Hier klicken muttertagvatertag Cloud Drive Photos weddingedit Kamera16 Learn More madamet HI_KAERCHER_COOP Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip GC FS16

Kundenrezensionen

4,5 von 5 Sternen22
4,5 von 5 Sternen
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 17. September 2013
Wer das großartige Buch "Politik der Würde" (1997) des Philosophen Avishai Margalit gelesen hat, in dem es um die Frage geht, inwieweit gesellschaftliche Institutionen die Selbstachtung und Würde von Menschen nicht verletzen dürfen, findet hier ein gelungenes Pendant dazu. Auch bei Bieri ist Würde kein metaphysischer Begriff, sondern mit vielschichten Erfahrungen verbunden, in denen drei Aspekte zusammenfließen: Wie behandeln mich die anderen? Wie stehe ich zu den anderen? Wie stehe ich zu mir selbst? Dabei will der Autor keine Theorie verfassen, mit der vorgeschrieben wird, wie man über diese Dimensionen des menschlichen Lebens zu denken hätte. Vielmehr ist das Buch "in der Tonlage des Ausprobierens geschrieben. Nicht beweisen wollte ich, sondern sichtbar und verstehbar machen." (16) Der Begriff der Würde ist für Bieri gleichsam eine notwendige Erfindung des Menschen, die mit der existenziellen Erfahrung seiner Gefährdung und Unvollkommenheit einhergeht: "Die Würde des Menschen zu verstehen, heißt nicht, diese Unvollkommenheit zu übertünchen und wegzudeuten. Es heißt sie anzuerkennen und in ihrer unübersichtlichen Logik aufzuklären." (15)

Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, in denen Würde als Selbständigkeit, Begegnung, Achtung von Intimität, Wahrhaftigkeit, Selbstachtung, moralische Integrität, Sinn für das Wichtige und Anerkennung der Endlichkeit beleuchtet wird. Anhand zahlreicher Beispiele aus der eigenen Lebenserfahrung und Literatur analysiert Bieri würdeverletzende Begebenheiten, die berühren, ergreifen, empören und, das ist das Entscheidende, vor allem zum Nachdenken anregen. Im Stile der platonischen Dialoge soll der Leserin bzw. dem Leser deutlich werden: Über den Begriff der Würde lässt sich trefflich streiten, er verfällt nicht der Beliebigkeit, seine Geltung transzendiert oftmals kulturelle Kontexte.

Wann wird Fürsorge zur entwürdigenden Bevormundung? Wie kommt es zum Verlust der Würde durch Hörigkeit? Inwiefern ist der Gang zum Therapeuten Ausdruck von Würde? Was tragen Arbeit und Anerkennung zur Würde bei? Warum kann eine verweigerte Begründung entwürdigen? Inwieweit ist Mitleid eine Geste der Demütigung? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Würde und Intimität bzw. Scham? Was sind würdelose Offenbarungen? Inwieweit bedarf es der Aufrichtigkeit vor sich und anderen, um seine Würde nicht zu verlieren? Gibt es einen objektiven Maßstab für Selbstachtung? Warum kann moralisches Tun dazu führen, das Gefühl für die eigene Würde zu steigern? Warum müssen die Grenzen der Würdeverletzungen aus moralischer Not eng gezogen werden? Inwieweit spielt Würde an den Grenzen des Lebens eine Rolle?

Bieri konfrontiert uns mit ergreifenden Geschichten über das Verlieren und Wiedergewinnen der Würde. Das Buch nötigt einen förmlich zur Auseinandersetzung mit sich selbst, weil es fast zwangsläufig dazu führt, das Gelesene auf das eigene Leben zu beziehen und eigene Abwägungen vorzunehmen, nicht mit roter Robe, sondern mit der Absicht, die Dinge in eine richtige Balance oder sogar zur Versöhnung zu bringen. Das Buch ist nicht mit der Aufforderung geschrieben, sein Leben zu ändern, sondern mit dem Aufruf verbunden, mehr Klarheit darüber zu gewinnen, wenn es um die Reflexionen über Erfahrungen geht, die sich als Verletzungen in die Seele gebrannt haben. Nicht zuletzt: Bieri ist einer der nicht so häufig anzutreffenden Philosophen, die nicht nur gedanklich tiefsinnig, sondern auch sprachlich brillant schreiben können.
0Kommentar|90 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 17. August 2014
Weder abgehobene Theorie mit Quellenüberfrachtung noch (wozu das Thema verleiten kann) ein schwach fundiertes, schwammiges Gerede mit Zeitgeisteinschlag: ein gutes, zugleich sachliches und lebenszugewandtes Buch, das philosophisch gespeistes Grundverständnis mit Sinn fürs Konkrete verbindet. Es löst den Anspruch an die Philosophie, so wie Bieri sie versteht, in unakademischer, allgemein verständlicher Form und klarer Sprache ein: als “Versuch, begriffliches Licht in wichtige Erfahrungen des menschlichen Lebens zu bringen“.

