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84 von 87 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Selbst denken. Selbst handeln.
Eigentlich dachte ich ja, ich hätte genug.

Genug Bücher über Konsumwahn und Konsumverzicht gelesen. Kritisches Reflektieren unserer Situation ist ja ganz nett. Aber davon ändert sich nichts und irgendwann reicht’s auch mal mit der Theorie.

Aber dann kommt da immer mal wieder ein Buch des Wegs, das mich trotzdem anspringt. So...
Vor 19 Monaten von Trinity veröffentlicht

versus
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Irreleitender Titel, gute Grundidee
Zunächst muss man sagen, dass Herr Welzer, von dem ich ein großer Fan bin, leider den Titel falsch gewählt hat. Es handelt sich eher um eine Aufforderung etwas zu verändern. Eine Anleitung zum Widerstand hingegen möchte Das Selbst-Denken eben nicht zulassen und so führt Welzer seine eigene Zielsetzung ad absurdum. Viele Gedanken, Zahlen und...
Vor 3 Monaten von Markus Spitz veröffentlicht


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84 von 87 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Selbst denken. Selbst handeln., 15. Mai 2013
Eigentlich dachte ich ja, ich hätte genug.

Genug Bücher über Konsumwahn und Konsumverzicht gelesen. Kritisches Reflektieren unserer Situation ist ja ganz nett. Aber davon ändert sich nichts und irgendwann reicht’s auch mal mit der Theorie.

Aber dann kommt da immer mal wieder ein Buch des Wegs, das mich trotzdem anspringt. So geschehen mit Harald Welzers Buch “Selbst denken”.

Harald Welzer fragt nach, wie uns eigentlich die Zukunft abhanden gekommen ist. Er lotet die Abgründe des Konsumwahns aus. Seziert das hilflose politische Kasperltheater, das eigentlich nur den Status Quo erhalten will. Zeigt auf, dass wir mit unserer wachstumsorientierten Wirtschaftsweise voll gegen die Wand laufen.

Eigentlich an sich nichts Neues. Aber er macht das so extrem scharfsinnig, witzig, cool und herzerfrischend un-ideologisch, das die Lektüre sich schon allein deshalb lohnt.

Aber noch viel besser ist eigentlich die Grundbotschaft des Buches:

Es nutzt nichts, die Leute permanent zu kritisieren und ihnen am laufenden Band Katastrophenszenarien um die Ohren zu hauen. Der bessere Weg ist, herauszufinden, wie denn das neue gute Leben aussehen könnte. Und es vorzuleben. Menschen, die mit einem neuen guten Leben glücklich sind, machen anderen weit mehr Mut und Appetit als mahnende Prediger.

Da es dafür keinen Masterplan gibt, ist Experimentieren angesagt. In den unterschiedlichsten Bereichen, auf den unterschiedlichsten Ebenen. In kleinen Schritten.

Das Feine daran ist, dass es jeder selbst tun kann. In dem Bereich, der am besten für ihn passt. Das kann eine Shoppingdiät sein, Stricken oder Nähen oder Kochen lernen, selbst Gemüse anbauen, einen Tauschring gründen oder sonstwas. Und dann geht man wieder einen Schritt weiter.

Meine logische Empfehlung für den ersten Schritt lautet also: Selbst lesen!
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62 von 68 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch, das jedem, der es liest, zunächst einmal eine radikale und auch unangenehme Selbstkritik auferlegt, 22. März 2013
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Jeder einigermaßen gebildete und bewusste Zeitgenosse fühlt sich angesichts der medialen Übermacht derer, die sich anmaßen für ihn zu denken und ihm zu sagen, was er denken soll, angewidert. Und doch scheint die Übermacht dieser Medien so groß, bzw. die Bequemlichkeit und das angebliche Glück, das sie versprechen, so verlockend, dass selbst die kritischsten Menschen glauben, etwa ohne facebook et al. nicht auskommen zu können.

Es sind vor allem diese noch nicht gänzlich abgestumpften Menschen, denen der Sozialpsychologe Harald Welzer mit seinem neuen Buch Mut zum eigenen Denken machen möchte. Trotz seinem auch sprachlich hohen Niveau lohnt es sich, sich das Buch anzueignen. Denn schon bald wird sein Anliegen deutlich, mit dem er in die Fußstapfen Kants tritt, der den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit auf sein philosophisches Programm schrieb.

Welzers Denkansatz ist ein Denken im Futur 2. So heißt auch die Stiftung Zukunftsfähigkeit, der er vorsteht.
"Vieles von dem, was im einfachen Futur als unbequem und lästig erscheint, wird im Futur 2 plötzlich interessant und attraktiv“, sagt Welzer und weist darauf hin, dass die etwa Vorstellung, wie mein Leben gewesen sein wird, ganz andere Werte und Wertigkeiten generiert als ein bloßes Denken, wie es sein wird. Da regieren eher Angst oder aber auch Streben nach Materiellem.

