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Selten habe ich mir mit der Einschätzung eines Romans so schwer getan, wie diesem. Mit großem Respekt bin ich an die Lektüre gegangen. Mit 88 Jahren noch mal so ein Buch zu schreiben, das beeindruckt und fordert Hochachtung. Doch als Leser so voreingenommen zu sein, verklärt sicher den Blick. Deshalb habe ich eine gute Woche Abstand genommen, bevor ich noch mal über „Alles, was ist“ resümierte.

Es findet sich ein Absatz nach gut dreiviertel des Romans, in dem James Salter die herausragenden Lebensereignisse – mit Ausnahme der jugendlichen Kriegserfahrung – seiner Zentralfigur Philip Bowmann zusammenfasst: „Er war sich nicht sicher, was sie und ihn betraf. Er war zu alt, um zu heiraten. Er wollte keinen späten, sentimentalen Kompromiss. Dafür hatte er zu viel erlebt. Er hatte einmal geheiratet, mit ganzem Herzen, und sich geirrt. Er hatte sich unfassbar in eine Frau in London verliebt, und es war irgendwie verblasst. Wie vom Schicksal getroffen hatte er eines Abends in der romantischsten Begegnung seines Lebens eine Frau kennengelernt und war hintergangen worden. Er glaubte an die Liebe – er hatte das immer getan –, aber jetzt war es wohl zu spät. Vielleicht konnten sie für immer so weitermachen, wie ein Leben in der Kunst. Anna, so nannte er sie, Anna, bitte komm. Setz dich neben mich.“

Wenn das alles ist, was ein langes Leben an Höhepunkten zu bieten hatte, wäre es wohl des Erzählens nicht wert. Oder doch? Irritierend ist, dass die Folgen von Ereignissen, die in anderen Romanen einen zentralen Wendepunkt markieren, bei James Salter nicht der Rede wert sind. Bestes Beispiel ist das erschütternde Schicksal eines Kollegen und Freundes, das in einer Nebenepisode zwar detailliert beschrieben wird, jedoch im Nachhinein keine Relevanz im Leben des Freundes erlangt: der Tod dessen Frau und 10jährigen Sohnes bei einem Zugunglück.

Eigentlich ist nichts Bedeutendes der Rede im Roman wert – weder gesellschaftliche Ereignisse noch Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen. Einzige Ausnahme bilden die oben zitierten Frauen im Leben Bowmanns. Doch auch hier bleiben deren Charaktere interpretationsbedürftig. Hingegen werden die sexuellen Erfahrungen sehr plastisch und dezidiert erinnert. Die erotischen Momentaufnahmen und die Eindrücke des Krieges sind offenbar in Bowmanns Leben die prägenden gewesen. Ist das alles, was ist?

Letztlich versöhnte mich eine Analogie mit meiner mir bislang nicht zu erklärenden Faszination des Buches: es ist weit mehr ein Sittengemälde als eine Erzählung. Der Roman wirkt letztlich auf mich wie einige Bilder von Edward Hopper. Dessen Motive sind vordergründig ja schlicht, eindeutig und für viele sehr dekorativ. Doch versetzt man sich in die Szenen, so ist es ernüchternd, teils bitter zu erkennen, was am Ende – eines Tages, einer Begegnung, einer Beziehung oder eines Lebens – übrig bleibt: jeder Mensch kehrt letztlich in sich zurück und zieht einsam Bilanz. Was unterm Strich dabei für ihn rauskommt, kann nur er individuell Wert schätzen. Ebenso das Fazit nach der Lektüre des Romans.
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Auf dem Schutzumschlag werden Lobeshymnen über das Buch wiedergegeben, die eine abweichende Meinung geradezu als Frevel erscheinen lassen. "Wir dürfen staunen, lesen, danken", wird etwa aus der "Welt" zitiert. Ich darf mich vorsichtig, aber entschieden von der Schar der Bewunderer absetzen, mir ist nach der Lektüre ganz anders zumute.

Zum Lob Salters ist zu sagen: Er schreibt konkret-sinnlich und sparsam-diszipliniert. Manchmal kann er so gekonnt Abgründe andeuten und Spannungen erzeugen, ohne sie weiter zu beschreiben. Etwa wenn er Bowmans Liebesblindheit seiner ersten Frau, Vivian, gegenüber kommentarlos neben Gedanken seiner Mutter stehen lässt, sie habe "keine Seele" (64). Vivians Verabschiedung von Bowman kommt nicht unerwartet, aber sehr plötzlich, und die Trennung wird unkommentiert mit Zitaten aus ihren frühen Liebesbriefen kontrastiert.

