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64 von 70 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von bösen und guten Gelegenheiten zum Scheitern oder zum Überleben
Dell ist der Held einer Geschichte, in der es um die Abgründe und wechselvollen Schicksale einer kleinen Familie geht.

Mit dem ersten Absatz ist man mitten in einer Erzählung, in der es um einen Banküberfall und um Mord und Totschlag, aber auch um das Leben und die Verirrungen geht, denen ein jeder in seinem Leben anheimfallen kann...
Veröffentlicht am 23. August 2012 von cl.borries

versus
20 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wann wird gut zu böse - zu ausführlich und merkwürdig aufgebaut erzählt
„Der Sportreporter“, „Unabhängigkeitstag“ und die „Lage des Landes“ haben Richard Ford zu einem meiner favorisierten Autoren werden lassen; es waren langsame Bücher, in denen äußerlich wenig passierte, aber Fords genauer Blick in die amerikanische Gegenwart und seine Fähigkeit, die Innenwelten seiner...
Veröffentlicht am 6. September 2012 von Kai Bargmann


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64 von 70 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von bösen und guten Gelegenheiten zum Scheitern oder zum Überleben, 23. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
Dell ist der Held einer Geschichte, in der es um die Abgründe und wechselvollen Schicksale einer kleinen Familie geht.

Mit dem ersten Absatz ist man mitten in einer Erzählung, in der es um einen Banküberfall und um Mord und Totschlag, aber auch um das Leben und die Verirrungen geht, denen ein jeder in seinem Leben anheimfallen kann.

Aus der Sicht des jungen Dell, Zwillingsbruder seiner Schwester Berner, der um 1960 ungefähr fünfzehn Jahre alt ist, schaut man auf seine Eltern, die so gut wie gar nicht zusammenpassen. Man steht im Wahlkampf für John F. Kennedy. Dells Vater ist ganz auf dessen Seite.

Aus einer Zufallsbegegnung ist die Ehe der Eltern zustande gekommen. Von Beginn an ist sie nicht glücklich. Neeva Parsons ist kopfgesteuert, vernünftig und rational denkend. Bev Parsons aber ist ein Träumer und Schaumschläger, der sein Leben nicht in den Griff bekommt. Er war bei der Air Force und hat vor kurzem seinen Abschied genommen.
Die Familie lebt in einem armseligen Häuschen in Great Falls/ Montana.
Wie in einen Strudel zieht Bev seine Frau mit in ein finanzielles Abenteuer, das für beide vernichtend endet.
Nach einem Banküberfall landen die jungen Eltern mit Mitte dreißig im Gefängnis. Berner haut mit ihrem Freund Rudy ins Unbekannte ab. Dell aber gelangt mit Hilfe einer Freundin seiner Mutter nach Kanada. Hier beginnen seine Abenteuer, die ihn durch Einsamkeit, harte Arbeit und dürftige Unterkünfte auf ein Leben vorbereiten, von dem man nicht weiß, wo es ihn hinführen wird.

In Kanada erfährt er Lebensbedingungen, die extrem sind für einen Jungen von 15 Jahren. Er haust in abgelegenen Hütten und ist zwei Männern mit offensichtlich kriminellen Strukturen ausgeliefert. Mit einfachster Arbeit hilft er aus, wo immer er gebraucht wird und geht sein Leben ohne innere Widerstände an. Wunderbare Landschaftsbeschreibungen und atmosphärisch einprägsame Stimmungen begleiten unseren Helden, der seine Unschuld und Offenheit trotz der gravierenden Erlebnisse nicht zu verlieren scheint.

Hervorragend in Konzeption und Aufbau bannt die Geschichte vom ersten Moment an. Dell sieht mit aufmerksamem Blick und feinem Gespür für alles, was von der täglichen Norm abweicht, wie sich um seine Eltern etwas zusammenbraut, das ihn beängstigt. Das große Können Richard Fords lässt uns durch die Augen Dells erfahren, wie es zu den Abwegen und Fehlentwicklungen seiner Eltern kommen konnte, und wie er in seinem eigenen abenteuerlichen Leben in Kanada seinen Weg findet.

Das melancholische und verständnisvolle Ende beleuchtet eine wichtige Erkenntnis, die Dell auf seinem langen Weg zur Normalität gefunden hat. Sie gipfelt in der Einsicht, dass jeder im Leben eine Chance hat, die man nur nutzen muss. Mit Verlusten umgehen und das Gute im Verborgenen finden lernen ist die große Kunst des Lebens.

Man ist fasziniert und hingerissen von den feinen psychologischen Details, mit denen Richard Ford seine Geschichte fort und fort schreibt. Er ist einer der ganz großen Erzähler amerikanischer Herkunft, dessen Erzähltalent ihn in die unendlichen Gefilde ruhmvoller und anerkannter Schriftsteller einreiht.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr ordentlich, aber bei weitem nicht Fords bester Roman, 31. Dezember 2012
Von 
Th. Leibfried "TL" (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
Richard Ford gehört zu den ganz großen, noch lebenden amerikanischen Erzählern. "Unabhängigkeitstag" und "Die Lage der Landes" gehören zu meinen absoluten Lieblingsromanen. Seine Werke sind durch eine große Realitätsnähe und eine tiefe Einfühlsamkeit in die Figuren geprägt. Ich kann die Romane Fords nur wärmstens empfehlen.

In "Kanada" erzählt Ford aus der Sicht eines 15jährigen. Dell lebt im Jahr 1960 in einer Kleinstadt, in die es seinen Vater, einen ehemaligen Piloten und dessen Ehefrau, eine Lehrerin, sowie seine Zwillingsschwester Berner verschlagen hat. Die Familie kommt nie richtig an, bleibt wurzellos und von der Umwelt nicht wahrgenommen. Dells Vater versucht mit kleinkriminellen Machenschaften das Einkommen ein bisschen zu verbessern und rutscht in eine Situation, aus der ihm nur ein Bankraub einen Ausweg verspricht. Obwohl seine Frau es besser weiß, begleitet sie ihren Mann nicht nur zur dilettantischen Ausführung, sondern hinterher auch ins Gefängnis. Zurück bleibt ein Zwillingspärchen, ganz auf sich gestellt. Berner nimmt die Gelegenheit wahr und flüchtet, während Dell von einer Bekannten seiner Mutter nach Kanada, vermeintlich in Sicherheit gebracht wird. Hinein in die Provinz Saskatchewan mit seiner schier unendlichen Weite und seinen seltsamen Charakteren.

Die erste Hälfte des Buches strebt langsam aber stetig auf den Moment des Bankraubs und die Verhaftung der Eltern zu. Für mich ist das trotz einer gewissen Länge der stärkere Part des Romans. Langweilig ist es mir dabei nie geworden. Dabei hilft enorm, dass Ford zwar Dell als Ich-Erzähler wählt, dennoch mit der Sprache eines Erwachsenen spricht. Er taucht als Autor ganz tief ein in seine Hauptfigur und lässt den Leser teilhaben an der Erkundung der Gedanken und Eindrücke eines Heranwachsenden. Die zweite Hälfte, die dem Roman den Titel gegeben hat, empfinde ich als deutlich schwächer, aber da könnte man sich bestimmt streiten. Toll dagegen ist wiederum der Schluss, als Dell nach vielen Jahren einmal wieder seiner todkranken Schwester Berner begegnet und sie Abschied nehmen. Hier kommt das Erzähltalent Fords wieder voll zum Tragen.

