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46 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wo der Mensch des Menschen Wolf ist
Warlam Schalamow ist neben Alexander Solschenizyn der bedeutendste Schriftsteller des GULAG. Aber Schalamow schreibt anders als Solschenizyn. Er versucht sich nicht an einem Gesamtbild des sowjetischen Lagersystems. Er ignoriert seine Geschichte. Er erklärt nichts und er moralisiert nicht. Ganz unmerklich tauchen seine Geschichten den Leser in die fremde Welt ein,...
Veröffentlicht am 15. Januar 2009 von Lucullus

versus
14 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Überlenskampf im sibirischen Lager
Schalamow schildert die unmenschliche Tortur, welche Häftlinge in den sibirischen Lagern durchmachen mussten. Zu den extremen klimatischen Bedingungen gesellen sich Unterernährung, Knochenarbeit (16-Stundentag!) und allmögliche Erniedrigungen. Der Mensch wird hier schlimmer behandelt als man Tiere behandelt.

Trotzdem haben die jeweiligen...
Veröffentlicht am 26. Dezember 2007 von Gromperekaefer


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46 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wo der Mensch des Menschen Wolf ist, 15. Januar 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Warlam Schalamow ist neben Alexander Solschenizyn der bedeutendste Schriftsteller des GULAG. Aber Schalamow schreibt anders als Solschenizyn. Er versucht sich nicht an einem Gesamtbild des sowjetischen Lagersystems. Er ignoriert seine Geschichte. Er erklärt nichts und er moralisiert nicht. Ganz unmerklich tauchen seine Geschichten den Leser in die fremde Welt ein, Schritt für Schritt, bis der GESCHMACK des Lagers spürbar wird. Dann ist alles vorbei, und es bleibt dem Leser überlassen, sich einen Reim auf das Geschehen zu machen.

Der erste Band der deutschsprachigen Werkausgabe enthält 33 in sich abgeschlossene Erzählungen, die allesamt in der Kolyma-Region, dem physischen wie emotionalen Kältepol des Archipels spielen, bei alltäglichen Begebenheiten anfangen, langsam in die Tiefe dringen und oft einen Punkt erreichen, wo dem Leser das Lager fast physisch präsent erscheint, weil er die Geisteshaltung seiner Einwohner zu verstehen beginnt.

Einige von ihnen enthalten auch anthropologische Betrachtungen, die einzige Abweichung, die Schalamow sich beim Schreiben gestattet hat. Im Zusammenhang gelesen, können sie als Essenz seiner Lagererfahrung verstanden werden.

Das erste, was der Häftling im Lager erkenne, sei die außerordentliche Fragilität der Zivilisation. "Der Mensch wurde innerhalb von drei Wochen zur Bestie - unter Schwerarbeit, Kälte, Hunger und Schlägen" (S. 289).

Nicht Empörung oder Wut sei das Resultat solcher Bedingungen, sondern Versteinerung. Das Lager reduziere den Menschen auf eine pflanzliche, fast anorganische Form der Existenz. "Der Frost, derselbe, der die Spucke in der Luft gefrieren ließ, ergriff auch die menschliche Seele. Wenn die Knochen einfrieren konnten, konnte auch das Hirn einfrieren und stumpf werden, konnte auch die Seele einfrieren" (S. 24).

Ein Indikator dieser geistigen Erstarrung sei das Vokabular der Häftlinge. "Meine Sprache, die grobe Grubensprache, war arm ... Wecken, Ausrücken, Mittagessen, Feierabend, Zapfenstreich, Bürger Natschalnik, darf ich sprechen, Schaufel, Schürfgrube, zu Befehl, Bohrstange, Hacke, draußen ist es kalt, Regen, die Suppe ist kalt, die Suppe ist heiß, Brot, Ration, lass mir was zu rauchen - mit zwei Dutzend Wörtern kam ich schon seit Jahren aus. Die Hälfte dieser Wörter waren Flüche. ... Doch ich suchte nicht nach anderen Worten. Ich war glücklich, nicht nach irgendwelchen anderen Worten suchen zu müssen. Ob diese anderen Worte existierten, wusste ich nicht. Diese Frage konnte ich nicht beantworten" (Linkes Ufer. Erzählungen aus Kolyma 2, S. 291).

