wenn ich mitbekommen sollte, das ein Kind in meinem Umfeld misshandelt wird und wenn ein jeder so handeln würde, wie in diesem Buch beschrieben, um Kindesmisshandlungen ein Ende zu setzen, vielleicht, nur vielleicht, wäre die Welt dann ein Bisschen besser.
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am 3. März 2014
Deutschland misshandelt seine Kinder - und für diese Kinder ist Deutschland ein furchtbares Land. Denn sie sind mehr als in anderen Ländern ihren Peinigern schutzlos ausgeliefert, weil Gerichte, Jugendämter, freie Träger und die zahllosen „Helfer" kläglich dabei versagen, ihren Schützlingen wirksamen Schutz zu geben. Dies aufgezeigt zu haben, ist das große Verdienst dieses Buches. Dafür würde ich sogar 6 Sterne geben.

Ich möchte als Betroffener noch auf einen anderen Punkt eingehen. Die Autoren setzen den Begriff der „Überforderung" meist in Anführungszeichen. Ich halte diese Bezeichnung auch für ungeeignet zur Erklärung gewalttätigen Verhaltens. In der Redeweise von den „überforderten“ Eltern werden die Eltern selbst zu Opfern gemacht. Sie sind dann nicht mehr für ihr Handeln verantwortliche Menschen, sondern selbst nur Opfer der Umstände, die sie „überfordern“, wie es im Jargon der Sozialpädagogen heißt. Sie misshandeln ihre Kinder „aus Überforderung" (so wird eine Familienrichterin zitiert). Aufgabe der Helfer ist es, die Familien zu „stabilisieren", indem sie die Eltern vor „Überforderung" bewahren. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass Eltern ihre Kinder lieben. Und wenn sie ihre Kinder trotzdem fortgesetzt misshandeln, dann kann das nur an der „Überforderung" liegen, wofür sie schließlich nichts können. Das Ganze erinnert an den bekannten Satz: „Meine Eltern haben mich immer geliebt, nur konnten sie es nicht zeigen".

Bei anderen Tätern hört man nichts von Überforderung. Von Einbrechern, Bankräubern, Mördern und sonstigen Gewalttätern sagt man nicht, sie hätten ihre Straftaten begangen, weil sie aufgrund ihrer Biografie damit „überfordert" waren, ein normales Leben zu führen. Dieser Begriff bleibt elterlichen Gewalttätern vorbehalten, wobei überfordert dann heißt, eigentlich aus einer Art Notwehr heraus gehandelt zu haben.
Es wäre ehrlicher, statt von „überforderten", von „gewalttätigen" Eltern zu sprechen. Das würde ihnen den Opferstatus nehmen, den kriminellen Charakter ihres Handelns verdeutlichen sowie die aktive Täterschaft und die damit einhergehende Verantwortung benennen. Es böte auch für die Kinder einen größeren Schutz davor, zu schnell und leichtgläubig in die Gewalt ihrer Peiniger zurückgegeben zu werden. Fallbeispiele dafür finden sich genug im Buch.

In einem sind die Misshandler allerdings nicht überfordert: Wenn es darum geht, der Außenwelt ein intaktes Familienleben vorzuspielen.
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am 10. Februar 2014
DroemerKnaur Verlag zu dem Buch "Deutschland misshandelt seine Kinder":

Jeden Tag werden in Deutschland mehr als 500 Kinder von Erwachsenen aus ihrem familiären Umfeld misshandelt. Fast jeden Tag wird ein Kind durch körperliche Gewalt getötet. Und erschreckend hoch ist die Zahl der Opfer, die später selbst zu Tätern werden.
Michael Tsokos und Saskia Guddat schildern aus ihrer rechtsmedizinischen Praxis die dramatischen Gewalterfahrungen von Kindern in ihren Familien. Und sie unterbreiten Vorschläge, wie das deutsche Kinder- und Jugendschutzsystem verbessert werden kann, um das gesetzlich verankerte Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung zu sichern. Vor allem aber fordern sie beherztes Einschreiten gegen Kindesmisshandler – und gegen all jene, die die alltägliche Misshandlung von Kindern durch Wegschauen, Verharmlosen und Tabuisieren begünstigen.

Autoren des Buches:

Prof. Michael Tsokos (Rechtsmedinziner, Professor der Charité an der Charité in Berlin und Leiter des Rechtsinstituts der Charité und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin-Moabit)

Dr. Saskia Guddat (Fachärztin am Institut für Rechtsmedizin der Charité in Berlin, Mitglied verschiedener Berliner Kinderschutzgruppen und Beraterin für Berliner Kinderkliniken, den Berliner Kinder- und Jugendgesundheitsdienst sowie die Ermittlungsbehörden, Gerichte und Jugendämter)

Inhalt des Buches:

A. Kindesmisshandlung – Tag für Tag in deutschen "Kinder- und Wohnzimmern"

Das Buch leitet die Leserschaft mit Fakten in die Thematik Kindesmisshandlung ein: "Laut offizieller Polizeistatistik sterben in Deutschland jede Woche drei Kinder an den Folgen ihrer Misshandlung. Jede Woche werden rund siebzig Kinder so massiv malträtiert, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. Das sind 3600 krankenhausreif geprügelte, in die lebenslange Behinderung geschüttelte, mit glühenden Zigaretten verbrannte oder auf andere Weise schwerstgeschädigte Kinder Jahr für Jahr. Und das sind 160 Kinder, die alljährlich bei uns getötet werden – nicht durch Unfälle oder kindlichen Übermut, sondern durch erwachsene Täter – in aller Regel Vater oder Mutter oder der aktuelle Lebenspartner eines Elternteils."

