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29 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Fleißig sind sie gewesen, das Autorenduo Stefan Gärtner und Jürgen Roth, um dieses gut hundert seitige Pamphlet zu verfassen und zusammenzutragen. Allein die schiere Unzahl an Verweisen auf Zitate und Quellen, lässt die Annahme zu, sie haben all das auch wirklich gelesen - oder zumindest jeweils einer von beiden. Dafür Respekt. Jedoch strauchelt diese an sich wohlgemeinte Schrift da schon das erste mal auf dem Weg den Leser auch wirklich zu erreichen. Es nervt einfach, wenn auf jeder Buchseite fortwährend Inklammersetzungen mit Nennung der jeweiligen Quelle (mal einer Zeitschrift, mal eines Internet-Blogs etc.) oder Namen des Zitierten oder ganzer mehrzeiliger Buchtitel erfolgen. Die Absorption des Gelesenen und das Reflektieren während des Lesens wird dem Leser so unnötig erschwert, weil der Lesefluss permanent jäh unterbrochen wird, nicht selten fünf und mehr mal pro Seite. Fußnoten hätten der Lesbarkeit einen großen Dienst erwiesen, auch wenn dann die Mehrzahl der Buchseiten ganz erheblich zum unteren Rand mit Fußnotentext versehen wäre.

Die Autoren nennen ihren Text selbst ein Pamphlet. Und ein Pamphlet ist selbstredend immer polemisch, zumindest auch. Das ist gut. Sich zu der Verrohung, Verblödung, Verkindung und dem Verderben (so auch die vier Kapitelüberschriften des Büchleins) der Gesellschaft zu äußern, ohne dabei auch mit Überzeichnungen, Zuspitzungen und einer angemessenen Dosis Satire zu Werke zugehen, wäre ein recht staubiges Unterfangen und drohte als moralinsauer missverstanden zu werden. Die Autoren versteigen sich nur leider hie und da zu regelrechter Anmaßung und vergaloppieren sich im intellektuellen Überschwang zur Offenbarung eigener Bildungs- oder zumindest Erfahrungslücken. Beim Aufzeigen von Ursächlichkeiten und vermeintlich Verantwortlichen für den nicht bestreitbaren Niedergang des Benehmens, der Werte und der Bildung in den westlichen Gesellschaften und der gedankenlosen Aufweichung des ethischen und sozialen Fundaments, unterlaufen ihnen schlicht Fehler, die ihnen mit Blickwinkel aus einer anderen Perspektive, als der von ihnen eingenommen vom höchsten Fenster ihres Elfenbeinturms aus, vermutlich nicht unterlaufen wären.

Keine falsche Zimperlichkeit, wer viel hinlangt, langt auch schon mal daneben - kein Problem. Aber wenn binnen hundert Seiten mehrfach Sachverhalte und Personen, die sich mehr zum Wohle als zum Wehe der Gesellschaft im Sinne des Buchtitels verdient gemacht haben, mit tatsächlich grenzdebilen Erscheinungen und Tendenzen in einen Topf geworfen werden, dann ist das nicht mehr zu goutieren. Ob aus Unwissenheit oder Arroganz, ist dabei letztlich egal. Es entsteht unweigerlich der Eindruck, die Autoren hängen die Messlatte des kulturellen Anspruchs und der Intelligenzvoraussetzungen in eine Höhe, die kaum 5% der Menschheit überspringen kann. Es ist zwar glaubhaft, dass die Autoren selbst diese Hürde mühelos nehmen - Glückwunsch zur Demonstration - aber wenig zielführend, wenn es ihnen denn wirklich darum geht, mit ihrer Schrift einen Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen (wieder) gedeihlicheren Miteinander zu leisten. Denn, das ist unbestritten, wir sind ja zweifellos gerade kräftig dabei uns in Oberflächlichkeiten, Ablenkungsmanövern und infantilen Albernheiten zu verirren, verlieren Urteilskraft und Umgangsformen und werfen kostbare Errungenschaften achtlos über Bord und, zu aller Schande, wir merken es nicht einmal. Nur setzt sich die Menschheit nun mal nicht ausschließlich aus Kunsthistorikern und Philosophieprofessoren zusammen - ein "Gott sei Dank!" möchte man hinzufügen. Also wird man nach Wegen zum guten Benehmen unter Inkaufnahme menschlicher Defizite suchen müssen. Es hilft nicht, alles in Bausch und Bogen zu verdammen und intellektuell zu bepöbeln, was nicht erlaucht und erlesen höchsten kulturellen und geisteswissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird. Das stinkt nach Hybris, nach intellektueller Selbstbeweihräucherung.

Und auch der dritte Kritikpunkt gilt einer subtilen Zurschaustellung der eigenen Überlegenheit der Autoren, die einfach befremdlich wirkt und den Wert des Buches unnötig herabsetzt. Man möchte ihnen, frei nach ihrem eigenen Buchtitel, zurufen: Benehmt euch! Diese Hybris ist unnötig!
Es ist prinzipiell nur zu begrüßen, wenn ein Mensch, zumal ein Autor, über einen großen aktiven Wortschatz verfügt und davon auch Gebrauch macht. Es ist nur Katastrophe zu nennen, dass binnen der letzten fünfzig Jahre der aktive Wortschatz der Deutschen im Durchschnitt von etwa 4.000 aktiv genutzten Vokabeln auf etwa 1.500 regelrecht abgestürzt ist - der Durchschnitt wohlgemerkt! Es gibt Wesen, mündige Bürger, die brabbeln sich mit 300-400 Vokabeln durch ihr Dasein, von so erodierter Sprachkompetenz, dass sie die Bedeutung der Vokabel >Vokabel< nicht kennen (kein Scherz, ich habe es selbst erlebt, ein erwachsener, mündiger Mensch, ausgestattet mit Wahlrecht und Ganztags-Jogging-Hose, fragte mich im Gespräch "Was heißt nochmal Vokabel?" und es war ihm nicht die Bohne peinlich, als ich es ihm bar jeder Kontrolle über meinen Gesichtsausdruck erklärte)!

Und dennoch gilt auch noch heute, bei aller Leidenschaft für Sprache und dem Bedürfnis dem allgemeine Sprachgemansche demonstrativ Substanz entgegen stellen zu wollen, dass die Verwendung von alltäglich kaum gebräuchlichen Vokabeln sinnvoll ist, um zu konkretisieren, sich exakt auszudrücken, wo eine mögliche Doppeldeutung eines allgemeineren Begriffs zu Ungenauigkeiten oder Missverständnissen führen könnte oder dergleichen. Es ist aber nichts weiter als Wortgeprotze, wenn keine, aber auch wirklich keine Gelegenheit ausgelassen wird, um irgendeine bildungssprachliche Rarität hervorzukramen und somit unentwegt seine nicht ermattende Sprachpotenz zur Schau zu stellen. Auch das dient, so exzessiv wie hier betrieben, nicht der guten Lesbarkeit des Buches. So sehr mir Sprachkompetenz lieb und teuer ist, mit guter Rhetorik hat das dann genauso wenig zu tun wie hilfloses Herumgestammel aus Ermangelung einer brauchbaren Wortauswahl. Ein guter Koch, wählt aus der Vielzahl seiner (gern auch seltenen und exotisch ungewöhnlichen) Gewürze nur jene aus, die zusammen ein köstliches Mahl ergeben. Ein Prolet in der Gourmetküche, haut alle Gewürze in die Pfanne, die ihm zur Verfügung stehen, nur um prahlend zu zeigen, dass er sie hat - guten Appetit! Diesbezüglich ist das Buch völlig überwürzt, um im Sprachbild zu bleiben.
Man mag mir schieren Neid als Motiv für diesen Kritikpunkt unterstellen, aber ich bekenne, lange kein Buch mehr gelesen zu haben, was mich so oft ans Wörterbuch nötigte, um dort dann erklärende alternative Vokabeln vorzufinden, die dem Gesagten auch klarere Ausdrucksmöglichkeiten aufzeigten, ohne dabei an Präzision oder intellektuellem Gewicht zu verlieren. Im Gegenteil, denn man kann einen klugen Gedanken unter zu vielen dicktuerischen Vokabeln auch verschüttgehen lassen.

Trotz aller Kritik, drei Sterne, weil das Ansinnen des Buches gut ist und in Teilen auch die Umsetzung, und weil ein jeder ernstzunehmende Beitrag, der die öffentliche Diskussion des Themas vorantreibt, Beachtung verdient. Denn darin sind die Autoren des Buches und der dieser Rezension dann eben doch ganz d'accord: Wenn es uns nicht gelingt, die in den letzten zwei, drei Jahrzehnten erfolgte Inthronisation des Stumpfsinns und des völlig außer Kontrolle geratenen Egozentrismus, mit Schlagworten wie "Selbstverwirklichung" oder "Individualismus" verbrämt, gesellschaftlich rückgängig zu machen, dann laufen wir Gefahr in den wiederum nächsten zwei, drei Jahrzehnten unseres Gesellschaftssystems verlustig zu gehen, samt und sonders aller damit verbundenen Errungenschaften wie Bürgerrechten, Sozialstaatlichkeit, Demokratie, das Recht zur freien Meinungsäußerung, ja der Freiheit an sich und wohl recht sicher auch des Wohlstands - da ist dann selbst der Elfenbeinturm der Hochgeistigkeit keine sichere Trutzburg mehr.
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Die Stärke dieses Buches liegt eindeutig in der Symptombeschreibung und der trefflichen Wiedergabe von Alltagsbeobachtungen. Die angebotene Erklärung ist ob ihrer Oberflächlichkeit dann doch enttäuschend, zumal die Autoren sich damit rühmen, im Gegensatz zu anderen aktuellen Werken eine theoriegeleitete Kritik des "Sittenverfalls" zu präsentieren.
Sie verfallen in die marxistische Angewohnheit, in ausnahmslos jedem gesellschaftlichen Phänomen eine Folge des Wirtschaftssystems zu sehen: Als ob am Anfang nur die Wahl zwischen Markt- und Gemeinwirtschaft stände und sich hinfort in allen gesellschaftlichen Bereichen ein durch diese Wahl determinierter Endzustand einstellte. Es muss eine Art Zwangshandlung sein. Es soll ja schließlich sogar Marxisten gegeben haben, die in langen Trakten eine marxistische Rationalisierung ihrer Abneigung gegenüber der Jazzmusik anstrebten.

Ich glaube weder wie einige konservative Kommentatoren, dass die Erosion unserer Umgangsformen nur eine Folge der Abkehr von klassischen Werten und einer weniger autoritären Erziehung ist; noch wie die linken Autoren dieses Büchleins, dass eine auf Wettbewerb ausgerichtete Wirtschaftsordnung zwangsläufig hemmungslosen Individualismus als einziges Lebensgefühl in den Köpfen der Menschen verankert; oder gar, wie gewisse Libertäre, dass Paternalismus und der ausufernde Wohlfahrtsstaat die Menschen von familiärer Solidarität und Selbstverantwortlichkeit entbinden, auf diese Weise Rücksichtslosigkeit im zwischenmenschlichen Verkehr sowie Infantilisierung fördern. Ich denke, dass sich in der Gesellschaft viele Wandlungsprozesse gleichzeitig vollziehen. Ohne einen Blick in die Literatur der empirischen Sozialforschung lässt sich demnach wohl gar nichts über die (vielfältigen?) Ursachen sagen. Die Autoren tun dies nicht, zitieren stattdessen fleißig Publizisten aus dem eigenen ideologischen Ghetto.

Mögliche Erklärung, die gar nicht in Betracht gezogen werden, wären z.B. bloße Korrelate einer "neoliberalen" Ordnung: Vielleicht ist es gar nicht so sehr der Kapitalismus (bzw. "Spätkapitalismus" wie die Autoren in guter, seit Dekaden bewährter linker Tradition schreiben, schließlich kommt das Ende bald, ganz bald, ganz sicher, jaja ...), sondern der durch ihn geschaffene Wohlstand, der die Menschen verzieht; das heißt, vielleicht treten durch Wohlstand gewisse Notwendigkeiten des Umgangs in den Hintergrund und gewisse immer schon vorhandene Präferenzen, für hirntote und langfristige schädliche Unterhaltungsprogramme beispielsweise, durch die Angebotsvielhalt in den Vordergrund. Die Mehrzahl muss ja dank dem kapitalistischen Wohlstand nicht mehr so viel arbeiten und hat erstmals in der Menschheitsgeschichte tatsächlich eine Menge Zeit zu verschwenden.
Ebenso könnten die zunehmende Verstädterung und die damit einhergehenden Veränderungen in der Sozialisationsumwelt (größere Anonymität etc.) zu bestimmten Aspekten der beklagten Wandlung beitragen.

Zuletzt könnte es sein, dass in einer modernen, arbeitsteiligen und tendenziell meritokratischen Welt veränderte Prozesse die gesamtgesellschaftliche Integration gewährleisten. Manieren und Sprachfertigkeiten, die früher notwendig waren, um die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht zu signalisieren, werden entwertet und nivelliert, weil heute die Tüchtigkeit des einzelnen mehr zählt als seine distinguierte Bildung und bürgerlichen Umgangsformen. Wiewohl sie trotz ihres gesunkenen Nutzens ein öffentliches Gut darstellen, das unser Zusammenleben angenehmer gestaltet, könnte ihre Entwertung mithin ein Nebeneffekt einer an sich wünschenswerten Entwicklung sein, die erst soziale Mobilität ermöglicht. Derlei Gedanken sind freilich zu dialektisch für wahre Marxisten, die nur ein Lippenbekenntnis zum dialektischen Denken kennen.
Eigentlich wissen wir nicht einmal, ob die Diagnose so zutreffend ist, wie in "Benehmt euch!" dargestellt. Vielleicht sind heute gewisse Schichten schlichtweg präsenter als früher und man kommt mit ihnen häufiger in Kontakt. Vielleicht liegen mehr Zeugnisse von ihnen vor als in einer Zeit, in der die Medien bürgerlich dominiert waren. Vielleicht haben sich die Umgangsformen im Mittel verbessert?

Freilich muss ein Pamphlet keine sozialwissenschaftliche Abhandlung sein, dennoch hätte ein Minimum an Substantiierung zwischen der penetranten Propaganda das Werk zumindest lesbar hinterlassen.

Abschließend bleibt anzumerken, dass ich Stefan Gärtner (von Herrn Roth kenne ich zu wenig) für einen geistreichen Mann halte. Nichtsdestoweniger ist er ein anämischer Theoretiker. Wichtige gesellschaftliche Fragestellungen sind etwas für echte Frauen und Männer, die sich bereitwillig die Hände in der Feldarbeit der empirischen Forschung schmutzig machen. Mit seinem derzeitigen Denken ist Herrn Gärtners Platz leider nur ein Kolümnchen in einem Witzblatt, das den systemimmanenten Humor für bauchlinke AStA-Versager produziert.
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am 16. Dezember 2013
Mich haben die beiden ersten Rezensionen irritiert. Wieso schwülstig? Das Gegenteil scheint mit der Fall zu sein. Und was hat die Gärtnersche Sprachkunst mit Hybris zu tun? Wieso muss man sich quälen, um das Büchlein zu lesen? Ich finde es erstaunlich, wie übel es Autoren genommen wird, wenn sie, wie Gärtner und Roth, ihren Lesern etwas zutrauen. Aber vielleicht ist das auch nur eine Facette genau der Gesamtproblematik, die in dem Buch so treffsicher analysiert wird.

Statt den Autoren zu unterstellen, dass sie intellektuell auf dicke Hose machen wollen, könnte man ja auch auf die Idee kommen, dass sie einen bestimmten Stil wählen, um damit etwas auszudrücken, vielleicht etwas zu unterstreichen, zu ironisieren, zu kontrastieren, ..., kurz: man könnte, wenn man den Gedanken womöglich auch vorher noch nie hatte, beim Lesen dieses Buches auf die Idee kommen, dass Sprache auch einen ästhetischen Zweck haben kann und dann nicht mehr ausschließlich Mittel zum "möglichst exakten Ausdruck" ist.