Wie das Denken lasse das Lager auch die Gefühle abstumpfen. "Alle menschlichen Gefühle und Regungen - Liebe, Freundschaft, Neid, Menschenfreundlichkeit, Barmherzigkeit, Ruhmsucht, Ehrlichkeit - hatten uns verlassen mit dem Fleisch, das wir während unseres anhaltenden Hungerns verloren hatten. In der geringen Muskelschicht, die wir noch auf den Knochen hatten,... hatte nur Erbitterung Platz - das langlebigste menschliche Gefühl" (S. 53). "Wir verstanden, dass der Tod kein bisschen schlimmer war als das Leben, und fürchteten weder das eine noch das andere. Eine große Gleichgültigkeit beherrschte uns" (S. 55).

Zwei Dinge, die für freie Menschen selbstverständlich seien, hätten im Lager keinen Platz: Der Gedanke an die Zukunft und Hoffnung. Wer im Lager länger als einen Tag vorausplane oder Hoffnung habe, sei ein Dummkopf. "Der Mensch lebt nicht, weil er an etwas glaubt, weil er auf etwas hofft. Der Lebensinstinkt bewahrt ihn, wie er jedes Tier bewahrt. Und auch jeder Baum, jeder Stein könnte dasselbe sagen" (S. 180).

Freundschaft, das zeige das Lager, sei ein Luxus, der günstige Lebensverhältnisse voraussetze. Je extremer das Elend, desto mehr vereinsame der Mensch. "Freundschaft entsteht weder in der Not noch im Unglück. Jene 'schwierigen' Lebensverhältnisse, die, wie uns die Märchen der schönen Literatur erzählen, unbedingte Voraussetzung für das Entstehen von Freundschaft sind, sind einfach zu wenig schwierig. Wenn Unglück und Not zusammenschweißen und Freundschaft zwischen Menschen entstehen lassen - dann heißt das, die Not ist nicht extrem und das Unglück nicht groß. Das Leid ist zu wenig heftig oder tief, wenn man es mit Freunden teilen kann. In wirklicher Not zeigt sich nur die eigene seelische und körperliche Kraft ..." (S. 67).

Das Lager demonstriere, was der Mensch den Tieren wirklich voraus habe. Weder Seele noch Intelligenz noch handwerkliche Geschicklichkeit. "Die Pferde unterschieden sich in nichts von den Menschen. Sie starben am Norden, an der die Kräfte übersteigenden Arbeit, der schlechten Kost und den Schlägen, und obwohl sie von all dem tausendmal weniger abbekamen als die Menschen, starben sie vor den Menschen. Und ich verstand das Wichtigste, dass der Mensch nicht darum zum Menschen geworden ist, weil er Gottes Geschöpf ist, und auch nicht, weil er an jeder Hand einen bemerkenswerten Daumen hat. Sondern weil er physisch kräftiger und zäher war als alle Tiere ..." (S. 41).

Von dem zähesten aller Tiere gebe zwei Arten. "Ich habe erkannt, dass man die Welt nicht in gute und schlechte Menschen einteilen muss, sondern in Feiglinge und Nichtfeiglinge. Die 95% der Feiglinge sind bei geringer Gefährdung zu jeder Gemeinheit bereit, zu tödlicher Gemeinheit" (S. 292).

Wo moralisches Verhalten gefährlich sei, hätten Feiglinge keine Aussicht anständig zu bleiben, zumal es im Lager "vernünftig" erscheine, dem Vorbild der Kriminellen zu folgen. Infolgedessen gingen die meisten Menschen dort nicht nur körperlich, sondern auch charakterlich zugrunde. "Die Lagererfahrung ist vollständig negativ, bis auf den letzten Moment. Der Mensch wird nur schlechter" (Künstler der Schaufel. Erzählungen aus Kolyma 3, S. 102). "Das Lager war eine große Prüfung der moralischen Kräfte des Menschen, der gewöhnlichen menschlichen Moral, und neunundneunzig Prozent der Menschen bestanden diese Prüfung nicht" (Künstler der Schaufel, S. 104).

Lediglich ein Menschenschlag hebt sich nach Schalamows Beobachtungen konstant aus der Masse der Lagerbevölkerung heraus. "Ich habe gesehen, dass die einzige Gruppe von Menschen, die sich auch nur ein wenig menschlich benahm trotz Hunger und Verhöhnungen - die Religiösen sind, die Sektenmitglieder, und zwar fast alle, sowie ein großer Teil der Popen" (S. 290). "In jener Areligiosität, in der ich mein ganzes bewusstes Leben verbracht hatte, war ich nicht zum Christen geworden. Aber ehrenwertere Menschen als die Religösen habe ich in den Lagern nicht gesehen. Die Zerstörung griff alle Seelen an, und nur die Religiösen hielten stand" (Künstler der Schaufel, S. 165).

Es hat lange gedauert, bis Warlam Schalamow übersetzt wurde. Vielleicht wird seine Wirkung umso anhaltender sein.
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64 von 68 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein beeindruckendes Buch, spät entdeckte große Weltliteratur, 22. November 2007
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
"Erzählungen aus Kolyma" ist der erste Zyklus der in dem Buch "Durch den Schnee" erzählt wird. Es folgen fünf weitere Zyklen in der genialen Übersetzung von Gabriele Leupold. Diese erste Werksausgabe außerhalb Russlands erscheint zum 100. Geburtstag des Schriftstellers. Bisher glaubte man durch den 1974 veröffentlichten Roman "Der Archipel Gulag", des russischen Schriftstellers Alexander Issajewitsch Solschenizyn, das ganze Ausmaß der Grausamkeiten, Unterdrückungen und Entmenschlichungen, die in den Straflagern der Sowjetunion während der Stalin- und Chruschtschow Ära passiert sind, kennen gelernt zu haben. Nach Solschenizyn dachte man das ist alles schon so brutal, so hart und dann erfahren wir in diesem Buch, dass es noch eine Steigerung gibt.

Der außerhalb Russlands bisher noch recht unbekannte Autor Warlam Tichonowitsch Schalamov, Vertreter der modernen russischen Literatur, konfrontiert in dem Buch "Durch den Schnee" in eindrucksvoller und zutiefst ergreifender Weise mit der grausamen, menschenverachtenden Gegenwart des Lageralltags. Er unterstreicht damit, dass es im zwanzigsten Jahrhundert zwei schweigend geduldete Katastrophen gegeben hat, nämlich den in Stätten wie Auschwitz, Dachau, Bergen- Belsen und Buchenwald in Gang gesetzten Holocaust und den von den Stalinisten verübten Massenmord.

Schalamov war nach seiner zweiten Verhaftung 17 Jahre lang in der Region Kolyma inhaftiert. Er berichtet in seinem Buch beeindruckend von dieser normalerweise unbewohnbaren Gegend, in der im Winter Minustemperaturen von bis zu 60 Grad herrschen. Weil unter diesen Bedingungen eine Flucht ausgeschlossen ist, verzichtete man großzügig auf Stacheldraht Einfriedigungen. Bei diesen unmenschlichen Lebensbedingungen müssen die Lagerinsassen u. a. in Goldbergwerken arbeiten. Viele seiner Mithäftlinge sind gestorben. Da man den Tod als Selbstverständlichkeit in Kauf nahm, nannte man diese Lager später auch "Auschwitz ohne Öfen". Geduldig erträgt Schalamov all die Strapazen. Empörung, Zorn, Liebe und Hoffnung waren dabei das Bollwerk gegen den drohenden Tod. Gern wäre er ein Krummholz gewesen, eben eine solche Bergkiefer, dessen elastische Äste sich bei langen Wintermonaten dem Schneedruck anpassen konnten.

Siebzehn Jahre war Schalamov, wegen konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit" verurteilt, im Lager. Er arbeitet als "Wasserkocher", Topographenassistent und Erdarbeiter. Siebzehn Jahre hat er darüber geschrieben, fünf, sechs Bände mit kleinen Geschichten, die sich dann schließlich zu einem Ganzen zusammenfügen. In seinen ganz knappen Erzählungen kommt die ganze brutale Erfahrung des sibirischen Lagers Glassscherben scharf zum Ausdruck. Dabei hat er die außerordentliche Zerbrechlichkeit der menschlichen Kultur unterstrichen, insbesondere dann, wenn die Menschen vor Angst und Schmerzen wie gelähmt sind.

Es ist wirklich ein Buch das nicht so an einem vorüber geht. Wie auch immer man es findet, es gehört zweifellos zu den herausragendsten russischen Literaturleistungen des 20. Jahrhunderts und es ergreift jeden Leser zutiefst. Bei der Lektüre fragte ich mich immer wieder, wie kommt es das wir diesen Schalamov und sein geniales Werk erst jetzt kennen lernen? Eigentlich ein kleiner Skandal, der sich möglicherweise dadurch erklären lässt, dass wir selber sehr lange in Ost-West Konflikten verstrickt waren. Ein weiterer Grund ist sicherlich auch die Tatsache das Schalamov sich nicht mit der Dissidentenliteratur, die von Hass, Hohn und Boshaftigkeit getragen war identifizieren wollte. Schalamov hat sich nach seiner Rehabilitierung mit dem sowjetischen System arrangiert, sich nicht für antisowjetische Protestbewegungen zur Verfügung gestellt. Er wollte das Geschehene nicht unter einen antikommunistischen oder antistalinistischen Deckel verlegen, er wollte vielmehr eine Lagerbeschreibung die allgemein gültig ist und hat sich aus diesem Grunde von der alten "humanistischen, moralischen" Literatur verabschiedet. Schalamov schließt damit eine "historische wie auch literarische Lücke", die bis zum Ende der Sowjetunion nicht geschlossen war.

