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5.0 von 5 Sternen Wer Sloterdijk liest, ohne zu lachen …
Schon Mitte der 80er Jahre, also lange bevor Sloterdijk zum deutschen Interview-Orakel wurde, das auf alles eine Antwort haben soll und offensichtlich auch eine hat, schon damals notierte Otto Kallscheuer in sein Tagebuch: „sturzbesoffen und zugleich überwach, bin ich mit Freunden seit drei Stunden im Gespräch mit Peter Sloterdijk. Ich habe ihn eben erst...
Vor 22 Monaten von NN veröffentlicht

versus
25 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen DER FALSCHE KOLOSS - Sloterdijks Blütenlese
Ein "Koloss der Ausdrucksgewalt, mündlich und schriftlich", erzählt Bernhard Klein über den Gegenstand seiner Bewunderung, Peter Sloterdijk. Klein hat jene etwa 30 Interviews des Philosophen ausgewählt und herausgebracht, die unter dem Titel "Ausgewählte Übertreibungen" jüngst erschienen sind. Nun versteht es sich, dass ein Herausgeber...
Vor 21 Monaten von Ulrich Gellermann/Rationalgalerie veröffentlicht


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16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wer Sloterdijk liest, ohne zu lachen …, 4. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Schon Mitte der 80er Jahre, also lange bevor Sloterdijk zum deutschen Interview-Orakel wurde, das auf alles eine Antwort haben soll und offensichtlich auch eine hat, schon damals notierte Otto Kallscheuer in sein Tagebuch: „sturzbesoffen und zugleich überwach, bin ich mit Freunden seit drei Stunden im Gespräch mit Peter Sloterdijk. Ich habe ihn eben erst auf dieser Fete kennengelernt und bin begeistert. Wir reden über Gott und die Welt, vom Bumsen bis zur Negativen Dialektik; endlich einer, der etwas von Philosophie versteht und vom Leben …“ (Peter Sloterdijks »Kritik der zynischen Vernunft«) Kallscheuer traf den Nagel auf den Kopf und trifft ihn noch immer und wenn es eines Beweises noch bedurft hätte; hier ist er!

Dreißig von geschätzten 300 in den Jahren 1993 – 2012 gegebenen Interviews finden auf fast 500 Seiten Platz und sie sollen das breite Spektrum des Sloterdikschen Denkens repräsentieren. Es sind Leichtgewichte darunter, mit hohem Unterhaltungswert aber auch hochanspruchsvolle philosophische Vertiefungen. Dort, wo sich Sloterdijk mit Gleichgesinnten auf Augenhöhe unterhält – das sind die langen Gespräche mit Thomas Macho und Ulrich Raulff – wird man Zeuge symphilosophischer Großereignisse. Dort wird direkt philosophisches Neuland rekognosziert und gesichert. Werkkenntnis und Bekanntschaft mit der Geschichte der Philosophie ist da Voraussetzung, um in den vollen Genuss zu kommen. Ansonsten mag diese Sammlung durchaus auch als Einführung hilfreich sein, denn es werden die wesentlichen Vokabeln des Werkes durchbuchstabiert. Die „Kritik der zynischen Vernunft“, „Schäume“, „Zorn und Zeit“ und „Du musst dein Leben ändern“ stehen besonders im werkhistorischen Mittelpunkt. Mancher bislang noch dunkle Gedanke wurde mir dabei erhellt.

Aber den wirklichen Wert macht das Überraschungspotential aus. Sloterdijks Vermögen, Dinge und Zusammenhänge von einem ganz anderen Gesichtspunkt zu betrachten, schaffen immer wieder wunderbare Aha-Erlebnisse und wenn man glaubt, man habe das Ganze nun begriffen, dann kommt eine neue Gedankenpirouette, dann wird ein neuer Haken geschlagen …

Die vielfältigsten Themen, vom Wetter bis zu Heidegger, von Babylon bis in die ferne Zukunft (man kann an dieser Stelle noch nicht mal einen Bruchteil der angesprochenen Themen erwähnen; pure Fülle!) werden besprochen und überall – das ist fast gespenstisch – brilliert Sloterdijk nicht nur durch Wissen und Kenntnis, sondern denkt die Dinge überraschend weiter. Dass sich dies auf einem Sprachniveau bewegt, das man nur „künstlerisch“ oder „literarisch“ nennen kann, verblüfft den Kenner nicht mehr, aber ich weiß auch, dass es viele Menschen gibt, die darauf mit Ressentiment, mit Abneigung ja sogar Hass reagieren, wo andere innerlich feiern. Hier gilt der alte Satz: tolle et lege. Et ride.