Sein Ansatz, Menschenwürde als unveräußerliches Recht auf Achtung, hat den Rückgriff auf Metaphysisches, auf die Verankerung im Glauben an Gott nicht nötig; siehe die im Anhang zitierte christliche Gegenposition ( S. 375) und auch S. 296, wo er eine Person in einem seiner fiktiven Erklärungsdialoge Würde als „das letzte Heiligtum in einer säkularen Gesellschaft bezeichnen lässt, womit sie deren Wert als unverfügbares, nicht diskursiv verhandelbares Gut deutlich machen will (entsprechend gilt Artikel 1 des Grundgesetzes als „Ewigkeitsparagraph“). Sein Alter Ego Bernhard Winter lässt er im nämlichen Dialog sagen: „ Wir haben die Idee erfunden und das Bedürfnis nach Würde entwickelt, um das Leben mit seinen Gefährdungen und Zumutungen besser BESTEHEN zu können (S., 305, ähnlich schon auf S. 15) – um mit den Herausforderungen der condition humaine zurechtzukommen. Es ist eine Lebens-Haltung, eine Bewältigung jener Gefährdung zur Herstellung eines Gleichgewichts, ein Muster des Umgangs mit sich und anderen, das Bieri in der Fülle und Vielfalt – siehe Untertitel – seines empirischen Vorkommens durchspielt, immer wieder mit Beispielen, ob aus dem realen Leben, etwa der Justiz, oder der Literatur. Er lässt sich – ein Schrecken für Katheder-Philosophen – auf die Unreinheit des Empirischen ein, auf Unklarheiten, Widersprüchlichkeiten, die dem makellosen Urteilen entgegenstehen.

Dreh- und Angelpunkt ist die Bestimmung der Würde als Achtung vor dem Subjekt-Sein als solchem, Anerkennung seiner Selbstzweckhaftigkeit à la Kant, der Respekt vor dem Anspruch auf Selbstbestimmung, auf Selbständigkeit im Denken, Wollen, Entscheiden - die allerdings nicht absolut zu setzen ist,, z. B, sind Kleinkinder auf wohlwollende “Bevormundung“ angewiesen, ein psychisch Kranker kann sich im eigenen Interesse seine Schwäche und Hilflosigkeit eingestehen und therapeutisch „fremdbestimmen“ lassen. Zur Subjektivität in diesem Sinne gehören u. a. notwendig der Bezug auf ein Selbstbild, die Offenheit der Zukunft, das Bei-sich-Sein/die Nähe zu sich selbst . Die Kapitel widmen sich sich den zahlreichen Erscheinungsarten und Aspekten der Würde, etwa in Begegnungen mit anderen (Engagement in Beziehungen, Nähe und Distanz, Wertschätzung, ernst genommen werden), Achtung vor Intimität (Bedürfnis nach Abgrenzung, nach einem privaten, intimen Bezirk, Scham, mögliche Entwertung des eigenen Erlebens durch Reden darüber), Wahrhaftigkeit/Aufrichtigkeit, moralische Integrität „ Sinn für das Wichtige“, Sich-Abfinden mit der Endlichkeit.

Zu Einzelaspekten:

Sinn und Zweck der Psychotherapie werden bündig deutlich in den Abschnitten „Eine Therapie brauchen“ (S. 83 ff:) und „Mit einem Therapeuten arbeiten“ (S. 143 ff.).