Ein Fingerzeig der Autoren auf alle in Deutschland lebenden Eltern? NEIN.

Eine Phantasie der Rechtsmediziner? NEIN.

Es sind die Kinder, die tagtäglich ihren Arbeitsalltag bestimmen.

Es sind die Kinder, die schwerste Vernachlässigung und Misshandlung durch bspw. Wegsperren im Keller, auf in deutschen Wohnzimmern sich stapelnden "Müll- und Klamottenbergen" verbringen. Es sind die Kinder, die tage-, wochenlang keine oder kaum Nahrung von ihrer Familie bekommen. Es sind die Kinder, die von ihren Eltern brutale Gewalt erfahren (z.B. durch heißes Abbrühen des Kinderkörpers, Faustschläge, Prügelattacken u.v.m.)

B. Klinische Rechtsmedizin: CSI - immer nur die Toten (Kinder)?

Die Rechtsmedizin befasst sich v.a. mit den Formen der physischen Misshandlung und Vernachlässigung. Die psychische Misshandlung und der sexuelle Missbrauch haben keinen besonderen Raum in diesem Buch. Dennoch merken die Autoren an, dass jede physische Misshandlung auch mit einer psychischen Misshandlung für das Kind einher geht.
Damit sind Hämatome, Striemen, Knochenbrüche und Verbrennungen nur ein kleiner Ausschnitt von dem was viele Kinder alltäglich in Deutschland erleben und ertragen. Das Buch räumt mit gesellschaftlichen Klischees zur Rechtsmedizin auf. Ein kurzer Überblick erklärt:"Im Auftrag von Jugendämtern oder der Justizbehörden untersuchen wir lebende bzw. überlebende Opfer von Kindesmisshandlung, häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung. Die Methoden, mit denen wir tote Körper untersuchen, um die Entstehung von Verletzungen zu rekonstruieren, lassen sich grundsätzlich auch bei überlebenden Gewaltopfern anwenden." Somit ist eine der Kernaufgaben der Rechtsmedizin, die "Prüfung, ob die Verletzungen durch ein Unfallgeschehen entstanden sein können (wie von den Eltern/ Betreuern meist angeführt)".

C. Reale Fallbeispiele, Studien und Statistiken stützen die Hauptaussagen des Buches:

Die Autoren berichten von realen Kinderschicksalen, so z.B. von:

- Noah Michalczik (Rippenbruch, Armbruch, Blutergüsse),
- Amon Mansouri (zahlreiche Hämatome, schwere Kopfverletzung)
- Mirko Mihajlovic (der nackte kleine Mirko allein und eingesperrt im Keller)
- Chantal, Robin und Maurice Malowsky (mehrfaches krampfartiges Erbrechen und Schreien, Hämatome, Darmwandriß)
- Nadine Küstriz (tödliche Lungenentzündung als eine Folge von Kindesmisshandlung)
- Tyler Reese (kindlicher Körper übersät von Bisswunden)

Anhand der Fallbeispiele, wissenschaftlicher Studien und Statistiken formulieren die Autoren eine umfassende Anklage und fordern die Gesellschaft zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Kindesmisshandlung auf:
Hauptaussagen zum deutschen Kinderschutzsystem:

1. Eltern oder Lebensgefährten der Elternteile sind bei Kindesmisshandlung i.d. Regel die Täter

2. Die Eltern waren i.d. Regel in ihrer Kindheit selbst Opfer von Kindesmisshandlung (Gewalt wird an die Nachwuchsgeneration vererbt)

3. Kindesmisshandlung ist ein schleichender und sich immer wieder wiederholender und (unbewusst) steigernder Akt am Kind -
bis hin zur Kindstötung.

4. Kindesmisshandlung ist nicht wie von einigen Menschen vermutet von "Hartz-IV-Empfängern gepachtet, sondern gibt es in "Brennpunktvierteln wie auch in Villengegenden". Eine von der Forschung resümierte Einschätzung ergibt, dass die psychische Kindesmisshandlung einerseits stärkere Verbreitung in "bildungsnahen" Familien einnimmt, doch andererseits auch die Möglichkeit besteht, dass die materiellen Ressourcen wie auch gesellschaftliche Anerkennung die physische Kindesmisshandlung länger bzw. auch dauerhaft unerkannt zu bleiben drohen.