Wir erleben indessen Bowman ungebrochen weiter im Verfolg seiner Karriere und zufrieden mit seinem interessanten, abwechslungsreichen Leben als Lektor in New York. Er lernt weitere tolle Frauen kennen, eine elegante und blonde Engländerin, und als diese Beziehung sich in Nichts auflöst, eine attraktive Christine, mit der er einige Jahre in völliger Harmonie in New York zu leben scheint. Bis sie plötzlich einen sehr maskulinen anderen Mann kennen lernt und Bowman zu dessen völliger Überraschung gerichtlich verklagt und ihr hauptsächlich von ihm finanziertes Haus alleine für sich beansprucht. Auch das kann ihn nicht auf Dauer irritieren, besonders weil er später eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Rache bekommt: Er kann Christines mittlerweile 20jährige Tochter auf einen Urlaub nach Paris mitnehmen und dort ausgiebig Sex mit ihr haben. Unangekündigt lässt er das Mädchen alleine in Paris sitzen - die Mama darf sich dann weiter um sie kümmern. Das Ganze endet damit, dass er sich als schon älterer Mann mit einer deutlich jüngeren, verständnisvollen Frau liiert, man unternimmt gemeinsam etwas, hat gemeinsame Interessen, ein Urlaub in Venedig ist geplant...

In Abwandlung des Titels sei die Frage erlaubt: Ist das alles? In gediegener, disziplinierter Prosa werden Banalitäten dargeboten. Das Leben Bowmans besteht aus einer Folge von Bekanntschaften, angenehmen Unternehmungen, erfreulichen Urlauben. So, als ob es in einer Lebensbilanz darauf ankommt, eine möglichst große Anzahl positiver Fakten aufzuzählen. Wenn Bowmans Sexpraktiken regelmäßig und genüsslich beschrieben werden, hat man den Eindruck, dass der Erzähler/Autor sich seiner Männlichkeit vergewissern muss. Manchmal meint man, in einem Hochglanz-Herrenmagazin zu lesen, z.B. auch, wenn die Urlaube in Spanien oder Paris so prall und connaisseurhaft geschildert werden wie in einem Reiseführer - aber leider auch so schablonenhaft. Bowman lässt sich von seinen Frauen jeweils in erster Linie erotisch-sexuell anmuten und stellt sie in dieser Hinsicht dar, eine tiefere Beziehung findet nicht statt. Als er z.B. Christines Klageschrift erhält, fühlt er sich "auf ein Nichts reduziert" und kann nicht verstehen, "dass etwas nichts mehr bedeutete." (279). Man darf vermuten, dass eben nicht sehr viel mehr dagewesen ist.

Was sollen einem die vielen chronikartig entfalteten Fakten über Bowmans Leben, Familien-, Verwandtschafts- und Berufsverhältnisse, Bekanntschaften und Freundschaften? Sie sind so zahlreich und werden - wie gesagt - so knapp erzählt, dass man sich schon konzentrieren muss, um bei den vielen Namen nur den Überblick zu behalten, geschweige denn, dass man sich mit irgendjemand näher identifizieren kann. Wozu diese Menge von Lebenssplittern? Sie geben den Eindruck von einem durchschnittlichen, behaglichen Leben und einem ziemlich selbstzufriedenen Menschen. Wir dürfen staunen, lesen - gähnen - um das "Welt"-Zitat von oben etwas abzuwandeln.
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am 14. September 2013
dann ist der neue Roman von James Salter der Beweis dafür. Nach dreißig Jahren erscheint in diesem Herbst sein neues Buch, in dem das lange Leben von Philip Bowman beschrieben wird. Von Krieg und Arbeit, von Untreue, Verrat und den Menschen mit ihren Schwächen, Ängsten, Unzulänglichkeiten und Erfolgen handelt der Roman, der sicher auf einhellige Resonanz stoßen wird.