Es empfiehlt sich bei der Lektüre immer mal wieder eine Pause des Nachdenkens einzulegen, um den Zustand der negativen Reflexion, in denen die Texte den Leser zweifellos versetzten, zu überdenken. Ich empfehle dieses tief bewegende Buch, mit den unterschiedlichsten Reflexionsebenen versehen, mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielerlei Gründen.
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16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kurzgeschichten aus dem Gulag, 30. Mai 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es tut weh dieses Buch zu lesen.
Und es braucht seine Zeit dieses Buch zu lesen.

Die vielen abgeschlossenen Geschichten über den Alltag der russischen Gulags werden nüchtern in einem beschreibenden Stil dargestellt. Es scheint fast, als ob man als Lagerinsasse nur überlebt, wenn man sich von seinem Körper trennt und von Außen betrachtet, was hier passiert und aus diesem "Außen", dann die Geschichten beschreibt, die das Buch enthält.

Diese ruhige und zurückhaltende Beschreibung hat mir noch mehr weh getan, wie wenn jemand seine Wut und Demütigung laut herausschreit.

Ich bin froh dieses Buch gelesen zu haben.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen fesselnd und erschütternd, 8. September 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wer Solschenizyns EIN TAG IM LEBEN DES IWAN DENISSOWITSCH und Georg Hildebrandts WIESO LEBST DU NOCH? faszinierend findet, der sollte auch diese bewegenden Geschichten von Schalamow lesen. Zwei kleine Nachteile:
- es gibt offenbar noch keine preiswerte Taschenbuchausgabe
- die Anmerkungen sind hinten im Buch - unten auf der jeweiligen Seite wäre leserfreundlicher
Dennoch: sehr empfehlenswert für Leute, die erfahren möchten, was Menschen Menschen antun können...
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29 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein faszinierendes und schockierendes Werk, 1. November 2007
Von 
Olaf Mahlkow "Famafly" (Berlin-Hellersdorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nach der Lektüre dieses ersten Bandes seiner Kurzgeschichten fragt man sich, wie einem im Zusammenhang mit der "Lagerliteratur" lediglich immer Solschenizyn einfallen konnte und der Name Schalamow völlig unbekannt war.
Die "Erzählungen aus Kolyma" sind ein fesselndes Werk, das einen fasziniert und schockiert zurücklässt!!
Sowohl von der Qualität des Schreibens als auch von der Qualität der Edition sind 5 Sterne nicht zu viel des Lobes!
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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unmenschlich wie Maschinen, 6. Dezember 2009
Das Buch ist zutiefst deprimierend. Nicht die Details oder die Menge der beinahe lapidar geschilderten Rohheiten sind von Bedeutung,- wenn dem so wäre, wäre das nichts weiter, als ein zusätzliches Additiv zur Kategorie der Gräuel-Literatur.
Das Wichtige an diesem Buch ist, daß sich unter der dünnen Haut der Hungergeschichten eine erschreckende Eigenschaft der menschlichen Natur abzeichnet, nämlich die, zu beinahe unendlicher Leidensfähigkeit und zur völlig Gleichgültigkeit gegenüber grauenvollem Elend.
Nicht einmal als Sadismus lässt sich das bewerten:
Der würde ja immerhin die Wahrnehmung des Gegenübers als Person vorausetzen.
Es vielmehr eine völlige maschinenhafte Gleichgültigkeit gegenüber dem Mensch-sein und Leiden anderer.
Schalamov zeigt völlig ohne Selbstmitleid, was unter solchen Bedingungen noch übrig bleibt von Ehre, Anstand und Mitleid.
Das ist sicher kein Buch, das man gute-Nacht Lektüre empfehlen kann, es ist auch kein Buch das alle lesen mögen oder können. Es erzeugt auch kein Mitleid,- vielmehr Entsetzen, dass so etwas möglich war, ohne überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden,- ohne Aufschrei! Möge uns das allen erspart bleiben, und,- mögen wir alle auf der Hut bleiben!
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eindringlich, bescheiden und erschreckend, 28. Februar 2008
Weder bei Solschenizyn noch bei Kopelew oder auch bei Bardach berührte mich der Überlebenskampf im Arbeits(vernichtungs)lager in so einem intensiven Maße wie bei Schalamow. Vor allem die nüchterne, lediglich beschreibende und fast schon teilnahmslose Sprache, die analog dem gebrochenen menschlichen Willen zu lesen ist, der nur noch wie ein Tier mit der letzten primitiven Überlebensstrategie zu reagieren versucht, schafft Betroffenheit. Zugleich ist es faszinierend, wie es Schalamow gelingt, durch diese minimalistische Sprache derart eindringliche Bilder zu erzeugen. Dass Schalamow seine Erinnerungen dabei in teilweise auch nur wenige Seiten kurzen Erzählungen wiedergibt, stört meines Erachtens das Leseerlebnis in keiner Weise. Denn gerade durch die ungezwungene Aneinanderreihung dieser Erzählungen, die jeweils verschiedene Aspekte des Lagerlebens im Fokus haben (wobei der zentrale Aspekt jeweils das reine Überleben darstellt), entsteht mit fortschreitendem Lesen ein um so beeindruckenderes, facettenreicheres und (bedingt) objektiveres Panoptikum der grauenhaften Torturen, unabhängig von erzähltechnischen Vorgaben, die im Rahmen eines autobiographischen Romans wohl erforderlich gewesen wären.