5. Das milliardenschwerere Kinderschutzsystem versagt, weil

a) verantwortliche Fachkräfte (wie z.B. Sozialarbeiter, Erzieher, Kinderärzte und Richter) und die deutsche Gesellschaft sich in weiten Teilen in einer mit der eigenen Kindheitsbiographie verstrickten Verleugnung befindet, die u.a. religiösen Weltanschauungen und historischen Entwicklungslinien entspringt.

b) sich z.B. verantwortliche Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe in unüberschaubar defizitären Arbeitsplatzbedingungen ausgesetzt sehen und unzureichende Ausbildungsqualifkationen bzw. fachbezogenen Fortbildung erhalten. Hier werden u.a. Fallzahlen von Berliner Sozialarbeitern, unzureichendes Fachwissen und Gehälter von Sozialarbeitern benannt.

c) die deutsche Gesetzgebung eine Täterorientierung beinhaltet.

d) die mit Kindesmisshandlung befassten Fachkräfte wie z.B. Sozialarbeiter, Ärzte, Polizisten und Richter die bestehende Gesetzgebung nicht ausschöpfen, sondern oftmals in Form von institutionell begleiteter Misshandlung verwalten. Einige wenige Beispiele werden hierfür angeführt: so z.B. das 2000 eingeführte Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung, aber auch der bindende jedoch oftmals nicht befolgte Amtsermittlungsgrundsatz für die Gerichte.

Lösungsvorschläge:

Die Autoren Prof. Michael Tsokos und Dr. Saskia Guddat klagen nicht nur an, sie haben auch weitreichende und erfolgversprechende Lösungsvorschläge. Beispiele hierfür sind:

I) Trennung der kindlichen Opfer von den Tätern

II) Implementierung der gesetzlichen Leichenschaupflicht für Minderjährige.

III) Einführung einer unabhängigen Kontrollinstanz der Kontrolleure (Jugendämter)

IV) Aufklärung und Fortbildung von Helfern und Entscheidern

V) Einführung der ärztlichen Meldepflicht

VI) Abschaffung des „Freispruchs 2. Klasse“ und Einführung von „Begehen durch Unterlassen“ von Hilfeleistung

VII) Strukturelle Veränderungen der Kinder- und Jugendhilfe (Fallzahlenbegrenzung, Abschaffung unwirksamer Hilfen)

VIII) Mehr Realismus für das Adoptionsrecht

IX) Krippen und Kindertagesstätten angelehnt an skandinavische Modelle

X) Einführung flächendeckender Kinderschutzambulanzen

XI) Durchbrechen der kollektiven Verleugnung und transgenerationallen Transmission von Gewalt in die Nachwuchsgeneration durch „Eingreifen statt Wegschauen!“

Anm.: Profitabel wird dieser Missstand durch die betroffenen Opfer in Ermangelung ihrer Ressourcen zu klagen, denn: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Vor diesem Hintergrund fordern die Rechtsmediziner stellvertretend für die Kinder, die Opfer von Kindesmisshandlung wurden und werden, mit ihrer Streitschrift eine Debatte zum deutschen Kinderschutzsystem.

Leistung und Adressaten des Buch-Beitrages:

Anschaulich referieren die Autoren anhand von unzähligen Fallbeispielen aus dem rechtsmedizinischen Berufsalltag die gesellschaftliche Problemlage im deutschen Kinderschutzsystem. Eine breite Leserschaft wird über Mechanismen von gesellschaftlicher Verleugnung, mangelndem Fachwissen der verantwortlichen Fachkräfte und haarstäubenden interdisziplinären Kooperationen von unterschiedlichen Professionen (z.B. Sozialarbeiter, Polizei, Ärzte, Richter) und Institutionen in verständlicher Sprache aufgeklärt. Das Buch wendet sich an die Gesellschaft: also an MICH und DICH! Es ist gleichermaßen empfehlenswert für Verantwortliche, die mit Kinderschutz befasst sind: u.a. im Jugendamt oder freien Trägern tätige Sozialarbeiter, Erzieher, Lehrer, Kinderärzte, Richter und Staatsanwälte, Verfahrensbeistände, in familiengerichtlichen Verfahren tätige psychologische Sachverständigengutachter , Kinder- und Jugendlichentherapeuten und psychologische Psychotherapeuten, Kommunal, Landes - und Bundespolitiker.

Insbesondere die nicht weniger mit Kindesmisshandlung befassten Kinderärzte, psychologischen Sachverständigengutachter in Gerichtsverfahren, Kinder- und Jugendlichentherapeuten und psychologische Psychotherapeuten werden nicht hinreichend differenziert analysiert und kommen in diesem Buchbeitrag deutlich zu kurz.

DENNOCH: Der Versuch der Aufklärung der breiten Öffentlichkeit und Leserschaft zu den Missständen im deutschen Kinderschutzsystem ist den Autoren mit diesem Buch umfänglich gelungen. Eine Investition ist daher zu 100% empfehlenswert.
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TOP 100 REZENSENTam 1. Februar 2014
Warum schreiben ausgerechnet 2 Gerichtsmediziner ein Buch über Kindesmisshandlung, und nicht etwa ein Familienrichter, oder ein Arzt oder der Leiter eines Jugendamtes? Weil die Gerichtsmediziner oft die Einzigen sind, die sehen (wollen), dass ein Unfall kein Unfall war, sondern eine Misshandlung, und die offen aussprechen, was nicht sein darf und trotzdem ist. Die Autoren klagen an, dass unsere Gesellschaft diesbezüglich immer noch mit Verdrängen und Totschweigen reagiert. Und sie wollen das mit dem Buch ändern, indem sie mit drastischen Fällen aus ihrer täglichen Praxis aufrütteln wollen und an alle gesellschaftlichen Entscheidungsträger appellieren, solche Fälle zukünftig verhindern zu helfen.

