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Kundenrezensionen

134
3,9 von 5 Sternen
Tabu: Roman
Format: Kindle EditionÄndern
Preis:9,99 €
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64 von 72 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 20. September 2013
Ich habe alle Bücher von Ferdinand von Schirach gelesen. "Schuld" und "Verbrechen" sind unerreicht, gemessen an der "Lang"-Geschichte "Der Fall Collini", der für mich inhaltlich mehr Examensklausur im 1. juristischen Staatsexamen war als Literatur und auch sein neuester Roman kommt nicht an die Kurzgeschichtenbände heran. "Tabu" ist verstörend, Sebastian von Eschburg, der vordergründige Protagonist, für den Leser nicht greifbar, weder sympathisch noch das Gegenteil. Mir als Leser blieb Eschburg - wie er nach seinem Eintritt bei dem "Fotografen" nur noch genannt wird - schlicht gleichgültig.

Anders Konrad Biegler, für mich der wahre Held der Geschichte. Alt, krank, desillusioniert, aber ein glänzender Strafverteidiger, der sich nicht erklären muss, sich für nichts entschuldigen muss, der grantig, unhöflich und sehr eigen ist, dabei völlig uneitel und deshalb sympathisch. Genial die Zeugenbefragung des Folter-androhenden Polizisten, obwohl ich bezweifle, dass eine solche Befragung vor einem bundesdeutschen Strafgericht möglich wäre, nachdem der Zeuge von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht hat. Ob in dieser Befragung das titelgebende "Tabu" angesprochen wird, weiß ich nicht, aber es würde passen, besser jedenfalls als die anderen Themen.

von Schirachs Sprache wieder schnörkellos, gradlinig, aber für einen Roman zu wenig. Ein Literaturkritiker hat über von Schirachs Erzählstil mal geschrieben, nur mit Hauptsätzen lasse sich kein Palast bauen; ich verstehe, was er gemeint hat.

Ich habe "Tabu" an einem Nachmittag gelesen, es ist flüssig geschrieben, die einzelnen Teile des Romans sind nicht in Ziffern unterteilt, sondern in Farben, in Anlehnung an die Farblehre nach Helmholtz.

Die Auflösung ist vorhersehbar, als Konrad Biegler zum ersten Mal auf Sebastian von Eschburg trifft und ihm die 6 Möglichkeiten einer Verteidigung bei einer Mordanklage erläutert. Übrigens sind dann während der Anklageverlesung in der Hauptverhandlung ausdrücklich keine Mordmerkmale erkennbar, im weiteren Verlauf wird jedoch weiter vom Mordvorwurf gesprochen, und erst am Ende von Totschlag. Diese Ungenauigkeiten erstaunen bei einem Autor, der selbst Strafverteidiger ist und erschweren das Lesen.

Da mir "Tabu" im Ergebnis dann doch einen kurzweiligen Nachmittag beschert hat, 3 Punkte.
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53 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
(***Vorsicht Spoiler***) Diese Story aus wie mit Pressluft aufs Papier gehämmerten Stakkatosätzen ist zwar sinnfrei, aber immerhin schnell erzählt: ein Typ, dessen Vater sich aus nicht näher erläuterten Gründen entleibt und dessen Mutter sodann einen Unsympathen (a) heiratet, wird, so soll es wohl suggeriert werden, aus eben diesen Gründen selber ein Unsympath (b) mit autistischen Zügen, der pornografische Edelfotos und damit ordentlich Geld macht. Das füllt die erste Hälfte des Buches. Nun abrupter Szenen- und Perspektivwechsel: wir sehen einen unsympathischen Anwalt (c), der die Verteidigung eines Mordverdächtigen übernehmen soll, um dessen Identität der Autor zwar eine Weile ein ziemliche Gewese macht, was sich allerdings als äußerst überflüssig herausstellt, da wir durchaus ahnen, dass es sich um diejenige des Unsympathen (b) handelt. Und Potz Blitz - er ist es tatsächlich. Er soll eine Frau ermordet haben, deren Leiche allerdings unauffindbar ist. Ein auch nicht gerade sympathischer Polizist (d) hat dem Unsympathen (b) nun Folter angedroht, woraufhin der den Mord gestanden hat, den er - wir ahnen es ebenfalls - aber gar nicht begangen hat. Im Gerichtssaal klärt uns der Autor mit schulmeisterlich erhobenem Zeigefinger in einem Dialog zwischen den Unsympathen (c) und (d) darüber auf, was er von der Folter hält: erfreulicherweise nichts (auch das ahnten wir allerdings schon). Jetzt stellt sich heraus, dass es weder Mord noch Opfer gab und dies auch popelleicht nachzuweisen gewesen wäre, wenn der Unsympath (b) es dem Unsympath (c) nur gesagt hätte. Das hat er aber nicht und darum ein paar Monate im Knast gesessen. Warum? Angeblich, um nachzuweisen, dass Wahrheit und Wirklichkeit unterschiedliche Dinge sind. Hä???? Kann mir jemand von den 5-Sterne-Rezensenten das mal erklären?