Es gebe, so Welzer, auch in unserer hochkomplexen Gesellschaft, die alles bis in die Seele des Einzelnen hinein beherrschen will, noch genügend Nischen und Freiräume, die man nutzen und mit denen man sein Selbst denken beginnen kann. Und wer damit erst einmal Erfahrungen gemacht hat, der wird damit nicht mehr aufhören wollen, vor allen Dingen, wenn er die von Welzer vorgeschlagenen „12 Regeln für erfolgreichen Widerstand“ Schritt für Schritt verinnerlicht und sie ggf. nach seinen eigenen Verhältnissen gestaltet:

1. Alles könnte anders sein.
2. Es hängt ausschließlich von Ihnen ab, ob sich etwas verändert
3. Nehmen Sie sich deshalb ernst
4. Hören Sie auf, einverstanden zu sein
5. Leisten Sie Widerstand, sobald Sie nicht einverstanden sind
6. Sie haben jede Menge Handlungsspielräume
7. Erweitern sie Ihre Handlungsspielräume dort, wo Sie sind und Einfluss haben
8. Schließen Sie Bündnisse
9. Rechnen Sie mit Rückschlägen, vor allem solchen, die von Ihnen ausgehen
10.Sie haben keine Verantwortung für die Welt
11. Wie Ihr Widerstand aussieht, hängt von Ihren Möglichkeiten ab
12. Und von dem, was Ihnen Spaß macht

Welzer wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass es nicht abstrakte Werte sind, die die Praxis verändern (mit dieser Maxime bin ich etwa aufgewachsen und habe auch lange so gelebt) , sondern dass es eine veränderte Praxis ist, die die jeweiligen Werte verändert.

Ein Buch, das jedem, der es liest, zunächst einmal eine radikale und auch unangenehme Selbstkritik auferlegt. Wie möchte ich gelebt haben? Was wird mir wichtig gewesen sein im Leben? Schon die ersten Antworten auf diese Futur 2 Fragen, werden die ersten widerständigen Veränderungen unabänderlich machen – im ganz persönlichen Umfeld und Alltag. Das nenne ich radikal.
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72 von 83 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein drastisches Buch mit provokanten Thesen, 6. März 2013
Von 
Marc Höttemann "Ostwestf4le" (Rheinland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Nachhaltigkeit ist eines der Buzzwords unserer Zeit. Doch was bedeutet das überhaupt? Und was kann ich in Sachen nachhaltig leben tun? Wie sieht unsere Zukunft aus mit Blick auf Finanzmarktkrisen, Konsumrauch und Nahrungsmittelknappheit auf der einen und Nahrungsmittelüberfluss auf der anderen Seite? Und was ist mit der ständigen Überwachung von Facebook & Co., der wir uns freiwillig aussetzen?

Harald Welzer, deutscher Soziologe und Sozialpsychologe, hat sich dieser Themen angenommen und ein Buch geschrieben. Er verspricht uns zu Beginn von Selbst denken - Eine Anleitung zum Widerstand, dass unser seit Jahrzehnten aufgeschichteter Tunnelblick therapiert wird. Dabei verweist er auf das kantische Programm des "Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" und fordert zum Denken und vor allen Dingen zum Selbst Denken auf. Er verlangt, sich im Dschungel der medialen Überfütterung zurecht zu finden und sich von den allgegenwärtigen konsumistischen Verführungen zu widersetzen.

Selbst denken ist keine "Anleitung zum Glücklichsein". Es versteht sich auch nicht als Handbuch für Gutmenschen, das ihre positiven Taten und Grundhaltung pro Nachhaltigkeit rechtfertigen soll. Es ist vielmehr eine Reise durch unsere Geschichte in politischer, gesellschaftlicher, pädagogischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Welzer stellt Verbindungen zur Psychologie und Verhaltensforschung her, die zu einem Wissensteppich verwebt werden, der zahlreiche Facetten tangiert. Die formulierten Thesen münden in einer Logik und Einfachheit, die den Leser mehrmals zu einem "Wieso bin ich da nicht selbst drauf gekommen?" verleiten.

Gegen Ende von Selbst denken werden exemplarisch Menschen und Unternehmen genannt, die den Weg des Selbst denken erfolgreich gegangen sind. Mit dabei sind bekannte Unternehmen wie die Schweizer Bahn und das ehemalige Kultgetränk Bionade. Denn auch wirtschaftlich agierende Unternehmen können das Selbst denken als "mission statement" vorleben.

Als Beispiel nennt der Autor die GLS Bank, die sich nachhaltigen Investments verschrieben hat und der lebendige Gegenbeweis dafür ist, "dass auch ein Unternehmen der Finanzindustrie nicht den vorgeblich systemischen Logigen 'der Märkte' folgen und Renditevorgaben von 25 Prozent und mehr aufrufen muss, um erfolgreich zu sein."