DAS GESETZ SCHÜTZT DIE TÄTER
Aber was sind die Gründe dafür, dass Kindesmisshandlung so wenig geahndet wird und deshalb so oft geschieht? Einer ist die lasche Rechtssprechung. "Das Gesetz schützt die Täter" schreiben die Autoren im Buch. Wenn Klage erhoben wird, kann sich die Staatsanwaltschaft zwar auf ein gerichtsmedizinisches Gutachten stützen, dass eindeutig bescheinigt, dass das Kind nicht etwa durch einen Unfall geschädigt wurde, sondern durch körperliche Gewalt - oftmals für sein ganzes Leben. Alle Beteiligten wissen in der Regel auch, dass nur einer der beiden Angeklagten in Frage kommen kann (Mutter, Vater bzw. Lebenspartner) Trotzdem werden sie freigesprochen, weil die Tat keinem der Angeklagten sicher zugeordnet werden kann. Beide beteuern ihre Unschuld und entlasten sich gegenseitig - und das Gericht streicht die Segel: "Im Zweifel für den Angeklagten"!

DAS SCHWEIGEN DER ÄRZTE
Was ist mit den Kinderärzten - sehen sie Misshandlungen nicht, oder wollen sie diese gar nicht sehen? Die Autoren sind hier fair zu ihren Kollegen und räumen ein, dass es durchaus Grenzfälle gibt, wo Misshandlungen wirklich schwer zu erkennen sind. Aber oft sind Kinderärzte auch unzureichend rechtsmedizinisch ausgebildet. Das Wort "Misshandlungsmedizin" ist hierzulande anders als in Amerika noch ein Fremdwort. Das muss anders werden, fordern die Autoren. Sie nehmen ihre Kollegen insoweit in Schutz, als dass es der Gesetzgeber den Ärzten oft unnötig schwer macht. Auch wenn Ärzte ein ungutes Gefühl haben, behalten sie es meist für sich, weil sie Angst vor der Reaktion der Eltern haben, die auf ihr Elternrecht pochen. Nach jetziger Rechtslage können diese schlichtweg verbieten, dass ihr Kind mit einem CT wegen Misshandlung untersucht wird. Die Ärzte dürfen ohne ihre schriftliche Genehmigung nicht mal Blut abnehmen. Im Zweifelsfall können die Eltern den Spieß sogar umdrehen und den Arzt, der ihr Kind "unerlaubt" untersucht, wegen Körperverletzung anzeigen. Auch diese Gesetzeslage muss sich ändern, fordern die Autoren.

FAZIT
"So etwas machen Eltern nicht". Diesen Satz haben die beiden Autoren oft von Jungendamtmitarbeitern, Polizisten, Ärzten, Staatsanwälten oder Familienrichtern gehört. Und doch geschieht Kindesmisshandlung in zigtausend Familien, in der Mitte unserer Gesellschaft, weil weggeschaut und totgeschwiegen wird. Das darf nicht mehr passieren, fordern die Autoren. Denn wenn die Kinder bei ihnen in der Gerichtsmedizin landen, ist es schon zu spät. Deshalb ist ihr Buch auch eine Anklage bezüglich des Versagens der Gesellschaft und eine Forderung, dass so schlimme Misshandlungsfälle, wie sie im Buch geschildert werden, zukünftig nicht mehr passieren können.
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am 26. Februar 2014
Vorweg: ich bin Familienrichter und, wie ich hoffe, einer von denen, die Herr Tsokos und Frau Guddat für eine absolute Ausnahme halten: ich kann bestätigen, was für entsetzliche Misshandlungen gerade durch Eltern und Stiefeltern gang und gäbe sind, und es schaudert mich immer noch, wenn ich Fotos von Säuglingen mit Bissverletzungen, Schädelbrüchen usw. sehe. Was Erwachsene ihren Kindern antun, können die meisten Menschen sich kaum vorstellen.

Was mich wundert: ich weiß nicht, ob das ein besonderes Berliner Phänomen ist, von der die Autoren berichten, aber nirgendwo hier in meiner Stadt, wo ich mich viel mit Kollegen austausche und eine enge, gute Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und der Polizei, mit medizinischen ebenso wie mit psychologischen Sachverständigen, mit Flexiblen Familienhilfen und Ärzten pflege, kenne ich einen einzigen Menschen, der bei einem Kleinkind mit großflächigen Brühverletzungen oder der charakteristischen Hand-auf-die-Herdplatte-pressen-Verbrennung allen Ernstes "Aber, so etwas tut eine Mutter doch nicht!" sagen würde. Bei Tsokos und Guddat sagen das alle, und sie sagen es immer, selbst wenn nur noch Hackfleisch von einem Kind übrig ist, und sie sagen es auf jeder zweiten Seite. Klar: es gibt Fälle, in denen die Jugendhilfe oder der Richter nicht gleich das Kind rausnehmen, auch wenn andere das gerne sehen würde; aber da reden wir nicht von den markerschütternden Extremfällen, die die Autoren auf 250 Seiten in jenem immer gleichen, hölzernen Dialogstil der billigsten Reality-Soaps bis zum Erbrechen wiederholen, sondern von beunruhigenden, aber oft eben auch viel milderen Ausdrucksformen der Überforderung. Wenn das passiert, was in diesem Buch meistens geschildert wird (und das passiert eben auch, viel zu oft), steht hier bei mir in der Stadt ausnahmslos jeder Gewehr bei Fuß und die Profis sind sich einig, dass man sofort durchgreift.

