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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Empfehlenswert
Es ist nicht leicht, sich in den Protagonisten des Romans hineinzuversetzen. Der traumatisierte, hochsensible Sebastian von Eschburg ist verletzlich und kontaktscheu. Seine spezifische Art, die Umwelt wahrzunehmen und sich mit ihr auseinanderzusetzen, isoliert ihn zusätzlich von seinen Mitmenschen. Als er des Mordes an einer jungen Frau angeklagt wird, sieht es...
Vor 13 Monaten von Karma veröffentlicht

versus
55 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen von Schirach kann es besser
Ich habe alle Bücher von Ferdinand von Schirach gelesen. "Schuld" und "Verbrechen" sind unerreicht, gemessen an der "Lang"-Geschichte "Der Fall Collini", der für mich inhaltlich mehr Examensklausur im 1. juristischen Staatsexamen war als Literatur und auch sein neuester Roman kommt nicht an die Kurzgeschichtenbände heran. "Tabu" ist verstörend,...
Vor 17 Monaten von C. Brinkmann veröffentlicht


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55 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen von Schirach kann es besser, 20. September 2013
Von 
C. Brinkmann (Ostsee) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Tabu: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich habe alle Bücher von Ferdinand von Schirach gelesen. "Schuld" und "Verbrechen" sind unerreicht, gemessen an der "Lang"-Geschichte "Der Fall Collini", der für mich inhaltlich mehr Examensklausur im 1. juristischen Staatsexamen war als Literatur und auch sein neuester Roman kommt nicht an die Kurzgeschichtenbände heran. "Tabu" ist verstörend, Sebastian von Eschburg, der vordergründige Protagonist, für den Leser nicht greifbar, weder sympathisch noch das Gegenteil. Mir als Leser blieb Eschburg - wie er nach seinem Eintritt bei dem "Fotografen" nur noch genannt wird - schlicht gleichgültig.

Anders Konrad Biegler, für mich der wahre Held der Geschichte. Alt, krank, desillusioniert, aber ein glänzender Strafverteidiger, der sich nicht erklären muss, sich für nichts entschuldigen muss, der grantig, unhöflich und sehr eigen ist, dabei völlig uneitel und deshalb sympathisch. Genial die Zeugenbefragung des Folter-androhenden Polizisten, obwohl ich bezweifle, dass eine solche Befragung vor einem bundesdeutschen Strafgericht möglich wäre, nachdem der Zeuge von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht hat. Ob in dieser Befragung das titelgebende "Tabu" angesprochen wird, weiß ich nicht, aber es würde passen, besser jedenfalls als die anderen Themen.

von Schirachs Sprache wieder schnörkellos, gradlinig, aber für einen Roman zu wenig. Ein Literaturkritiker hat über von Schirachs Erzählstil mal geschrieben, nur mit Hauptsätzen lasse sich kein Palast bauen; ich verstehe, was er gemeint hat.

Ich habe "Tabu" an einem Nachmittag gelesen, es ist flüssig geschrieben, die einzelnen Teile des Romans sind nicht in Ziffern unterteilt, sondern in Farben, in Anlehnung an die Farblehre nach Helmholtz.

Die Auflösung ist vorhersehbar, als Konrad Biegler zum ersten Mal auf Sebastian von Eschburg trifft und ihm die 6 Möglichkeiten einer Verteidigung bei einer Mordanklage erläutert. Übrigens sind dann während der Anklageverlesung in der Hauptverhandlung ausdrücklich keine Mordmerkmale erkennbar, im weiteren Verlauf wird jedoch weiter vom Mordvorwurf gesprochen, und erst am Ende von Totschlag. Diese Ungenauigkeiten erstaunen bei einem Autor, der selbst Strafverteidiger ist und erschweren das Lesen.