Mein Fazit

Als ich die ersten Seiten von Selbst denken gelesen hatte, kam mir in den Sinn: All das Gelesene klingt vom Ansatz recht radikal. Doch Harald Welzer versteht es, den Leser zu provozieren und zur Reflektion anzuregen. Er macht das nie in einem belehrenden Ton oder mit erhobenem Zeigefinger. Stattdessen überzeugt er mit Argumenten und Beispielen, die selbst für Laien der Materie gut nachzuvollziehen sind. Welzer tritt für nachhaltiges Wirtschaften ein, das allein unserer nachfolgenden Generationen gegenüber unsere Pflicht sein sollte.

Welzers Buch rüttelt auf und macht mich nachdenklich. Wir sind inzwischen so saturiert, dass wir die Zerstörung unserer Erde kritiklos akzeptieren - weil wir gleichzeitig wissen, dass unser Konsum - der bekanntermaßen von der Industrie permanent geweckt wird und Bedürfnisse stillt, von dessen Existenz wir lange Zeit gar nicht wussten - den Raubbau an der Natur und der Tierwelt immer weiter vorantreibt.

Selbst denken - Eine Anleitung zum Widerstand ist kein einfaches Buch. Es dient nicht dem schnellen Lese-Konsum, sondern beschäftigt den Leser auch nach dem Lesen. Und es ist ein Buch, das polarisieren wird. Denn die Positionen, die der Autor aufbaut, sind in einigen Ansätzen drastisch, aber niemals unlogisch.

Ein bemerkenswerter Satz steht im Kapitel Mentale Infrastrukturen: "Ich selbst bin das Problem, das gelöst werden muss, wenn unsere Welt zukunftsfähig werden soll." Und genau dort liegt der Knackpunkt. Wer von uns ist bereit, auf das Smartphone, den Urlaub im Süden, die unzähligen Gadgets, kurzum den Luxus des Lebens zu verzichten und sich zu mäßigen, um die Welt auch für die nachfolgenden Enkel und Urenkel noch lebenswert zu halten?

"Es findet sich kein plausibles Argument dafür, nichts zu tun. Das Fehlen eines Masterplans gibt Ihnen sogar die Freiheit, Fehler zu machen und Misserfolge zu haben", das schreibt Harald Welzer den Skeptikern und Pessimisten ins Stammbuch, die der Meinung sind, ein Mensch allein könne nichts ausrichten und bewegen.

Also raus aus der Komfortzone und los geht's mit dem Selbst denken. Es ist noch nicht zu spät!
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26 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Expansion zur Reduktion - Geschichten vom Gelingen, 10. April 2013
Von 
Norma Schlecker - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 500 REZENSENT)   
Hätte man mir vor einem Jahr gesagt, dass unser Haushalt ohne Auto auskommen müsste, wäre ich in Panik geraten. Ohne Auto? Auf dem Land? Mit zwei Kindern? Schlichtweg unmöglich! Seit einem halben Jahr verzichten wir (zunächst notgedrungen, mittlerweile mit Freuden) auf ein Auto. Was hat sich geändert? Eine Menge! Wir sind weniger gestresst, haben seltsamerweise sehr viel mehr Zeit als vorher (kann mir das mal jemand erklären?!), sparen eine Menge Geld und bewegen uns mehr. Wir nutzen öffentliche Verkehrsmittel (hier Bus und Bus in Kombination mit der Bahn) und unternehmen Wochenendausflüge gemeinsam mit einer Freundin (mit deren Auto) und einer befreundeten Familie. Wir zahlen die Eintritte, sie das Bezin - auf diese Weise profitieren wir alle. Der (früher undenkbare) Verzicht auf ein Auto hat uns die Augen geöffnet - viele Dinge braucht man überhaupt nicht wirklich und es ist der eigentliche "Luxus", sie eben nicht zu besitzen! Wir sparen damit Geld, das wir in weniger Arbeit und mehr Zeit mit unseren Kindern investieren. Jeden Morgen fahren an unserem Bus mehrere Autos vorbei, in denen 1-2 Personen sitzen. Sie fahren genau dorthin, wo der Bus auch hinfährt, benötigen dafür 5 Minuten weniger. Mittags und abends fahren diese Autos wieder zur gleichen Zeit die gleiche Strecke neben dem Bus her. Ist das nicht irre?