Ein beeindruckendes Zeugnis.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zu Lebzeiten nicht gefragt, 18. Januar 2008
Der Berliner Verlag scheint sich einmal mehr als literarischer Nachlassverwalter für wenig bekannte Autoren zu betätigen. Das Buch ist schön gemacht, mit Nachwort, Anmerkungen und Glossar versehen, eine Aufmerksamkeit, um die Warlam Schalamow (1907 - 1982) zu Lebzeiten sicherlich froh gewesen wäre. Schalamow hatte 1924 begonnen, Jura zu studieren. Er wurde 1929 und 1937 zu Lagerhaft in Sibirien verurteilt. 1951 wurde er entlassen und 1956 im Zuge der Entstalinisierung rehabilitiert. Die Erzählungen im vorliegenden Band sind kurz, nüchtern und hart. Man friert, hat Hunger, ist krank. Die Häftlingshierarchie tut ein Übriges. Wenn du nicht aufpasst, wirst du wegen einer Lappalie umgebracht. Wie bei Primo Levis Auschwitzbericht ("Ist das ein Mensch?") hat man das Gefühl, da schreibt einer, der im falschen Film gelandet ist. Das hat auch tragikkomische Züge. Ein Intellektueller unter Verbrechern, Halsabschneidern, Apparatschiks. Man hat Mitleid mit dem Verfasser von diesem gut skizzierten Grauen. Vielleicht auch, weil sich, im Gegensatz zu Solschenizyn, Jorge Semprun und Imre Kertesz, niemand für die lakonischen Sätze ohne dargelegten Gesamtzusammenhang, ohne moralisierende Deutung, interessierte. Schade.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eiskalt, 28. März 2014
läuft es über den Rücken, nicht aus Gründen der Spannung wie bei einem guten Krimi sondern durch diese brutal nüchterne Erzählweise mit der Willkür ganz unwillkürlich niedergeschrieben ist. Schalamow schreibt ohne zu moralisieren so eindringlich über die Verbrechen im Lagerleben in Russland, dass es einem den Atem nimmt. Die Lakonie der Erzählweise zeigt Parallelen zu Edgar Hilsenraths "Nacht", Herta Müllers "Atemschaukel" oder Imre Kertesz "Zehn Sekunden lang Stille während das Erschießungskommando neu läd", ja selbst Franz Werfels "Die 40 Tage des Mussa Dagh" alles Werke, die neben anderen als große literarische Leistungen das Entsetzen des vergangenen Jahrhunderts festgeschrieben haben. Schalamow hat dies in der Form der Kurzgeschichte getan und ein großes Gesamtwerk mit dieser kleinen ungleich schwerer zu schreibenden Form geschaffen. Dass mir beim Lesen seiner Geschichten diese Giganten unter den Literaten assoziiert werden, kann man wohl als einen "Ritterschlag" ansehen. Somit kann ich den Übersetzern nur danken, dass diese Literatur nicht in Putins kaltem Reich eingefroren geblieben ist.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Verbrechen von Stalin in kleinen Geschichten!, 9. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein grosser Autor viel besser als Solzenitzyn
Ein wunderschoenes Buch eines Mannes der nur als Maertyrer beschreiben laesst! Alle sollen dieses Buch lesen!
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Durch den Schnee: Erzählungen aus Kolyma 1
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