Und vielleicht bei der Gelegenheit gleich noch mit, wieso der Autor, wo er doch Folter doof findet, uns mit einer dermaßen albernen Geschichte foltert?
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99 von 116 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 15. Oktober 2013
...stellte sich bei mir nach Lesen dieses Romans ein. Nicht, weil ich den Inhalt nicht begriffen habe, aber durchaus, weil ich nicht nachvollziehen kann, woher die überschwänglichen positiven Kritiken herrühren.
Dieser Roman hat ein ansprechendes Cover, der Titel klingt vielversprechend. Auch die Geschichte beginnt interessant mit Sebastian, dessen Kindheit in kargen, abgehakten Sätzen beschrieben wird - ebenso wie er selbst. - !Achtung, Spoiler! -

Man erfährt also, dass sich Sebastians Vater umbringt, und dies den Jungen traumatisiert. Soweit, so unspektakulär und logisch. Das Buch springt dann zeitlich in Sebastians Jugendalter, das recht fix abgehandelt wird, bis er dann, als Erwachsener, völlig unglaubwürdig ein höchstberühmter Fotograf und Künstler wird, (also wirklich, wie die Jungfrau zum Kinde, als Junge hat er keinerlei Interesse an Kunst und Fotografie, nach der Schule weiß er nicht was er tun soll, nimmt einen Aushilfsjob in einem Fotoladen an, und schwupps, ist er steinreich und berühmt). Er hat Bindungsschwierigkeiten, weil die Beziehung zu seiner Mutter vorher klischeehaft kalt beschrieben wurde. Dann geht er doch irgendwie eine Beziehung ein, dann ist eine junge Frau angeblich tot. Vorher wird noch mit der Absichtlichkeit eines Kindes, das mit dem Benutzen verbotener Worte schockieren will, eine Fotosession im Pornostil beschrieben, was schlicht unnötig, gewollt und deplaziert wirkt.