Über das unverzichtbare Engagement in Beziehungen, die einen Wert haben sollen, schreibt der Autor: Zum Ernst-Nehmen des anderen gehöre, „dass ich aus der Nähe und Temperatur einer Beziehung heraus bestimmte Reaktionen ERWARTE und EINKLAGE. Engagierte Begegnungen bringen deshalb Enttäuschungen mit sich... Dann entstehen Empfindungen von Verletzung, Groll, Ärger und Hass. Sie entstammen dem Engagement und sind Belege für empfundene Nähe. Vorwürfe gibt es nur, wo es Engagement gibt“. (S. 99)

Und zur Verletzung durch schriffen Abschied heißt es: „Wenn der andere, der zu unserem Leben gehörte, wortlos verschwindet, tut das auf doppelte Weise weh: einmal wegen der Leere, dann aber auch wegen der Wortlosigkeit, durch die wir uns in unserem Recht auf Begründung verletzt fühlen... [Der Andere ] lässt uns ohnmächtig zurück, und es ist die Ohnmacht der Demütigung.“ (S. 126) Die zu integrieren nach gewisser Zeit, soll der Groll nicht ins Maßlose wuchern und erstarren, soll der "Sinn für die Proportionen“ (S. 318) nicht verloren gehen. Was nicht bedeutet, dem Ärger auszuweichen, sondern „ihn zu durchleben, ohne von ihm verschluckt zu werden“ (S: 322), das Zuviel an „Identifikation“ zu lösen (S. 323) und einem gesunden Gleichmut Raum zu geben. „Wenn uns das länger verfolgt als nötig, leiden wir nicht nur unter dem Versagen und der Verletzung, sondern auch darunter, dass wir spüren: Es ist würdelos, dass mich das so beschäftigt.“ (S. 323). Zu der möglichen verzerrenden Fehlhaltung, zur „Verengung des Geistes“ (S. 322) und Verhedderung im Vorwurfsdickicht bei Trennungen schreibt Bieri (S. 155): Es komme darauf an, „sich aus dem Wahn des Rechthabens zu befreien. Würde hat mit VERSÖHNUNG zu tun: den anderen gelten lassen, Vorwürfe ruhen lassen, Schuld ruhen lassen.... Sich bewusstmachen, das der andere in gewissem Sinne nichts dafür kann, wie er ist...“; das Gegenteil ist „der würdelose Abschied: ein verbissenes, rechthaberisches Tauziehen von zwei Unversöhnlichen, die in Hass und Vorwürfen erstart sind. Keine innere Distanz. Es wird aufgerechtet und abgerechnet. Es herrschen Selbstgerechtigkeit und Kleinlichkeit.“
0Kommentar|4 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 4. Juni 2015
Im Gegensatz zu herkömmlichen Zugangsweisen versucht Bieri in seinem Buch keinen abstrakt-philosophischen Weg einzuschlagen, sondern spürt anhand konkreter menschlicher Erfahrungen dem Begriff der "Menschenwürde" nach. Er unterscheidet dabei drei Dimensionen menschlichen Handelns: (1) Wie behandeln mich andere Personen? (2) Wie behandle ich andere Personen? (3) Wie behandle ich mich selbst? In jeder dieser Dimensionen könne man seine Würde gefährden und zwar in dem Maße, in dem man seine Selbstständigkeit im Denken, Fühlen und Handeln verliert. Im Hintergrund dieser Überlegungen steht natürlich die Philosophie Immanuel Kants, für den (die von Vernunft geleitete) Eigenständigkeit das Hauptkriterium menschlicher Würde darstellt.

Der Nachteil dieses Konzeptes der Menschenwürde liegt auf der Hand: Es wird nicht unterschieden zwischen Würde als ein menschliches Verdienst bzw. Verhalten und Würde, die jedem Menschen schon aufgrund seines Menschseins zukommt. Erstere muss man sich erarbeiten, und man kann sie auch wieder verlieren, Letztere ist unveräußerlich, d. h. man kann sie weder verkaufen noch verlieren. Da Bieri diese Unterscheidung nicht beachtet, kann er auch viele Beispiele schildern, in denen Menschen ihre Würde verlieren, was nur im ersten, nicht jedoch im zweiten Sinn von Würde nachvollziehbar ist. Im Grunde muss für Bieri die Aussage, dass die menschliche Würde "unveräußerlich" sei, unverständlich bleiben - zumindest bleibt die Frage, was man darunter verstehen soll, im Buch unbeantwortet.

Eine weitere Schwierigkeit, Menschenwürde als Selbstständigkeit im Sinne Kants zu verstehen, ergibt sich dadurch, dass in dieser Auffassung die Menschenwürde immer dann in Gefahr gerät, wenn die persönliche Selbstständigkeit eingeschränkt wird - zumindest kann dies zu (ungewollten) Abwertungen bestimmter Menschen führen. Aber auch für andere Lebewesen kann das Konzept der Selbstständigkeit kaum eine geeignete Grundlage dafür bieten, diesen auch eine gewisse Würde zuzugestehen.
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 23. November 2013
Nun also Würde. Peter Bieri, bekannt durch seinen spektakulären und faszinierenden Versuch, Willensfreiheit mit Determinismus zu versöhnen und als "Handwerk der Freiheit" neu zu buchstabieren, setzt sich wieder mit einer grundlegenden aufklärerischen Idee auseinander: der Würde des Menschen. Der Begriff wird in seiner schillernden Vielschichtigkeit abgetragen. In bekannter Bieri-Manier wird dem nachgespürt, was wir eigentlich meinen, wenn wir Würde sagen. Konkrete Situationen, konkrete Redeweisen schaut Bieri sich an und nimmt sie vorsichtig auseinander: Würde als Selbständigkeit, als Achtung vor Intimität, als Selbstachtung, als moralische Integrität...