Ich bin kein Sprachwissenschaftler, nicht einmal Philosophieprofessor oder Kunsthistoriker, aber ich habe das Buch mit Vergnügen gelesen und kann es daher vorbehaltlos empfehlen.
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HALL OF FAMETOP 500 REZENSENTam 8. November 2013
Wenn es darum geht, exotisches Vokabular in ein Büchlein einzubauen, welches sich mit dem Sittenverfall in unserer Gesellschaft befasst, haben die Autoren Stefan Gärtner (1973) und Jürgen Roth (1968) schon mal gute Chancen auf den ersten Preis: Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal deutsche Vokabeln habe nachschlagen müssen. Naja, so deutsch waren sie nun auch wieder nicht.

Das ist leider nicht der einzige Rekord. Die Autoren kann man wohl als Journalisten mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund einstufen. Offenbar wären sie aber lieber elitäre Philosophen geworden: schwülstiger und unverständlicher kann man sich wohl kaum ausdrücken.

Neben einer überzogenen Neigung zur "Originalität" dürfte die schon zwanghaft wirkende Gier, "wissenschaftlich" zu schreiben, die Hauptschuld an der überladenen Sprache darstellen. Würde ich hier ebenfalls fast jeden Satz über Zitate zusammenzustellen versuchen, wäre es mit der Lesbarkeit schnell vorbei. Nicht selten findet man Karawanensätze, die sich über eine halbe Seite erstrecken.

Das alles finde ich ausgesprochen schade. Denn der inhaltliche Ansatz ist pfiffig. Über die vier Kapitel "Verrohung", "Verblödung", "Verkindung" und "Verderben" konstruiert das Pamphlet einen gut nachvollziehbaren Bogen vom geistig-moralischen Verfall des Menschen zu den deprimierenden Verhältnissen, die heute in westlichen Industriegesellschaften herrschen. Wobei keineswegs zaghaft dargestellt wird, dass diese individuelle Degeneration zielgerichtet von den Interessenvertretern des Kapitals betrieben wird: Der Zynismus der Ausbeuter und der Schwachsinn der Massen ergänzen sich prächtig. Fast schon ruft das Büchlein zur Revolte gegen das Großkapital auf.

Man würde sich wünschen, dass jemand, der journalistisch schreiben kann und das Thema unbelastet von Komplexen anzugehen fähig ist, dieses "Pamphlet" von Grund auf in Richtung Lesbarkeit überarbeitet. An die Autoren richte ich die Ermutigung, eigenen Erkenntnissen folgen zu können, ohne ängstlich jeden Teilgedanken bei anderen Autoren zu referenzieren. Genau das unterscheidet nämlich diejenigen, die selbständig zu denken imstande sind, von den beflissenen Zitatensammlern und Fußnotenkritzlern, die in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten jeden Ansatz zum Denken abtrainiert bekommen haben.

Denn ob es nun um Gedanken oder um Witzigkeit geht: Etwas, was man nicht in Deutsch ausdrücken kann, wird keineswegs besser, wenn man es pseudo-elitär mit verkrampftem Großeinsatz von Fremdwörtern in Monstersätzen verklausuliert.

Fazit: Für Menschen mit exorbitantem Wortschatz, die bereit sind, sich beim Lesen wirklich zu quälen, wegen des an sich interessanten und originellen Inhalts gerade noch eine knappe Empfehlung.

print-jury 4* A1178 © 8.11.2013 ABR 11.886 Rezensionsexemplar
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am 9. Februar 2014
Nervig sind für mich die Häufung der nicht geläufigen Fremdwörter, die man manchmal nicht mal beim Nachschlagen findet. Ebenso die Häufung von Zitaten, Einschüben und Klammern.

Es widerspiegelt sehr gut meine tägliche Wahrnehmung, insbesondre wenn ich nach einem Aufenthalt aus England wieder nach Deutschland komme. Mangel an gegenseitige Respekt und Höflichkeit in Zusammenspiel mit schlechter Laune und selten einem Lachen auf den Lippen, spiegelt unser Strassenbild wieder. Wenn ich dann noch Kunden in Geschäften erlebe.....

Ein tolles polemisches Buch, welches unser Leben gut widerspiegelt.
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