Am meisten aber beeindruckt der Witz! Was Deleuze einst über Nietzsche sagte, gilt eins zu eins für Sloterdijk: „Wer Nietzsche liest, ohne zu lachen, ohne viel zu lachen, ohne oft und manchmal wie verrückt zu lachen, für den ist es, als ob er Nietzsche nicht läse.“

Sollte der Suhrkamp-Verlag sich entscheiden, die anderen 90% zu veröffentlichen – einen Käufer hätte er schon!
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Zur Grundausstattung des Menschlichen gehört eine gewisses Maß an Bereitschaft,..., 22. Oktober 2013
...gemeinsam mit anderen verrückt zu werden" (271). Als Charles Dickens im Jahre 1870 im Alter von 58 Jahren verstarb, hinterließ er der Welt nicht nur eine beachtliche Anzahl von Romanen mit zum Teil mehr als 1000 Seiten; zu seinem Nachlass gehört auch eine umfangreiche Briefkorrespondenz von mehreren Tausenden von Seiten, so dass wir Heutigen uns nur verwundert fragen können, woher dieser Mann überhaupt die Zeit nahm, so viel zu Papier bringen zu können. Ähnlich verhält es sich mit Peter Sloterdijk. Allein seine Sphären-Trilogie bringt es auf mehr als zweieinhalbtausend Seiten und sein Gesamtwerk kann sich durchaus rühmen, Dickensischen Umfang zu erreichen. Dazu kommen noch zahlreiche Reden, Interviews und Essays, die Sloterdijk begleitend zu seinen Büchern oder auch zu tagesaktuellen Themen produziert hat. In der von Bernhard Klein editierten Sammlung "Ausgewählte Übertreibungen" finden sich 33 Gespräche und Interviews aus den vergangenen 20 Jahren, in denen wieder deutlich wird, warum Peter Sloterdijk zu den sprachgewaltigsten und bedeutendsten Denkern der Gegenwart gehört.

Seit Sloterdijk 1983 mit seinem Werk Kritik der zynischen Vernunft die Fachwelt elektrisierte, spaltet er die Öffentlichkeit. Die einen halten ihn für einen elenden Dummschwätzer, der es geschickt versteht, seinen redundanten Verbalmüll hinter einer Fassade, bestehend auch unverständlichen Wortneuschöpfungen und monströsen Satzungetümen, zu vermarkten. Für die anderen ist er schlicht der bedeutendste Philosoph seit Friedrich Nietzsche. Unbestritten ist seine Fähigkeit und Freude, mit der deutschen Sprache zu spielen und damit zu unterhalten, begeistern und provozieren. Seinen Aufenthalt in Indien in den siebziger Jahren reflektierend, schreibt Sloterdijk: "Verändert war ich wohl, aber nicht verindert" (21). Er ist ein Meister des Aphorismus, auch wenn er noch keine reine Aphorismensammlung veröffentlicht hat. Aber in allen seinen Beiträgen und Schriften finden sich diese wundervollen Sprachverdichtungen à la Schopenhauer und Nietzsche. So äußert er sich in im Verlauf eines Gespräches über das deutsche Bildungssystem prägnant: "Man müsste die Kinder durch ein eigenes Emissionsschutzgesetz gegen Erwachsenenpessimismus schützen" (126).

Sloterdijk entzieht sich jeder politischen Kategorisierung, auch wenn er in den vergangenen Jahren zunehmend dem konservativen Lager zugeordnet worden ist. Dahinter steckt aber weniger ein klares politisches Profil, als vielmehr der Widerwille, sich einem bestimmten Zeitgeist anzupassen und damit verbunden die Lust, bei Gelegenheit gegen die oftmals völlig unreflektierte Mehrheitsmeinung vorzugehen. In diesem Sinne schreibt er gegen den in Deutschland dominierenden Verelendungsdiskurs des linken Lagers an, der proportional zu der sich stetig verbessernden ökonomischen Lage zuzunehmen scheint: "Das peinlichste Thema lautet, daß es eine große Zahl von Armen gibt, die durchaus nicht ausgebeutet werden, Menschen, denen nie jemand etwas weggenommen hat, die aber aus ihren Chancen wenig zu machen wußten" (214). Provozierend ergänzt er in Richtung der Befürworter eines stetig expandierenden Sozialstaates: "Niemand mehr ist heute Nationalsozialist, aber alle sind Sozialnationalisten" (371).

Die Themen, die in diesem Sammelband adressiert werden, reichen von Religion über Radsport, Politik, die Finanz-, Euro-, und Wirtschaftskrise bis hin zu Bildungsfragen und der Hirnforschung. Exemplarisch für Sloterdijks Fähigkeit, seinen Standpunkt präzise und sprachlich gewitzt auf den Punkt zu bringen, sei an dieser Stelle seine Antwort auf auf die hochaktuelle Frage nach der Willensfreiheit des Menschen zitiert: "Die meisten Menschen sind leichter zu überzeugen, daß sie ein Epiphänomen klebriger Nervenstränge sind, als daß sie bereit wären, sich für ein freies Individuum zu halten. Wer vom Gehirn redet, ist ein Verräter der Freiheit" (444).

Ich stimme nun wahrlich nicht in allem mit Sloterdijk überein. Bei seinem Abgesang auf das deutsche Bildungssystem ist er es, der sich dem Zeitgeist anbiedert. Und geradezu unverschämt fand ich es, wie er vor der Bundestagswahl in diesem Jahr demonstrativ sein Nichtwählen als Monstranz vor sich hertrug und sich damit auf das Niveau der demokratieverachtenden Medienkreatur Richard David Precht stellte. Aber das gehört dazu, wenn man in regelmäßigen Abständen seinen Elfenbeinturm verlässt und mit Lust an der Provokation Stellung zu tagesaktuellen Problemfeldern bezieht. Auch darum gehört Sloterdijk zu Deutschlands Top-Intellektuellen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Also sprach Sloterdijk., 6. August 2014
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
When we remember we are all mad,
The mysteries disappear and
Life stands explained. (Mark Twain)

Peter Sloterdijk, Vielschreiber, Vielwisser, Vielantworter. Er liebt das Wort und ist verliebt in seine Wortschöpfungen. 20 Jahre Interviews liegen nun vor Ihnen, dem Leser und dem Freund der Mühe. 20 Jahre: Sprachgewalt und Ideenfeuerwerk. Zu Diesem und Jenem, zu Allen und Keinen. Der Leser wird wieder auf die Veröffentlichungen gestoßen, von der Zynischen Vernunft bis zu den Zeilen und Tagen. Ein Zauberbaum, ein Sphärenritt im Schaumgebilde. Der Leser lernt P.S. näher kennen, wenn es privat wird. Von Puna zur Neubesinnung in der Philosophie, vom Junggesellen zum Vater, zum Fahrradfahrer mit Führerschein, zum Philosophen der Praxis und des Lebens.

Nicht jedes Interview, nicht jedes Gespräch ist eine Wucht. Aber es gibt sie, die Sterne, die funkeln und dem Leser neue Einblicke und Einsichten geben. "Lernen ist Vorfreude auf sich selbst". Wer hätte nicht auch gern diesen Aphorismus für sich gehabt? Eine lesenswerte Bildungsdebatte mit Reinhard Kahl über die Chance der "Entidiotisierung".
Oder diese politische Weitsicht, wenn von den Türmen als Metapher zu sprechen ist und Babylon mit New York mit einem Mal zusammenfällt - im wahrsten Sinne.
Oder diese Idee, das aller Anfang Verwöhnung ist, die Folge: permanente Imperfektion. Eine Ortsbestimmung zwischen Tier und Gott. Der Mensch ist zur Selbstverbesserung verdammt.

Nun, es ist nicht Aufgabe hier, alle Einzelheiten aufzuzeigen. Exemplarisch sollen die oben genannten inspirieren, ausgeworfen wie ein Netz, um den zu motivieren, der schon an der Schwelle steht. Denn es gibt in dieser Kultur, in diesem Jetzt keinen Stillstand. Dieses anzunehmen heißt auch, daß nicht mehr wie in alten Zeiten das Gute feststeht. Diagnostisch und prognostisch wissen wir zuviel, als daß wir annehmen können, im ruhigen Gewässer zu sein. Wir leben in einer Welle, lieben die Plätze der Medien, die das Jammern zum Unterhaltungswert an sich heben und erkennen vielleicht schon, daß alle Aufklärung von einer Form der Aufheiterung begleitet sein muß.

Das ist hier gegeben.
~~
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25 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen DER FALSCHE KOLOSS - Sloterdijks Blütenlese, 8. Juli 2013
Ein "Koloss der Ausdrucksgewalt, mündlich und schriftlich", erzählt Bernhard Klein über den Gegenstand seiner Bewunderung, Peter Sloterdijk. Klein hat jene etwa 30 Interviews des Philosophen ausgewählt und herausgebracht, die unter dem Titel "Ausgewählte Übertreibungen" jüngst erschienen sind. Nun versteht es sich, dass ein Herausgeber nicht in kritischer Distanz zu den Schriften seiner Wahl stehen muss. Aber er sollte sich auch nicht unbedingt als Epigone, als Nach- und Anbeter betätigen. Zumal Sloterdijk von Natur aus mit einem Selbstbewusstsein ausgestattet ist, das keiner Ermunterung bedarf. So einer trabt gern hoch: "Seit zwanzig Jahren dominiert bei mir die Lebensform Familie", erzählt der Philosoph seinem Herausgeber, statt einfach zu sagen: Ich habe Frau und Kind. Und wenn er schon mal dabei ist, aus dem Hochtrab ins Vergallopieren zu geraten, dann macht er auch nicht einfach Urlaub, dann "gebe (ich) die Berechtigung des Urlaubs allmählich zu." Ich, Cäsar Sloterdijk, gewähre mir und allen anderen Urlaub. Statt loszuprusten schreibt Klein das tatsächlich auf.

Manchmal gibt Sloterdijk den Schirrmacher - oder der hat bei ihm abgeschrieben - wenn er behauptet, die Rolle des Vermittlers, des Mediums sei von Personen auf Apparate verschoben worden. So, als ob die Apparate nicht von Menschen mit deren Interessen bedient würden: Hinter solchen mechanischen Vorhängen sind dann die Kräfte, denen die Apparate gehören, verschwunden und für nichts verantwortlich. So bleibt es nicht aus, dass der Philosoph die Binse zur Weisheit aufbläst: "Dass der Mensch ein Wesen ist, das im Kommen ist und im Gehen." Wenn er jetzt noch das Werden und Vergehen des Menschen nachschöbe, das Leben und Sterben, das Wachsen und Reifen, das Bleiben und Verschwinden, dann hätte er endgültig alle Trivialitäten abgearbeitet und könnte sich zu Ruhe setzen.

Doch nicht so Sloterdijk. In einem Gespräch mit dem Vitra Design-Museum (gegründet von einem Möbelhaus) führt er uns tiefer und tiefer in das Stop-and-Go menschlicher Existenz ein: "Der Sinn von Geburten im allgemeinen besteht wohl darin, dass Wesen, die von innen kommen, einen Ortswechsel vollziehen . . ." Das formuliert der Berliner genauer und existenzphilosophischer, wenn er sagt: "Wenn Se reinkommen könn' Se rausgucken." Weil der Philosoph solcher Abstraktion leider nicht fähig ist, muss er dann der Zeitschrift WIRTSCHAFTSWOCHE in einem Gespräch über Reichtum versichern: "In der PDS (Linkspartei) gibt es zudem einen linksfaschistischen Widerstandsblock, der unberechenbar ist, weil er ein antikapitalistisches Ressentiment organisiert." Wenn er das doch nicht organisieren würde, der Block, wäre er wenigstens berechenbar, sagt Sloterdijk. Ach. Und weil die Linkspartei ein Ressentiment, eine Abneigung gegen den Krieg und Hunger und Ausbeutung verursachenden Kapitalismus hat, deutet der Berufsphilosoph sie als linksfaschistisch. Als faschistisch galt und gilt die NSDAP. Die war mit allen nichtjüdischen Kapitalisten gut Freund. Mit Sloterdijk dürfen wir sie jetzt getrost vom Faschismusvorwurf freisprechen. Denn antikapitalistisch war sie wirklich nicht. Müssen Philosophen von irgendwas irgendeine eine Ahnung haben? Nö, sagt unser Peter und faselt weiter.

Manchmal allerdings ist Sloterdijk unschuldig. Dann sind es seine Gesprächspartner, die ihn geradezu zwingen dummes Zeug zu erzählen. So Arno Frank für die "taz", wenn er zum Euro und der "Wohlstandssphäre Europa" fragt als gäbe es kein Hartz Vier, keine Banlieues, keinen Hunger in Portugal oder Irland. Alles ist ihm wohlständig. Dann muss der Philosoph einfach von der singulären, europäischen Großstruktur schwärmen, Hauptsache groß, Inhalt beliebig. Oder wenn Mattussek für den SPIEGEL, eine Assistenzfrage nach der anderen stellend, fragt: "Bringt nicht Schröder jetzt jene Reformen auf dem Weg, die eigentlich die CDU in den achtziger Jahren hätte betreiben müssen?" Da reicht für Sloterdijk kein einfaches JAWOLL, da muss er schnell noch die "Einheitspartei des Wohlstands" beschwören und hat mit der Einheitspartei nicht mal unrecht. Auch wenn vom Wohlstand nur in den höheren Regionen die Rede sein kann. Schöner Höhepunkt bleibt Thomas Macho, der dem Slotedijk das "Haus der Sprache" als "geheimnisvollen Ort" zuschiebt, damit der dann erzählen kann, dass die "Menschwerdung der Nebeneffekt einer einzigartigen Verwöhnung" sei und die Menschen deshalb ins Haus der Sprache eingezogen sind. Da ist selbst das biblische Märchenbuch genauer wenn es den Schöpfer zitiert, der den Menschen zuruft, dass sie ihr Brot mit Schweiß bezahlen müssen. Und bei Friedrich Engels hätte Sloterdijk nachlesen dürfen, dass die Sprache als erstes Handwerkszeug der Menschen entstanden ist.

Was dürfen wir alles lesen: Dass die französische Bourgeoisie vor der Revolution schlankweg zu den Ausgebeuteten gehörte. Als habe der Philosoph nie von zum Beispiel dem vorrevolutionären Jacques Necker gehört, schwerreicher Bankier und Getreidespekulant, der natürlich nicht ausgebeutet wurde sondern selbst ausbeutete. Wer das von den Anfängen des Kapitalismus nicht wissen will, der kommt dann nahtlos dazu, dass man doch den Arbeitslosen nicht immer als "Mängelwesen" beschreiben solle, immerhin sei er doch frei von Arbeit. Und weil Sloterdijk in Wahrheit alles weiß, kommentiert er auch die Fußballweltmeisterschaft und kommt zu der verblüffenden Erkenntnis, dass der "entwickelte Kapitalismus" den "Arbeiter in Spieler, in Börsianer" verwandelt. So landen wir dann zwanghaft folgerichtig bei der These, dass die "über das Geld gesteuerte Meritokratie, wie sie über die Marktwirtschaft ermöglicht wurde, viel zur Entgiftung der sozialen Beziehungen beigetragen" habe. Mal wieder verwechselt Sloterdijk die Meriten, die Verdienste, mit dem, was sich Milliardäre in die Tasche stecken und was die deutsche Sprache leider schon mit dem Wort "verdienen" verschleiert. Und die Entgiftung sozialer Beziehungen wird man sich in der Art einer Kur des Doktor Eisenbart vorstellen müssen, der seine Patienten gern auch mit dem Todesschuss für immer kurierte: Gloria, Victoria, widewidewitt, bumm, bumm!

Der Herausgeber der Gesprächssammlung, Bernhard Klein, wirbt zu Beginn für das Buch mit der Behauptung, er lege ein "Florilegum", eine Blütenlese vor. Wenn er damit hat sagen wollen, er versuche uns Falschgeld, Blüten anzudrehen, hat er so unrecht nicht. Denn wer wie Sloterdijk den Philosophen Hegel schlicht einen "Kollegen" nennt, so als hätten er und Hegel am selben Abflussrohr geschraubt, der ordnet sich falsch ein, der kann vor lauter Klopfen auf die eigene Schulter den Fehlschuss nicht mehr hören. Der schafft es tatsächlich, ein gefälschtes Leben als richtig auszugeben.
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unendlich anregend, 25. September 2014
Von 
Dr. Engelhard Weigl "Teufelweich" (Adelaide Australien) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ausgewählte Übertreibungen: Gespräche und Interviews 1993-2012 (suhrkamp taschenbuch) (Kindle Edition)
Unendlich anregend - doch im Regen dieser vielfältigen Ideen hat man am Ende nicht viel in der Hand. Vielleicht darf man von Interviews auch nicht mehr erwarten.
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0 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Typischer Sloterdijk, 5. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Für 5 Punkte hätte es gereicht, wenn mehr neuere Interviews dabei gewesen wären, z. B. Spiegel oder Cicero-Interviews, die man sonst nicht findet. Vielleicht im nächsten Band
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0 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Geschenk, 24. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Blöd, verschenkte Bücher kann man nicht bewerten, wenn man sie nicht gelesen hat.
Der Beschenkte war zufrieden und gut nun.....
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