Das ist reich und dicht und toll formuliert - und überzeugt mich dennoch weit weniger als das provokante "Handwerk der Freiheit". Zu assoziativ kommt das alles daher, es fehlt der klare, disziplinierte, argumentative Aufbau. Bieri ist stark, wo er sich mit Einwänden gegen sein Begriffsverständnis auseinandersetzt: Mit dem Kleinwüchsigen, der es nicht entwürdigend findet, beim "Zwergenweitwurf" geworfen zu werden, weil er damit freiwillig seinen Lebensunterhalt verdient. Mit den Facebook-Reisenden, die nichts Würdeloses daran sehen können, persönliche Details im Internet zu verbreiten, sondern für die das eine Frage von Transparenz und menschlichem Austausch ist.

Aber der Schlagabtausch bleibt häufig im Nirwana stehen. Die umstrittene Frage bleibt am Ende offen. Oder sie wird zwar beantwortet, aber es baut nichts darauf auf - es wird einfach eine neues Päckchen mit einer neuen Bedeutungsvariante geöffnet.
Und diese Auseinandersetzungen kommen zu selten vor. Bieri betreibt über lange Strecken Exegese statt Argumentation und allzu häufig und zu deutlich ist das die Exegese höchst persönlicher Empfindungen. Die Würdevorstellungen des mitteleuropäischen Bildungsbürgers werden dann zu allgemeinmenschlichen Würdevorstellungen, und es kommt zu so zweifelhaften Aussagen wie: Aberglauben ist würdelos. Am Ende bleibt man ziemlich ratlos mit einem Bündel unterschiedlichster (und erkennbar milieuspezifisch gefärbter) Bedeutungsnuancen statt einer einenden Idee zurück.

Gegen Ende reißt Bieri dann einige hochspannende Fragen an und behandelt sie sehr klug und berührend: Sinn des Lebens, Sinn für Proportionen, Schuld und Vergebung, Umgang mit Endlichkeit und Verfall. Leider allerdings nur sehr kurz, und mit Würde hat das nach meinem Empfinden nur noch am Rande zu tun. Es ist, als verwende Bieri den Begriff der Würde als großes Füllhorn für alles, was in einem Menschenleben wichtig sein kann - aber dafür ist der Begriff eigentlich zu klein.

Im Grunde, denke ich, ist alles viel einfacher. These: Es gibt an der Würde nichts Allgemeinmenschliches. Würde hängt an der Achtung. Wenn ich mich selbst achte, erlebe ich mich als würdig. Wenn ich mich so verhalte, dass andere mich achten (können), erleben die anderen mich als würdig. Und wenn mich jemand miss-achtet, erlebe ich selbst oder Dritte das als Verletzung meiner Würde. Würde ist ein Proxy für: Respekt verdienen oder bekommen.

Womit man sich aber Respekt verdient oder wofür man ihn bekommt, ist kulturell höchst relativ. In manchen Ländern geht eine respektable Frau verschleiert - und das Entblößen des Haares gilt als würdelos. In einer europäischen Fußgängerzone gilt es als würdelos, sich nackt auszuziehen und laut zu schreien - bei einem schamanischen Tanz bekommt der Schamane, der dasselbe tut, höchsten Respekt. Die Frage nach der Würde, die philosophisch so sperrig wirkt, lässt sich soziologisch ziemlich schlicht auflösen. Spannend wäre dann nicht die Frage: Was "ist" Würde? Sondern: Wie leben wir in Frieden in einer Welt zusammen, in der Würde eine zugleich so essenzielle und so kontroverse Vorstellung ist? Die Frage verliert man leider, wenn man Würde philosophisch essenzialisiert.
44 Kommentare|49 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 1. Juli 2014
Peter Bieri ist ein akademisch anerkannter Philosoph und seinem Wesen nach ein Literat. Das ist eine selten glückliche Kombination. Ob es nun um Beziehung, Intimität, Verantwortung,Schuld oder die Würde insgesamt geht: Die abstrakten Begriffe, mit denen der Philosoph hantiert, befühlt und probiert der Literat so lange, bis er sieauf den Boden des Lebens und der menschlichen Alltagserfahrung bringt. Das Ergebnis ist zugleich eines der weisesten und eines der spannendsten Bücher, das ich seit langem gelesen haben.