"Kanada" ist meiner Meinung nach nicht Fords stärkster Roman, bei weitem nicht sogar. Aber er ist wohl immer noch besser als der Großteil der jährlich veröffentlichten Bücher. Dennoch, ich empfehle die eingangs genannten Bücher weitaus lieber.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vertweifelter Kampf um Beheimatung, 25. August 2013
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
Richard Ford gehört wie John Updike und Philip Roth zu den ganz großen amerikanischen Gegenwartsautoren. Er hat sieben Romane, zahlreiche Kurzgeschichten und viele Essays veröffentlicht. Für seinen Roman "Unabhängigkeitstag" bekam er 1996 den Pulitzer Preis. "Kanada" zählt fraglos auch zu den ganz großen Werken der Weltliteratur. Es ist sicherlich, dank seiner erzählerischen Dichte, seiner elementaren Vehemenz, seiner Gründlichkeit, seiner arrangierten Selbstsicherheit, als auch wegen der Doppelbödigkeit und Doppeldeutigkeit der Erzählerstimme, wohl Richard Fords bisher bestes Buch. Er brilliert immer wieder mit seinen glasscherbenscharfen ersten Sätzen, so dass man nach einem leidenschaftlichen Anfang sofort mitten in der Geschichte drin ist. In "Kanada" blickt der 65 jährige Englischlehrer Dell auf die Krisen seines Lebens zurück, wobei er vornehmlich die Zeit seiner Pubertät als 15 oder 16 jähriger im Fokus hat. Der geniale Anfang hier, mit dem im Grunde schon alles gesagt ist, lautet etwa: "Zuerst will ich von dem Bankraubüberfall erzählenden meine Eltern begangen haben, dann von den zwei Morden, die sich später ereignet haben".

Die eigentliche Katastrophe begann faktisch mit dem Banküberfall, aber der Roman erhält seine Spannungsladung nicht von dem Krimiplot, sondern von der erschütternden Schutzlosigkeit und der unsäglichen Tristesse, von dem das Aufwachsen des Ich-Erzählers geprägt ist, denn nach dem Raubüberfall driftete die Familie auseinander.

Zum Plot: Dieser Protagonist Dell erinnert sich sehr genau, wie er und seine Zwillingsschwester Berner in ihr Leben hineingewachsen sind. Der Vater Bev Parsons, ein wahrer Sunnyboy, wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen, versuchte später mit dubiosen Geschäften die Familie über Wasser zu halten. Die Mutter Neeva Parson, Tochter jüdisch-polnischer Emigranten, eine Frau mit einer ganz anderen Bildung, versucht die Kinder einigermaßen bürgerlich zu erziehen. Es sind Bev's enorme Schulden, die diese Frau, in einer finalen Ratlosigkeit, dazu führt sich auf einen Banküberfall einzulassen. Und nun beginnt ein kleiner Grenzverkehr zwischen Gut und Böse. Plötzlich kippt alles von der Normalität ins Böse. Es sind immer wieder diese Grenzüberschreitungen, die im Raum stehen und eigentlich den Kern des Buches ausmachen. Es sind eben Ereignisse, wie dieser dilettantisch durchgeführte Banküberfall, die im Leben alles verändern und alles in Frage stellen, das ganze Familienleben von heute auf morgen auf den Kopf stellen.

Die Eltern werden natürlich verhaftet, kommen sofort ins Gefängnis. Die Kinder, Dell und Berner, besuchen sie dort noch einmal und sehen sie dann nie wieder. Sie gehören jetzt dem Staat Montana, doch ehe das Jugendamt tätig wird, flieht Berner mit ihrem Jugendfreund in ein Leben, das in einer Achterbahnfahrt enden wird. Dell wird von einer Freundin seiner Mutter über die Grenze nach Kanada gebracht, versucht dort bei dem zwielichtigem Menschen Arthur Remlinger, in einem verwahrlosten Kaff, eine neue Heimat zu finden. Dieser Remlinger hat einen Mord auf dem Gewissen und Dell macht sich als Mitwisser und Zeuge an zwei weiteren Morden in irgendeiner Form mitschuldig. So wird dieser Junge unversehens von der Kindheit ins Erwachsendasein katapultiert.

Die Heimat findet Dell schließlich irgendwo auf der Grenze zwischen USA und Kanada. Kanada ist eigentlich eine Metapher, das Gegenteil von einer Idylle, denn der Junge überschreitet bei seiner Suche nach Beheimatung mehrfach Grenzen, sowohl im Leben als auch räumlich. Immer wieder wird der Zusammenhang von Handeln und Schuld gespiegelt. Ein intensiver Exzess der Grenzüberschreitung in der Mitte des Romans, ist der Inzest zwischen Dell und seiner Zwillingsschwester Berner. Doch auch das wird nicht als wirkliche Katastrophe empfunden. Dabei werden auch hier die Fragen nach Schuld und Verstrickung nicht wirklich aufgelöst, obwohl wir es insbesondere bei der sterbenskranken Zwillingsschwester Dell mit einem total verpfuschten Leben zu tun haben. Sie war drei Mal verheiratet, Alkoholikerin und sie hat ihre zweite Chance eigentlich nie gesucht.

In einer großartigen Doppelperspektive erfahren wir wie Dell ein glücklicher Familienvater und Lehrer geworden ist, der trotz alle Enttäuschungen, Brüche, Grenzüberschreitungen und Schuld und Schlamassel- im Gegensatz zu seiner Schwester, die ihm zum Schluss vorzuhalten versucht was er alles im Leben verpasst hat - sein Leben in den Griff bekommen hat.

Zu den zentralen Erzählsträngen und zu den anrührenden Momenten gehört das ständige Ringen der Kinder, um die Liebe der Eltern, denn die bleibt trotz aller Verfehlungen erhalten.

Es gibt anrührende und packende Schilderungen auf dieser Suche nach einer zweiten Chance im Leben. Die gelingt, wenn auch der Ich Erzähler meint man müsse für alles im Leben bezahlen, bevor final das Gute Geborgenheit vermittelt. Berner konnte das Toxikum der Bösartigkeit psychisch nicht bewältigen, denn sie stürzte sich in ihrem Achterbahnleben von einem Abenteuer ins nächste.