Harald Welzers Buch "Selbst denken" hat mich fasziniert. Von der ersten bis zur letzten Seite. Zunächst zeigt er rigoros auf, wie sehr wir uns selbst entmündigt haben (um mal wieder Kant zu bemühen...) und dass wir dieser Entmündigung auch nicht entgehen, wenn wir uns ein schniekes Niedrigenergiehaus in einen schicken Vorort stellen. Erneuerbare Energien, Niedrigenergiehäuser, CO2-ausstoßärmere Autos etc. suggerieren uns, dass wir Ressourcen sparen, ein gutes Gewissen haben können und uns dafür zur Belohnung vielleicht eine kleine Flugreise gönnen könnten - wir sind ja immerhin die "Braven", die was für die Umwelt tun. Dass dies aber das Gleiche "in Grün" ist, macht Welzer schnell klar, denn immerhin müssen auch für alternative Energien (sei es in Form von Solaranlagen, Windrädern oder was auch immer) zunächst Ressourcen aufgewendet werden und auch die Instandhaltung und der Abbau dieser Anlagen kostet Ressourcen. Wirklich umweltfreundlich ist das nicht. Zudem kann man ein expansives Modell, das nicht funkioniert nicht durch noch mehr Expansion "heilen". Das einzige, was hilft, ist Schrumpfung. Wenn wir unseren Kindern und Enkeln eine Welt hinterlassen möchten, in denen auch sie ein gutes Leben führen können, können wir unmöglich weiterhin den ausbeuterischen Lebensstil weiterverfolgen, dem wir bisher frönen. Die Lösung kann also nur im (Konsum)Verzicht liegen. Der muss ja aber nicht qualvoll sein, wie man sich das vorstellt, wenn man nur das Wort "Verzicht" hört. Vielmehr kann ein neuer, nachhaltiger Lebensstil viel befriedigender sein, als der konsumorientierte. Wenn andere Dinge wichtig werden, merkt man plötzlich, wie wohltuend das Weglassen von Konsumgütern ist. Es gibt schon einige Beispiele für nachhaltige Lebensstile. Viele Konsumgüter lassen sich z.B. gemeinschaftlich nutzen - wie oft brauchen Sie eigentlich ihre 350 Euro teure Schlagbohrmaschine? Und hat ihr Nachbar nicht ein ähnliches, wenn nicht gar das gleiche Modell? Im kleinen Rahmen lassen sich viele Dinge so sehr viel besser nutzen - mit einem Gewinn für alle Beteiligten!
Welzer berichtet in diesem Zusammenhang auch von sog. "resilienten Gesellschaften", z.B. auf den Philippinen. Dort helfen die Leute sich in Notzeiten gegenseitig (und die sind in einem derart erdbebengeschüttelten Land mit schwachem staatlichen Apparat durchaus an der Tagesordnung). Versicherungen in unserem Sinne sind so gut wie unbekannt.
Was können wir konkret unternehmen, um den Ausstieg aus dem expansiven Modell zu schaffen? Eine Menge! Und Harald Welzer erzählt im letzten Teil des Buches auch solche "Geschichten vom Gelingen", etwa von der Schweizer Bundesbahn, die das ganze Land bis in den hintersten ländlichen Bereich im Rahmen von Verkehrsverbünden erschließt. In der Schweiz besitzt die Hälfte der Bevölkerung ein Bahnabo (das viel günstiger als unsere Bahncard100 ist). Fahrräder und Hunde können kostenfrei mitgeführt werden u.v.m. Mit der Bahn fährt dort nicht derjenige, der sich kein Auto leisten kann, sondern jedermann, denn es bedeutet ein Mehr an Komfort! Auch von anderen "Selbstdenkern" erzählt der Autor - und man bekommt richtig Lust, die eigene Geschichte im Futur II zu erzählen: "Wer werde ich gewesen sein?"
Ein faszinierendes Buch, das die Augen öffnet und zum Selbstdenken anregt. Unbedingt zu empfehlen!
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36 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kann man im Universum der Konsum-Gulags der expansiven Moderne auch Sinn kaufen?, 5. März 2013
Von 
HeikeG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Stellen Sie sich selbst einmal im Tempus Futur 2 vor. Futur 2? Da war doch etwas vor langer Zeit, werden Sie sich jetzt grübelnd fragen und versuchen, verschüttetes Schulwissen mühsam an die Oberfläche zu holen. Diese sehr selten benutzte Zeitform der deutschen Grammatik, deren Bildung zudem gar nicht so einfach ist, spielt im Buch von Harald Welzer eine nicht unwesentliche Rolle. Denn die vollendete Zukunft, wie sie auch noch genannt wird, verändert beim Imaginieren Wertigkeiten. "Vieles von dem, was im einfachen Futur als unbequem und lästig erscheint, wird im Futur 2 plötzlich interessant und attraktiv.", ist sich der Direktor von FUTURZWEI., der Stiftung Zukunftsfähigkeit in Berlin, sicher. "Wer werde ich gewesen sein?" ist ein typischer Satz in dieser Zeitform. Bereits wenn man diese Frage ausgesprochen hat, fängt man an zu überlegen, wie man gut gewesen sein wird. Vielleicht rekonstruiert man auch den Weg, den man zurückgelegt haben muss, um dorthin gelangt zu sein. Das nennt man neudeutsch dann übrigens "backcasting" (die Altmodischen unter uns dürfen auch "vorerinnern" dazu sagen).