Ein Buch ganz nahe am Leben, das eben deswegen auf eine universale und "methodisch saubere" Darstellungsformel zu Würde verzichtet. Das viele Widersprüche auflöst, aber die letzten so stehen lässt, wie sie für uns bleiben müssen: unauflösbar.

Es gibt eine Würde, die wir als Gesellschaft jedem zugestehen, einfach indem er /sie als Mensch existiert. Weit darüber hinaus gibt es aber feinere Dimensionen der Würde, die aus der Bereitschaft des Einzelnen ersteht, von seinem souveränen Denk- und Urteilsvermögen Gebrauch zu machen. Sich seinen persönlichen Reim zu machen und seine Werte, Sehnsüchte auch gegen widrige Umstände zu leben. Eine die Würde wahrende Kultur ist - wenn ich Bieri richtig verstehe - eine Art produktiven Miteinanders, in dem die Individuen einander nicht nur fördern, sondern auch fordern, korrigieren und sanktionieren, ohne einander zu beschämen oder zu demütigen.

Würde ist eine offene Zukunft statt einer vorherbestimmten. Selbstachtung statt Selbstverachtung. Der Mut zur Wahrhaftigkeit statt die Bequemlichkeit der Verlogenheit. Konsistenz und Prinzipengeleitetheit statt Orientierungslosigkeit oder Beliebigkeit. Die Fähigkeit zur Intimität statt Bindungslosigkeit. Selbstbestimmtheit statt Fremdbestimmheit oder Unbestimmtheit. Peter Bieri hat eine würdige Art gefunden, über die Würde schreiben.
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 9. August 2014
"Eine Art zu leben" von Peter Bieri behandelt das Thema der menschlichen Würde. Das Buch beleuchtet in acht Kapiteln verschiedene Dimensionen des Begriffs der Würde, wie sie von Bieri hier verstanden wird - eben als eine Art zu leben. Dazu gehören: Selbständigkeit; Begegnung; Achtung vor Intimität; Wahrhaftigkeit; Selbstachtung; moralische Integrität; Sinn für das Wichtige; Anerkennung der Endlichkeit.

Mit der Genauigkeit des Denkens und der Präzision des Formulierens, welche er beim Schreiben an den Tag legt, erweist der Autor der Philosophie als Mutter der Wissenschaften die ihr gebührende Ehre. Als jemand mit naturwissenschaftlicher Ausbildung habe ich mich beim Lesen gefragt, wieviele Vertreter der sogenannten harten Wissenschaften diesem Praktiker einer "sanfteren" Disziplin das Wasser reichen können, was die Schärfe der Darstellung und das Bemühen um Klarheit und Verständnis betrifft.

Besonders zugute kommt meines Erachtens dem Werk auch ein exzellenter Einsatz von schriftstellerischen Stilmitteln. (Man merkt deutlich, dass der Autor neben philosophischen Abhandlungen auch das Zeug zur Belletristik hat. Bieri hat unter dem Pseudonym Pascal Mercier auch Romane verfasst.) So werden etwa reale Begebenheiten und Erlebnisse des Autors sowie fiktive Figuren aus der Weltliteratur, aber auch Abhandlungen von Argumenten und Gegenargumenten in Dialogform in den Essay eingeflochten.

Es ist erstaunlich und wohltuend, wieviel man aus diesem Essay über das eigene Leben und das der anderen erfährt. Für mich ist es ein wundervolles und ein sehr einfühlsames Buch. Vielleicht ist es auch eines der weisesten Bücher, die ich bislang gelesen habe. Seine Lektüre ist unbedingt zu empfehlen.
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 20. November 2013
In Peter Bieris philosophischer Abhandlung geht es um die Würde des Menschen. Sie spielt in vielfachen Zusammenhängen eine gewichtige Rolle in unserem zwischenmenschlichen Leben. Der Autor will uns in seinem ausgezeichneten Werk die unterschiedlichen Zusammenhänge, in denen uns die Würde des Menschen beschäftigt, zugänglich machen.