Philip Bowman heißt der Held, der, zurückgekehrt aus dem Zweiten Weltkrieg, mit viel Glück im Verlagswesen Fuß fassen kann. Seine Liebe zur Literatur macht es möglich. Er fühlt sich beruflich sicher. Bald lernt er seine spätere Frau Vivian kennen und alles scheint nun glücklich für ihn zu verlaufen. Doch wie das Leben so spielt: die Tücken und Fallstricke des Lebens bleiben auch diesem Helden nicht erspart.

James Salter ist ein feinfühliger und tiefsinniger Autor, der seinen Figuren ein Leben einhaucht, das der Wirklichkeit entnommen ist. Atmosphärisch dicht spürt man den Orten, der Landschaft und den speziellen Gegebenheiten der großen Stadt New York nach, in denen die Handlung angesiedelt ist. Autoren, Verleger und Lektoren treffen sich an illustren Orten, wo man Gedanken austauscht und sich amüsiert. Wie so oft sieht die Zukunft beim Aufbruch ins Leben auch für Philip Bowman rosig und verheißungsvoll aus. Doch ebenso häufig entgleisen nach Jahren Beziehungen, die glücklich begonnen haben, und weichen der Abneigung, dem Frust und der Untreue, mit der er seine erste Frau nach glücklichen Jahren wieder verliert. Mit Gespür für die charakterlichen Eigenheiten im menschlichen Zusammenspiel öffnet James Salter uns den Blick in das Innere seiner Figuren. Widersprüche und Abneigungen führen die Paare in die Irre, so dass sich ihre Wege häufig trennen. Unglück und Tragödien greifen genauso ans Herz wie Glücksmomente, die Philip Bowman in seinem Leben immer wieder erlebt.
Mit seinen Freunden/ Freundinnen, Kollegen und Bekannten erlebt man die Veränderung der Welt über die fünfziger und sechziger bis zu den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. In Bars, Clubs und auf Partys lernt man sich kennen und Affären gibt es ohne Ende. Wenn man sich in den Roman eingelesen hat, lebt man fast mit in der Welt der Boheme, der Lust, Liebe und Leidenschaft.

James Salter zieht den Bogen weit, der von kleinen Anfängen seinen Helden über einen erfahrenen zu einem weisen Mann werden lässt.
Am Ende weist Ruhe, Genügsamkeit und Zufriedenheit den weiteren Weg.

Für mich ist der Roman ein Glanzlicht in diesem Bücherherbst!
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am 6. Mai 2015
Ich habe lange auf dieses Buch gewartet, um es als Taschenbuch kaufen zu können und hatte mir von der Beschreibung und Zusammenfassung der Geschichte ein tolles Buch erhofft. Die vielen Lobeshymnen in der Zwischenzeit habe ich nicht alle gelesen oder die zwischenzeitlichen Rezensionen über dieses Buch. Erst jetzt, als ich das Buch angefangen habe und noch über 100 Seiten bin und mich quäle und langweile, habe ich damit angefangen die Rezensionen anderer und natürlich die nicht enden wollenden Lobeskritiken gelesen, die ich leider alle nicht nachvollziehen kann. Ich kann lediglich sagen, dass ich mit den Rezensenten, die dem Buch 1-3 Sterne gegeben habe einig bin und dieses Buch nicht für den großen Wurf halte, sondern mich immer wieder frage, wozu ich dieses Buch weiterlesen soll und was ich von den plötzlich auftretenden, lose assoziiert anmutenden und ausführlichen Personenbeschreibungen bringen sollen, die mich langweilen und der entsprechenden Person kein Leben einhauchen und jetzt mal als Steckbrief dastehen. Auch zu dem Held der Handlung bleibt nur Distanz übrig. Wie ich den schlechteren Rezensionen entnehmen konnte, ändert sich das auch nicht großartig und der eine oder andere der Rezensenten hat das Buch zugeklappt und abgehakt und das werde ich leider auch tun, da meine Erwartungen an etwas besserem oder größerem wohl nicht erfüllt werden. Meine Zeit zum Bücherlesen ist zu knapp bemessen, als dass ich mit dem Leben von Bowmann quäle. Wieder ein hochgejubeltes Buch, das schließlich auch noch den Aufkleber "Spiegel-Bestseller" erhielt. Das hätte mich eigentlich bei meinem Einkauf abschrecken sollen, denn auf dieser Bestseller-Liste sind schon lange keine guten Bücher mehr dabei. Ich hoffe auf mehr Glück und bessere Wahl beim nächsten Buch.
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TOP 500 REZENSENTam 2. Oktober 2013
James Salter ist 1925 geboren und hat insgesamt 6 Bücher geschrieben, sein erstes The Hunters (Penguin Modern Classics) ist nicht einmal ins Deutsche übersetzt, vergriffene Titel wie etwa Ein Spiel und ein Zeitvertreib werden gar wieder neu aufgelegt. Salter hat mit dem Schreiben von Drehbüchern wohl mehr Geld verdient, als mit seinen Büchern. Es ist erstaunlich, wie ein amerikanischer Autor noch mit 88 Jahren, nach gut über 30 Jahren noch mal ein Buch schreibt. Für Journalisten eine tolle Sache, man kann den Autor besuchen, befragen, staunen und riesig ausgebreitete Stories in den anerkannten Zeitungen und Magazinen bringen, doch ist der Autor wirklich so toll, wie er überall angepriesen wird? Selbst Autoren wie John Irving, Richard Ford loben den Autor in den allerhöchsten Tönen. Salter erzählt uns das Leben des Philip Bowman, auch wenn er nicht sein Alter-Ego darstellt. Etwas seltsam melancholisch mutet es an, das durch das ganze Buch hindurch ein leises Gefühl vermittelt, das Abschied nehmen, dazu lesen wir in den aktuellen Feuilletons, dass Salter seine Unterlagen, für den Transport für das Archiv nach Texas vorbereitet...(hier hat auch etwas mit Salters Leben zu tun)