Nun fragen Sie sich sicher, wozu das Ganze? Doch in dem - und das darf vorab verraten werden - großartigen Buch des Sozialpsychologen spielt gerade dieses "Futur-zwei-Denken" eine nicht unerhebliche Rolle. "Jeder Entwurf, jeder Plan, jede Projektion, jedes Modell enthält einen Vorgriff auf einen Zustand, der in der Zukunft vergangen sein wird. Und genau aus diesem Vorentwurf eines künftigen Zustands speisen sich Motive und Energien - aus dem Wunsch, einen anderen Zustand zu erreichen als den gegebenen." Und genau das möchte Harald Welzer beim Leser seiner "Anleitung zum Widerstand" erreichen. Denn unsere derzeitige expansive Moderne steuert geradewegs in eine Sackgasse hinein und die "Landkarte der nachhaltigen Moderne lässt sich nicht durch den Satellitenblick von Google-Earth abbilden, sondern muss durch tastende Schritte in eine andere Praxis sukzessive ergangen werden." Die derzeitige Politik jedenfalls, mit ihrem Übergang in einen restaurativen Illusionismus, der kein Projekt mehr kennt, das über sich selbst hinausweist, ist verhängnisvoll. "Handlungsfähig wäre sie nur, wenn sie noch etwas zu gestalten vorhätte, aber dafür müsste sie eine Vorstellung von einer wünschbaren Zukunft haben. Eine wünschbare Vergangenheit reicht nicht.", so der Autor.

Welzers Buch offenbart einen auf hohem Niveau geschriebenen, lohnenswert anstrengenden, hochintelligenten, informativen und zum Nachdenken anregenden Inhalt, der unzweifelhaft ein Verweis auf das kantische Programm des "Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" beinhaltet. Der Text des 1958 Geborenen hat zweifelsohne das Zeug, unseren Tunnelblick zu therapieren und die dicht gewebte mediale Benutzeroberfläche, die unser tägliches Tun und Handeln steuert, so zu durchbrechen, dass wir das auf breiter Basis abhanden gekommene Unterscheidungsvermögen wiedergewinnen. Sein Werk zeigt auf wie man "in diesem geheimnislosen Universum jederzeitiger Bedürfnisbefriedigung wieder Autonomie und Zukunft entdecken kann. Wie man nicht immer schon angekommen ist, sondern sich auf den Weg macht. Wie nicht schon alles fix und fertig ist, sondern gefunden werden muss. Wie man nicht mehr Produkt ist, sondern Gestalter. Mit einem Wort: wenn man eine Geschichte über sich zu erzählen beginnt, in der man vorkommt." Der Autor weist auf Notausgänge, schmale Ritzen, Löcher und Durchblicke hin, die sich letztendlich zu Ausgängen erweitern und ausbauen lassen. Seine Utopie des 21. Jahrhunderts hat dabei keineswegs etwas mit Ökodiktatur zu tun, sondern er plädiert dafür, dass sie den Weg der Expansion verlässt, um den Pfad der Reduktion zu beschreiten: "nicht Effizienz, sondern Achtsamkeit, nicht Schnelligkeit, sondern Genauigkeit, nicht Weitermachen, sondern Innehalten". Oder kurz und knapp: Zivilisierung durch weniger.

Fazit: "Selbst denken" entpuppt sich als wertvolle Anregung zur Erlangung eines intellektuellen aufgerüsteten Durchblicks, als Wegweiser zur Emanzipation von der Unterschiedslosigkeit alles Verfügbaren sowie als tiefgreifende und exzellente "Anleitung zum Widerstand": "Widerstand gegen die physische Zerstörung der künftigen Überlebensgrundlagen, gegen den Extraktivismus, Widerstand aber auch gegen die Okkupation des Sozialen. Widerstand gegen die freiwillige Hingabe der Freiheit. Wiederstand gegen die Dummheit. Widerstand gegen die Verführbarkeit seiner selbst, leichthin zu sagen: 'Ist ja egal, es kommt doch auf mich nicht an.'" Ein ausgezeichnetes Buch, das man zunächst einmal gelesen haben sollte, um hernach seine eigene Bedürfnisbefriedigung kritisch zu hinterfragen, und letztendlich seine Handlungsmaxime (vielleicht sogar radikal) umzustellen. Sprich: Widerstand gegen sich selbst und "gegen die Scheinattraktivität des weiteren Aufenthalts in der Komfortzone." Denn eines ist Fakt: "Das gute Leben gibt es nicht umsonst" und Werte "verändern nicht die Praxis, es ist eine veränderte Praxis, die Werte verändert."
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lasst uns doch einfach mal anfangen..., 7. August 2013
Für Harald Welzer, Professor für Transformationsdesign an der Uni Flensburg und Dozent für Sozialpsychologe in St. Gallen, ist es nicht fünf vor zwölf. In seinem flüssig zu lesenden Buch zeigt er im Gegenteil hartnäckig und klug, wie viele attraktive Möglichkeiten es gibt, "selber zu denken". Dies bedeutet erstmal, sich selber wieder ernst zu nehmen. Vielleicht auch, es sich unbequem zu machen...und politisch zu werden.