Zu Beginn steht der Gedanke, dass die Würde des Menschen seine Selbständigkeit als Subjekt und seine Fähigkeit ist, über sein Leben selbst zu bestimmen. „Seine Würde zu achten, heißt, diese Fähigkeit zu achten.“ S 346 „Sterben ist das Geschehen, in dessen Verlauf die Selbständigkeit eines Menschen verloren geht.“

Peter Bieri führt uns durch das ganze alltägliche Leben mit seinen Zumutungen und Glücksmomenten bis zum Ende des Lebens mit den Verlusten an selbständigem Handeln und möglicherweise Denken.

Wo beginnt und endet unsere Selbständigkeit? Wie erleben wir uns als Zuschauer, Opfer oder in unserem Selbst im Angesicht von Würde oder Unmenschlichkeit?
Anhand zahlreicher Beispiele aus der täglichen Beobachtung, aus Literatur, bekannten Theaterstücken oder Filmen gelingt es Peter Bieri, uns die Abhängigkeiten, Zufälle, die schicksalhaften Verstrickungen oder auch Identitäten zu erläutern, mit denen wir es in unserem oder im Leben unserer Nächsten tun haben.
In seiner Einführung spricht der Autor über sein Vorhaben und gibt zu bedenken, „ .....wie vieles an den Rändern der Gedanken unklar und unsicher bleibt.“ Wie angenehm und sympathisch, dass hier einer sich nicht als Allwissenden präsentiert!

P.Bieri nimmt uns mit auf eine Gedankenreise, in der wir vieles an eigenem Erleben wiedererkennen und Klarheit über Gefühle und Irritationen erhalten, die unser Leben begleiten.
Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, das Gefühl als ein „Selbst“ wahrgenommen zu werden und nicht als eine „Sache“, spielen eine ebenso große Rolle wie die Diskurse über Distanz und Nähe.
Alles zusammengenommen handelt es sich hier um Tiefendimensionen, die eine deutliche Nähe zwischen Philosophie und Psychologie offenbar werden lassen.

Würde, Selbstachtung, moralische Integrität, Wahrhaftigkeit, Achtung vor Intimität und nicht zuletzt Anerkennung der Endlichkeit, die den Schluss der Abhandlung bildet, sind die Merkmale eines rundum gelungenen Abrisses über das, was unser Leben ausmacht.

Wie in der Einführung ebenfalls bemerkt werden hier bekannte und erfahrene Ereignisse und Wahrnehmungen in Worte gefasst und in Zusammenhänge gebracht, die uns alltägliche Dinge klarer sehen und verstehen lassen.

Peter Bieri verfasste bereits unter dem Pseudonym Pascale Mercier seinen ebenfalls philosophisch gefärbten Roman „ Nachtzug nach Lissabon“. Er lehrte an verschiedenen Universitäten, zuletzt an der Freien Universität in Berlin Philosophie.
0Kommentar|6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 500 REZENSENTam 11. August 2014
Es ist ein intensives Buch, das einem Zeit und Konzentration abverlangt, es ist kaum möglich so ein Buch schnell zu lesen, dazu kommt, dass nicht immer alles einfach und schnell zu erfassen war, viele Stellen musste ich immer wieder zurückgehen und noch mal lesen. Würde ist ein kostbares Gut, ein kostbares Thema, das mehr im Stillen wahrgenommen wird und unmittelbar mit der Kostbarkeit menschlichen Lebens verbunden ist. Peter Bieri alias Pascal Mercier, schreibt unter seinem richtigen Namen, seine philosophischen Werke, während er seine literarischen Arbeiten unter seinem Künstlernamen veröffentlicht. Schon zu seinem vorgängigen Werk Wie wollen wir leben? konnte ich den Autor in einer Lesung erleben, und habe doch mit grossen Interesse wahrgenommen, wie der Autor Philosophie Lesern näher bringen kann, auch wenn sie keine Philosophen oder Philosophie-Studenten sind. Und auch wenn vielleicht dieses Werk kein rein Philosophisches ist, so ist es doch stark aus dieser Richtung, sowohl im Denken als auch der Art wie es verfasst wurde, stark beeinflusst. Ein sehr komplexes Werk, das gar nicht so einfach zu erfassen und zu beschreiben ist. Ein Buch, das ins Zentrum des Lebens zielt, Beispiele aus der Literatur und der Filmbranche aber auch dem Leben gibt, und Grundwahrheiten nachgehen will, wie Achtung vor der Intimität, Wahrhaftigkeit, Selbstachtung, moralische Integrität, Selbstständigkeit, Würde als Begegnung aber auch als Sinn für das Wichtige bis hin zur Anerkennung der Endlichkeit, also der Erfahrung von Würde im Zusammenhang von Tod.