Nun springt das Buch zu einem sehr erfunden wirkenden Anwalt namens Biegler, der sich auf einer Erholungskur in Österreich befinden soll, weil er einen Burn-out hatte.(Da fragte ich mich, ob Herr von Schirach eigentlich weiß, was Burn-out-Symptome sind? Das, was von Biegler beschrieben wird, jedenfalls nicht). Wie dem auch sei, unser Sebatian sitzt in Untersuchungshaft wegen Mordes an einer Frau, deren Leiche man nicht findet. Er schweigt sich wochenlang aus, ihm wird von einem Polizeibeamten mit Folter gedroht (der Fall von Metzler kommt einem in den Sinn, aber auch das Thema wird hier sehr platt abgehandelt) verlangt genannten Biegler als Verteidiger, faselt Kryptisches über Schuld, und am Ende kommt heraus, dass es die Tote garnicht gibt, weil er, Sebatian, eine fantastische Fotomontage/Installation gebastelt hat aus seiner Geliebten, seiner Halbschwester und sich selbst. Dies hätte er schon bei seiner Verhaftung sagen können, sitzt aber lieber wochenlang in der Zelle.
Er wird freigesprochen, Ende des Romans.
Davon abgesehen, dass ich die Geschichte irgendwie zusammengestückelt finde, und beim Lesen ständig das Gefühl hatte, den Autor beim Erfinden zu erwischen, ist das Buch auch noch sprachlich nicht ausgereift. Ich kann in der Schreibe keinen grandiosen Stil entdecken, sondern empfinde sie als platt und mitunter gar nervig ("Seien Sie nicht so sarkastisch" sagte Biegler. "Seien Sie nicht so zynisch" sagte Biegler. "Seien Sie nicht so arrogant." sagte Landau. etc.)
Unterkühlt und abgehakt schreiben kann eine Kunst sein, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen, aber nicht jeder beherrscht das. Und Herr von Schirach gehört nicht zu den Beherrschenden dieses Fachs. Stimmung kommt bei diesem Roman eigentlich garkeine auf. Ich empfand weder mit dem Hauptcharakter, noch mit irgendeiner anderen beschriebenen Person irgendeine Art Empathie, weil sie allesamt so erfunden und konstruiert wirkten.
Für mich einer der enttäuschendsten Romane des Jahres bisher. Schade.
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22 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 21. September 2013
Der Roman lebt von einer beeindruckenden philosophischen, ja metaphysischen Leichtigkeit. Nicht die bedeutungsschwere Erklärung der Welt steht im Vordergrund, sondern der gruselige Kitzel beim Blick in den Abgrund dessen, was wir nicht verstehen. Diesem Effekt ist dann auch geschuldet, d a s s man vieles nicht versteht, so zum Beispiel – und ganz zentral – den Protagonisten Eschburg. Die Zeichnung des Charakters scheint auf den ersten Blick vollständig misslungen zu sein. Was in ihm vorgeht, bleibt für uns im Dunkeln. Seine Handlung ist nicht nachvollziehbar und hinterlässt den Leser achselzuckend mit dem Resümee: Ein schwer traumatisierter Mensch, wir wissen, dass es so was gibt, aber wir verstehen es nicht. Und da fragen wir uns dann auch nicht mehr, warum der sein Schauspiel überhaupt veranstaltet und was ihn dazu bestimmt, monatelang in Untersuchungshaft zu verbringen, bevor er sein Rätsel auflöst. Wir fragen nicht, ob es Eschbergs Verzweiflung ist oder sein Drang zur Kunst oder beides oder was. Wir fragen es auch deshalb nicht, weil der Erzähler uns bei der Antwort keine Hilfestellung gibt. Aber das ist von Schirach wohl so gewollt.
Der Roman wechselt zwischen mehreren ineinander verwobenen Bedeutungsebenen, lässt Zusammenhänge liegen, knüpft sie neu und fordert den Leser auf, die Strippen auch mal selbst zusammenzuknoten. Man kann das Werk als Parabel verstehen. Und das tröstet über manch üblen Bruch in der Plausibilität und der Charakterisierung hinweg.

Ärgerlich ist dann aber doch, dass vollkommen unnötigerweise genretypische Tricks zum Spannungsaufbau angewendet werden, und das ziemlich stümperhaft. Man fragt sich ernsthaft, was das soll, dass ein ganzes Kapitel lang nur von „dem Verdächtigen“ gesprochen wird, obwohl man ohnehin schon weiß, dass es Eschburg ist. Oder der Schluss: Die Auflösung im Stile eines Whodunit. Diesen Aha-Effekten opfert der Erzähler die Plausibilität der Geschichte und - noch schlimmer - seine eigene Aufrichtigkeit und seine Glaubwürdigkeit. Der Leser fühlt sich der Spannung wegen verraten.