Der Schreibstil, hat zweifellos eine gewisse Verführungskraft, doch Inhalt und roter Faden in diesem Buch, habe ich so manches Mal als sehr fraglich empfunden. Hier nimmt sich ein Autor alle Rechte und auch alle Freiheit, die er nur ausschöpfen kann. Man kann das als ausufernd und verzettelnd erleben, all' die vielen Personen, die hier vorkommen, können einen irritieren, ein Anfertigen einer Namensliste, während der Lektüre, kann wohl dringend empfohlen werden. Personen und Begebenheiten, tauchen mitunter nach 100 oder 200 Seiten wieder auf, gut ist, wer hier noch alles präsent behalten kann. Deutlich spürbar ist jedoch, dass Salter wirklich erzählen kann, viele feine Beobachtungen, gekonnt formulieren und beschreiben kann, dafür alleine schon lohnt es sich dieses Buch zu lesen. Was mir jedoch an diesem Buch gefehlt hat, ist so etwas wie eine Ausrichtung, ein roter Faden, so etwas wie eine Zielrichtung oder Ziellinie. Hier wird zwar viel erzählt, doch fragt man sich gegen Ende, nebst dem Lebensresüme, was uns eigentlich ein James Salter damit sagen will...??

Beginnen wir also vorne: "Irgendwann wird einem klar, dass alles ein Traum ist und nur geschriebene Dinge die Möglichkeit haben, wirklich zu sein." Diesen Satz stellt Salter an den Anfang seines Romans, der in gewisser Weise auf den letzten Seiten (362-367) seine Vollendung findet. Hier wird uns das Leben eines Mannes erzählt, der zwar vom Krieg geprägt wurde, aber zeitlebens, auf der Suche nach der Liebe zu einer Frau ist, weil er an die Liebe glaubt. Nur erleidet Bowman immer wieder Schiffbruch, lernt wieder neue Frauen kennen, entweder wird der verlassen, oder er verlässt, und das ohne Erklärung oder gar Vorankündigung. Bei den immerhin 31 Kapiteln auf 367 Seiten verteilt, weiss man anfangs eigentlich nie, wenn von einer Frau die Rede ist, ob es noch die Gleiche vom letzten Kapitel ist, oder schon wieder eine Neue. Irgendwann habe ich mir nicht mehr alle Namen gemerkt und vielleicht spielt es auch keine so grosse Rolle. Hier versucht ein Mann sein Glück in der Liebe zu einer Frau zu finden, scheitert immer wieder, und nimmt ständig neue Versuche und Anstrengungen in Angriff, es ist ein Leichtes für ihn, immer wieder neu anzufangen. Salter ist ein Meister von erot*schen Beschreibungen, erstaunlich, wie ein Autor in diesem Alter Ero*ik so treffend und anschaulich und auch detailliert beschreiben kann. Es ist das Beziehungsleben, dass hier im Vordergrund steht und nicht das Berufsleben, dass Bowman als Lektor arbeitet, oder als Soldat am Anfang der Story vom Pazifischen Krieg zurückkehrt, tritt schnell in den Hintergrund und ist nebensächlich.

