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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wahrhaft atemberaubendes Handwerk …
… zeichnet nicht nur den Mörder in „Phantom Lady“ aus dem Jahre 1944, sondern auch den Regisseur dieses Filmes, Robert Siodmak, aus. Da es sich nicht um einen wohlbekannten Klassiker aus der Schwarzen Serie handelt, soll hier versucht werden, möglichst nichts von der Auflösung preiszugeben, und wo dies doch geschieht, wird es rechtzeitig...
Vor 11 Monaten von Tristram Shandy veröffentlicht

versus
1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Frühe Stilübung eines der Giganten des Film Noir
Billy Wilder - Fritz Lang - Robert Siodmak: Es wäre wahrscheinlich eine eigene Untersuchung wert, den Zusammenhang zwischen deutschsprachigen Exilanten und der spezifischen Atmosphäre, dem speziellen Hang zur Düsternis des Film Noir (gerade des frühen Film Noir der 40er Jahre) zu untersuchen [1]. Denn es sind schon diese drei Regisseure...
Vor 1 Monat von Gavin Armour veröffentlicht


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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wahrhaft atemberaubendes Handwerk …, 17. Dezember 2013
Von 
Tristram Shandy - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Zeuge gesucht (DVD)
… zeichnet nicht nur den Mörder in „Phantom Lady“ aus dem Jahre 1944, sondern auch den Regisseur dieses Filmes, Robert Siodmak, aus. Da es sich nicht um einen wohlbekannten Klassiker aus der Schwarzen Serie handelt, soll hier versucht werden, möglichst nichts von der Auflösung preiszugeben, und wo dies doch geschieht, wird es rechtzeitig kenntlich gemacht.

Ausgerechnet den Abend seines Hochzeitstages verbringt der Architekt Scott Henderson (Alan Curtis) nach einem Streit mit seiner Ehefrau in einer Bar, wo er eine fremde Frau (Fay Helm) zu einem Theaterbesuch, den er eigentlich mit seiner Gattin vorgesehen hatte, einlädt. Die offensichtlich an großem Kummer leidende Unbekannte willigt ein, besteht aber darauf, daß weder Namen noch Adressen ausgetauscht werden mögen – und selbst den obligatorischen Drink nach der Vorstellung lehnt sie ab, um statt dessen flink zu entschwinden. Leider wartet auf Henderson zu Hause eine noch unerfreulichere Überraschung, denn seine Ehefrau liegt erdrosselt im Schlafzimmer, und die Polizei – wie die eigentlich auf den Mord aufmerksam geworden ist, ist eine von mehreren Fragen, die den Wahrscheinlichkeitskrämer verdrießen werden – wartet schon auf den Spätheimkehrer. Es kommt, wie es in einem Alptraum immer kommen muß: Das Alibi, das die fremde Frau Henderson verschaffen könnte, erweist sich als brüchig, denn zum einen scheint es unmöglich, die Identität der Fremden aufzudecken, und zum anderen vermag sich plötzlich niemand mehr – nicht Barmann, nicht Taxifahrer, auch niemand im Theater – mehr an die Dame zu erinnern. Henderson wird verurteilt und sieht seiner Hinrichtung entgegen, während seine getreue Assistentin Carol Richman (Ella Raines), die sich seit langem in ihren Chef verliebt hat, beschließt, die geheimnisvolle Fremde aufzuspüren, um Henderson vor der Hinrichtung zu bewahren. Unverhofft bekommt sie Unterstützung durch den Inspektor Burgess (Thomas Gomez), der Henderson zwar verhaften mußte, aber immer Zweifel an dessen Schuld hatte. Auch Jack Marlow (Franchot Tone), sensibler Künstler und Freund des Verurteilten, stellt sich den beiden bald an die Seite.

„Phantom Lady“ zeichnet sich durch eine Heldin aus, die alles andere als ein Phantom ist, sondern im Gegenteil beeindruckende Leinwandpräsenz besitzt, denn den funkelnden Augen Ella Raines‘ und ihrem kristallenen Charme kann man sich nur schwer entziehen. Doch auch die von ihr gespielte Frauenfigur sticht insofern aus der Riege ihrer Geschlechtsgenossinnen der Schwarzen Serie heraus als sie weder eine Femme fatale noch ein naives und harmloses Liebchen ist – erst am Ende wird sie, leider, in diese Rolle hineingedrängt –, sondern genau weiß, was sie will: Sie handelt zwar aus Liebe, wenn sie die „mean streets“ der Großstadt aufsucht, um Spuren zu finden, aber sie geht dabei kühl berechnend und entschlossen vor. Man denke nur an die grandiosen Szenen, in denen sie den korrupten Barmann durch beharrliches Starren dazu bringt, die Nerven zu verlieren. Andere Szenen wiederum lassen schon den Eindruck entstehen, Carol lege eben doch die vermeintlich typischen Frauentugenden der Selbstaufopferung und Duldsamkeit an den Tag – eben bis an den Rand der Selbstprostitution –, wenn sie sich beispielsweise in der Verkleidung eines ordinären Good-Time-Girls dem lüsternen Musiker Cliff (Elisha Cook Jr.) an den Hals wirft, um aus ihm Hinweise auf die geheimnisvolle Fremde herauszukitzeln. Um keinen Zweifel an der eigentlichen Tugend der Protagonistin aufkommen zu lassen, zeigt uns die Kamera stets, wie sie sich nach jedem Kuß, den sie Cliff zubilligen muß, angewidert abwendet. Gleichzeitig indes ist die Bebop Jam Session, zu der Cliff seine Eroberung mitschleift und bei der er, von ihr angefeuert, in orgiastischer Selbstentäußerung das Schlagzeug spielt, mit den German Angles, den recht schnellen Schnitten und der nervösen Musik eine so deutliche Metapher für Sex, daß man sich wundern mag, wie solcherlei an der Zensur vorbeigekommen sein mag. Vielleicht mochte da jemand ganz einfach Jazz? Übrigens findet sich eine ähnliche Szene, in der Musik mit orgiastischer Leidenschaft in Verbindung gebracht wird, auch in einem anderen von Siodmak gedrehten Noir, nämlich in „Criss Cross“ (1949), in dem wir Yvonne De Carlo ziemlich wild tanzen sehen können.