Schirach ist ein Mann des Wortes, sicher. Aber des technischen Wortes, der Subsumtion, des binären Klipp-Klapp von wahr oder unwahr, von Tatbestandserfüllung oder nicht, von Vorsatz oder Fahrlässigkeit. Schirach ist kein Mann des literarischen Wortes, das mit Unschärfe spielt. So sind die lakonischen Passagen des Romans oftmals kindlich und naiv, eher selten blitzt eine brillante Formulierung auf. Hingegen befinden sich die üppig formulierten Passagen fast durchweg auf dem Niveau von Nele Neuhaus und Co. Bei seinen Erzählungen verzichtet Schirach auf die üppigen Passagen. Bei seinen Romanen hätte er es auch tun sollen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 28. Juni 2015
Mir gefällt Tabu sehr gut, denn es ist anders als die meisten Bücher, die man liest. Vollbepackt mit langen, aufgestockten Sätzen kommt sonst jedes Buch daher. Viele Adjektive machen Dinge schöner, Adverben fassen mehr Inhalt. Das ist alles schön und gut, aber TABU arrangiert sich mit "Weniger ist mehr". Die Sätze sind kurz und kühl, der Autor erspart sich jede Erklärung. Hier wurde bereits bemängelt, dass man der Figur Sebastian von Eschburg überhaupt nicht näher kommt damit - das ist meiner Ansicht nach ja aber genau das, was der unterkühlte Erzählstil bezwecken soll.

Wir sollen die Psyche von Eschburg gar nicht begreifen, weil er dann für uns nicht der wäre, der er geworden ist nach dem Suizid seines Vaters. Eschburg ist kalt, er leidet unter seinen mangelnden Gefühlen, er fühlt sich selbst nicht, alles was er ist, ist Leere, er hat ein hohles Herz, jenseits von Gut und Böse. Wir sollen die Figur weder hassen noch lieben, ich denke, wir sollen einfach verstehen, dass er genauso emotionslos ist wie die Sätze mit denen er beschrieben wird. Es gibt solche Menschen. Nicht jeder heult sein Leben lang regelmäßig vor großen Menschenmassen, wenn der Vater sich ermordet hat und nicht jeder findet irgendwann das Lachen wieder. Eschburg ist ein künstlerisches Genie, aber im Grunde ist er im Herzen abgestorben. Er erfasst die Dinge um sich herum sehr schnell und durchschaut mit seinem kalten Kopf rasant, wie die Menschheit tickt. Er weiß, wie naiv die Leute sind, weil sie so gefühlsgesteuert sind, er spielt mit der Wahrheit und führt sie am Ende alle vor. Sie sind ja alle auf "den Spuren des windabgeworfenen Lichts".
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 2. Juni 2015
Nicht nur vom Umfang, auch vom Aufbau her ist "Tabu" m.E. kein Roman, sondern eine etwas längere Erzählung. Die von der kindlichen Norm abweichenden Eigenheiten des Protagonisten erinnerten mich an eine Kurzgeschichte von Schirachs, in der das Motiv des jagenden/tötenden Kindes (dessen Taten von den Eltern gedeckt werden) bereits ausgearbeitet wurde. In "Tabu" wird der Junge "nur" zum Außenseiter, zum Eigenbrödler, der so gerade eben noch die Kurve in eine bürgerliche Normalität schafft. Die Entwicklung zum Erwachsenen, der zur Liebe kommt wie die Jungfrau zum Kind, wird ohne psychologische Unterfütterung erzählt. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass dem Autor die Figuren seines "Romans" fremd und fern bleiben. Die knappe, unterkühlte Sprache trägt zu diesem Eindruck bei. Nun ist die emotionslose, sprachlich nüchtern-knappe Schilderung von Ereignissen von Schirachs Markenzeichen. Jenes trägt eine Kurzgeschichte auch sehr gut vom Start zum Ziel, nicht aber einen Roman. In der Langform wird man als Autor nicht umhin kommen, sich seinen Figuren anzunähern, um sie dann auch dem Leser nahe bringen zu können. Das unterbleibt in "Tabu" fast völlig. Die einzige Figur, der von Schirach die ganze menschliche Bandbreite und erzählerische Tiefe zugesteht, ist der folternde Kommissar, der in der Wechselrede mit dem Verteidiger Kontur und Menschlichkeit bekommt. Alle anderen Figuren bleiben dagegen blass und kalt und bzgl. ihrer Motive und Emotionen unentdeckt. Ich vermute, dass die schützende Distanz, die man als Strafverteidiger zum Geschehen haben muss, um nicht darin unterzugehen, als Erzählhaltung gänzlich ungeeignet ist. Wie auch der Berichtstil und der Aufbau des Textes wie einen Schriftsatz.
Ich bereue den Kauf von "Tabu" nicht. Als Lektüre im Zug war das Buch ok, aber einen weiteren Roman werde ich von diesem Autor nicht kaufen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 18. Februar 2015
Dieser zweite Roman Ferdinand von Schirachs wirkt wie eine auf Romanlänge geblähte Kurzgeschichte aus Verbrechen: Stories, dem Buch, das den Autor berühmt machte. Jedenfalls ist dasselbe Strickmuster zu erkennen: In knappen, kühl-distanzierten Sätzen wird die gesamte Existenz einer Figur entworfen (man denke an »Der Äthiopier«), die sich eines Tages vor Gericht wiederfindet, wo ihr ein kompetenter Strafverteidiger zur Seite steht, der nichts anderes als das Alter Ego des Autors ist. Diesmal handelt es sich um den bizarren Künstler Sebastian von Eschburg, der als Kind miterleben musste, wie sein Vater sich nach gemeinsamem Jagdausflug eine Kugel in den Kopf jagte, woraufhin seine Mutter das Gut verkaufte und ihn in ein Internat schickte. Sebastian wird Fotograf und bringt es bis zum anerkannten internationalen Künstler. Er lebt mit einer Frau namens Sofia zusammen; doch eines Tages, nach einer erfolgreichen Vernissage, bekommt sein Leben einen Bruch: Sebastian sieht ein, dass Schönheit kein Weg zur Wahrheit ist. Doch noch etwas anderes, das zunächst nur angedeutet wird, bringt sein Leben aus der Balance: Er trifft die Tochter seiner Halbschwester, die ihren Onkel bewundert und zuvor ihrer Mutter verkündet hat, sie werde ein Teil seiner Kunst werden – der entscheidende Satz in diesem Buch.