Sein Ziel: mündige Bürgerinnen und Bürger, die über ihr Normalverhalten reflektieren und den Weg in eine "reduktive Moderne" wagen. Und dabei auch erkennen, dass "Verzicht" vielfach "Entlastung" bedeutet. Sehr schön zeigt er dies am Beispiel "Auto" auf: Wer einmal, ich gehöre auch dazu, sein Fahrzeug abgegeben hat und auf Carsharing oder ÖV umgestiegen ist, merkt schliesslich, wieviel Zeit er bisher in die blöde Kiste investiert hat (Stau, Parkplatz suchen, tanken, TÜV, reparieren lassen, Winterreifen).

Spannend auch seine Kritik der wachsenden Geschichtslosigkeit; aufschlussreich seine Erläuterungen zum Rebound-Effekt (wenn in einer expansiven Kultur Energie eingespart wird, wird einfach mehr davon verbraucht).

Wünschen und Träumen, so der Autor, sollen als Produktivkräfte des Zukünftigen rehabilitiert werden. Schliesslich verdanken wir die meisten sozialen, kulturellen und ökologischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte praktischen Träumern, wie z.B. den Vordenkern des Carsharings (ein Paradigmenwechsel vom Besitzen zum Teilen), den Pionieren des biologischen Landbaus oder den Initiatoren von Gemeinschaftsgärten.

Da ich beruflich seit einigen Jahren zum Spezialgebiet "Didaktische Reduktion" unterrichte hat mich der Denkansatz von Harald Welzer angesprochen. Nach der Ökonomisierung fast aller Lebensbereiche braucht es einen Aufbruch in eine nachhaltige Moderne, eine Alphabetisierung in Sachen Zukunftsfähigkeit. Dabei geht es um die Frage: Was ist wirklich wichtig, was brauchen wir, für welche Zukunft wollen wir uns einsetzen?

Fazit: Ich habe drei der Bücher bestellt und verschenke sie in den nächsten Wochen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht nur lesen und denken - auch mal handeln!, 28. März 2013
Von 
Andreas Meissner (München) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Auch für jemanden wie mich, der in den letzten Jahren viele Bücher zur globalen Krise gelesen hat, war das Buch äußerst lesenswert! Die Analyse ist zutreffend, teilweise sehr zuspitzend, etwa wenn er von der "expansiven Moderne", von "Konsumtotalitarismus" oder auch vom Scheitern aller Aufklärungsbemühungen der Ökobewegung spricht. Der Tonfall ist lässig, teilweise salopp und polemisch, der Leser wird mit Fragen und Aufforderungen immer wieder auch direkt angesprochen, was zum "Selbst denken" anregt.

Die Frage des im Titel ebenso erwähnten Widerstands ist hochaktuell, und die Verbindung zum Dritten Reich gewagt, aber richtig. Welzer hat viel über Voraussetzungen geforscht, wann wer Widerstand damals geleistet hat, und berichtet darüber im Buch. Die Ergebnisse sind auch von Bedeutung dafür, wer wann heute Widerstand dagegen leistet, sich immer das neueste i-phone kaufen zu müssen, in Urlaub zu fliegen, teilzunehmen an Hektik und Konsum, an Effizienz und Wachstum.

Es ist immer auch ein Widerstand gegen sich selbst, denn bequeme Gewohnheiten müssen dabei aufgegeben werden. Und nach außen hin kommt das Risiko hinzu, als Spinner dazustehen. Es ermutigt, wenn Welzer darauf hinweist, dass Genossenschaften, Car-Sharing-Initiativen, Solarenergiepioniere und andere auch zu Beginn alleine da standen, und die etablierten Größen in Wirtschaft und Politik sie belächelt haben. Veränderung kommt von unten, nicht durch milliardenschwere, bürokratielastige Förderungen und Investitionen von oben.

Aber: es gibt keinen Masterplan, kein Patentrezept. Deshalb kommt das Buch in der zweiten Hälfte vielleicht manchmal etwas fahrig daher, plan- und ziellos, ohne eindeutige Struktur. Aber genau das ist ja das von Welzer vorgeschlagene Prinzip: schon sich Gedanken machen, wie man sich die Zukunft vorstellt und wünscht, aber den Weg dahin nicht vorzugeben, sondern sich frei zu machen für Experimente, bei denen auch Fehler und Rückschläge passieren dürfen, eben "selbst denken" und dann vielleicht bitte auch mal handeln!
Eine Änderung der Situation im Großen darf man sich nicht erwarten, meine ich, weder durch dieses Buch, noch durch zahlreiche andere schon geschriebene zum Thema Konsum, Kapitalismus, Umweltschädigung oder Klimawandel. Aber erlaubt darf es ja wohl sein, mal das eigene Gewissen zu hinterfragen oder hinterfragen zu lassen. Wer weiß, wer uns später einmal fragt, warum wir damals so wenig getan haben.

Als ehemals universitärer Forscher und Sozialpsychologe hat Welzer natürlich gute Formulierungen parat. Gelegentlich schießt er über's Ziel hinaus, das sei abschließend bemerkt, etwa wenn er von "Invektiven der mit allem Einverstandenen" spricht (was, bitte, sind Invektiven?) oder von "chronischer Bedürfnisinkontinenz". Aber das soll dem Wert des Buches keinen Abbruch tun. Lesen Sie's!
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16 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wir müssen lernen, auf Wohl­stand zu ver­zich­ten, 16. März 2013
Auch wenn viele Gedanken, Thesen und Ideen nicht ganz neu sind: Die Besonderheit des Buches sehe ich darin, dass es eine breite Palette von zentralen gesellschaftlichen Themen vereint, die sonst nur getrennt voneinander aufgegriffen werden. Zudem überraschte mich der Autor mit der ein oder anderen These: So sieht er in den all­ge­gen­wär­ti­gen Flat­rates und in den All-in­clu­si­ve-An­ge­bo­te An­zei­chen für das Ab­sin­ken der Wer­tig­keit von Be­sitz. „Immer geht es um die Stei­ge­rung der Ver­füg­bar­keit all jener Güter und Dienst­leis­tun­gen, von denen man po­ten­ti­ell Ge­brauch ma­chen kann, vor­aus­ge­setzt, man hat die ent­spre­chen­den Zah­lun­gen ge­tä­tigt“, kritisiert der Autor und kommt dann zu der treffend formulierten Erkenntnis, dass der Ka­pi­ta­lis­mus sich auf die­ser Ent­wick­lungs­stu­fe Men­schen schafft, „wel­che nicht nur pro­du­zie­ren, ohne zu kon­su­mie­ren, son­dern auch noch kau­fen, ohne zu kon­su­mie­ren!“

Harald Welzer spricht auch unangenehme Wahrheiten klar aus. Ich stimme ihm zu, wenn er postuliert, dass sich Öko­lo­gie und Wachs­tum wech­sel­sei­tig ausschließen. Wenn wir so­zia­le Ge­rech­tig­keit und Nach­hal­tig­keit im glo­ba­len Maß­stab wollen, dann müssen wir unsere Kom­fort­zo­ne ver­las­sen, schreibt er. Die Konsequenz ist, dass wir auf Wohl­stand ver­zich­ten, ab­ge­ben und entsprechend andere Mo­del­le des Ver­tei­lens, Wirt­schaf­tens und Le­bens ent­wi­ckeln müssen. Im Gegensatz dazu gaukelt uns vor allem die Politik den Wunschtraum vor, dass eine nach­hal­ti­ge Welt so viel Wohl­stand, Kom­fort und Fremd­ver­sor­gung vor­hält wie die bis­he­ri­ge nicht-nach­hal­ti­ge.

Welzer plädiert für Kul­tur­tech­ni­ken des Er­hal­tens auf dem Weg in eine nach­hal­ti­ge Mo­der­ne. Denn je mehr der Le­bens­zy­klus eines Pro­dukts ver­län­gert wird, desto geringer wird der Her­stel­lungs­auf­wand und desto nach­hal­ti­ger wer­den die Res­sour­cen ge­nutzt.
Wichtig finde ich in diesem Zusammenhang auch den Gedanken, dass die Rück­kehr der Ge­nos­sen­schaf­ten ebenfalls ein wich­ti­ger Schritt für eine nach­hal­ti­ge Mo­der­ne ist, weil hier nicht der pri­va­te, son­dern der ge­mein­schaft­li­che Nut­zen im Vor­der­grund steht. Im Gegensatz dazu produzieren ka­pi­ta­lis­ti­sche Ge­sell­schaf­ten immer polare Er­fah­rungen:
- einerseits Frei­heit und Teil­ha­be, andererseits jedoch Un­gleich­heit und Un­ge­rech­tig­keit;
- einerseits die Stei­ge­rung des in­di­vi­du­el­len Glücks und andererseits die Zer­stö­rung der Welt.
- einerseits Auf­klä­rung und andererseits Selbst­ent­mün­di­gung.

++++ Mein Fazit: Ein sehr lesenswertes, meist gut verständlich geschriebens Buch, das viele Anregungen bietet, um sein eigenes Leben und Erleben zu reflektieren. Bezogen auf die Regeln Nr. 11 „Wie Ihr Wi­der­stand aus­sieht, hängt von Ihren Mög­lich­kei­ten ab.“ fehlen mir allerdings konkrete Beispiele, wie man (auch als Nicht-Unternehmer) den Widerstand ins persönliche Umfeld bringen und entsprechend leben kann – durchaus auch als Teil einer etwas anderen Kooperation oder Genossenschaft (entsprechend Regel Nr. 8: „Schlie­ßen Sie Bünd­nis­se.“)
Nicht ganz überzeugend finde ich zudem die Auswahl der Unternehmensbeispiele, die meist interessant sind, mir aber irgendwie willkürlich gewählt erscheinen.
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19 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spiegel für unsere Gesellschaft, 14. März 2013
Zu sagen, es handele sich bei diesem Buch nur um eines von vielen, das Nachhaltigkeit im Umgang mit den Ressourcen dieser Welt fordere, heißt, dieses Buch nicht wirklich gelesen zu haben. Die Fakten, die Welzer in dieser Hinsicht liefert, sind tatsächlich nicht alle neu. Die Stärke seines Buches liegt allerdings darin, dass er - unter Einsatz einer engagierten Sprache voller Geisteswitz - die Absurditäten und intellektuellen Verwerfungen unserer Gesellschaft in einem Rundumschlag vorführt und uns dabei das vermutlich ausweglose Dilemma drastisch vor Augen führt, innerhalb dessen wir dem Untergang so lange entgegenstürzen werden, wie wir unsere hedonistischen und dabei zur Groteske entstellten Konsumgewohnheiten beibehalten. Dass er in diesem Kontext immer wieder ganz konkret und unverblümt Ross und Reiter nennt, ist erfrischend, auch wenn die genannten Waren nur stellvertretend für all den himmelschreienden Schwachsinn stehen, mit dem wir unser tägliches Leben - augenscheinlich besinnungslos, weil freiwillig - durchsetzt haben. Nicht der Produzent steht am Pranger, sondern der Konsument, weil er immer aufs Neue wider besseres Wissen den Tricks seiner eigenen Psychologie auf den Leim geht.
Doch geht es in Welzers Buch nicht nur um die "Sackgassenlogik der Wachstumswirtschaft" (wenngleich ich die diesbezüglichen Kapitel für die stärksten seines Buches halte). Im eigentlichen Sinne redet er der Entwicklung einer gesellschaftlichen Widerstandsfähigkeit das Wort, von der wir leider noch sehr weit entfernt scheinen, der wir allerdings schon einmal näher waren. Ob seine "12 Regeln für erfolgreichen Widerstand" ausreichen, wage ich zwar ob ihres geringen Grades an Konkretheit zu bezweifeln, dennoch bleibt der Impetus an den Leser, zu handeln und dazu seinen Verstand wieder zu benutzen.
Leider wird aber auch dieses wichtige Buch vermutlich bald wieder in Vergessenheit geraten. Zu sehr ist der angenommene durchschnittliche Leser ja in genau die konsumistische Welt eingebettet, von der die Rede ist. So werden viele Leser hier und da leicht erschrecken - es geht ja um mich! -, wie sie es bei vielen konsumismuskritischen Artikeln und Büchern taten, die sie bereits zuvor mit einem leichten Wehgefühl goutiert haben, aber dennoch den Widerstand, den Ausstieg, den Protest nicht schaffen, weil sie einfach hoffnungslos verwöhnt sind durch die bequeme Fremdbestimmung und das warme Gefühl, das entsteht, wenn man das sinnentleerte Leben zumindest mit dem zwar schnell vergehenden, aber doch schönen Schein der sinnlosen Dinge erfüllt.
Unser Scheitern scheint systemimmanent zu sein.
NB: Ich unterstütze meinen Buchhändler vor Ort.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Irreleitender Titel, gute Grundidee, 7. September 2014
Zunächst muss man sagen, dass Herr Welzer, von dem ich ein großer Fan bin, leider den Titel falsch gewählt hat. Es handelt sich eher um eine Aufforderung etwas zu verändern. Eine Anleitung zum Widerstand hingegen möchte Das Selbst-Denken eben nicht zulassen und so führt Welzer seine eigene Zielsetzung ad absurdum. Viele Gedanken, Zahlen und Fakten, die Welzer schildert, werden oft nicht wissenschaftlich belegt Oder nicht zu Ende geführt. Schön, dass man v.a. als Newbie auf dem Gebiet tolle praktische Vorschläge zur Nachhaltigkeit und Ideenanregungen erhält.
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