In meinem eigenen Arbeitsalltag -- der natürlich fundamental anders sein kann, als der in Berlin -- landen Fälle von Kindesmisshandlung häufig bei mir, weil Jugendhilfe oder Flex-Kraft frühzeitig das Familiengericht anrufen, wenn sie etwas beobachten. Und sie reagieren ausnahmslos weit sensibler, als die Autoren das bei der Mehrzahl der Jugendhilfemitarbeiter wahrnehmen. Die Arbeitsbelastung in den Jugendämtern ist groß, und ja, auch bei uns gibt es Sachbearbeiter, bei denen ich mich schonmal über fehlendes Engagement geärgert habe. Aber die Schilderung eines Systems, in dem auf einen engagierten jungen Burschen dreißig ausgebrannte oder gleichgültige Idioten kommen, entspricht nicht der Realität in unserem Jugendamt. Was sehr wohl stimmt: die personelle Unterbesetzung der meisten Jugendämter ist unverantwortlich und richtet Schaden an; und sehr viel hängt daran, wie viel Rückhalt und Unterstützung Jugendamtmitarbeiter auch bei ihren Vorgesetzten haben. Ich weiß, dass es darum oft schlechter bestellt ist, als gegenwärtig (gottseidank) in meinem Bezirk.

Man muss dem Buch zugute halten: es behandelt ein wichtiges Thema, und das Ausmaß alltäglicher Kindesmisshandlung wird nachwievor weit unterschätzt in der Öffentlichkeit. Und: das Buch richtet sich vielleicht vorrangig an ein Publikum, dem die auf andere peinlich wirkenden, schlecht nachgestellten Dialoge und das ununterbrochene Bedienen von (für das Kerngeschehen unwichtigen) Klischees für das Verständnis entgegenkommt.

Aber eben diese Sachen machen es für mich nur mit Mühe lesbar. Es ist z.B. vollkommen okay, wenn man mal ein paar Sprüche über die "Generation Kevin" macht (im Zusammenhang mit der wichtigen Feststellung, dass die Opfer von gestern häufig Täter von heute sind); Tsokos und Guddat aber müssen bei jeder von gefühlten 3000 Fallschilderungen, in denen mal wieder Kevin der Täter ist, mit ihrem grimmigen Rechtsmediziner-Sarkasmus wieder einen Spruch zum Namen machen; und, wenn die Tatszenen nacherzählt werden, deren genauen Verlauf in allen Details die Autoren nun mal nicht kennen können, weil sie nicht dabei waren, müssen all diese Kevins mit ihren muskelbepackten Oberarmen und den vielen Tattoos (selbstredend ganz viele Tattoos, es sind ja Gewalttäter, nicht wahr, Gewalttäter haben Tattoos!) so überzeugend die Ressentiments der Autoren bestätigen, wie es sonst nur die schlimmsten Drehbuchschreiber im Nachmittagsfernsehen ihren Amateur-Schauspielern in den Mund legen.

Klar werden jetzt viele sagen: aber das ist nunmal Realität, das mit den Kevins und den Tätowierten, das können Sie doch nicht einfach leugnen! Ach, Leute: ja, die Klischees werden natürlich immer wieder bestätigt (oft genug auch widerlegt, worauf die Autoren übrigens auch kurz eingehen, das muss man fairerweise sagen), aber eben nicht in einem fort so offensichtlich, durchschaubar und plakativ. Sonst wäre meine Tätigkeit, die der Jugendhilfe, der Polizei, der Sachverständigen, so viel einfacher.

Was nicht nur ärgerlich ist, sondern schlimm: wenn die Autoren das Rechtssystem dafür kritisieren, dass Menschen nunmal nur dann strafrechtlich verurteilt werden dürfen, wenn man ihnen die Tat hat nachweisen können. Bei aller Liebe: jetzt reichts. Das ist einer der Kernpunkte, der den Rechtsstaat vom Unrechtsstaat unterscheidet. Und wenn Eltern strafrechtlich ungeschoren davon kommen, weil der Richter nicht ermitteln kann, welcher von beiden es getan hat, dann heißt das nicht, dass man das Kind zurück in die Familie gibt. In mindestens fahrlässiger rechtlicher Unkenntnis stellen die Autoren es so dar, als würde in den Strafverhandlungen mit dem Freispruch auch der Säugling zurück in die Arme der prügelnden Mutter gegeben. Das ist einfach Quatsch: verurteilen oder freisprechen tut der Strafrichter; Kind wegnehmen oder zurückgeben tut der Familienrichter. Die beiden arbeiten nach vollkommen verschiedenen Maßstäben, und das zurecht.