Wenig später wird von Eschburg wegen Mordverdachts festgenommen: Zahlreiche Indizien, ein Notruf des Mädchens, eine Reihe von Fotos, die er mit Blut beschmiert hat, blutige Kleidungsstücke, sprechen dafür, dass er ein Mädchen entführt, in einen Kofferraum gesteckt, und auf rituelle Weise ermordet hat. Hier nun verlässt von Schirach seinen raffinierten Plot und macht ein ganz neues Fass auf: Ein Polizist droht Eschburg Gewalt an und darf diese in einer Phase der Unentschlossenheit der zuständigen Staatsanwältin auch ausüben, um aus dem mutmaßlichen Täter herauszupressen, wo die Verschwundene steckt. Ziemlich unlogisch ist, was jetzt passiert: Der Beschuldigte gesteht die Tat, aber über den Verbleib des Mädchens hat er nichts mitzuteilen. Die Geschichte, die von Schirach sich ausgedacht hat, kann aber nur mit diesem Paradoxon funktionieren.
Der Strafverteidiger Biegler, ein selbstgefälliger Erfolgsanwalt, der mit gesundheitlichen Problemen kämpft, kommt ins Spiel und liest vor Gericht staatlicher Willkür gehörig die Leviten – des Autors in Fiktion verpacktes Plädoyer gegen die Methode Daschner im Fall Jakob von Metzler, wie er es zuvor auch schon in einem »Spiegel«-Essay ausgeführt hatte. Dank eines Vermerks der Staatsanwaltschaft ist von Eschburgs Geständnis nicht verwertbar. Leider erliegt von Schirach der Versuchung, seinen Standpunkt in der Person des apodiktisch agierenden Biegler so ungefiltert und mit klar verteilten Sympathien zu verdeutlichen, dass die Geschichte in dieser Phase förmlich abstürzt: So oberlehrerhaft und mit so fertigen Antworten sollte Literatur zu kontroversen Themen nach meinem Dafürhalten nicht daherkommen. Die Erklärungen des Polizisten wirken wie die eines Schuljungen im Vergleich zu den Ausführungen des Vertreters Justitias, als den von Schirach Biegler und damit sich selbst mit einer gehörigen Portion Eitelkeit inszeniert. Angesichts dieser Gesamtanlage und -tendenz ist nicht mehr groß überraschend, wie das Ganze ausgehen soll und muss: Biegler und Sofia gehen von Eschburgs Familiengeschichte auf den Grund, fördern die Halbschwester zutage, über deren Existenz der Autor seine Leser lange im Unklaren ließ, und düpieren das Gericht, die Zuschauer und alle Leser dieses Buches mit einer sensationellen Enthüllung, die hollywoodreif mitten in der Verhandlung und unter starker Beteiligung des Installationskünstlers von Eschburg inszeniert wird. Als Katalysator fungiert dabei ein Schachroboter aus dem 17. Jahrhundert und der Leser lernt, woher der Ausdruck »getürkt« stammt.

Man darf dies getrost als selbstreflexiven Exkurs werten, denn der Autor türkt in dieser Geschichte ebenfalls, wo er kann: Verschweigen, Verzögern und Auslassen sind maßgeblich für das Funktionieren seiner Geschichte und manipulativ die Art, wie er den Prozess ablaufen lässt. Das ändert freilich nichts daran, dass es eine raffiniert zusammengesponnene Geschichte ist, die von Schirach da auf seine Leser loslässt. Mag das, was er mit dem Roman bezweckt, auch ziemlich durchsichtig sein, die Handlung ist es bis zum Schluss nicht. Gebannt folgt der Leser einer minuziösen Inszenierung, an der alles stimmt und die trotz oder gerade wegen ihrer großen Künstlichkeit hervorragend funktioniert.
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19 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 24. Oktober 2013
Obwohl mich bereits von Schirachs Vorgänger "Der Fall Collini" unbeeindruckt und enttäuscht zurückgelassen hat, habe ich mich aufgrund des positiven Medienechos dazu hinreißen lassen, "Tabu" zu lesen. Ich hätte es besser gelassen!

Die erste Hälfte des Buches befasst sich mit der traurigen Kindheit und Jugend des aus verarmtem Adel stammenden Protagonisten. Aufgewachsen in einem Internat und traumatisiert durch den Selbstmord des Vaters sowie die Gefühlskälte der Mutter entwickelt sich Sebastian von Eschbach zu einem künstlerisch ambitionierten Fotografen, der - Oshimas "Im Reich der Sinne" lässt grüßen - in seinen Werken pornographische Elemente als Stilmittel einsetzt. Er lernt Sophie kennen, mit der er eine seltsam unterkühlte Beziehung eingeht, die weder Liebe ist noch sexuelle Obsession. Was die beiden verbindet, wird - wie manches andere - nicht tiefer ausgeleuchtet. Man hat es als Leser halt so hinzunehmen. All das hätte man auf maximal zehn Seiten darstellen könnnen zumal sich von Schirach dabei ohnehin eines knappen, schnörkellosen Erzählstils bedient. Aber wahrscheinlich wäre das Buch dann doch etwas zu dünn geraten, um es als Roman zu vermarkten.

Nachdem man sich durch diese zähe erste Hälfte gelangweilt hat, erfährt man endlich, worum es eigentlich geht: Eschbach soll eine unbekannte junge Frau ermordet haben. Allerdings fehlt von der Leiche jede Spur, und es weiß auch niemand, um wen es sich dabei handeln könnte. Es existiert lediglich ein Notruf, der von einem Mobiltelefon aus geführt wurde und sich nicht weiter zurück verfolgen lässt. Und da man in Eschbachs Wohnung einige Gewaltpornos sowie SM-Utensilien und in seinem Auto Blutspuren findet, kommt der Mann in U-Haft.
Es tritt also der ruppige Anwalt Biegler auf, um Eschbach zu verteidigen. Man sieht geradezu bildlich Josef Bierbichler vor sich, der in den TV-Verfilmungen von Schirachs "Verbrechen" den Anwalt gespielt hat. Also auch hier nichts Neues. Bald stellt sich heraus, dass Eschbach im Rahmen der Ermittlungen vom vernehmenden Polizeibeamten Folter angedroht wurde und er daraufhin ein Geständnis abgelegt hat. Da ist es also endlich, das angeblich zentrale - wenn auch etwas angestaubte - Motiv dieses Romans!
Man ist natürlich gespannt, was von Schirach Erhellendes zu diesem Thema beizutragen hat, das aufgrund des tragischen Falles Jakob von Metzler seit vielen Jahren immer wieder von allen Seiten betrachtet, durchleuchtet und analysiert wurde. Immerhin ist der Mann im Hauptberuf Strafverteidiger!
Um es kurz zu sagen: Nichts!
Wir erfahren, dass so etwas natürlich nicht erlaubt ist, von wegen Menschenwürde und so (ach wirklich?) und das Geständnis daher nicht verwertbar ist (gibt's doch gar nicht!). Und das wird nicht etwa in einem spannenden, dramatischen Gerichts-Showdown nach Art eines John Grisham herausgestellt, sondern fast schon beiläufig in einer Zeugenbefragung des Polizeibeamten. So weit, so unspektakulär.

(Achtung, ab hier Spoiler!)
Man könnte der Geschichte vielleicht noch etwas abgewinnen, wenn sie nun den Leser mit der Zumutung konfrontieren würde, dass ein wahrscheinlich schuldiger Angeklagter genau deshalb freigesprochen werden muss, weil das durch die Androhung von Folter erpresste Geständnis nicht berücksichtigt werden darf. Aber statt dessen gleitet von Schirach nun gänzlich auf Groschenroman-Niveau ab, indem er im Rahmen eines ziemlich klamaukhaften Finales auch noch eindeutig Sebastian von Eschbachs Unschuld beweist: Das angebliche Opfer ist Eschbachs Halbschwester, die nicht auffindbar war, weil sie in Schottland studiert. Der angebliche Mord war Teil einer Video-Installation, die Anwalt Biegler mit großem Tamtam und eigens beschafftem Flachbildfernseher dem erstaunten Publikum im Gerichtssaal (!) präsentiert. Natürlich hätte Eschbach das alles gleich zu Beginn klären können, nutzt aber das Gerichtsverfahren als Werbung in eigener Sache.

Mit diesem konstruierten und grotesken Szenario, das zu allem Überfluss auch noch gänzlich humor- und ironiefrei präsentiert wird, vermittelt von Schirach den Eindruck, dass er weder seine Leser noch das angeblich so zentrale Tabu-Thema Folter wirklich ernst nimmt. Dem ganzen setzt er die Krone auf, indem weder Richter noch Staatsanwältin und schon gar nicht Anwalt Biegler Anstoß daran nehmen, von Eschbach für eine perfide Marketingkampagne missbraucht worden zu sein.

Dieses Buch will alles auf einmal sein: Entwicklungs- und Künstlerroman, Justiz- und Psychothriller, Krimi und Familientragödie. Im Endeffekt bleibt von all dem nichts.
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am 10. Juni 2015
Ich denke, dass man Ferdinand von Schirach das Können nicht abschreiben kann, er versteht es, mit Sprache umzugehen. Im Gegensatz zu seinen Kurzgeschichten (Verbrechen, Schuld) aber ist der Plot selbst schwach und - zumindest für meine Verhältnisse - konstruiert. Die plötzlich als Assistentin agierende, vorher aus dem Nichts aufgetauchte Stiefschwester, die die Liebhaberin "vertreibt" oder vom Sockel stößt, dieses vermeintliche Kunstprojekt, das die Fehlbarkeit der Justiz aufzeigt ... das alles ist etwas weit her geholt und nicht ganz nachvollziehbar. Auch Fiktion muss Sinn machen. Sprachlich - wie gesagt - tadellos.
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TOP 1000 REZENSENTam 23. September 2013
Ist es ein Bild von dem Mädchen, das der Protagonist des Buchs „Tabu“ von Ferdinand von Schirach, ermordet haben soll? Könnte sie so ausgesehen haben und sieht der Leser überhaupt nur ein Mädchen auf dem Cover oder könnte es eine Installation sein? Der Autor führt in diesem Buch dem Leser eine Realität vor Augen, die durch künstlerische Bearbeitung nur scheinbar ist.

Die Hauptfigur Sebastian von Eschburg wuchs in einem Herrenhaus auf. Zwar war kaum Geld für die Erhaltung des Hauses vorhanden, dennoch legten seine Eltern Wert auf Anstand und Etikette wie zu vergangenen Zeiten. Da die Familie einem Internat lange verbunden war, erhielt Sebastian dort ein Stipendium. Er ist Synästhetiker. Unmittelbar nachdem sein Vater sich erschossen hat ist er vor Ort, dieses Bild lässt seine Wahrnehmung förmlich explodieren. In den folgenden Jahren taucht er im Internat in die Bücherwelt so weit ab, dass er mit den Figuren einen Austausch beginnt, doch das fällt seiner Umwelt auf und er zieht sich in sich selbst zurück. Nach seinem Abitur beginnt er eine Ausbildung zum Fotographen. Das ist der Beginn einer Künstlerkarriere, bei der er lernt, dass das, was dargestellt wird, auch eine Sinnestäuschung sein kann. Nachdem er wieder einmal eine aufwendige Installation erarbeitet hat, gibt es einen Bruch im Erzählablauf. Nun ändert sich die Perspektive. Sebastian wird angeklagt, eine junge Frau ermordet zu haben. Der erfahrene Strafverteidiger Konrad Biegler übernimmt den Fall.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Die ersten drei sind nach den Farben des Farbkreises benannt, die zusammen Weiß ergeben, dem Titel des letzten kurzen Teils. Die ersten drei Buchteile tragen zur Darstellung des Falls bei und ergänzen sich zu einem Schluss, der die Farbe der Unschuld trägt. Darüber, ob Sebastian unschuldig ist, muss sich der Leser im Laufe der Ermittlungen selbst eine Meinung bilden. Ferdinand von Schirach zeichnet die einzelnen Szenen in kurzen Kapiteln, aber so treffend, dass für mich das jeweils passende Bild vor Augen entstehen konnte. In seiner Arbeit als Künstler beschäftigt er sich auch mit gesellschaftlichen Tabuthemen und durch seine wenigen Kontakte kommt er einem Tabu scheinbar sehr nahe. Im ersten Teil versucht der Autor, dem Leser möglichst viele Hintergrundinformationen zu seinem Protagonisten zu geben, bevor dann Biegler und die Staatsanwaltschaft mit den Ermittlungen beginnen. Um den Leser mit der Charaktere des schnell gelangweilten , mürrischen, aber streng nach Gesetzeslage denkenden Strafverteidigers bekannt zu machen, schweift der Autor meiner Meinung nach etwas weit von der Geschichte ab. Bei der Darstellung der Verteidigung merkt man den Zeilen an, dass Herr von Schirach hier in seinem Element ist. Der Roman lässt mich darüber nachdenkend zurück, an wie vielen Stellen er mir eine Wirklichkeit aufgezeigt hat, die doch erst ein künstlerischer Geist erschaffen ein. Tabu ist eine Geschichte, wie ich sie vorher noch nie gelesen habe. Daher gebe ich gerne eine Leseempfehlung.
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