Trotz aller Ambivalenzen kann Carol jedoch als eine recht ungewöhnliche Noir-Heldin gelten, zumal der von ihr angehimmelte Scott alles andere als Mumm in den Knochen zu haben scheint, erkennt er doch anfangs nicht einmal, wie sehr ihm seine Assistentin eigentlich zugetan ist. Seine Passivität wird schon recht früh sehr eindrucksvoll von Siodmak in Szene gesetzt. So können wir sehr gut ermessen, wie sehr er unter seiner dominanten Frau gelitten haben muß, wenn Scott den Polizeibeamten bereitwillig von dem letzten großen Streit erzählt, während über seiner Schulter ein lebensgroßes Bildnis einer kühlen Blonden – natürlich muß das seine Frau sein – aufragt und Überlegenheit ausstrahlt [1]. Auch eine andere Szene verdeutlicht meisterhaft, wie sich die Schlinge immer enger um Scott zuzuziehen scheint: So steht er umringt von den drei Polizisten – Inspektor Burgess und seinen zwei eher wie schmierige und unverschämte, teils aber auch leicht vollpfostige Kleinkriminelle auftretenden Gehilfen – und berichtet von seinem Alibi. Die drei Cops haben anscheinend noch nie etwas von persönlichem Abstand gehört, und einer zündet Scott sogar eine Zigarette an, doch während Scott redet, zoomt die Kamera langsam, langsam an ihn heran, dabei die Gesichter seiner drei Plagegeister jedoch nie aus dem Frame lassend, so daß eine recht klaustrophobische Atmosphäre entsteht.

Ohnehin ist der Film visuell ausgesprochen stark: Carols Ausflüge in die nächtliche Großstadt mit ihrer Leere, ihren Gefahren und Verlockungen muß man gesehen haben, und Siodmak arbeitet hier meisterhaft mit Hell-Dunkel-Kontrasten, besonders wenn er eine sehr bedrohliche Szene auf einem scheinbar menschenleeren Bahnsteig in Szene setzt. Auch das erste Auftauchen des Mörders – ab der Mitte des Filmes wissen wir um seine Identität, was die Spannung jedoch noch steigert – wird von Siodmak in vorzüglicher Finsternis zelebriert. So sind von Anfang an seine weißen Hände, die beinahe ein Eigenleben zu führen scheinen, ein Blickfang in der meist dunklen Umgebung. Besonders eindrucksvoll inszeniert Siodmak dann den ersten Mord, bei dem wir quasi Zeuge werden, wenn sich der Mörder vor seinem Opfer erhebt und sein aufsteigender Schatten den Todgeweihten buchstäblich vor unseren Augen auslöscht.

Sicherlich gibt es gerade in „Phantom Lady“ einiges, was bei näherem Hinsehen nicht hieb- und stichfest ist. Würde eine Theaterdiva wirklich aus Eitelkeit einen Hut verleugnen, wenn sie wüßte, daß das Leben eines Unschuldigen davon abhinge? Und gäbe es nicht auch Bühnenphotos von ihr, wie sie in dem Kostüm mit dem besagten Hut auftritt? Woher wußte der Mörder eigentlich so genau, wen er alles bestechen mußte? Dies sind nur einige Fragen, die dem Zuschauer durch den Kopf schießen mögen, doch zumindest der Rezensent steht auf dem Standpunkt, daß Logik jederzeit von Ästhetik an die Wand gespielt werden kann, und einen Mangel an beeindruckenden Bildern kann man diesem Film ganz sicher nicht vorwerfen.

[1] Premingers „Laura“ erschien übrigens Ende 1944, während „Phantom Lady“ im Januar in die Kinos kam.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wunderbarer Thriller mit sonderbarer Psychobotschaft, 20. Oktober 2014
Von 
Klein Tonio - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Zeuge gesucht (DVD)
Robert Siodmaks "Phantom Lady" weiß von Beginn an zu fesseln und zu begeistern, wenn in einem langen Schwenk ein Mann und eine geheimnisvolle, schöne, extravagant gekleidete Frau in einer Bar aufeinander treffen. Beide wenden die Blicke voneinander ab, wirken nicht glücklich, der Bartender wendet ihnen die Blicke zu, (neu)gierig. Schon hier ist jedes winzigste Detail bis aufs I-Tüpfelchen genau inszeniert. Die beiden gehen zusammen in eine Show, sie macht die Bedingung, dass man anonym bleibe. Dummerweise ist am nächsten Morgen die Frau des Mannes, mit der es offensichtlich nur noch auf dem Papier die Ehe gab, tot. Die abenteuerliche Alibigeschichte mit der "Phantom Lady" glaubt natürlich niemand. Der Mann, ein Bauingenieur mit Namen Scott (Alan Curtis), wird zum Tode verurteilt. Sekretärin Carol (Ella Raines) glaubt an seine Unschuld und kämpft auf Liebe und Tod…

"Ich dachte auch schon, vielleicht habe ich mir die Frau nur eingebildet", so Scott einmal. DAS wäre ein noch interessanterer Film geworden, aber wir erfahren dann doch recht schnell, dass es nicht so ist. Vielmehr haben wir es mit einem vertrackten Krimi zu tun; auch nicht schlecht. Und die Erzählweise ist sowieso Meisterklasse, wie schon der Beginn erahnen ließ. Siodmak ist ein typisches Beispiel für einen der Emigranten, die den Expressionismus der 1920er Jahre ein bisschen in den Film Noir eingebracht haben. Die ganze Inszenierung ist eine einzige Sinfonie aus Licht, Bewegung und Ton. Da gibt es eine lange dialoglose Zu-Fuß-Verfolgung, in der nur noch das Klackern der Schuhe, das schummrige Licht und der spiegelnde nasse Asphalt sowie atemberaubende Hell-Dunkel-Gegensätze in einer U-Bahn-Station zählen. Natürlich, wie das 1944 so war, nicht on location gedreht, sondern im besten Sinne die Künstlichkeit der Orte als bewusstes gestalterisches Element der Handlung und der Stimmung. Kontrastreiches Low-Key-Licht immer wieder; ein Mal beispielsweise Carol in der hellen und Scott in der dunklen Bildhälfte, was beredter ist als so mancher Dialog. Ein schroffer Wechsel zwischen Ruhe und Lärm, zwischen fluchtpunktartiger Weite und drängender Enge, wenn nach der genannten Verfolgungsszene eine extrem direkt und extatisch gefilmte Szene in einem Jazzkeller kommt, in der ein Schlagzeuger (Elisha Cook, Jr.) sich – und uns – fast bis zur Besinnungslosigkeit trommelt. Natürlich auch dies nicht zufällig, wobei hier zwecks Spoilervermeidung keine weitere Erklärung stehen soll. Man könnte noch zahlreiche weitere Beispiele nennen.

Kommen wir zu dem aus meiner Sicht wichtigsten Beispiel; zu dem, wo der Film gestalterisch immer noch herausragend, aber psychologisch misslungen ist. Man kennt aus Siodmaks "Der schwarze Spiegel" die platt-naive Ansicht: Einigen Menschen ist Mord zuzutrauen, anderen nicht, und schlaue Leute wissen immer, wer zu welcher Gruppe gehört; Grenzüberschreitungen ausgeschlossen. Wie langweilig, und wie falsch! Oder bin ich zu streng? Bekannt ist, dass Fritz Lang päpstlicher als der Papst war und sich grämte, "Das Geheimnis hinter der Tür" sei zu platt geraten. Zwar habe man damals noch nicht so viel über die Psychoanalyse wissen können, aber "ICH hätte es wissen müssen", so Lang. Diesen Maßstab möchte ich an Siodmak nicht anlegen, bei Filmen von 1944 muss man im Psycho-Genre einfach gewisse Abstriche machen. Was gleichwohl stört, ist die Penetranz, mit der "Phantom Lady" seine Botschaft vor sich herträgt; das wirkt von einer so unschuldig-naiven Beseeltheit, dass es wehtut. Also: Der Böse ist gaga. Carol im Moment der Bedrohung: "You're mad, mad, mad!" Drei Mal, wo ein Mal eigentlich gereicht hätte, das ist auch die Haltung des ganzen Filmes. Es gibt einen Dialog, in dem es nicht nur heißt, EIN Mörder sei geistesgestört, sondern ALLE Mörder seien es, waren es in der Geschichte ("Waren die Borgias etwa normal?") und würden es immer sein. Ein ewiges Naturgesetz. Und noch schlimmer: Wenn man dereinst einen Weg gefunden habe, nicht nur den Körper, sondern auch die Seele zu behandeln, so gäbe es keine Mörder mehr. Dies alles in einem heiligen Sendungsbewusstsein vorgetragen, dass ich den Eindruck hatte, die Filmemacher glaubten das wirklich. Hallo, geht es auch eine Nummer kleiner? Das ist ja schön bequem! Der Böse, das ist "der andere", auf den kann ich (herab)gucken und mit dem Finger zeigen, aber so bin ja nicht ich, das braucht mich keine Sekunde lang zu irritieren.

Der Film ist bei der Darstellung dieser gruseligen These immer noch von gar nicht hoch genug zu lobender künstlerischer Qualität. Beispielsweise, wenn das stellenweise absurd helle Licht punktuell die Hände des Killers anstrahlt – wozu dann (etwas zu lang und breit) erörtert wird, wozu Hände so alles fähig sein können. Der Killer ist übrigens ein Künstler, ein Bildhauer (spätestens seit "Die zwei Mrs. Carrolls" wissen wir, dass Künstler im Film Noir nicht wohlgelitten sind). Noch in der dramatischen Schlussszene ist keine seiner Plastiken nur zufällig ins Bild gerückt oder so ausgeleuchtet, wie sie es ist. Wieder sind Hände ein wichtiges Motiv, oder eine Statue, die einen Mann in einer grimmigen Pose mit überbordendem Haar- und Bartansatz (oder entsprechenden Schmuck-Insignien) zeigt. Der Täter, der sich offensichtlich selbst porträtiert hat, wirkt da wie eine Mischung aus einem Pharao und Dr. Mabuse; der Künstler nicht nur als Künstler-Schöpfer, sondern als Möchtegerngott.

Dummerweise ist er das nicht, und zum Ende möchte ich auf einen Aspekt zu sprechen kommen, den der geschätzte Rezensionskollege Montana noch stärker gewichtet hat. Der Mann als solcher ist in "Phantom Lady" eine recht jämmerliche Figur, nicht nur der Mörder, sondern letztlich auch Scott. Wie schlecht steht es um einen, dessen Frau nicht in die Scheidung einwilligt, dem Manne aber offensichtlich das Leben zur Hölle macht, sodass er mit der erstbesten völlig Unbekannten loszieht? In dem anfänglichen Dialog Scotts mit den misstrauischen Polizisten findet eine hübsch zynische, aber eben treffende Dekonstruktion von Scotts Männlichkeit statt. Was im Nachkriegs-Noir die Kriegstraumata anrichteten, hat hier schon der ganz normale Ehewahnsinn geschafft. Zudem ist Scott nicht der Einfühlsamste; hat er doch jahrelang nicht gemerkt, dass seine Sekretärin ihn liebt und dass ein anderer Mann… aber das darf man einfach nicht verraten.

Was bleibt, ist einer der am besten inszenierten Psycho-Noirs aller Zeiten, der zudem als spannender Krimi wunderbar funktioniert. Die ganze Kunstfertigkeit ist gelegentlich expressionistisch-gewagt, visionär (solche Zu-Fuß-Verfolgungen kannte ich z.B. in dieser Ausgefeiltheit erst ab "Vertigo", 1957), aber nie selbstzweckhaft. Ich habe schon fünf Sternleinchen für weit weniger niveauvolle Inszenierungskunst gegeben. Hier indes nur vier, weil der Psycho-Teil doch arg knirscht. Besser den Ball flach halten und ins Tor schießen, statt mit Getöse drauf zuzurennen und nicht zu bemerken, dass einen der Libero des gesunden Menschenverstandes eiskalt stoppt.
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Keine Namen, keine Adressen - nur Freunde für einen Abend", 7. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Zeuge gesucht (DVD)
Tja, dumm gelaufen, wenn man des Mordes verdächtigt wird und die einzige Zeugin, die einem ein Alibi geben könnte, eine Zufallsbekanntschaft war, die auf eben dieser Bedingung beharrt hatte.
Nach einem Streit mit seiner Frau gabelt sich der Ingenieur Scott Henderson (Alan Curtis) in einer Bar die titelgebende "Phantom Lady" auf, die ihn statt seiner Frau ins Theater begleitet.
Als Henderson nach der Vorstellung nach Hause kommt, ist seine Frau tot, erdrosselt mit einer seiner Krawatten.
Obwohl seine Begleiterin an diesem Abend alles andere als unscheinbar war, im Theater den Zorn der Sängerin erregte, weil sie exakt den gleichen Hut trug und von einem der Musiker offensiv angeflirtet wurde, will sich seltsamerweise niemand an die geheimnisvolle Unbekannte erinnern.
Während Henderson die Hinrichtung wegen Mordes droht, macht sich seine Sekretärin Carol "Kansas" Richman (Ella Raines) auf eigene Faust daran, nach der "Phantom Lady" zu suchen...

Zunächst mal der eine leider nicht ganz unerhebliche Schwachpunkt des Filmes, er hat diverse kleine Logiklücken und Unglaubwürdigkeiten, die man einfach hinzunehmen bereit sein muss und von denen ich zur Vermeidung von Spoilern nur einige beispielhaft anführen kann:
Wie hat die Polizei den ohne Zeugen und offenbar lautlos erfolgten Mord an Hendersons Frau so schnell bemerkt?
Bei einem Mord durch Erdrosseln ohne jegliche Augen- oder Ohrenzeugen dürfte sich der Tod selbst heutzutage nicht auf die Minute genau feststellen lassen, geschweige denn in den Vierziger Jahren.
Woher weiß der tatsächliche Mörder von Anfang an, was genau Henderson zur Tatzeit tut und welche eventuellen Zeugen somit zum Schweigen gebracht werden müssen?
Ja, er ist ihm gefolgt, aber so schnell, so unbemerkt und so erfolgreich?
Immerhin hatte Henderson kein bestimmtes Ziel, sondern ist nach dem Streit mit seiner Frau einfach losgegangen und rein zufällig in der von ihm offenbar nie zuvor besuchten Bar gelandet.
Warum lässt sich im gesamten Theater kein einziger Angestellter oder auch Gast finden, der sich an den verschwundenen, sehr auffälligen Hut der Sängerin erinnert beziehungsweise warum beschränkt die Polizei ihre entsprechenden Befragungen auf die Sängerin und einen einzigen Musiker und befragt nicht zumindest auch die Garderobiere der Künstlerin, die deren Bühnengarderobe ja kennen müsste?
Selbst ein betuchter Mörder könnte wohl kaum eine gesamte Theaterbelegschaft, geschweige denn sämtliche Besucher einer ausverkauften Vorstellung bestechen.

Wer sich an solchen kleinen Ungereimtheiten stört, könnte ein gewisses Problem mit der Cornell-Woolrich-Verfilmung "Phantom Lady" bzw "Zeuge gesucht", dem ersten Film noir Robert Siodmaks für Universal, haben.
Wenn man darüber jedoch hinwegzusehen bereit ist, dann kann man einen ausgesprochen spannenden und gut gemachten Film entdecken, der vor allem die heute leider nur noch relativ wenig bekannte Ella Raines in einer Paraderolle zeigt.
Ähnlich wie Barbara Stanwyck hat auch Raines die ungewöhnliche Eigenart, selbst heute in rund 70 Jahre alten Filmen noch immer verblüffend modern, frisch und zeitgemäß herüberzukommen und es ist bedauerlich, daß sie, obwohl sie innerhalb von nur zwei Jahren mit "Phantom Lady", "Onkel Harrys seltsame Affäre" und "Unter Verdacht" gleich drei erfolgreiche und heute zu den Klassikern gehörende Filme der "schwarzen Serie" drehte, leider nie den Durchbruch zum wirklichen Star schaffte und sich bereits in den Fünfziger Jahren aus dem Filmgeschäft zurückzog.
Hier jedoch überzeugt sie auf ganzer Linie als loyale und patente Sekretärin "Kansas", die für ihren Chef zur Privatdetektivin wird.
Wie sie den Barbesitzer, der mit seiner Falschaussage mitverantwortlich für Hendersons Verurteilung ist, durch ihre bloße beharrliche Anwesenheit in seiner Bar und ihre durchdringenden Blicke zunehmend nervös macht, das ist einfach toll und könnte mit Sicherheit nicht von jeder Schauspielerin so minimalistisch und dabei doch so effektvoll gespielt werden.
Aber Raines kann auch ganz anders als minimalistisch und überzeugt genauso sehr als aufgedonnerte, etwas gewöhnlich wirkende Frau, die sich mit sehr offensiv zur Schau gestellten Reizen einen anderen mutmaßlichen Zeugen aufgabelt, um eventuell etwas aus ihm herauszubekommen.

Der Film ist von Woody Bredell in bester Noir-Manier mit wunderschönen und expressiven Licht- und Schatteneffekten fotografiert, wobei "Kansas" alias Ella Raines in ihrem weißen Regenmantel teilweise im wahrsten Sinne des Wortes wie eine Lichtgestalt in einer düsteren und bedrohlichen Umgebung erscheint.
Daß sich Kansas mit ihren Ermittlungen auf eigene Faust nicht nur Freunde macht, ist nicht verwunderlich und wenn sie in einer Szene mit dem sich offensichtlich in die Enge getrieben fühlenden Barbesitzer an einem einsamen nächtlichen Bahnsteig steht, kommt eine wirklich bedrohliche Stimmung auf.
Jedoch wird Kansas Hilfe von unerwarteter Seite bekommen, nämlich vom ermittelnden Inspektor Burgess (Thomas Gomez), der inzwischen Zweifel an Hendersons Schuld hegt, und auch Hendersons bester Freund Jack Marlow (Franchot Tone) reist extra aus Südamerika an, um seinem Freund beizustehen.

Daß der Film den tatsächlichen Mörder relativ früh preisgibt, tut der Spannung keinerlei Abbruch, ganz im Gegenteil, weil dies zum einen eine bessere psychologische Ausgestaltung auch seiner Rolle ermöglicht und zum anderen die Gefahr, in die Kansas sich mit ihren Ermittlungen zunehmend begibt, umso bedrohlicher sichtbar macht.
Auch die Beziehung zwischen dem bislang verheirateten Henderson und seiner patenten Sekretärin, die seit langem mehr als kollegiale Gefühle für ihn hegt, ist stimmig und überzeugend.
Sehr berührend zum Beispiel, wenn Henderson Kansas bei einem ihrer Besuche im Gefängnis fragt, ob es eigentlich einen Mann in ihrem Leben gäbe und sie sagt "Ja, meinen Boss", was Henderson dahingehend interpretiert, sie hätte inzwischen einen neuen Job und sich in ihren neuen Arbeitgeber verliebt.
Diesen beiden sympathischen Protagonisten wünscht man einfach ein gutes Ende und tatsächlich ist das Ende des Filmes nicht unbedingt noir-typisch, aber dennoch sehr stimmig und passend und obendrein ausgesprochen originell.

Sehr schön auch die sparsam und überwiegend in Nachtclubszenen eingesetzte, teilweise sehr jazzige Musik von Hans J Salter.

Fazit: Ein spannender, psychologisch stimmiger und sehr gut besetzter und gespielter, vor allem aber ausgesprochen effektvoll fotografierter Film noir, dem man kleinere Unglaubwürdigkeiten, die zu einem (klitzekleinen) Sternchen Abzug führen, gerne verzeiht.

Produziert wurde "Phantom Lady" übrigens von Eric Ambler-Gattin Joan Harrison, die als langjährige Mitarbeiterin Alfred Hitchcocks diverse Drehbücher für ihn schrieb, unter anderem das für "Rebecca".
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf der Suche nach der Frau, die es nicht gibt...., 24. März 2014
Von 
Ray "rayw260" (Rheinfelden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Zeuge gesucht (DVD)
"Zeuge gesucht", der im Original "Phantom Lady" heißt, ist ein Film Noir aus dem Jahr 1944 von Robert Siodmak und gleichzeitig dessen Auftaktsfilm in diesem Gerne, dem später die noch erfolgreicheren Klassiker "Die Wendeltreppe", "Rächer der Unterwelt", "Schrei der Großstadt" oder "Gewagtes Alibi" folgen sollten. Auch die Story von der treuen Sekretärin zu ihrem Boss wurde in der Folgezeit oft kopiert, mir fallen in diesem Zusammenhang Henry Hathaways "Feind im Dunkel" ein, in dem eine beherzte Lucille Ball für ihren Chef durchs Feuer ging, auch Fanny Ardent in "Auf Liebe und Tod", einem Meisterwerk von Truffaut, rettet ihren geliebten Arbeitgeber durch ihr Eingreifen. In "Zeuge gesucht" ist es Ella Raines, die nicht möchte, dass ihr Boss auf dem elektrischen Stuhl landet. Dieser Boss, gespielt von Alan Curtis, ist dann tatsächlich auch die einzige Kritik am ansonsten lupenreinen Vertreter der schwarzen Serie, denn er wird zu unbeteiligt dargestellt. Einen Mann, der sehr bald seine Hinrichtung erwartet, hätte ich gerne so kämpferisch und emotional gesehen wie beispielsweise ein Tyrone Power aus "Zeugin der Anklage".
Zur Story: Scott Henderson (Alan Curtis) hatte mal wieder wie so oft in letzter Zeit Krach mit seiner Frau. Der 32jährige Ingenieur versucht seinen Frust in einer Bar zu vergessen, wo er eine ebenso unglückliche Frau (Fay Helm) trifft, die zwar ihren Namen nicht nennt, aber sich von Scott dazu überreden lässt mit ihm eine Show der Diva Estela Monteiro (Aurora Miranda) zu sehen. Sie nehmen ein Taxi und erleben wie der Star vor Wut kocht, weil die mysteriöse Begleitung von Sctott denselben Hut aufhat wie sie selbst. Die beiden verabschieden sich. Als Scott Zuhause auftaucht, ist die Polizei unter der Leitung von Inspektor 'Burgess (Thomas Gomez) schon bei der Spurensicherung. Scotts Frau wurde ermordet und er gilt aufgrund des Streits sehr schnell als Hauptverdächtiger. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die geheimnisvolle Phantom Lady nicht auffinden lässt. Sogar der Barkeeper und der Taxifahrer beschwören, dass Scott alleine - ohne Begleitung - war. Nur seine loyale Sekretärin Carol Richman, genannt Kansas (Ella Raines) ist von der Unschuld überzeugt. Sie beginnt eigene Recherchen anzustellen. Auch Hendersons bester Freund, der Künstler Jack Marlow (Francot Tone) hilft mit, als er von Südamerika zurückkehrt. Doch die fremde Frau bleibt verschwunden...
Siodmak gelingt es eine mysteriöse Atmosphäre aufzubauen und zu halten, die Suspence-Anteile erinnern etwas an Alfred Hitchcock und die Form und Stil sind am alten deutschen Film orientiert, ein perfektes Spiel von Licht und Schatten sozusagen. Er bietet auch einen erschreckend makabren Schurken an, der schwer krank seinem Instinkt folgt, aber lange Zeit unentdeckt bleibt. Als aufmerksamer Zuschauer kommt man aber schnell dahinter, wer dieser Killer ist. Das Wissen tut aber dem spannenden Vergnüngen keinen Abbruch. Eine großartige Szene ist auch die finale Konfrontation zwischen dem rettenden Engel und dem enttarnten Teufel. Hier agiert der Schurke teuflisch gut.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Früher Film Noir von Robert Siodmak, 8. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Zeuge gesucht (DVD)
Als Robert Siodmak, der begnadete Regisseur,seinem Bruder Curt Ende der 30er Jahre nach Hollywood folgte, war es zunächst sehr schwierig für ihn, überhaupt Arbeit zu finden. Sein Bruder vermittelte ihm schließlich einen Kontrakt mit dem kleinen Studio UNIVERSAL, das in den 30er Jahren mit Serien wie DRACULA und FRANKENSTEIN überlebt hatte. Entsprechend niedrig war das Budget, mit dem Siodmak arbeiten musste. Außenaufnahmen entfielen gänzlich und so haben wir es hier mit einer Studioproduktion zu tun,bei der es allerdings hervorragend gelang, das New York der frühen 40er Jahre und die typische Atmophäre von Cornell Woolrich zu generieren. Woolrich war ein Autor, der es meisterhaft verstand, die dunkle Seite von New York zu zeigen, lebte er doch selbst überwiegend nachts und ausschließlich in düsteren Hotels - teilweise mit seiner Mutter. Ihm verdanken wir eine ganze Reihe ausgezeichneter Stories, die zu Film Noirs verarbeitet wurden wie z. B. auch Hitchcocks "Rear Window" (Das Fenster zum Hof). Produziert wurde "Zeuge gesucht" von Joan Harrison, einer englischen Produzentin, die auch für mehrere frühe Hitchcock-Filme verantwortlich zeichnet.
Auf die Story will ich hier nicht eingehen. Das hat Tristram Shandy in seiner Rezension bereits ausführlich getan. Die Stars sind Franchot Tone (bekannt aus vielen MGM-Produktionen der 30er Jahre), Alan Curtis und als Debütantin Ella Raines, die noch in vielen späteren Noirs eingesetzt werden sollte. Als Nebendarsteller ganz hervorragend Elisha Cook jr. (Der Malteser Falke).
Siodmak produziert ausschließlich im Studio und schafft es, die Story fesselnd und spannend zu realisieren. Hier beginnt, was sich später in "Der schwarze Spiegel", "Die Killer", "Gewagtes Alibi" und vor allem in "Strafsache Thelma Jordon" in perfekter Weise fortsetzen sollte.
Das Bild ist ausgezeichnet, der Ton etwas künstlich. Das Beiheft sehr informativ voll von Background-Informationen, die man sonst überhaupt nicht zur Kenntnis bekommen würde.
Die 4 Sterne gibt es aufgrund der erkennbaren Budgetprobleme.
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6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weaker Sex, 26. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Zeuge gesucht (DVD)
Phantom Lady von Robert Siodmak ist ein Film Noir aus dem Jahre 1944 und bildet gemeinsam mit Frau ohne Gewissenvon Billy Wilder und Laura (Cinema Premium Edition, 2 DVDs) [Special Edition]von Otto Preminger die drei frühen, stilbildenden Beispiele dieser Filmgattung. Robert Siodmak versuchte sich in der Folge, sehr erfolgreich, mehrmals im Film-Noir-"Genre" und wurde ein Experte dieses Filmstils (Criss Cross, The Killers, The Spiral Staircase, The Dark Mirror etc), ähnlich wie Preminger (Whirlpool, Where the Sidewalk Ends, Fallen Angel, Angel Face). Beide Regisseure, beides jüdische Emigranten, der Eine aus Berlin, der Andere aus Wien wurden somit zu den Künstlern in Hollywood die mit am einflußreichsten am Noir-Mythos mitgezeichnet haben. Wilder jedoch blieb der "Meister aller Klassen" und besuchte die düsteren Strassen der Verbitterung, Verlorenheit und Verzweiflung nur noch in The Lost Weekend und Sunset Boulevard. Manche sagen, Ace in the Hole sei auch ein Film Noir. Der Eine sagt so, der Andere so.

In einer Reihenfolge müsste Laura an erster Stelle stehen, als DER Hyper-Klassische-"Studio"-Noir. Die Titelheldin, deren Bild die Männer in ihren Bann zieht, ist nur bedrohlich durch ihre wahnsinnige Schönheit. Die Frau stellt sich aber als good-good-girl heraus, die fast nichts ahnt von den Obsessionen, die sie auslöst. Hier klingen aber schon sanft die Themen des Film Noir an, die ihn kennzeichnen werden: ohnmächtige Männlichkeit vs übermächtige Weiblichkeit. Der Kampf der Geschlechter wird zum Ende hin jedoch ins Positive hin aufgelöst. Es gibt also noch Trost.
Phantom Lady geht einen Schritt weiter. Die Titelfigur ist eine Leerstelle, eben die Zeugin die gesucht wird. Im Laufe der Handlung stellt sich heraus, daß besagte Dame in einer "mental institution" lebt, einem Irrenhaus. In dieser Lady klingen schon all die psychotischen Störungen der femme fatale an, die wir hier noch wie aus der Ferne betrachten dürfen. Später, in Double Indemnity, werden wir aus allernächster Nähe Zeuge ihres fatalen Sogs.
In Phantom Lady wird auch der männliche Held, oder besser gesagt, den wir als solchen ausmachen, von der "leading lady" im Laufe der Handlung verdrängt. Männlichkeit ist hier also ebenso ein Phantom, dem die Hauptfigur, Kansas, bravurös von Ella Raines gespielt, nachjagt. Sie ist quasi ein good-good-good-good-girl, die alles dafür tut, daß die Unschuld ihres Angehimmelten bewiesen werden kann. Alan Curtis spielt hier den männlichen Gegenpart so Pappkameradenhaft, daß man hier nicht mehr von bedrohter Männlichkeit sprechen kann, sondern schon fast von verschwindender.
Kansas wiederum stellt nicht nur einen konservativen Gegenentwurf zur "Phantom Lady" dar, also das all-american-girl aus der Mitte der Gesellschaft, die rechtschaffen, gut und aufopferungsvoll ist; auch sie deutet Abgründe an. In einem Kapitel des Films, geht sie soweit einen möglichen Zeugen, der Scotts (Alan Curtis) Besuch eines Konzerts mit jener Phantom Lady bezeugen und ihm somit ein Alibi für die Zeit des Mordes an seiner Ehefrau verschaffen könnte, so zu bezirzen, daß sie sogar mit ihm schlafen würde, wenn es sein müsste. Kansas "spielt" hier nur die lüsterne Schlampe, schlüpft in die Rolle der weiblichen Verführerin. Doch, obwohl Ella Raines daraus ein Schmierentheater macht, und sie nach jedem Kuss sich angewidert den Mund abwischt, ahnen wir doch etwas von ihrem sexuellen Potential. Die Verwandlung zur destruktiven Sex-Göttin wird hier nicht zur Vollendung gebracht, aber immerhin scheint eine Doppelgesichtigkeit durch, ein noch nicht Besorgnis erregender Grad an Schizophrenie. In einer Szene, in der Kansas mit dem Zeugen in ein Jazz-Lokal geht, und ihm, ein Drummer, dabei zusieht, wie er mit anderen Musikern jammt, kriegt die orgiastische Musik und die vor Ekstase verzerrten Gesichter von Kansas und dem Drummer deutlich sexuelle Bedeutung. Aber Kansas schaut dem Mann nur zu, während er sich an seinem Spiel, nun ja, aufgeilt, und sie sind körperlich getrennt. Der Sex hat etwas selbstbezogenes, ist also eher Selbstbefriedigung, als Geschlechtsverkehr. Der Mann bleibt ein kümmerlicher Wicht. Bis zum Schluß kommt es nicht zur Vereinigung von Kansas und ihrem Angehimmelten Scott. Dessen Stimme ertönt nur aus einem Sprechgerät, und Kansas lauscht entzückt seinen Worten. Nähe findet nicht statt. Die Krise der Geschlechter scheint eingeläutet.
Schon zu Beginn, als Scott von seiner nächtlichen Begegnung mit der Unbekannten nach Hause zurückkehrt und von der Polizei begrüßt wird, schwebt das Bild seiner ermordeten Ehefrau drohend und übermächtig über ihm. Da ist sie wieder, die ins Bild gepresste Weiblichkeit; wie das Bild von Laura, wie das Bild der Verführerin in Woman In The Window [UK Import]. Die Frau hat Macht über den Mann jenseits ihrer physischen Präsenz. Sie beherrscht seine Gedanken und das Bild, das er sich von ihr in seinem Kopf macht.
Die Krise der Männlichkeit wird am eindrucksvollsten durch den psychopathischen Mörder personifiziert, für den Mord oder Gewalt, Ersatz für Liebe und Sex sind. Dieser Mann hat schon komplett die Kontrolle über sich und seinen Körper verloren. Seine Hände führen ein Eigenleben und er erinnert an Conrad Veidt aus HANDS OF ORLAC 1924, oder an Peter Lorre aus M - Eine Stadt sucht einen Mörder - 80th Anniversary Edition (+ DVD) [Blu-ray]. Hier zeigen sich Siodmaks deutsche Wurzeln und seine Einflüsse. Die Verführergestalten des deutschen Stummfilms, die Mabuses und Nosferatus, sind in der Gestalt von Franchot Tone zu einem modernen Faschisten gereift, der sein Leben als wertvoller erachtet, als das seiner Opfer. Seine pathetische Kunst, seine Plastiken und Statuen, würden gut in eine Sammlung nationalsozialistischer Kunst passen.

Die Krisen, Obsessionen und Abgründe, die in Phantom Lady nur angedeutet sind, entfalten dann in Double Indemnity ihre volle Blüte. Die Frau ist kein bad-good-girl, wie in The Big Sleep [UK Import] z. B., sondern ein bad-bad-girl. Die Macht der Verführerin ist nun uneingeschränkt; die Krise der Geschlechter ist nun zu offenem Krieg geworden. Es herrscht mittlerweile Mord und Totschlag!
Double Indemnity ist ein "Brücken"- Film zur zweiten Phase des Film Noir, weg von den klassischen Studiokulissen mit A-Level-Hollywood-Stars, wo der männliche Held die Welt zum Schluß mit der Schönen im Arm retten, oder zumindest seine Rätsel auflösen kann, hin zu den düstereren Plots, bösartigeren Frauen, ohnmächtigeren Männern in semi-dokumentarisch gehaltenen Stil, mit B-Stars, kein Happy End.
In Phantom Lady gibt es noch Licht am Ende des Tunnels, in Double Indemnity sind wir endgültig in der Hölle gelandet.

ZUR DVD: die Film-Noir-Reihe von Koch Media hat ja mittlerweile hervorragende Arbeiten veröffentlicht, teilweise Filme, die so erst ihre Veröffentlichung auf DVD in Deutschland erfahren haben. Meistens warten diese Ausgaben mit etwas spärlichen Extras auf, wie Trailer und Fotodokumente von den Dreharbeiten oder promotional material. Das ist hier leider nicht unähnlich. Erwähnt sollte aber der sehr lesenswerte und sehr kluge Aufsatz von Thomas Willmann sein. Wer keine Lust hat 15,99 für diese Ausgabe ausgeben möchte, und sich trotzdem für einen Cineasten hält, sollte zweimal überlegen. Phantom Lady gehört in jede ernstzunehmende Filmsammlung. Merry Christmas.
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5.0 von 5 Sternen Sehr zufrieden, 9. März 2014
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Rezension bezieht sich auf: Zeuge gesucht (DVD)
Dieser Artikel stand - gemeinsam mit einer anderen DVD - auf einem Wunschzettel zum letzten Weihnachtsfest. Mal davon abgesehen, daß der Film gut ankam, waren sowohl ich, als auch der Beschenkte gut bedient mit der Kaufabwicklung und dem Artikel selbst: Bild und Ton dieses Filmklassikers sind gut aufbereitet worden und die Lieferung des Artikels ging zügig. Bei diesem Kauf waren alle Beteiligten sehr zufrieden. Einer Weiterempfehlung steht also nichts im Wege.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Frühe Stilübung eines der Giganten des Film Noir, 23. Oktober 2014
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Rezension bezieht sich auf: Zeuge gesucht (DVD)
Billy Wilder - Fritz Lang - Robert Siodmak: Es wäre wahrscheinlich eine eigene Untersuchung wert, den Zusammenhang zwischen deutschsprachigen Exilanten und der spezifischen Atmosphäre, dem speziellen Hang zur Düsternis des Film Noir (gerade des frühen Film Noir der 40er Jahre) zu untersuchen [1]. Denn es sind schon diese drei Regisseure deutscher/deutschsprachiger Herkunft gewesen, die alle die Erfahrung der Flucht vor den Nazis und des Verlusts von Heimat - und Sicherheit - gemacht hatten, die den Noir maßgeblich, wenn auch ein jeder auf sehr eigene Art und Weise, geprägt haben. Wilder war der Zyniker, immer der Misogynie verdächtig, Lang der Realist, der an Entwicklung und psychologischer Raffinesse Interessierte, Siodmak der Romantiker, der auch und gerade in dieser kleinen Stilübung von 1944 zeigt, daß er Noir und Melodrama zusammendenkt.

[ACHTUNG: SPOILERGEFAHR]
Scott Henderson (Alan Curtis) trifft in einer Bar eine namenlose Frau, der er anbietet, ihn in ein Cabaret zu begleiten. Als er heimkommt, erwartet ihn mit Inspektor Burgess (Thomas Gomez) und dessen Handlangern die Polizei: Seine Frau wurde ermordet, er steht unter Verdacht. Da Henderson und seine Frau an diesem Abend einen Streit hatten und ihre Ehe sowieso nicht mehr gut lief, deuten die Indizien auf ihn als Täter hin. All seine Beteuerungen können ihm nicht helfen, niemand derer, die ihn in dieser Nacht gesehen haben - der Barkeeper, der Taxifahrer, die Sängerin des Theaters, die sich darüber aufregte, daß seine Begleiterin den gleichen Hut trug, wie sie auf der Bühne - kann sich noch an die Dame erinnern, während alle eine Erinnerung an ihn zu haben scheinen. Scott wird verurteilt und zum Tode verurteilt. Niemand hält mehr zu ihm, nur seine Assistentin Carol "Kansas" Richman (Ella Raines) glaubt nicht daran, daß der Mann, den sie heimlich liebt, eines Mordes fähig wäre. Also beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln, wird dabei aber recht schnell von Burgess unterstützt, der ebenfalls nicht glaubt, daß ein Mann, der einen Mord begeht, als Alibi eine Frau vorweisen würde, die nicht auffindbar ist. So suchen die beiden gemeinsam. Schließlich taucht auch Hendersons bester Freund, der Maler Jack Marlow (Franchot Tone) auf, der sich ebenfalls für Henderson einsetzen will. Als Carol es ein letztes Mal bei der Varietékünstlerin versuchen will, stößt sie auf den Namen jener Schneiderei, die ihr die Hüte der Künstlerin herstellt, dort nachgefragt, kommt sie darauf, daß eine der Schneiderinnen gegen ihre Arbeitsbestimmungen eine Kopie für eine junge Dame hergestellt hat, die sich als Insassin einer Nervenheilanstalt entpuppt. Als Carol ihre Neuigkeiten mit Marlow teilen will, findet sie in dessen Appartement eine Reihe von Indizien, die ihn als den Kopf hinter der Verschwörung gegen Scott Henderson entlarven. Er hatte eine Affäre mit Hendersons Frau, als er sie aufforderte mit ihm nach Südamerika zu gehen, sie sich jedoch weigerte, Scott zu verlassen, brachte er sie um und ließ es durch Bestechung all der betreffenden Personen so aussehen, als hätte Scott seine Gattin ermordet. Bevor Burgess ihn verhaften kann, bringt Marlow sich um.

PHANTOM LADY (Originaltitel) kann nicht annähernd mit Siodmaks Klassikern wie THE SPIRAL STAIRCASE (1945) oder gar THE KILLERS (1946) mithalten, auch Werke wie DARK MIRROR (1946) oder CRISS CROSS (1949) überragen diesen Film deutlich. Zu getragen, im Tempo zu langsam und v.a. ohne große Variation, nahezu ohne Action, ist PHANTOM LADY deshalb interessant, weil er zweierlei zeigt: Einmal generell, wie man mit einem offenbar äußerst geringen Budget dennoch Atmosphäre schafft, spezifisch jedoch, wie Siodmak seine eigenen Handschrift entwickelt und ausarbeitet. Ob in einer Gerichtsverhandlung oder während Henderson die Leiche seiner Frau gezeigt wird: Um größeren Budgetansprüchen aus dem Wege zu gehen, zeigt der Regisseur lediglich Reaktionen. So sehen wir während der Verhandlung über Scott den Zuschauerraum des Gerichts und dort die Reaktionen in den Gesichtern der Zuhörer. Denn wir hören zugleich eine Art Potpourri der Plädoyers des Staatsanwalts und von Scotts Verteidiger. Das sind wunderbare kleine Miniaturen und Skizzen von Gesichtern des durchschnittlichen Bürgers, der sich an den Unbilden des anderen vergnügt, froh, daß es den und nicht ihn selbst getroffen hat. Nahezu eine kleine Studie des amerikanischen Durchschnittsbürgers in seiner ganzen Rechtschaffenheit, wenn man so will. Immer wieder greift Siodmak auf dieses Stilmittel zurück, die Reaktion auf ein Geschehen zu zeigen, anstatt das Geschehen selber ins Bild zu setzen. Doch merkt der Zuschauer bald, daß er es hier eben auch mit einem Mittel, aus der Not eine Tugend zu machen, zu tun hat. Daß kein einziger wirklich kassenträchtiger Star den Film trägt, ist ein weiterer Hinweis, daß hier mit einem äußerst bescheidenen Etat gearbeitet wurde. Umso auffälliger, daß es Siodmak gelingt, vor allem aus seiner Hauptdarstellerin Ella Raines eine durchaus ansprechende Leistung herauszuholen. Franchot Tone, dessen größte Rolle neben seinem oscarnominierten Roger Byam in THE MUTINY ON THE BOUNTY (1935) wohl die als Gatte von Joan Crawford war, verpasst Jack Marlow die nötige schmierige Verschlagenheit einerseits, macht aber sogar dessen Not als hingehaltener Liebhaber andererseits momentweise deutlich, so daß Siodmak trotz fehlender großer Namen auf eine durchaus verlässliche Darstellerriege zurückgreifen konnte.

Anders als Wilder sind Siodmaks Frauen keine femme fatales, keine Monster, die Männer in deren Untergang treiben, sondern entweder Opfer oder aber durchaus selbstbestimmte Ladies, die ihr Schicksal in die Hand nehmen. So ist "Kansas" - der Spitzname fällt allerdings nur im Original, die deutsche Synchronisation verzichtet komplett auf die Nennung - zwar vielleicht ein Provinzmädchen, doch ist sie weder dumm, noch ängstlich und erst recht nicht falsch, im Gegenteil: Sie ist es, die auf Hendersons Unschuld besteht und sich für ihn einsetzt, sogar, wenn es gefährlich zu werden droht (so gibt sie sich undercover als leichtes Mädchen aus, um mit dem Schlagzeuger jener Varietéband anzubandeln, der Scott und die Unbekannte gesehen haben muß). Eine frühe Figur weiblicher Emanzipation. Und anders als Wilder und meist auch Lang, ist Siodmak bereit, seinem Personal ein für den Noir untypisches Happy End zu gönnen.

Auch muß Siodmaks Gespür für Licht/Schatten-Reize erwähnt werden. Es gibt Momente - beispielhaft jene Szene als Carol Scott kurz vor seiner anstehenden Hinrichtung im Gefängnis besucht und der Lichteinfall durch das einzige Fenster fast eine sakrale Stimmung beschwört - die geradezu expressionistisch anmuten. Daher auch der Eindruck, daß hier aus Siodmaks Sicht eine Fingerübung vorliegt, denn einiges, was hier erprobt und ausprobiert wird, taucht doch später in seinen deutlich besser budgetierten und also aufwendigeren Filmen wieder auf, findet dort dann Verwendung, findet auch dort dann die gänzlich angemessene Form.

Dennoch können all die Vorzüge dieses kleinen Films - übrigens auch eine Variante des später von Hitchcock so populär gemachten 'The Wrong Man'-Motivs - nicht darüber hinwegtäuschen, daß er eben nicht viel mehr als ein Fingerübung ist. Logiklöcher (wieso wartet die Polizei auf Henderson, als dieser heimkommt? Wer hat die Leiche eigentlich gefunden?), inszenatorische Schwächen - Timing und Tempo - und mangelhaftes Budget machen die Angelegenheit zu guter Durchschnittsware (als die sie auch deutlich sichtbar gedacht war) des frühen Film Noir. Dafür gibt es dann eben auch eine durchschnittliche Bewertung von drei Sternen.

[1] Barbara Steinbauer-Grötsch tut das z.T. in ihrem hervorragende Werk DIE LANGE NACHT DER SCHATTEN. FILM NOIR UND FILMEXIL. Die lange Nacht der Schatten. Film noir und Filmexil
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2.0 von 5 Sternen keine Untertitel!!, 20. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Zeuge gesucht (DVD)
Entgegen der Beschreibung bei Amazon bzw. auf der DVD Rückseite gibt es für diesen Film keine(!!!) Untertitel - glatt gelogen!
Der Film ist durchaus interessant, auch der Ton ist gut.
Bewerte hier aber auch die DVD - deshalb nur 2
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5.0 von 5 Sternen Absoluter Klassiker, 27. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Zeuge gesucht (DVD)
Liebe schon seit vielen Jahren klassische Schwarz-weiß Filme und dieser Film ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass auch in der modernen Technik-Zeit Schwarz-weiß Filme ihren ganz besonderen Reiz haben (oder vielleicht gerade deswegen).
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Zeuge gesucht
Zeuge gesucht von Robert Siodmak (DVD - 2013)
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