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4.0 von 5 Sternen Bekannte Bach-Kantaten, sehr schön gesungen und musiziert, aber klanglich nicht optimal realisiert, 29. Dezember 2013
Von 
Sommerwind - Alle meine Rezensionen ansehen
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Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Bach: Arias (Audio CD)
Wer in der Klassik auf sich hält, produziert Konzept-Alben. Die meisten "Konzepte" indes gehen nicht auf, wirken gewollt und bleiben unverständlich. Stets staunt dann der Laie. Und der Fachmann wundert sich. So auch im vorliegenden Falle. Das, was hier als "Chronik der Anna Magdalena Bach" vorgestellt wird, erweist sich bei näherem Hinsehen lediglich als Sammlung recht bekannter Arien aus Bachs Kantaten-Werk (und zweier Zeitgenossen). Der reichlich gewundene Text des Beihefts kann nicht darüber hinweg täuschen, dass es werk- und lebensgeschichtliche Korrespondenzen zwischen den einzelnen Kantaten und einer vermeintlichen "Chronik der Anna Magdalena Bach" kaum gegeben hat. Die "Chronik" erweist sich mithin als Fiktion der Marketingabteilung. Lassen wir dieses dünne Konzept also beiseite und widmen uns dem Inhalt.

Geboten werden Kantaten von Johann Sebastian Bach (1685-1750), Johann Philipp Krieger (1649-1725) und Gottfried Heinrich Stölzel (1690-1749) sowie zwei Konzerte von Bach (BWV 1056 und BWV 1060).

Nuria Rial, die katalanische Sopranistin (Jahrgang 1975), hat erneut - wie bereits für ihr gelungenes Telemann-Projekt - das Kammerorchester Basel und Julia Schröder (Solo-Violine) für die musikalische Umsetzung engagiert. Das war bereits für die Telemann-Produktion eine gute Idee. Und funktioniert auch dieses Mal erfreulich gut.

Das Kammerorchester Basel, m.E. eines der besten Barock-Ensembles Europas, sowie die Solo-Violonistin fungieren keineswegs als bloße Begleit-Instrumentalisten, sondern als kongenialer "Klangkörper", der sehr eigenständig und fundiert zu Werke geht. Das Ensemble verleiht den barocken Kompositionen eine zupackende, gelegentlich etwas forsche, keineswegs aber nivellierende oder auf Schönklang abzielende, eher eine leicht angerauhte "Lesart". Das lässt sich in den Instrumental-Partien besonders gut erleben, insbesondere im Largo des ersten Konzertes (Nr. 6). Zu loben ist erneut der für DHM typische Ansatz, Vokal- und Instrumentalpartien miteinander zu kombinieren - das bringt vokale und instrumentale Talente gleichermaßen zum Strahlen und macht Alben mit Sopranpartien abwechslungsreich und gut durchhörbar.

Wie nun meistert Nuria Rial ihren Part? Hier lässt sich eigentlich nur Positives berichten. Wenn Bachs Kantaten auf einen glockenhellen, klaren und femininen Sopran und ein zurückgenommenes, der barocken Affektenlehre entsprechendes Temperament stoßen, dann darf das als (selten werdender) Glücksfall bezeichnet werden. Ein solcher Glücksfall liegt hier vor. Wieder einmal erweist sich Rial als echte Barock-Expertin. Mit natürlichem Gesang, vorbildlicher Phrasierung und Textverständlichkeit. Keine Manierismen, kein exaltiertes Flirren und Gurren wie bei vielen anderen aktuellen Barock-Interpretationen. Insofern hat Rials Bach-Interpretation etwa dasselbe Niveau wie die der jungen Magdalena Kozena. Künstlerisch enttäuscht uns die so sehr mit dem (deutschen) Barock vertraute Sopranistin also nicht. Dem schnellen Hörer sei die Arie "Schlummert ein, ihr matten Augen" (Nr. 16) aus der sehr bekannten Kantate "Ich habe genug" empfohlen.

Doch warum lässt sich "eigentlich" nur Positives berichten?

Die Produktion würde die Höchstpunktzahl verdienen, wenn man einen anderen Aufnahmeort gewählt hätte. Klanglich bewegt sich diese "Chronik" nämlich nicht auf demselben hohen Niveau wie die Leistung der beteiligten Künstler, weil ein ausgeprägter und äußerst unschöner Hall hörbar ist. - Ich gehöre keineswegs zu den Liebhabern des halligen und oft auch etwas dumpfen Klangs von Aufnahmen, die in Kirchen gemacht worden sind, und kann dem vermeintlichen Original-Klang überhaupt nichts abgewinnen: Er dickt die tiefen Frequenzen an, nivelliert die mittleren Tonlagen und lässt die Höhen umso spitzer klingen - der Klang wird inkonsistent; Stimmen verlieren an Substanz, Natürlichkeit und Präsenz. Das muss auch dieser ansonsten künstlerisch hochrangigen und mit 78,22 Minuten sehr großzügigen Sammlung attestiert werden. Angesichts des künstlerischen Niveaus ist das doppelt bedauerlich. Denn ansonsten wären fünf Punkte nahezu selbstverständlich gewesen. So lassen sich aus meiner Sicht lediglich vier wohlwollende Punkte vergeben.

Das Beiheft enthält die bereits erwähnte Erläuterung des zugrundeliegenden (fragwürdigen) Konzeptes und die Texte der Arien, jeweils in englischer und deutscher Sprache - eine denkbar schmale, aber für die großen Verlage typische Ausstattung. Der Repertoirewert der vorliegenden Produktion ist angesichts der wohlbekannten Arien aus Bachs Kantatenwerk überschaubar. Daran ändert auch die Aufnahme der Kantaten zweier relativ unbekannter Zeitgenossen Bachs wenig, zumal deren Kompositionen nicht an Bachs Genie heranreichen. Auch diese eher äußerlichen Aspekte rechtfertigen m.E. eine Bewertung dieser Produktion mit vier Punkten.

NACHTRAG

Thomas Voigt hat in der Ausgabe 02/2014 der Zeitschrift "Audio" (und sehr ähnlich in der Ausgabe 02/2014 der Zeitschrift "Stereoplay") das Folgende über Nuria Rial und dieses Album geschrieben:

"(…) scheinbar mühelos in allem, was Bach seinen Sängern zugemutet hat, zudem stilistisch so versiert, wie es sich Barock-Fans erträumen." So weit, so richtig. Dann aber nimmt Voigt folgende Einschränkung vor:

"Aber vielleicht ist es eben diese ‚stilistical correctness’, die dazu führt, dass etwas Wesentliches fehlt: Individualität und Persönlichkeit. Abgesehen davon, dass mir demonstrativ vibratoarmes Anschieben der Töne schnell auf die Nerven geht, hätte ich einer bedeutenden Sängerin wie Rial gestalterisch doch mehr Risiko zugetraut."

Thomas Voigt wünscht für Bachs Arien sich also weniger „stilistical correctness“ und mehr Vibrato!

Wer dergleichen schreibt, bekundet eine tiefe Unkenntnis des barocken Weltbildes (Affektenlehre, Ästhetik, Theologie etc.) und sollte eigentlich keine Rezensionen für Fachzeitschriften mehr schreiben – jedenfalls nicht über Einspielungen barocker Musik. Gleichzeitig zeugt eine solche Beurteilung davon, wie sehr die hysterischen, egozentrischen und grundfalschen Barock-Interpretationen der letzten 10-15 Jahre die allgemeine Rezeption bereits geprägt und getrübt haben. Der Text von Voigt ist in jedem Fall völlig irreführend und sollte niemanden von Nuria Rials Interpretationen barocker Werke abhalten.

Gekrönt wird die fehlerhafte Rezension Voigts durch eine fragwürdige Klangeinstufung: fast Höchstpunktzahl! Das wird keiner nachvollziehen können, der die vorliegende Aufnahme an einer halbwegs soliden HiFi-Anlage gehört hat.
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Bach: Arias
Bach: Arias von Nuria Rial (Audio CD - 2013)
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