Was bleibt: ein durchaus wichtiger Weckruf. Ein erschütterndes Bild auf einen deutschen Alltag, von dem auch die abgebrühten aus meiner Familie und meinem Freundeskreis immer sagen, sie hätten so etwas nie geglaubt, bevor ich Familienrichter wurde. Einige wichtige Hinweise auf entsetzliche Fehler im System, die aber leider unter einer dicken Schicht von Klischees, Ressentiments und Selbstgefälligkeit (Keiner sieht's! Nur wir Rechtsmediziner!) vergraben wurden. Und leider ein oder zwei Thesen, die niemals den Stammtisch hätten verlassen dürfen.

Ich habe eine Weile geschwankt zwischen zwei und drei Sternen. Drei sind es jetzt, mit Bauchschmerzen und trotz aller Mängel: weil die Autoren zweifelsohne mit viel Engagement ihre wichtige Nachricht weitergeben wollen, und weil die vielen positiven Rezensionen und der Verkaufsrang mir zeigen, dass auf diese Art und Weise das Thema wenigstens mal in seiner ganzen Entsetzlichkeit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wird. Und das ist gut.
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am 6. Mai 2014
Dieser Beitrag war längst überfällig. Für diejenigen, die beruflich mit Jugendämtern und Familiengerichten zu tun haben, ist es nicht überraschend zu hören über den mangelnden Kinderschutz in Deutschland.
Das Ausmaß aber des Versagens der deutschen Behörden übersteigt jegliche Vorstellungskraft.
Es fällt deshalb schwer, dem Buch Sterne zuzuordnen ... für diesen "schwer verdaulichen" Inhalt.
Daß Kinder, die nachweislich von den Eltern misshandelt wurden, aber nicht klar zugeordnet werden kann, ob durch Vater / Lebensgefährten oder Mutter; daß dann beide meist freigesprochen werden, und das Kind häufig wieder zu ihnen zurückkommt, und damit seinen Misshandler wieder überlassen wird, ist unglaublich zynisch. Das scheint dem Grundsatz zu folgen "Die Kinder sind das Eigentum ihrer Eltern, und diese können mit ihnen machen, was sie wollen."
Dabei ist in vielen der genannten Fällen klar, daß einer der beiden Täter ist, und der/ die andere sich der unterlassenen Hilfeleistung oder mindestens der Verletzung der Aufsichtspflicht schuldig gemacht hat. Warum werden diese Eltern nicht bestraft, und warum wird das Kind nicht geschützt durch Inobhutnahme bzw. Unterbringung in einer Pflegefamilie. Und das Sorgerecht vorübergehend entzogen mit Auflagen für die Eltern, Beratung oder Therapie in Anspruch zu nehmen, um dann evtl. wieder das Sorgerecht oder Umgangsrecht bekommen zu können. Vermutlich waren die Eltern selbst geschlagene oder vernachlässigte Kinder, und hätten so die Chance, ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten, um es nicht bei weiteren Kindern zu wiederholen.
Es wird so viel geredet über Kindeswohl-Gefährdung nach Par. 8a des KJHG und wenn es dann aber gemeldet wird beim Jugendamt z.B. von Fachleuten aus Familienberatungsstellen scheint nicht zu passieren, außer daß die Familie beobachtet wird.
Ich könnte hier einige Fälle beisteuern, wo es zum Teil sogar noch einfacher wäre, eine Maßnahme in die Wege zu leiten, weil z.B. ein Elternteil ausdrücklich darum gebeten hat, nachdem das Kind mit massiven Verletzungen vom anderen Elternteil zurückkam. Aber bei vielen Jugendämter gibt es offensichtlich klare Sparvorgaben und das heißt, es sollen Unterbringungen um jeden Preis - nicht selten eben um den Preis eines Kinder-Lebens- verhindert werden. Manche Jugendämter rühmen sich mit ihren besonders niedrigen Jugendhilfe-Kosten.
Am bittersten ist es bei Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch - das könnte eine Fortsetzungsgeschichte für die Autoren sein.
Hier wird den Opfern meist ein Glaubhaftigkeits-Gutachten zugemutet, das weniger Aussagekraft hat, als wenn man eine Münze wirft, und das dann aber oft von FamilienrichterInnen stärker für ihre Entscheidung gewichtet wird als die Einschätzung der Rechtsmediziner über das Verletzungsprofil des Kindes.
Das wichtigste Kapitel im Buch ist natürlich "Was sich ändern muß": und da werden als Forderungen aufgeführt 1. Kinder schnell von ihren Misshandlern trennen, 2. Helfer schulen und stärken 3. Kontrolle der Kontrolleure! (Es gibt bisher keine funtionierende unabhängige Kontrolle) und natürlich auch Gesetzliche Meldepflicht einführen (wie in anderen Ländern üblich).
Es wird ganz deutlich, daß Deutschland hier Entwicklungshilfe braucht i. S. Kinderschutz von anderen Ländern.
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am 24. März 2014
Dieses Buch ist meiner Meinung nach ein MUSS für alle Ärzte, Erzieher, Jugendamtmitarbeiter und Krankenpfleger. Aufrüttelnd und anklagend berichtigen die Autoren von ihrer Arbeit als Rechtsmediziner, in der sie immer wieder auch in Kindesmisshandlungsfällen konsultiert werden. Und machen damit aufmerksam auf ein Problem, das uns alle angeht. Somit ist dieses Buch auch eine wichtige Lektüre für alle, die mit offenen Augen durch die Welt gehen und sich nicht scheuen, Gewalt gegen Kinder öffentlich zu machen.