Natürlich geht Bieri verschiedenen Fragen nach, etwa: was beeinflusst Würde, was fördert oder begünstigt sie, und wo etwa wird sie allenfalls beschädigt oder gar zerstört? Das Bedürfnis nach einem selbstbestimmten Leben, hat hier sehr wohl etwas mit Würde zu tun. "Wir wollen über unser Leben selbst bestimmen können, was wir tun und lassen. Wir möchten nicht von der Macht und dem Willen anderer abhängig sein. Wir möchten nicht auf andere angewiesen sein. Wir möchten unabhängig und selbstständig sein", schreibt Bieri zu Anfang seines 1. Kapitels. Welche Rolle spielen beispielsweise Motive oder Identitäten in unserem Leben im Zusammenhang von Würde? Ist Demütigung das Gegenteil oder der Feind von Würde? Wie wurde Würde im Krieg, im KZ erlebt, oder im Gefängnis? Was bleibt Verbrechern, die vielleicht ihre Zeit bis zur Todesstrafe absitzen an Würde? Haben sie überhaupt noch eine? "Würde ist das Recht, nicht gedemütigt zu werden", schreibt Peter Bieri in seinen Ausführungen. U.a. geht er in seinem Buch auf das "Zwergenwerfen" ein, das vom Betrachter aus gesehen, völlig anders aus gesehen werden mag, als das von vielleicht von den betroffenen kleinwüchsigen Menschen selbst erlebt werden mag. Auch der Begriff von "Autorität" kann einen wichtige Rolle spielen, denn dort "in den wichtigen Dingen des Lebens gibt man seine Autorität nicht aus der Hand". Auch ein Arzt wird beispielsweise erwähnt, der sich gezwungen sieht, einem Mitglied einer Familie eine Bluttransfusion zu geben, wo aus religiösen Gründen eine Bluttransfusion als eine Verfehlung dargestellt wird, und hier gerade im Zusammenhang verschieden Welten aufeinander treffen können. Damit einher geht natürlich die Frage die Bieri in seinem Buch stellt, ob die Hilfsbedürftigkeit, wie im genannten Beispiel, die Würde des Betroffenen gefährden kann. Was passiert eigentlich mit der Würde von Menschen die gefoltert werden? Oder Menschen, die dem Alkoholismus verfallen sind? Welche Rolle spielt der Grad von Selbstständigkeit eine Rolle im Kontext von Würde? Bieri bringt Beispiele aus der Literatur, wo Menschen einen Verlust von Würde erleben, wo etwa innere Versklavung bis hin zu Hörigkeit geschildert werden. (Nabokos / Lolita oder auch Heinrich Mann / Professor Unrat) Welche Rolle spielt eigentlich Therapie im Zusammenhang mit Würde und kann in Therapien Würde zurückerlangt werden? Welchen Einfluss nehmen etwa Arbeit oder Geld in unserem Leben ein, was unsere Würde betrifft? Geld als Machtmittel, kann Menschen in ihrer Würde betreffen, manipulieren, ja erpressbar machen.

"Jeder Mensch ist im Zentrum des Erlebens", schreibt Bieri, von dem im Grunde auch alles ausgeht. Was ist eigentlich Begegnung, wie wird sie erlebt und wie wird darin Würde erlebt? Bieri schreibt hier von der Dimension des "gefühlten Antwortens", erst im ernst nehmen, in der "Hitze der Wechselseitigkeit", erleben wir so etwas wie Begegnung. Demütigung ist eine Erfahrung der Ohnmacht. Auf "einem Jahrmarkt von missgebildeten Menschen" hinterfragt der Autor das Bestehen von Würde, genauso wie wenn er in ein Gefängnis geht, uns mit einem Gefängnisdirektor das Thema Würde im Kontext von eingesperrt sein bespricht. Verlieren Prostitu*erte einen Teil ihrer Würde, wenn sie sich zu Lust-Objekten machen? Oder vielleicht in Clown, der in einer Vorstellung ausgelacht wird? Führt die Unterwerfung unter eine Ideologie, egal welcher Ausrichtung sie angehören mag, zu einem Verlust von Würde? Wie wird Würde in Partnerschaften erlebt und kann Würde im Abschied von Beziehungen erlebt werden? (Die Würde eines Abschieds hat viel mit der Anerkennung zu tun: anerkennen was der andere ist, was er kann, wie wichtig er einem war, was er für die Beziehung geleistet hat. (..) den anderen als Ganzen würdigen (..) Würde hat mit Versöhnung zu tun.) Können Abschiede zu Menschen, die uns nahe standen in Würde bestehen? Was bedeutet es eigentlich sich mit den Augen des anderen zu sehen, mich mit deren Augen zu betrachten? Welche Rolle spielen heute Veröffentlichungen im Zusammenhang von Intimität / Würde, die wir im Internet sehen können, oder etwa Paparazzi, die Intimes von bekannten Stars durch Fotos die sie schiessen, in die Presse transportieren und damit im Grunde nichts anderes als Geld machen? Kann eine beschädigte Würde durch den Verrat von Intimität eigentlich noch verteidigt werden? Und was ist eigentlich unter dem Begriff der "moralischen Würde" zu verstehen? Wie wird eigentlich im Kontext von "Opfer-Täter" Würde erlebt? Was bedeutet es eigentlich am Endes seines Lebens, auf sein Leben zurück zu blicken, können wir dabei Würde erleben? Kann Würde im Tod erlebt werden? Verlieren wir Würde, wenn wir den "Tod auf Verlangen" also sprich den eigenen Suizid einfordern?