Ein großartiger Roman, ich habe lange keinen Erzähler mehr gelesen, der einen so großen Lebensraum derartig rasant, abgründig und polyperspektivisch erzählerisch auffalten kann wie Richard Ford. Meine empathische Leseempfehlung.
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35 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leiden ohne Schmerz?, 30. August 2012
Von 
Helga Kurz "Helga Kurz" (Stuttgart) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
Sommer 1960, Kalter Krieg, der Wahlkampf zwischen Kennedy und Nixon ist in vollem Gange. In Great Falls, Montana, nahe der Grenze zu Kanada, wurde der schmucke Army Air Corps-Captain Bev Parson wegen Unregelmäßigkeiten im Dienst zwar degradiert, aber dennoch ehrenhaft aus der Air Force entlassen und sieht sich einer unklaren Zukunft ausgesetzt. Er hat seine Familie zu versorgen, das 15-jährige Zwillingspaar Dell und Berner und seine ungemütliche, aus schwermütig jüdisch-intellektuellem, entwurzeltem Milieu stammende Ehefrau Neeva, die ihre Ehe mit dem flotten Jungen aus Alabama schon lange bereut. Aber ohne den Anflug von Leichtsinn ihrer Mütter, würden manche Kinder erst gar nicht geboren werden. Seit Jahren zogen sie von Stützpunkt zu Stützpunkt, lebten ohne nennenswerte Habseligkeiten in gemieteten Häusern und haben kaum Kontakte oder gar Bindungen zu anderen. Als Familie funktionieren sie mehr schlecht als recht, dennoch ist sie ihr Dreh- und Angelpunkt, bis das passiert, was Dell, aus dessen Sicht alles geschildert wird, gleich zu Beginn des Buches so beschreibt:

„Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten.“

Das sind Sätze, die den Leser erst einmal irritiert zurückfahren lassen. Will man ein Buch, das sofort die ganze Luft aus dem Ballon lässt, denn überhaupt lesen? Will man. Denn man will nicht nur wissen, was zu diesen Vorfällen führte, sondern auch, was danach geschieht. Wie geht man mit den Dingen des Lebens um, die dazu führen, dass man aus der Bahn geschleudert wird und wie schafft man es dennoch, der zu bleiben, der man ist und sein will. Das ist das, was auch Ford mehr interessiert als die Taten selbst, er hat schon oft davon erzählt, auch in seiner Bascombe-Trilogie, die ihn berühmt gemacht hat.

Dell Parson, der am Ende des Buches, im Jahr 2010, ein Mann auf der Schwelle zum Alter sein wird, den die Tragödien in seinem Leben eben nicht für immer aus der Bahn geworfen haben, ist ein guter, lieber Junge, ein Kind seiner Zeit, mit einer Kindheit, die es so heute vielleicht gar nicht mehr gibt. Er mag die Schule, interessiert sich für das Schachspiel und für Bienenzucht und kann sich gut mit sich selbst beschäftigen, wenn er auch gerne Freunde hätte. Seine Schwester Berner ist da anders, eigensinniger, zorniger, auch erwachsener und von vorauseilender Härte. Als ihre Eltern ihr Leben in den Sand setzen, setzt sie sich in ein Ersatzleben ab, jedoch nicht ohne das geschwisterliche Band durch Inzest, der unerträglich beiläufig geschildert wird, für immer zu beschädigen. Dell jedoch, bis zum Schluss ein braver Sohn, beugt sich ein letztes Mal den Willen seiner Mutter und gerät nach dem sozialen Tod seiner Familie, der sich quälend langsam anbahnt, bevor er blitzartig zuschlägt, in die Obhut eines zwielichtigen Amerikaners, der im kanadischen Saskatchewan ein heruntergekommenes Hotel für Jäger betreibt. Arthur Remlinger, der in Harvard studierte und über eine Ausbildung „mit Goldrand“ verfügen könnte, wenn er aus einem besseren Stoff gewesen wäre, ist ein Mann der Kälte, von dem sich Menschen besser fernhalten. Doch zunächst hat der traumatisierte Junge keine Wahl, in der Einsamkeit des amerikanisch-kanadischen Grenzgebiets wird er seine Kindheit und einen Kopfkissenbezug hinter sich lassen.

Ford hat lange in Montana gelebt, ist mit der Jagd vertraut und kennt Kanada gut, was der Atmosphäre, die im Buch herrscht, Dichte und Glaubwürdigkeit verleiht. Kanada, so kommt es mir vor, ist für ihn ein besseres, ein unbelastetes Amerika. Hätte Obama die Wahl nicht gewonnen, so wäre er dorthin ausgewandert, berichtet er in Interviews, und dass er es im Falle eines Präsidenten Romney wieder in Erwägung ziehen würde. Dass er das Buch schlicht „Kanada“ genannt hat, darf durchaus als Statement gewertet werden. Sein stiller Held Dell, der im anderen Amerika bleiben wird, wird lange brauchen, bis er die einschneidenden Erlebnisse seiner Jugend, die ihn sein Leben lang begleiten werden, verarbeitet hat. Im Lauf der Zeit erreicht er, dass er dem Menschen treu bleibt, als der er sein Leben begonnen hat. Das war eine Maxime seiner unglücklichen Mutter. Warum sie sich auf stümperhaft anmutende Weise verlor, konnte Ford nicht ganz glaubhaft machen, was dem wehmütigen Zauber, der über seiner Geschichte liegt, aber nicht schadet.

„Kanada“ ist ein berührendes literarisches Glanzstück, in dem es um Liebe, Verlust, Trauer, Ertragen und Bewältigung geht. Nicht immer trifft man die Menschen dort an, wo sie hingehören. Entwurzelung geht mit einer Leere einher, die aus eigener Kraft gefüllt werden muss. Wird man in jungen Jahren benutzt und vor allem nicht richtig behütet, gehört man nie mehr so ganz irgendwo dazu. Das Leben wird uns leer geschenkt, sagt Florence zu Dell im Buch, und es ist unsere Aufgabe, das Glücklichsein zu erfinden. Dell Parson, der die Mentalität des Bewahrens und Verdrängens gleichermaßen besitzt, findet einen Platz in der Welt, wo er nach seinen Bedürfnissen leben kann, obwohl alles auch ganz anders, vielleicht besser hätte verlaufen können. Und er erfährt, dass es mit etwas Glück möglich ist, ein gutes Leben zu haben, auch wenn immer etwas fehlen wird und die blassen Gespenster der Vergangenheit nicht endgültig weichen wollen. Gutes kann auch aus einem beharrlichen Trotzdem entstehen. Zufriedenheit und Wohlbehagen sind mindere, aber auch zuverlässigere und langlebigere Formen des Glücks. Mit denen muss man sich unter Umständen begnügen. Was schon sehr viel ist.

Dell und Berner Parson werden selbst nie Kinder haben.

Helga Kurz
30. August 2012
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von leer geschenktem Leben, und der Aufgabe das Glücklichsein zu erfinden...,, 9. Dezember 2012
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
Richard Fords Roman ist für mich das Highlight zum langsam zu Ende gehenden Lesejahr 2012. Obwohl ich diesen Autor bis dato noch nicht gelesen habe, hat mich dieser Roman rundum überzeugt, immerhin schreibt er schon seit gut 35 Jahren Bücher! Bekannt wurde er vor allem durch seine Bascombe-Trilogie, Der Sportreporter, Unabhängigkeitstag (für den er 1996 den Pen Faulkner Award und den Pulitzerpreis erhielt) sowie dem Roman Die Lage des Landes. Kanada ist ein anspruchsvoller Roman, der leicht zu lesen ist, wunderbar geschriebene Passagen vorzuweisen hat, und für mich zu den ganz grossen amerikanischen Autoren gehört, die wir derzeit haben. Im vorliegenden Roman geht es um Erwachsen werden, aus seinem Leben etwas zu machen, auch wenn zum Scheitern verurteilte Familienereignisse nicht gerade die besten Voraussetzungen darstellen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Dell Parsons, und seine Zwillingsschwester Berner. Erzählt werden die Ereignisse, zwischen ihrem 11. und 16. Lebensjahr. Ford nimmt den Plot schon vorneweg, indem er schon im ersten Satz vom Raubüberfall der eigenen Eltern und bevorstehenden Morden, wie mit einem Paukenschlag den Roman eröffnet. Wir sind im Jahre 1960, wir sind in Montana, einem Ort namens Great Falls. Die Eltern sind in desolater Ehe, aus der sie nicht ausbrechen können, der Vater von der Air Force entlassen, weil er krumme Geschäfte betreibt, kämpft mit allen Mitteln, auch illegalen, um irgendwie seine Familie durchzubringen. Die Mutter ist Jüdin, liest Gedichte, schafft es nicht von ihrem Mann loszukommen, kann aber trotz allem ihren Kindern Werte vermitteln. Ford selbst bringt die Essenz des Romans selbst zum Ausdruck: "Wenn ich an die Zeit zurückdenke - an meine Vorfreude auf die Schule in Great Falls, an den Bankraub unserer Eltern, an das Weggehen meiner Schwester, an meinen Grenzübertritt nach Kanada und den Tod der Amerikaner - und dann an Winnipeg und daran, wo ich heute stehe, dann sehe ich all das in seiner Gesamtheit, wie eine musikalische Partitur mit einzelnen Sätzen oder ein Puzzle, und so versuche ich, mein Leben in einem intakten und akzeptablen Zustand zu erhalten, ganz gleich, welche Grenzen ich überschritten habe."

Richard Ford schreibt von Gegensätzen und Polaritäten, von Unschuld und Schuld, von Jugend und Erwachsen werden, von Gut und Böse, von Rebellion und Anpassung, vom Scheitern im Leben und dem ungebrochenen Willen, aus seinem Leben etwas zu machen. "..nichts konnte mich von meiner Zukunft fernhalten, die ich haben wollte." Was machen diese beiden jungen Menschen aus ihrem Leben, nachdem sie ansehen mussten, wie ihre Eltern nach einem stümperhaften und blöden Banküberfall von der Polizei in Handschellen abgeführt werden? Berner haut mit Freund Rudy nach San Franzisko ab, bevor das Jugendamt sie holen kommt, Dell wird auf Wunsch der Mutter, von ihrer Freundin nach Saskatchewan zu jenen zwei zwiellichtigen Männern gebracht, der eine Arthur Remlinger mit kriminellen Hintergrund, und da ist noch jener ominöse Charley Quarters, der sich schminkt und Lippenstift aufträgt...Über die ersten 100 Seiten, hat der Leser ein ungutes Gefühl auszuhalten, denn man spürt schon, dass die Zeichen nicht gut stehen...

Ein Roman, der vom Übergang von der Kindheit zum Erwachsen werden erzählen will. Eine Geschichte, bei der innere wie äussere Grenzen überschritten werden. Ein Autor, der uns von der Einzigartikeit dem Geschenk des Lebens erzählen will, und dem wie sehr es an uns liegt, ob wir im Stande sind, dem Leben Glück einzuhauchen. Der handlungsarme Dell lässt vieles über sich ergehen, blickt stumm zu haaresträubenden Ereignissen zu. Es ist vielmehr seine stille Haltung, die ihn trotz unglücklicher Umstände schliesslich dann doch vorwärts bringt, bis der Leser irgendwann merkt, dass uns hier ein 66-jähriger erfolgreicher Lehrer seine Jugendgeschichte erzählt. Während Dell aus seinem Leben etwas gemacht hat, ist parallel dazu seine Schwester im Leben gescheitert, der er am Ende ihres Lebens nochmal trifft. Richard Ford stellt hier wirklich die Frage, ob man aus einem verpfuschtem Leben noch etwas machen kann!? Ein Autor, der sich ausgesprochen gut, in das Innerseelische von Jugendlichen hineinfühlen und auch beschreiben kann.

Ein Roman über das Drama des Lebens, Ereignisse die alles im Leben in Frage stellen können, um menschliche Abgründe, Beziehungsverluste und der damit einhergehenden Einsamkeit, und der Frage ob wir wirklich glücklich gelebt haben. "Hast du das Gefühl, du hast ein wunderbares Leben gelebt?"..wird ihn seine Schwester Berner am Ende ihres Lebens fragen... Richard Ford schreibt auch von der stillen Liebe zu den Eltern, oder auch der eigenen Schwester in sehr berührender Art und Weise. Richard Ford schafft es in seinem Roman über ein gelebtes Leben hinaus eine Resonanz zu erzeugen, die grösser ist als das Erlebte. Können wir unser Innenleben erneuern, trotz all der Tragik die uns das Leben vor Augen hält? Der Autor hat drei Jahre an diesem Roman gearbeitet, der für mich eine Bereicherung sondergleichen war und ist, und um es mit den Worten von Elke Heidenreich zu sagen: Vor solchen Autoren müssen wir auf die Kniee gehen...wie Recht sie doch hat! Kanada ist ein grossartiges Buch!

Empfehlung.
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16 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein 15-jähriger sucht seinen Platz im Leben..., 14. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
Der 15-jährige Dell und seine Zwillingsschwester Berner wohnen mit ihren Eltern in Great Falls, einem kleinen Provinznest. Bev, der Vater, versucht nach seiner Entlassung bei der Air-Force mit diversen Jobs seine Familie über Wasser zu halten. Er und seine intellektuelle Frau Neeva scheinen nicht wirklich eine Einheit zu bilden, Neeva wünscht sich ein anderes Leben, schafft es jedoch nicht, sich von ihrem Mann zu trennen. Als Dell's Eltern einen Banküberfall begehen, lässt die Verhaftung nicht lange auf sich warten, die Kinder bleiben traumatisiert zurück. Dell wird nach Kanada geschickt, zum zwielichten Hotelbesitzer Arthur Remlinger, wo er - minderjährig und ohne Papiere - mehr oder weniger Gefangener seiner eigenen Situation und Vergangenheit ist. Die Erwachsenen, von denen er umgeben ist, setzen eigennützige Erwartungen in ihn, von denen er sich erdrück t und ausgenutzt fühlt. Seine Zukunftsperspektiven sind alles andere als vielversprechend. Als ein weiteres, schwerwiegendes Ereignis seinen Glauben an die Menschheit erschüttert, kommt er zu wichtigen Erkenntnissen, die seine Zukunft für immer prägen werden. Doch diese wird immer mit Kanada verbunden bleiben...
**
Richard Ford lenkt scheinbar zunächst ab, nicht Dell und sein Leben in Kanada sind Mittelpunkt dieser Geschichte, sondern um den Leser die Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten verstehen zu lassen, holt er weit aus: er lässt Dell rückwirkend seine eigene Geschichte erzählen, so, wie er sie als 15-jähriger Junge und Sohn seiner Eltern wahrgenommen hat. Dazu werden die Persönlichkeiten und Charaktere sowohl von Vater Bev als auch von Mutter Neeva beleuchtet und analysiert, außerdem versucht Dell zu begreifen und zu erklären, wie und warum seine Eltern sich so veränderten, dass sie sich sogar zu einem Bankraub hinreißen ließen. Ob Dell diese Erklärung für und vor sich selbst gelungen ist? Es scheint so, denn Dell macht aus seinen Situationen das jeweils Beste, er muss in Kanada gezwungenermaßen von heue auf morgen erwachsen werden - eine andere Chance bleibt ihm nicht. Und wie er selbst erkannt hat: Mit der Grenzüberquerung wurde man aber auch zu einem anderen Menschen - das geschah jetzt mit mir, und ich musste es annehmen". Wobei Grenze" hier durchaus eine Doppelbedeutung annimmt. Doch seine fehlende Lebenserfahrung und Naiivität lassen ihn vieles zunächst nicht verstehen, erst nach und nach erschließt sich der Sinn vieler unbeanworteter Fragen.
Beeindruckend und teilweise melancholisch werden seine Erlebnisse, seine Gefühle geschildert und die Erkenntnisse, die er für sich selbst trifft: dass die Zukunft von der Vergangenheit geprägt wird, aber es gleichzeitig auch jeder selbst in der Hand hat, seine Zukunft zu gestalten oder Ereignisse, die das ganze Leben verändern, sehen manchmal nicht danach aus".

Der Autor lässt die Handlungsorte lebendig werden, der Leser kann sich gut in das Provinznest Great Falls hineinversetzen, sich die Bewohner vorstellen, für die Dell und seine Familie vollkommen unbedeutend sind. Auch der kanadische Ort Fort Royal ersteht bildhaft vor dem inneren Auge und dem Autor gelingt es auf einzigartige Weise, die Situationen, z.B. vor, während und nach dem Bankraub so athmosphärisch dicht zu beschreiben, dass die Luft im wahrsten Sinne des Wortes zum Schneiden ist. Aber auch die Gänsejagd in Kanada, Dell's Einleben im kanadischen Saskatchewan werden so real, dass man dabeizusein scheint.

Die Charaktere der Personen sind glaubhaft und man kann sich kaum vorstellen, dass es hier um ein rein fiktives Erlebnis handelt - zu intensiv werden die Gefühle von Dell geschildert, so dass man mit ihm fühlt, sich vorstellen kann, wie es in ihm aussehen muss: der Jugendliche, der in diesem prägenden Alter nach Antworten und seinem Platz im Leben sucht. Man möchte ihm am liebsten behilflich sein und ihm der Freund sein, den er so dringend benötigt.
Die Veränderung und Entwicklung, die Dell in diesem einem Jahr - seinem 16. Lebensjahr - durchmacht, ist enorm und seine Erkenntnisse, die er oft erst im nachhinein macht - beim Aufschreiben dieser Geschichte - sind auf den Punkt gebracht, z.B. ...ist die Zeit nur eine erfundene Größe und verliert an Bedeutung, ganz zu Recht" oder:, Merkwürdig, was einen dazu bringt, über die Wahrheit nachzudenken". Diese Sätze machen dieses Buch, diese Geschichte zu einem wahren Leseerlebnis, das nachdenklich stimmt und zu etwas Besonderem werden lässt.

Fazit:
Ich kann Kanada" absolut weiterempfehlen, es ist ein etwas anspruchsvollerer Roman voller philosophischer Anregungen, Erkenntnissen, und ein Buch, das dem Leser Geschehnisse und Personen anschaulich und atmosphärisch dicht ans Herz legt. Richard Ford kannte ich bisher noch nicht, aber Kanada" hat mich überzeugt und ich werde nach seinen Büchern Ausschau halten!
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hast du das Gefühl, du hast ein wunderbares Leben gelebt?, 29. November 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
Der Roman "Kanada" von Richard Ford scheint zunächst den falschen Titel zu tragen, denn er ist kein Roman über das Land "Kanada", sondern die Erzählung über das schwierige Hineinwachsen eines Fünfzehnjährigen in die Welt der Erwachsenen. Es handelt sich zu allererst um einen Bildungsroman, und das Werk ist in diesem Sinne ein sehr deutscher Roman, wo wir eine lange Tradition des Bildungsromans kennen, von Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", über Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich" bis zur Parodie des Bildungsromans in der Figur des Oskar Matzerath in Grass` "Die Blechtrommel".
Der junge Dell, der Protagonist in Richard Fords Roman, erlebt in der Tat ein schmerzvolles Hineinwachsen in die problematische Welt der Erwachsenen, denn er ist gerade fünfzehn Jahre alt, als seine Eltern einen stümperhaften Banküberfall durchführen und dafür ins Gefängnis gehen. Dell und seine Zwillingsschwester Berner sollen nach dem Willen der Mutter dem Zugriff der staatlichen Waisenheime entzogen werden. Während die Schwester Herr ihres Lebens bleiben möchte und sich eigenmächtig absetzt, wird Dell, wie die Mutter es noch vor ihrer Verhaftung zusammen mit ihrer einzigen Freundin in die Wege geleitet hat, über die Grenze nach Kanada gebracht und dort Arthur Remlinger, dem Bruder der Freundin, übergeben.

Dell und seine Schwester Berner sind in der Nähe von verschiedenen Luftwaffenstützpunkten aufgewachsen, in Mississippi, Kalifornien und Texas, zuletzt in Great Falls, Montana. Sie befinden sich von Anfang an in einer schwierigen Situation, denn es gibt keinen Ort, von dem sie sagen könnten, dass sie dort hingehören würden und Wurzeln geschlagen hätten. Das ist zunächst dem Beruf des Vaters geschuldet, der als Soldat bei der Air Force in verschiedenen Standorten stationiert war, aber auch dessen unstetem Charakter. Der Vater versucht sich nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Army in wechselnden Jobs und verstrickt sich dabei auch immer wieder in unlautere Geschäfte. Geschuldet ist Dells Situation aber auch der bewussten Einstellung der Mutter, die streng darauf achtet, dass ihre Kinder Distanz halten zur jeweiligen Umgebung, in der sie ohnehin nicht lange bleiben werden. Dell und seine Zwillingsschwester Berner leben in diesem Sinne noch ein unbestimmtes Leben, ohne klare Festlegungen und Bindungen. Es scheint fast so, als würde Richard Ford die Schriften des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre ganz gut kennen, der die Ausgangssituation jeder menschlichen Existenz ähnlich beschreibt: Jeder lebt, so der Philosoph des Existentialismus, sein Leben zunächst ohne vorgegebenen Sinn, er führt eine "Nullpunkt-Existenz", er muss sich erst selbst entwerfen und definieren. Der Erzähler wird es am Ende des Romans fast ähnlich formulieren: "Ich glaube daran, [...] dass uns das Leben leer geschenkt wird." (S.462) Dass der junge Dell die Leere in seinem jungen Leben überwinden will und eine tiefe Sehnsucht nach einem geordneten Leben mit festen Regeln und Konturen in sich trägt, zeigen seine selbstgewählten Hobbys: Er begeistert sich für das Schachspiel und interessiert sich für die Haltung von Bienen. Bezeichnenderweise werden beide Hobbys von seiner Umgebung eher abgeblockt als gefördert. Die Verhaftung der Eltern markiert freilich einen Punkt, an dem Dell zunächst jede Möglichkeit genommen wird, einen eigenen Lebenswurf zu entwickeln.

Fortan beschäftigt sich der Roman mit zwei Leitfragen: Einmal ist da die Frage, wie konfliktträchtig oder gar zerstörerisch eine wurzellose Existenzform, wie Dell sie in Great Falls geführt hat und in Kanada noch zugespitzter führen wird, letztlich sein muss, wenn sie nicht überwunden wird. Dell wird sich in seiner neuen kanadischen Umgebung bewusst oder unbewusst ständig die Frage stellen, ob er einmal eigenständig darüber wird befinden können, was aus ihm in der Zukunft werden soll. Mit dieser ersten Leitfrage verbindet Ford eine zweite, nämlich die nach der Determiniertheit des einzelnen Lebens. Immer wieder schneidet der Erzähler die Frage an, wie bestimmte Taten und Entscheidungen, seien es fremde oder eigene, den weiteren Lebensweg beeinflussen, und welche Möglichkeiten es gibt, sich einmal eingetretenen Determinierungen in der Folge zu entziehen.

Nach dem einzigen und letzten Besuch bei den verhafteten Eltern im Gefängnis klingt Dells Position zunächst noch recht selbstsicher: "Diesen kurzen Moment lang fragte ich mich, ob Berner und ich genau das waren: festgelegte Figürchen, die von größeren Kräften als uns herumkommandiert wurden. Ich beschloss, dass wir es nicht waren." (S.229) Die Konstellationen in der neuen Umgebung in Kanada sind für Dell dann freilich alles andere als günstig. Wenn er sich selbst definieren, oder wie Sartre sagen würde, "selbst entwerfen" soll, dann bräuchte er jetzt günstige Entwicklungsmöglichkeiten und vor allem positive Vorbilder, nach denen er seinen Lebensentwurf ausrichten könnte. Die Verhältnisse und die Menschen freilich, mit denen er es zu tun bekommt, geben ihm diese Perspektive nicht. Arthur Remlinger besitzt in Fort Royal das heruntergekommene Hotel Leonard, in das sich hauptsächlich Amerikaner einmieten, die wegen der Gänsejagd in die Stadt kommen. Organisiert werden die Jagdgesellschaften von dem finsteren Charley Quarters, dem Dell zur Hand gehen muss. Die Verhältnisse sind rundherum nicht einladend: Er wird außerhalb von Fort Royal in der Ansiedlung Partreau untergebracht, einem verlassenen Dorf, in dem von manchen Häusern nur mehr die Grundmauern stehen. Dort haust er in einem baufälligen Gebäude, das mit alten Kartons vollgestellt ist, in denen Arthur Remlinger die Dinge aus seinem früheren Leben aufgehoben hat. Bald merkt der Leser, dass die beschriebenen Milieus, das zerfallene Partreau und das verrufene Leonard, jeweils das nach außen gestülpte Innenleben von Dells "Beschützern" widerspiegeln. Seine "Mentoren" sind alles andere als positive Vorbilder. Obwohl er von ihnen beachtet werden will, spürt er doch zusehends, dass sie ihn ins Negative hinunterziehen werden.

Lediglich die Lebensgefährtin von Arthur Remlinger, die Malerin Florence La Blanc, zeigt Sympathie für den Jungen und erweist sich in gewisser Weise als positive Mentorin. Man kann vermuten, dass es ihr Einfluss im Hintergrund ist, dass der Junge unbeschadet jene ersten Wochen zwischen dem finsteren Charley Quarters, dem sprunghaften Remlinger und all den betrunkenen amerikanischen Gänsejägern einigermaßen unversehrt übersteht. Sie sorgt sich um den Lebensplan des Jungen und unterstreicht es mit einer Formel, die höchstpersönlich von Sartre stammen könnte. "Wir bekommen das Leben leer geschenkt", sagt sie zu dem fünfzehnjährigen Protagonisten und fügt hinzu: "Für die Sache mit dem Glück müssen wir uns schon selber etwas einfallen lassen." (S.325f.) Sie ist es schließlich auch, die Dell zu ihrem Bruder nach Winnipeg schicken will, damit er dort die katholische Highschool besuchen kann.

Nicht nur für den Protagonisten Dell, sondern für sein gesamtes Personal geht Richard Ford der Frage nach, inwieweit einschneidende Erlebnisse das weitere Leben so stark determinieren, dass ein freier Lebensentwurf gar nicht mehr möglich ist. Für Dell ist ohnehin klar, dass die Taten seiner Eltern ihn und seine Schwester massiv aus der Bahn geworfen haben. Aber auch Charley Charters ist ein Gefangener seines früheren Lebens, insofern ein nicht näher genannter Fehltritt, von dem Remlinger weiß, ihn dazu zwingt, für Remlinger den Handlanger zu spielen und die Drecksarbeit zu machen. Auch den undurchsichtigen Arthur Remlinger wird, wie sich bald herausstellen wird, sein früheres Leben einholen. Schließlich verwirft Richard Ford jedoch den Standpunkt eines einseitigen Determinismus. Remlinger hätte, wenn er gleich für sein Vergehen Verantwortung übernommen hätte, die Chance für einen Neuanfang gehabt, und Dell kann, trotz Verstrickung in ein Verbrechen, schließlich eine zweite Chance bekommen, weil er selbst nicht schuldig geworden ist.

Am Schluss gibt sich der Erzähler genauer zu erkennen: Er ist 66 Jahre alt, lebt in Kanada, in Windsor, Ontario, ist seit vielen Jahren verheiratet und unterrichtet als Lehrer. Seine Pensionierung scheint der Anlass zu sein, auf seine Jugend zurückzuschauen. Explizit greift er die zwei Leitfragen zum Schluss nochmals auf: Hat sein Leben einen halbwegs sinnvollen Verlauf genommen, und wie groß daran war sein eigener Anteil: War er nur das Figürchen, das andere geführt haben, oder hat er an seinem Leben verantwortlich mitgestaltet?
Natürlich hat er nach der Tat seiner Eltern zunächst ein verpfuschtes und mit Irrtümern behaftetes Leben vor sich gehabt. Das hat Dell übrigens mit seinen Brüdern aus dem deutschen Bildungsroman gemeinsam. Auch in Goethes "Wilhelm Meister" zum Beispiel bekennt der Held: "Leider hab` ich [..] nichts zu erzählen als Irrtümer auf Irrtümer, Verirrungen auf Verirrungen". Trotzdem findet im Goethe-Roman Wilhelms Entwicklung ein harmonisches Ende, wofür zunächst eine im Hintergrund wirkende geheimnisvolle "Turmgesellschaft" verantwortlich ist, die immer wieder steuernd in Wilhelms Leben eingreift. In gewisser Weise ist für Dell die Künstlerin Florence La Blanc jene Figur, die aus dem Hintergrund sein Leben wohlwollend begleitet und letztlich zum Besseren wendet. Wahrscheinlich zählt der Erzähler auch seine spätere Frau zu diesen läuternden Einflüssen. Von der Schwester nach dem gelungenen Leben gefragt, sagt er: "Ich habe die Richtige geheiratet."(S.453)

Goethes Wilhelm Meister ist kein aktiver Held, es mangelt ihm an bewusster zielorientierter Aktivität, gleichwohl gelangt er, gleichsam als Gabe eines wohlgesonnenen Schicksals, an ein harmonisches Ende. So ähnlich sieht es wohl auch der gealterte Erzähler in seinem Fall. Als er, bereits pensioniert, ein letztes Mal seine Schwester trifft, die sich nur schwer mit ihrem verpfuschten Leben aussöhnt, wird er von ihr gefragt: "Hast du das Gefühl, du hast ein wunderbares Leben gelebt?" (S.453) Der Erzähler windet sich um eine klare Antwort herum, hat er doch in seinem Leben genauso viel Fremd- wie Selbstbestimmung erfahren. Er für seinen Teil ist gut damit gefahren, die Dinge hin- und anzunehmen, wie sie auf ihn zugekommen sind, und dann zu versuchen, "aus alldem [..] ein Leben zu machen." (S.432) Schließlich lässt er sich von der fragenden Schwester ein halbherziges Ja zum gelungenen Leben abringen und fügt hinzu: "Ich habe es gelebt." (S.453) In diesem Bekenntnis des Erzählers klingt an, dass er einen eigenen Anteil am halbwegs gelungenen Leben erkennt, es schwingt aber auch, ähnlich wie bei Wilhelm Meister, die optimistische Überzeugung mit, dass in dem Gewirr der Wirklichkeit letztlich - wie der Erzähler es später ausdrückt - "das Gute geborgen ist, auch wenn es, zugegeben, nicht immer leicht zu finden ist." (S.462)

Allerdings sind es nicht bloß glückliche Fügung und Annahme der Lebensumstände, die Dells Lebensgeschichte versöhnlich enden lassen, sondern es gibt auch einen wichtigen Beitrag, der ihm selbst zuzurechnen ist, und das ist sein unbedingter Wille zur Ausbildung. Die Wichtigkeit dieses Aspekts ist schon bei Goethe thematisiert, der seine Hauptfigur formulieren lässt: "Daß ich Dir's mit einem Wort sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht." Auch Dell ist von Anfang an einer, der nach Bildung strebt: Er liest Bücher über Schach und das Imkereiwesen. Bei seiner Flucht nach Kanada kann er nur wenig mitnehmen, er packt aber seine Bücher ein, und weil er von seinem geliebten "Welt-Lexikon" nur zwei Bände mitnehmen kann, wählt er die Bände "B" und "M" aus - "das waren besonders dicke, in denen mehr stand." (S.168) Er leidet bei Remlinger am meisten darunter, dass er nicht zur Schule gehen kann, er erkundet wissensdurstig auf eigene Faust die Umgebung seines neuen Aufenthaltsortes, schließlich macht er sogar den naiven Versuch, in einer Schule für gefallene Mädchen den Unterricht besuchen zu dürfen, was natürlich schon im Ansatz scheitert.

"Hast du das Gefühl, du hast ein wunderbares Leben gelebt?" - Richard Ford, so weitgehend er dem existentialistischen Motto Sartes von einem "leeren Lebensbeginn" zustimmt, folgt dem französischen Philosophen und dessen hymnischer Forderung nach dem großen Selbstentwurf nur sehr eingeschränkt. Ford gibt seinen Lesern vielmehr mit, dass der Mensch, will er nicht scheitern, egozentrische Ansprüche hintanstellen und sich zur Einordnung in vorgegebene Zusammenhänge entschließen muss. Damit verbunden ist die Forderung nach Einschränkung und der Fähigkeit, gut mit Verlusten umgehen zu können. Aber er macht auch keinen Hehl daraus, dass das elementare Bildungsstreben eine wichtige Voraussetzung darstellt, damit aus Einordnung etwas Eigenständiges entstehen kann. Und mit diesen Vorschlägen ist Richard Ford näher bei "Wilhelm Meister" und dem deutschen Bildungsroman als bei Sartes subjektivistischer Existenz-Philosophie.

Dass der gealterte Dell auf seine Jugend zurückblickt, prägt auch die Art und Weise, wie dieser Roman erzählt wird. Der Leser wird wiederholt mit eingestreuten Alters-Reflexionen konfrontiert, lässt sie sich aber gerne gefallen, auch wenn sie gelegentlich etwas nebulös formuliert sind. An einigen Stellen wünschte sich der Leser freilich eine etwas straffere Erzählweise, aber Richard Fords Roman ist im Ganzen eine spannende Lektüre, wenn man bereit ist, sich auf psychologische, mitunter auch auf weltanschauliche Fragen einzulassen.
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20 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wann wird gut zu böse - zu ausführlich und merkwürdig aufgebaut erzählt, 6. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
„Der Sportreporter“, „Unabhängigkeitstag“ und die „Lage des Landes“ haben Richard Ford zu einem meiner favorisierten Autoren werden lassen; es waren langsame Bücher, in denen äußerlich wenig passierte, aber Fords genauer Blick in die amerikanische Gegenwart und seine Fähigkeit, die Innenwelten seiner Hauptperson Frank Bascombe zugänglich zu machen, haben mich begeistert. Nichts davon in Kanada.

Das größte Problem des Buches liegt in seinem Aufbau – erst ganz zum Schluss, nach etwa vierhundert Seiten, erfahren wir, worum es sich handelt: Eine Lebensbilanz. Bis dahin lavieren wir uns durch eine streng zwei geteilte Geschichte, deren Protagonisten banal-beliebig gewählt wirken: Die Familie um den ehemaligen Luftwaffencaptain aus dem provinziellen Nachkriegs-Montana und seiner zauderhaften Frau, die nicht zu ihm passt, ist nicht besonders interessant – jedenfalls nicht ohne Zusammenhang. Die Ausführlichkeit, mit der aus der Perspektive des halbwüchsigen Sohnes Dell ausgeführt wird, wie und warum die Eltern 1960 in einen Bankraub verwickelt werden, wirkt vordergründig ebenso nichtig. Das hat die Geduld erheblich strapaziert.

Auch im zweiten Teil, in dem Dells Schicksal weitererzählt wird, nachdem seine Eltern im Kittchen sitzen und er zu Bekannten ins abgelegene Saskatchewan nach Kanada überführt wurde, geht es darum, wie und warum Winzigkeiten und Zufälle ein menschliches Schicksal beeinflussen und statt etwas Gutem plötzlich etwas Böses entsteht. Doch auch Remlinger, der libertäre Intellektuelle und Pflegevater Dells, an dem das durchexerziert wird, wirkt beliebig und bleibt als Person rätselhaft, zumal er einfach aus dem Buch verschwindet.

Erst in der Retrospektive, als wir in der Gegenwart landen, verstehen wir, dass es sich um einen Lebensrückblick handelt; es entsteht ein Gesamtbild, das versöhnlicher stimmt. Hier klingt Ford wieder nach Ford, mild, menschlich, klug. Der strenge, formale Aufbau, der den Leser lange allein lässt, gibt dem Buch Schlagseite; eine Straffung der ersten beiden Teile hätte ihm gut getan.
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen bildgewaltig, bewegend und realistisch!, 30. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
Selten gibt es Bücher, die Leser mit den ersten Sätzen begeistern und für die Geschichte einnehmen. „Kanada“ von Richard Ford ist so ein Buch und gerade diese ersten Sätze beschreiben den Inhalt perfekt ohne zu viel zu verraten: „Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten. Der Raubüberfall ist wichtiger, denn er war eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben und in dem meiner Schwester. Wenn von ihm nicht als Erstes erzählt wird, ergibt der Rest keinen Sinn. Meine Eltern waren die unwahrscheinlichsten Bankräuber der Welt. Sie waren keine verrückten Leute, keine offensichtlichen Kriminellen. Niemand hätte geglaubt, dass ihr Schicksal diesen Verlauf nehmen würde. Sie waren ganz normal – obwohl diese Aussage natürlich null und nichtig wurde, als sie tatsächlich eine Bank überfielen.“ Seite 11

Mit diesen lakonischen Sätzen beginnt Richard Ford eine etwas andere Familiengeschichte um Dell, einen 15 jährigen Jungen aus den frühen 60er Jahren. Der Banküberfall und die anschließende Verhaftung seiner Eltern bestimmen von nun an sein Leben und das seiner Zwillingsschwester Berner. Sie verlieren nicht nur ihre Eltern sondern auch sich selber und ihre gewohnte Umgebung. Eine Freundin der Familie bringt Dell zu ihrem Bruder, der in Kanada wohnt, um ihn vor dem Waisenhaus zu bewahren. Doch auch dieser hat eine dunkle Vergangenheit, die ihn einzuholen droht…

Im Rückblick auf seine Jugend erzählt Dell die Geschichte seiner Familie – einer sehr unglücklichen Familie - und auch seiner eigenen, vor und nach dem Banküberfall, den illegalen Geschäften und den Morden. Er erzählt von unerfüllbaren, märchenhaften Träumen und Sehnsüchten nach einem ganz normalen Dasein und einem festen Platz im Leben. Wir als Leser dürfen viele interessante aber auch melancholische Alltagsszenen aus den 60ern miterleben, wie die Ausflüge in den Straßenkreuzern der damaligen Zeit oder den typischen Fernseh- oder Spieleabende. In beeindruckenden Bildern schildert er die Tristesse, die er am Anfang in Kanada erlebt und wir erfahren sehr viel über die Konsequenzen der Verbrechen.
Es ist die Chronik einer unglücklichen Familie und der eines Verbrechens, bei dem einen einzigen Fehler ein ganzes Leben bestimmt.

„Kanada“ war mein erster Roman von Richard Ford und wird hoffentlich nicht der letzte sein, den ich von diesem außergewöhnlichen Autor lesen werde. Einigen mag sein Schreibstil zu detailliert und langatmig erscheinen, mir gab er einfach die Möglichkeit, die Tiefe seiner Worte zu erkennen. Sein Händchen für Charaktere hat mir ein sehr unterhaltsames Kopfkino beschert. Es war, als würde diese schwermütige Familiengeschichte, die mir manchmal wie ein moderner Western vorkam, vor meinen Augen ablaufen. Dells Geschichte war für mich sehr ergreifend, bewegend und bitter, wenn auch realistisch. Er hat mir gezeigt, dass egal was auch passiert, man es immer selbst in der Hand hat, etwas aus seinem Leben zu machen und seine Träume zu realisieren.

Richard Ford hat mir mit „Kanada“ ein wirkliches Lesevergnügen bereitet und mir bewiesen, warum er zu den großen Gegenwartsautoren zählt.
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4.0 von 5 Sternen '[...] dass alles Mögliche passieren kann, mit allen möglichen Folgen', 7. Oktober 2012
Von 
sabatayn76 - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
'[...] das war seine Art, mir ins Gedächtnis zu rufen, dass, egal was das eigene Leben zu beweisen scheint, egal für wen man sich hält, was man sich auf die Fahnen schreibt, woraus man Lebenskraft zieht oder worauf man stolz ist - dass alles Mögliche passieren kann, mit allen möglichen Folgen.'

Inhalt:
Der Roman 'Kanada' erzählt vom Leben des Ich-Erzählers Dell in den USA und in Kanada. Dell wächst zusammen mit seiner Zwillingsschwester Berner bei seinen Eltern in den USA auf. Seine Kindheit ist geprägt von zahlreichen Ortswechseln und einer damit verbundenen Entwurzelung, in Dells Jugend hält der Vater sich und seine Familie mit wechselnden Jobs am Rande der Kriminalität über Wasser. Als sein Vater schließlich seine Schulden nicht bezahlen kann, entschließt er sich, eine Bank zu überfallen. Nach der Verhaftung seines Vaters wird Dell nach Kanada gebracht und baut sich dort ein neues Leben auf.

Mein Eindruck:
Mir hat 'Kanada' sehr gut gefallen. Richard Ford erzählt im ersten Teil des Romans detailliert von den Geschehnissen direkt vor, während und unmittelbar nach dem Banküberfall und beschreibt die Protagonisten so genau, dass man sie sich perfekt vorstellen kann. Von der ersten Zeile an erzeugt der Autor große Spannung, indem er den Ereignissen vorgreift, bereits früh wichtige Wendungen und Geschehnisse erwähnt, dadurch den Leser aber stets neugierig darauf macht, WIE es zu diesen Wendungen kommen konnte, WARUM bestimmte Dinge passiert sind. Mir hat diese Erzählweise sehr gut gefallen, die ich eher ungewöhnlich fand und die Ford sehr überzeugend eingesetzt hat.

Auch sprachlich hat mich der Roman begeistert, denn Ford schreibt anspruchsvoll, aber dennoch flüssig und gut verständlich.

Einen Punkt möchte ich abziehen, da ich den zweiten Teil des Buches, in der Dells Leben in Kanada behandelt wird, weniger fesseln fand und ich mich hier weniger in die Geschichte einfühlen konnte.

Mein Resümee:
Ein besonderer und anspruchsvoller Roman mit komplexer Protagonisten und einem überzeugenden Erzählstil.
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