Weil jedes misshandelte Kind eins zuviel ist – und Einstellungen wie „Ein Klaps hat noch niemandem geschadet“ von Feigheit und Unfähigkeit zeugen. Nicht zuletzt seit das kindliche Recht auf gewaltfreie – psychische und physische – Erziehung im Gesetz verankert ist, sollte das Thema Kindesmisshandlung immer und immer diskutiert werden. Damit sich endlich was ändert – zehn zu Tode gequälte Kinder pro Jahr in Deutschland sind ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.
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am 27. April 2014
wenn der Inhalt auch mehr als erschreckend ist, sollte eigentlich ein MUSS in der Bibliothek eines klar denkenden Haushaltes sein. Es ist eine Mahnung wie unsere Gesellschaft wirklich ist und das sollte uns allen zu denken geben und mehr als das. Es sollte uns auch noch mehr dazu bewegen öfter mal hinzugucken als, wie weit verbreitet, wegzuschauen.
Das worüber da geschrieben wird ist unsere Gesellschaft und zwar hier und heute.
Nur das Lesen dieses Buches lässt einen schon vor der Realität erschauern aber es ist sinnvoll und notwendig.
Hut ab vor der Zivilcourage der beiden Autoren und sogar mehr als das.
Und mehr als das, ein dickes Lob für den Mut den sie zeigen mit diesem Thema klar und deutlich in die Öffentlichkeit zu gehen.
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Die Autoren die hier schreiben, wissen sehr genau, sehen sehr genau, was täglich hinter verschlossenen Wohnungstüren abgeht. Gerade deshalb ist ihr Buch auch eine geballte Anklage an alle diejenigen, die Kinder misshandeln. Täglich werden zwei oder drei Kinder in Deutschland zu Tode misshandelt.

Im Besonderen haben die Autoren den deutschen Gesetzgeber und die Jugendämter im Visier. Einzelne Fälle werden geschildert, an denen aufgezeigt wird, was alles hätte verhindert werden können. Jugendämter in Deutschland sind völlig überlastet und handeln oft viel zu träge.

Dieses Buch sehe ich im Besonderen als Appell an alle, auch an die, die keine Kinder haben. Es muss nicht nur für Ärzte, die misshandelte Kinder in ihren Praxen behandeln eine gesetzliche Melde- und Reaktionspflicht geben, es muss auch dem lieben Nachbarn klar gemacht werden: Wenn er mitbekommt, dass in der Nachbarwohnung Kinder misshandelt werden, dann hat er einzuschreiten. Tut er dies nicht, muss es als unterlassene Hilfeleistung geahndet werden.

70 Kinder werden wöchentlich in Deutschland krankenhausreif geschlagen, so die Autoren. Mit ihrem Buch setzen sie ein Thema erneut auf die Tagesordnung, das uns seit langem über den Kopf gewachsen zu sein scheint.

Vielleicht gelingt es dem Buch ja, eine Situation in der Gesellschaft zu schaffen, die das Hinschauen zur Pflicht werden lässt. Nach dem Lesen dieses Buches wird mir klar, Gesetze und staatliche Stellen können längst nicht alles regeln. An diesem Beispiel zeigt sich in aller Betroffenheit, dass hier jeder Einzelne gefragt ist.
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Drei tote Kinder pro Woche. Das sind 160 tote Kinder im Jahr.
Siebzig schwerst misshandelte überlebende Kinder pro Woche. Das sind 3.600 im Jahr.
Das ist die Hellziffer, das sind die Fälle, die bekannt werden.
320 tote Kinder im Jahr.
200.000 schwerst misshandelte Kinder im Jahr.
Das ist die von Experten berechnete Dunkelziffer.

550 Kinder pro Tag, die misshandelt werden. Bildlich gesprochen entspricht das einer ganzen Schule. Jedes Jahr werden die Kinder mehrerer Klassen dieser Schule getötet.
Wären diese Kinder Opfer von Amokläufern, würde die Politik reagieren. Aber leider sind sie „nur“ Opfer ihrer eigenen Eltern.

„Die gefährlichsten Personen für ein Kind sind die Mutter und der Vater oder Lebensgefährte.“
„Eltern machen so etwas nicht“, das ist die gängige Auffassung von Kinderärzten und Familienrichtern. Leider ist das Gegenteil wahr.
Kinder werden geschlagen, getreten, gekratzt, mit Messern und Scheren traktiert, gewürgt, verbrüht, gebissen, verbrannt und zu Tode oder in die Schwerstbehinderung geschüttelt – und immer glaubt man den Eltern, dass ein Unfall passiert ist, denn es kann ja nicht sein, dass die eigene Mutter so etwas tut.