Der gespannte Bogen ist gewaltig, den Peter Bieri hier anreisst. Obwohl ich es manchmal gar ein wenig theoretisch und zu wenig praxisbezogen gelesen habe, bietet es trotz allem einen großen Raum, für die eigene Reflexion, dem inneren Nachgehen, wie Würde denn letztendlich auch im eigenen Leben erlebt wird. Die Schwäche dieses Buch liegt sicherlich darin, allzu theoretisch und manchmal nicht leicht zu verstehen ist. Die Stärke liegt jedoch darin, über ein ein Thema einen Bogen anzureissen, der mit etwas zu tun hat, was mit dem Kostbarsten überhaupt zu tun hat, nämlich unserem Leben. "Die Würde eines Menschen ist seine Selbstständigkeit als Subjekt, seine Fähigkeit, über sein Leben zu bestimmen", ist sicherlich eines der Hauptrenomées dieses Buches. Darüber sich eine Buchlänge zu beschäftigen lohnt meiner Meinung allemal, weil es sich mit einem unsichtbaren aber fühlbaren ja eines kostbaren Gusts überhaupt beschäftigt, das der Mensch besitzen kann: Würde.
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 29. Juni 2015
Viel anschaulicher und präziser kann man Sozialphilosophie nicht betreiben. Wer verstehen will, was alltägliche zwischenmenschliche Erfahrungen im Kern ausmacht, der/die sollte zu diesem Buch greifen. Bieris liefert Einblicke die uns Phänomene wie Manipulation, Verführung, Intimität, Selbstbestimmung sehr viel verständlicher machen. In diesem Buch fand ich (für mich) die besten Hinweise wie ein menschliches Miteinander sowohl auf der persönlichen als auch der gesamtgesellschaftlichen Ebene aussehen könnte.
Unbedingt lesen!
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 4. September 2015
Ein vorzügliches Werk über die vielfältigen Arten der menschlichen Würde, eines in unserer Gesellschaft schon fast lächerlich anmutenden Begriffs.

Bieri beleuchtet über weite Strecken brilliant und anhand von ausgezeichnet gewählten Fallbeispielen, wie die Würde eines Menschen eingeschränkt, geschädigt, aber auch wieder hergestellt werden kann und zeigt, wie wichtig und uneingeschränkt gültig diese altertümliche Bezeichnung für die Autonomie und Integrität eines Menschen auch - und gerade in Zeiten des Internets, der sozialen Medien und der schnellen Verurteilung - heute (noch) ist.

Das Werk startet korrekt mit einer Definition und Abgrenzung der menschlichen Würde und stellt dem Leser über mehrere Kapitel, in der Würde in ihren verschiedenen Formen (z.B. in Begegnung und Selbständigkeit) diskutiert wird, ein umfassendes Bild der menschlichen Würde dar.

Dabei macht Bieri auch vor den letzten Fragen - der Würde des Menschen im Tod - keinen Halt und hilft dem Leser, der auf der Suche nach Erklärungen im Leben und seinen Beziehungen ist, durch brilliante Gedankengänge und ausgezeichnete analytische Arbeit weiter.

Insgesamt - trotz später leicht auftretender Tendenz zu Wiederholung - ein unbedingt lesenswertes und spannendes Werk.
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden