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4.0 von 5 Sternen Neues vom "alten" Scarlatti, 12. Februar 2014
Von 
Claus Fischer "clausfischer" (Lampertheim, Hessen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Carlo Re D'alemagna (Audio CD)
Lange, sehr lange mussten Opernfreunde nach René Jacobs' hervorragender, leider als Einzelaufnahme vergriffener Einspielung von "Griselda" warten, um endlich eine "neue" Oper von Alessandro Scarlatti ins Regal stellen zu dürfen. Fabio Biondi entschied sich mit dem 1716 in Neapel uraufgeführten "Carlo Re d'Alemagna" ebenfalls für ein Spätwerk dieses Großfürsten der italienischen Barockoper, dessen Schaffen 1679 in Rom mit "Gli equivoci nel sembiante" beginnt und 1721 ebendort mit "Griselda" endet (wenn wir einige späte Neufassungen älterer Werke stillschweigend unter den Teppich kehren). Somit gruppieren sich die 114 Opern Scarlattis (nach dessen eigener Zählung; fünfundsechzig davon sind erhalten) in perfekter zeitlicher Symmetrie um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Auch in stilistischer Hinsicht bildet dieses gewaltige Gesamtwerk die Brücke zwischen der spätrömisch-venezianischen und der neapolitanischen Oper. Prägend für Scarlattis Bild in der Musikgeschichte waren vor Allem seine beiden langjährigen Amtszeiten als königlicher Kapellmeister in Neapel; in Venedig konnte er seltsamerweise keine Wurzeln schlagen.

Seiner künstlerisch besonders ertragreichen zweiten neapolitanischen Periode gehört auch "Carlo Re d'Alemagna" an, der in prunkvoller Ausstattung und mit einer hochkarätigen Sängerbesetzung - angeführt von Senesino und Margherita Durastanti, die beide wenig später für Händel in London sangen - im Teatro San Bartolomeo herauskam. Das Libretto von Francesco Silvani (bearbeitet von Giuseppe Papis) verwickelt verschiedene teils historische, teils fiktive Personen und Episoden aus dem Frankenreich nach dem Tode Karls des Großen zu einem schwer entwirrbaren Knäuel, den der geneigte Leser des in Italienisch, Englisch und Französisch (leider nicht auf Deutsch) abgedruckten Librettos selbst aufdröseln darf, da einen der rudimentäre Einführungstext im Beiheft leider weitgehend im Stich lässt. Wer die Handlung von Barockopern als zu vernachlässigenden Teil des Gesamtkunstwerkes betrachtet, wird dies jedoch verschmerzen können, denn musikalisch kommt man in jedem Fall auf seine Kosten. Wie nicht anders zu erwarten, erweist die Musik sich als von allerhöchster kompositorischer Qualität, und auch die Interpreten in dieser Aufnahme können sich hören lassen.

Der späte Scarlatti steht Händel stilistisch so nahe, dass man geneigt ist, von musikalischer Blutsverwandtschaft zu sprechen. Der Unterschied zwischen beiden ist leichter zu erfühlen als zu beschreiben. Scarlatti hat gegenüber Händel eine noch stärkere Neigung zu kontrapunktischer Verflechtung zwischen der Singstimme und einem motivisch sehr selbstständig gestalteten Instrumentalpart sowie zu einer oft nahezu abstrakt-expressiven Führung der Melodien, so dass sich seine Musik nicht auf Anhieb so hartnäckig in den Gehörgängen einnistet wie die Händels. Man muss sie schon einige Male hören - eine Versuchung, der angesichts ihrer unaufdringlichen Erhabenheit und klanglichen Schönheit kaum zu widerstehen ist. Für Liebhaber von Händelopern wird auch das Auftreten zweier komischer Figuren einen gelinden Kulturschock darstellen. Diese "parti buffe" kann man wahlweise entweder als Relikt aus der Klamottenkiste der venezianischen Karnevalsoper oder aber als Vorwegnahme der kommenden Opera buffa betrachten. Jedenfalls liebte das zeitgenössische neapolitanische Publikum die Kaspereien der komischen Dienerfiguren, wobei auffällt, dass deren Auftritte sich in Scarlattis späten Opern bereits aus dem Zentrum der Handlung an die Aktschlüsse zu verlagern beginnen. Wenige Jahre später verschwanden sie ganz aus dem ernsthaften Drama und wurden als "Intermezzi" in die Pausen zwischen den Akten verbannt, begannen damit aber zugleich eine neue Karriere als wichtige - aber nicht einzige - Vorläufer der modernen komischen Oper.

Die Aufnahme als solche ist ein nahezu ungetrübtes Vergnügen, sofern man kein militanter Anhänger historisch informierter Aufführungspraxis ist. Barockspezialist Fabio Biondi hat das Symphonieorchester aus Stavanger immerhin so gründlich auf seinen persönlichen, von bekannt eigenwillger Agogik geprägten Musizierstil eingeschworen, dass die Norweger Biondis Originalklangensemble "Europa Galante" zum Verwechseln ähnlich klängen, wäre da nicht das moderne Instrumentarium. Bei den sehr schlank und vibratoarm gespielten Streichern fällt der Unterschied weniger deutlich auf als bei den Hörnern, von denen Scarlattis großzügig orchestrierte Partitur ausgiebig Gebrauch macht - moderne Ventilhörner sind eben doch intonationsreiner und runder im Klang als Naturhörner, wenn auch etwas weniger markant und durchdringend. In der Liste der Sänger finden sich einige dem Kenner vertraute Namen, wenn auch nicht die ganz großen Stars der Alte-Musik-Szene. Die gesanglichen Leistungen sind aber größtenteils sehr ansprechend. Neben dem etwas schattierungsarmen, aber klaren und agilen Sopran von Roberta Invernizzi überzeugt vor Allem der majestätische Kontra-Alt von Romina Basso, eher schon ein weiblicher Bassbariton.

Alles in Allem hätte diese Einspielung eigentlich fünf Sterne verdient. Ich zögere nur deshalb, die Höchstnote zu vergeben, weil die Interpretation in ihrem offenkundigen Bestreben, es den Liebhabern traditioneller philharmonischer Aufführungen wie auch den Anhängern der historisch informierten Musizierpraxis gleichermaßen Recht machen zu wollen, etwas unentschlossen wirkt und zu keiner wirklich geschlossenen Linie findet. Unterm Strich aber alleine schon wegen des Repertoirewertes eine klare Empfehlung!
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Carlo Re D'alemagna
Carlo Re D'alemagna von Basso (Audio CD - 2014)
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