„Das Jugendamt hatte die Familie auf dem Schirm, trotzdem liegt das Kind tot auf meinem Tisch.“
Die Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Guddat haben die Nase voll von der Kultur des Nichthinschauens und der unwirksamen Familienhilfen. Sie fordern „zero tolerance“ gegenüber Kindesmisshandlern.
Anhand einer Reihe von Fällen aus ihrer Praxis zeigen sie auf, wie einfach es sein könnte, Kindesmisshandlung zu erkennen und die Kinder vor schweren Schäden oder sogar dem Tod zu bewahren.
Tsokos und Guddat beschreiben die die vier Basisfähigkeiten, die Eltern brauchen, zeigen die sozialen Risikofaktoren auf, die dafür sorgen, dass Eltern diese Fähigkeiten nicht entwickeln (können), und weisen nach, dass Kindesmisshandler geisteskrank sind.
Sie beschreiben die Aufgaben der Rechtsmedizin, die sich eben nicht nur mit Toten beschäftigt, sondern auch zu Gutachten herangezogen wird, und erklären, woran man Kindesmisshandler erkennt.

„Das Jugendamt kommt seiner Wächterfunktion nicht nach.“
Warum klappt der Kinderschutz in Deutschland nicht, obwohl das Kinder- und Jugendhilfe-System mit Milliarden von Euro ausgestattet ist?
Um es gleich vorweg zu nehmen: Tsokos und Guddat pauschalisieren nicht, sie sehen durchaus, dass es in den Jugendämtern auch zahlreiche engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt, die versuchen, mit ihren begrenzten Mitteln – und oft genug gegen den Widerstand ihrer Vorgesetzten – im Sinne der Kinder zu handeln. Leider reicht das nicht aus, denn das gesamte System ist krank, wie man an den beschriebenen Fällen unschwer erkennen kann.

„Hilfe statt Strafe“ ist das Motto der Familienhilfe. Aber nicht etwa Hilfe für das Kind, sondern für die „überforderten“ Eltern, denen „Hilfen zur Erziehung“ gegeben werden. Diese werden meist von Freien Trägern geleistet.
Alle Beteiligten haben ein Interesse daran, die Kinder in der Familie zu lassen. Die Freien Träger verdienen schließlich damit ihr Geld. Für das Jugendamt ist es ebenfalls günstiger, die Kinder in den Familien zu lassen, denn eine In-Obhutnahme kostet wesentlich mehr Geld. Die Interessen der Kinder stehen hintenan; die Jugendämter machen sich zu Komplizen der Misshandler.
Ein großes Problem sind die Fallzahlen der Jugendämter, verbunden mit einem permanenten Personalnotstand.
Vor allem aber werden die Kontrolleure des Kindeswohls, also die Jugendämter, selbst nicht kontrolliert.

Aber nicht nur die Jugendämter versagen.
Kinderärzte werden nicht rechtsmedizinisch ausgebildet, sie lernen nicht, Misshandlungsspuren zu erkennen.
Wenn die Verletzungen nicht zweifelsfrei einem der beiden Elternteile zugeordnet werden können, kommt es vor dem Strafgericht zum Freispruch, und das Kind wird seinen Peinigern wieder übergeben.
Ein weiteres Problem sind die Familiengerichte. Die rechtsmedizinischen Gutachten werden hier oft erst gar nicht gelesen, auch Fotos von den Verletzungen der Kinder möchte man sich lieber nicht ansehen.
Tsokos und Guddat schildern eindringlich, welche Konsequenzen diese Gemengelage in einzelnen Fällen hatte – und weiterhin tagtäglich hat.

Die Rechtsmediziner prangern jedoch nicht nur an, sie haben auch ganz konkrete Vorschläge und Forderungen:
Kinder schnell von Misshandlern trennen; Helfer schulen und stärken; Kontrolle der Kontrolleure; Wirkungslose Hilfen abschaffen; Ahnungslose Entscheider aufklären; „Begehen durch Unterlassen“ statt Freispruch zweiter Klasse; Ärztliche Reaktionspflicht einführen; Kinderschutzambulanzen einrichten; Leichenschaupflicht bei minderjährigen Verstorbenen; Mehr Realismus im Adoptionsrecht; Krippen und Kitas nach skandinavischem Standard; Den Teufelskreis der transgenerationalen Gewalt durchbrechen.

Das geht nicht nur die Institutionen an, sondern uns alle. Wir alle müssen uns abgewöhnen, wegzusehen. Einen Verdacht auf Kindesmisshandlung anzuzeigen, ist keine Denunziation, sondern kann das Leben eines Kindes retten.
„Für den Schutz und die Förderung der Kinder in diesem Land sind zuerst und zuletzt wir selbst verantwortlich – die bürgerliche Zivilgesellschaft.“

Dieses Buch zu lesen, ist nicht einfach, obwohl die in der Pressekonferenz gezeigten Fotos nicht enthalten sind. (Ich fände eine bebilderte Ausgabe für die Akteure im Gesundheitswesen, Kindergarten, Schule, Jugendamt und Gericht sinnvoll.)
Aber es ist ein wichtiges, kompetentes und aufrüttelndes Buch, das von möglichst vielen Menschen gelesen werden sollte, sowohl in den Institutionen, als auch privat.

Das Thema geht uns alle an. Wer nicht will, dass in jedem Jahr hunderte von Kindern getötet und hunderttausende Kinder schwer verletzt werden, muss hinsehen und reagieren. Und gegenüber der Politik, die dieses Thema tunlichst meidet, aufstehen und die Umsetzung der oben genannten Forderungen erwirken.
Wir dürfen nicht länger zulassen, das Deutschland seine Kinder misshandelt!
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