Somit könnte man den hoch angepriesenen Roman in gewisser Weise als eine Lebensauswertung mit Abschiedsstimmung auffassen, was vermutlich auch zutreffen dürfte. Und was anfangs gar als Traum gedeutet wurde, findet seine Erfüllung in der inneren Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Abschied. Denn Bowman stellt es sich vor, wie es sein könnte, tot zu sein. Denn gerade dort, erinnert er sich an Lebensmomente in denen er erkennt: "..das Leben, das nicht vorhersehbar war, das Leben, das sich ihm eröffnet und das er gelebt hatte." Selbst zum Schluss macht er sich noch einmal mit jener "Ann" auf, um mit ihr nach Venedig zu fahren. Vielleicht wollte uns ja Salter aufzeigen, dass es Menschen gibt, die ungebrochen an die Kraft der Liebe glauben, selbst dann, wenn sie selbst unzählige Male gescheitert sind, betrogen und verlassen haben, und Verwundungen am Gegenüber wie an sich selbst nie zu vermeiden waren...
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am 4. Juni 2014
Ich lese viel und ich lese gerne - aber was an diesem Bucht "gut" sein soll erschließt sich mir nicht. Die Geschichte ist unispiriert dahinerzählt, Ereignisse werden relativ zusammenhanglos aneinenander gepackt und man erhält keinerlei Bindung zu den Personen, deren Persönlichkeiten nicht entwickelt werden. Die ganz großen Ereignisse, wie die eigentlich dramatischen Trennungen Bowmann's von seinen Frauen werden in 1-2 Seiten abgehandelt, wogegen völlig unwichtige und belanglose Szenen wesentlich länger agehandelt werden.Zudem ist die Sprache weder tief, elegant noch innovativ. Kurzum: Eine große Enttäuschung.
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Warum soll man einen Roman über einen Mann lesen, der einem eigentlich nichts zu sagen hat? Wozu eine Biographie, in der die Hauptperson keine eigene Entwicklung mitzumachen scheint; und die noch dazu in einer Zeit lebt von der in dieses Buch nicht mehr eindringt, als gerade noch von Partygesprächen hängen bleibt.

Man liest über das Leben von Philip Bowman, der als junger Marinesoldat die Seeschlacht gegen die Japaner im Pazifik mitgemacht hat, den Untergang seines Schiffes mit Glück überlebt hat, danach in Harvard studierte und eher zufällig in einen Beruf geriet der mit dem Kauf und Verkauf von Büchern und dem Umgang mit Verlegern zu tun hatte. Wie das Fehlen charakteristischer persönlicher Eigenheiten, so geht der Autor auch auf die berufliche Tätigkeit seiner Romanfigur kaum ein.

Man hört Philip Bowman hunderte Male bei Gesprächen oder pointierten Dialogen mit dutzenden Bezugspersonen zu, erlebt aber kaum einmal eine Selbstreflexion über seine Handlungen, kein Infragestellen, kein Wunsch nach Änderung. Als Folge der ständigen Rotation der Hauptperson in neue Beziehungen kommen immer weitere Akteure und Nebenfiguren in diesen ausufernden Reigen, verschwinden eine Zeitlang und tauchen in neuem Zusammenhang wieder auf, wenn man sie schon vergessen hatte.

Die meisten Personen geistern die längste Zeit als ‚sie‘ oder ‚er‘ durch die Geschichte, bis man sie endlich durch ein Aufeinandertreffen mit einer anderen Figur der Geschichte zuordnen kann, oder bis der Autor sie endlich wieder einmal beim Namen nennt.
Bei der Anzahl der Personen, die der Autor in die Geschichte einbezieht, ist es kaum möglich, jede einzelne lebendig werden zu lassen oder ihr ein Gesicht oder markante Wesenszüge anzupassen. Die Physionomien werden nur rasch skizziert und einmal verwendet selbst dieser Autor das in oberflächlichen Romanen der anglo-amerikanische Literatur häufige Klischee, eine Person sehe aus *wie eine Figur aus einem Dickens-Roman*.

Allerdings, ein paar Mal zumindest zeigt dieser Autor auch in diesem Buch seine literarische Kraft und überhöht die reinen ‚facts‘ mit den Mitteln großer Bildgewalt und setzt dramatische Paukenschläge oder Zeilen leiser Trauer.
So etwa am Beginn des Romans bei der Beschreibung der Seeschlacht im Pazifik mit dem Untergang der YAMATO, dem größten und als unbesiegbar gehalten Kriegsschiff der Japaner, der als Inferno geschildert wird in dem ein Stahlmonster das Wasser bis zum Meeresgrund aufreißt und bei dem in einem gigantischen Strudel als biblische Flammensäulen die Geschütztürme, Tonnen über Tonnen geschleuderte rotglühende Stahlteile und 3000 Menschen in die Tiefe gerissen werden.
Oder später, wenn der Autor in einem einzigen über eine ganze Seite geknüpften Satz das verlassene Haus mit dem verwachsenen Garten von Bowmans Freund Eddin beschreibt, kurz nachdem dessen Frau und Sohn in einem Brand umgekommen sind. Ein einziger langer Satz beschreibt und zerstört die Idylle, in die der Tod eingeschlagen hat, und *die Vernichtung sich ins Leben gerammt hat wie ein gespitzter Speer*.

Im Vorwort sagt der Autor, *dass nur geschriebene Dinge die Möglichkeit haben, wirklich zu sein*. Mag sein, aber leider hält sich der Autor nicht an seine eigene Maxime. Die Dinge die er beschreibt, sind keinesfalls wirklich. Hier ist über weite Teile keine Wirklichkeit hinter dem Geschriebenen spürbar.

Oder ist das gewollt?
Man denkt unwillkürlich an Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus.
Ist Salters Buchtitel *Alles, was ist* vielleicht eine Anspielung auf Wittgensteins berühmten ersten Satz *Die Welt ist alles was der Fall ist*?
Von der Logik dieses Buches aus gesehen, und der Lakonik mit der der Autor seine Hauptfigur beschreibt, oder besser gesagt, mit der er sie in diesem Roman ihrem vorgeschriebenen Schicksal überlässt, könnte der Titel tatsächlich eine Anspielung auf Wittgenstein sein, und die pure Beschreibung ‚dessen was der Fall ist‘ ein aus der Philosophie Wittgensteins abgeleitetes Stilmittel.

Einen großen Roman, wie James Salter es für sein Alterswerk verdienen würde, macht die mögliche Referenz auf Wittgenstein aus diesem Buch aber auch nicht.
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TOP 500 REZENSENTam 7. November 2014
Philip Bowman ist aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt. Mit viel Glück kann er im Verlagswesen Fuß fassen. Seine Liebe zur Literatur macht es möglich. Er fühlt sich beruflich sicher. Bald lernt er seine spätere Frau Vivian kennen und alles scheint nun glücklich für ihn zu verlaufen. Doch wie das Leben so spielt: die Tücken und Fallstricke des Lebens bleiben auch diesem Helden nicht erspart. Mit den Frauen läuft es nicht gradlinig; sie kommen und gehen, Ehen scheitern. Bowman findet nie so etwas wie dauerhaftes Glück. Das Gefühl, dass er etwas entbehrt, lässt ihn ein Leben lang nicht los. James Salter spannt den Bogen weit: er lässt von kleinen Anfängen seinen Helden über einen erfahrenen zu einem weisen Mann werden.
Eine Geschichte über Krieg und Arbeit, über Untreue, Verrat und den Menschen mit ihren Schwächen, Ängsten, Unzulänglichkeiten und Erfolgen.
Den Charakteren ist ein Leben einhaucht, das der Wirklichkeit entnommen ist. Atmosphärisch dicht spürt man den Orten, der Landschaft und den speziellen Gegebenheiten der großen Stadt New York nach, in denen die Handlung angesiedelt ist. Mit Philip Bowman und mit seinen Freunden und Freundinnen, Kollegen und Bekannten erlebt man die Veränderung der Welt über die fünfziger und sechziger bis zu den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Ein wahrhaft elegischen Fatalismus zeigt sich, in dem der existenzialistische Zeitgeist der fünfziger und sechziger Jahre nachklingt,
James Salter schreibt feinfühlig und tiefsinnig, mit großem Gespür für die charakterlichen Eigenheiten im menschlichen Zusammenspiel. Vor allem schreibt er sehr präzise und dicht. Sehr beeindruckend sind auch die zahlreichen Nebenfiguren dargestellt. James Salter versteht es meisterhaft in einem Nebensatz das Leben, die Wünsche, die Verletzungen und die Hoffnungen zu umreißen. Der Leser wird hineingezogen in diese Welt der Boheme, der Lust, Liebe und Leidenschaft. Ein sehr verdichtender und präzise-ökonomischer Schreibstil mit dem es Salter schafft, Ereignisse, die sich über Jahre hinziehen, in nur wenigen Sätzen verdichtet darzustellen und dabei beim Leser dennoch den Eindruck entstehen zu lassen, dass alles Wesentliche gesagt worden ist.
Ein wirklich beeindruckender Roman, der sich wohltuend von der oft schwergängigen Prosa deutschsprachiger Autoren unterscheidet. Ein gelungenes fast radikales Alterswerk vom ehemaligen Kampffliegers James Salter, der 88 Jahre alt ist. Ein Werk, das seinesgleichen sucht. Beste und auch tiefgründige Unterhaltung. Sehr zu empfehlen. Vor allem wegen der atemberaubend meisterlichen Erzähltechnik.
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James Salter gilt als moderner Klassiker der amerikanischen Literatur, von dem der Pulitzer Preisträger Richard Ford einmal sagte, "keiner könne diesem Autor das Wasser reichen." Der 1925 geborene Autor hat bisher sechs Romane geschrieben. Mit "Lichtjahre" und "Ein Spiel wird Zeitvertreib" wurde er erst in den neunziger Jahren auch in Deutschland bekannt. Nun hat er nach einer sehr langen Pause seinen siebten Roman "All That is" veröffentlicht, der mit dem deutschen Titel "Alles was ist", in der genialen Übersetzung von Beatrice Howeg, im September 2013 im Berlin Verlag erschienen ist. Ort der Handlung New York, Zeitpunkt der Handlung Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts. Es ist, wie die Literaturkritik fast einhellig meint, wieder ein klassischer, guter alter Salter Roman, der in einer Liga mit so großen Autoren wie John Updike oder Philip Roth angesiedelt werden muß. Es wird das eigentlich ganz

Zum Plot: In der short Version geht es in diesem Alterswerk des Autors streng genommen um 12 Seiten Erzählstränge Krieg und um 356 Seiten Erzählstränge Frieden, in denen gespiegelt wird was im Leben glückt und was im Leben scheitert.
Es wird hier das eigentlich ganz unspektakuläre Leben des Philipp Bowman, eines unbehausten Mannes, erzählt. Der Krieg ist für die Hauptfigur zunächst eine überwältigende Erfahrung. Er liebt die Uniform, er liebt es seinem vaterland zu dienen, der Krieg macht ihn zum Mann.

Dieser Philip Bowman der als junger Leutnant aus dem Pazifischen Krieg nach der Schlacht um Okinawa nach Hause kommt hat den Krieg mit viel Glück unverletzt überlebt, bleibt aber, da er all seine Kameraden auf schreckliche Weise verloren hat, sein Leben lang innerlich tief verwundet. Wie viele Menschen dieser Kriegsgeneration hat auch er nicht das Gefühl, das er sein Schicksal bereits hinter sich hat, so glaubt er, dass das Leben vor ihm liegt. James Salter weiß wovon er spricht, denn er hat als Kampfpilot über einhundert Einsätze im Koreakrieg geflogen. .
Er studiert, wird schließlich Literaturlektor in einem renommierten New Yorker Literaturverlag. Der innerlich zerrüttet Bowman sucht Zuflucht in seinen Büchern, in Büchern von Schriftstellern, die zwar alle auch ein außerordentliches Schicksal hatten, die aber ein nicht so unbehaustes, schicksalhaftes Leben führten wie er.
Er lernt die von allen begehrte Vivian Amussen kennen, heiratet sie und wird kurze Zeit darauf geschieden. Er verliebt sich seriell, trennt sich, macht einen Seitensprung nach dem anderen, täuscht seine Partnerinnen und wird selbst von der einen oder anderen Frau betrogen. Es geht in dem Roman immer um geschiedene Paare und um gescheiterte Liebesgeschichten. James Salter unterstreicht, ganz anders wie John Williams in seinem Bestseller Stoner", dass Ehen und Lieben eher Illusionen denn Langzeitprojekte sind. Doch die Liebe spielt auch in diesem Roman eine wichtige Rolle, denn Salter ist davon überzeugt, dass das Leben ohne Liebe ein vergeudetes, ein sinnloses Leben ist.

Von dem was in den Jahren vom Ende des Krieges 45 bis in die 80 er Jahre in der Welt passiert erfahren wir in dem Roman nicht viel. Man merkt das Salter auch als Drehbuchautor gearbeitet hat, denn eigentlich läuft der ganze Plot wie ein Film ab. Voll Sehnsucht und leidenschaftsloser Sinnlichkeit wird hier ein vielversprechendes und elanvolles Leben cineastisch abgespult. In einer eleganten Sprache, in einer nicht zwingenden Erzählweise gleitet das Leben der Figuren, die ihr Leben eigentlich nicht richtig in den Griff bekommen, wie hinter einem schwach durchsichtigen Schleier an uns vorbei. Immer werden wieder neue Figuren fokussiert und geheimnisvoll ist es wie lange die dann im Plot verbleiben. Und diesen Figuren fehlt eigentlich jegliche Konturenschärfe und sie sind wenig existenziell. Mal sind sie nach einer halben Seite ausgeblendet, mal erst nach drei oder vier Kapiteln.

Eigentlich ist der Titel "Alles was ist" eine Metapher dafür, das es oft die kleinsten Dinge sind die unser Leben bestimmen. Das unterstreicht Salter mit Nachdruck. Dieser recht sympathische und verträgliche Mensch Bowman lebt sein Leben mit Wünschen, mit Höhepunkten und schmerzhaften Niederlagen. Jeden Tag geht das Leben ein bisschen weiter ohne dass wirklich etwas Spektakuläres passiert, alles bleibt schemenhaft. In paradigmatischen Sätzen kommen immer wieder etwas Neues hinzu und man ist jedes Mal gespannt, ob es durch diese vermutete Wahrnehmung noch zu einer Detonation im Alltagsgeschehen kommt.

In einer Besprechung meinte die Literaturkritikerin und Literaturwissenschaftlerin Hildegard Keller:"Ich bin geneigt gewesen von einer Altherren Prosa zu sprechen, aber die vielen Bettszenen, die vielen Liebesszenen, die weder zu Sex oder schon gar nicht Porno verkommen, die finde ich ganz ausgezeichnet." Salter hat in einem Interview einmal gesagt:" Der offensichtliche Abdruck in der menschlichen Seele ist Sex." Es sind aber nicht immer nur große Momente von Zärtlichkeit, die fast schon spirituellen Charakter haben, sondern Salter kann auch sehr boshaft reagieren, wenn seinen Figuren in einer Beziehung wehgetan wird.

Faszinierend ist nicht nur der Rhythmus, die leidenschaftliche Art wie erzählt wird, sondern auch der Aufbau der in einer sehr intensiven Sensitivität das unheildrohende Fatum fokussiert, in dem zugleich Verlorenheit, Perfidität und grenzenlose Einsamkeit gespiegelt werden. Er schwenkt dabei in ganz einfachen Sätzen von einem Detail auf das nächste, und man fragt sich fortlaufend, ist es passiert oder wird es erst noch passieren? Es ist ein Anti Kriegsroman mit dem sich Salter selbst ein Denkmal gesetzt hat. Ein großartiger Roman, in dem das Medium der Darstellung und das Dargestellte mit psychologischen Feinsinn und erzählerischer Kraft von Beginn an den Leser überzeugen. Ich muss sagen, dass ich diesen Roman mit großer Begeisterung gelesen haben und deshalb wünsche ich diesem Buch viele Leser.
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am 13. Dezember 2013
Ich glaube, es gibt kein schlechtes Buch von Salter! Wenn man einmal vom Salterfieber gepackt wurde, ist man sowieso verloren. Der Roman hier ist etwas unaufgeregter und ruhiger, als frühere Bücher von ihm. Aber immer noch kann Salter mit seinen einfachen und kristallklaren Sätzen einfangen und tief bewegen. Einem Salter-Anfänger würde ich allerdings ein anderes Buch in die Hand drücken!
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