Da mir "Tabu" im Ergebnis dann doch einen kurzweiligen Nachmittag beschert hat, 3 Punkte.
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31 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Anwälte und andere Unsympathen, 31. Oktober 2013
Von 
Lothar Müller-Güldemeister "Reißwolf" (Berlin Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Tabu: Roman (Gebundene Ausgabe)
(***Vorsicht Spoiler***) Diese Story aus wie mit Pressluft aufs Papier gehämmerten Stakkatosätzen ist zwar sinnfrei, aber immerhin schnell erzählt: ein Typ, dessen Vater sich aus nicht näher erläuterten Gründen entleibt und dessen Mutter sodann einen Unsympathen (a) heiratet, wird, so soll es wohl suggeriert werden, aus eben diesen Gründen selber ein Unsympath (b) mit autistischen Zügen, der pornografische Edelfotos und damit ordentlich Geld macht. Das füllt die erste Hälfte des Buches. Nun abrupter Szenen- und Perspektivwechsel: wir sehen einen unsympathischen Anwalt (c), der die Verteidigung eines Mordverdächtigen übernehmen soll, um dessen Identität der Autor zwar eine Weile ein ziemliche Gewese macht, was sich allerdings als äußerst überflüssig herausstellt, da wir durchaus ahnen, dass es sich um diejenige des Unsympathen (b) handelt. Und Potz Blitz - er ist es tatsächlich. Er soll eine Frau ermordet haben, deren Leiche allerdings unauffindbar ist. Ein auch nicht gerade sympathischer Polizist (d) hat dem Unsympathen (b) nun Folter angedroht, woraufhin der den Mord gestanden hat, den er - wir ahnen es ebenfalls - aber gar nicht begangen hat. Im Gerichtssaal klärt uns der Autor mit schulmeisterlich erhobenem Zeigefinger in einem Dialog zwischen den Unsympathen (c) und (d) darüber auf, was er von der Folter hält: erfreulicherweise nichts (auch das ahnten wir allerdings schon). Jetzt stellt sich heraus, dass es weder Mord noch Opfer gab und dies auch popelleicht nachzuweisen gewesen wäre, wenn der Unsympath (b) es dem Unsympath (c) nur gesagt hätte. Das hat er aber nicht und darum ein paar Monate im Knast gesessen. Warum? Angeblich, um nachzuweisen, dass Wahrheit und Wirklichkeit unterschiedliche Dinge sind. Hä???? Kann mir jemand von den 5-Sterne-Rezensenten das mal erklären?

Und vielleicht bei der Gelegenheit gleich noch mit, wieso der Autor, wo er doch Folter doof findet, uns mit einer dermaßen albernen Geschichte foltert?
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84 von 97 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ratlosigkeit..., 15. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Tabu: Roman (Gebundene Ausgabe)
...stellte sich bei mir nach Lesen dieses Romans ein. Nicht, weil ich den Inhalt nicht begriffen habe, aber durchaus, weil ich nicht nachvollziehen kann, woher die überschwänglichen positiven Kritiken herrühren.
Dieser Roman hat ein ansprechendes Cover, der Titel klingt vielversprechend. Auch die Geschichte beginnt interessant mit Sebastian, dessen Kindheit in kargen, abgehakten Sätzen beschrieben wird - ebenso wie er selbst. - !Achtung, Spoiler! -

Man erfährt also, dass sich Sebastians Vater umbringt, und dies den Jungen traumatisiert. Soweit, so unspektakulär und logisch. Das Buch springt dann zeitlich in Sebastians Jugendalter, das recht fix abgehandelt wird, bis er dann, als Erwachsener, völlig unglaubwürdig ein höchstberühmter Fotograf und Künstler wird, (also wirklich, wie die Jungfrau zum Kinde, als Junge hat er keinerlei Interesse an Kunst und Fotografie, nach der Schule weiß er nicht was er tun soll, nimmt einen Aushilfsjob in einem Fotoladen an, und schwupps, ist er steinreich und berühmt). Er hat Bindungsschwierigkeiten, weil die Beziehung zu seiner Mutter vorher klischeehaft kalt beschrieben wurde. Dann geht er doch irgendwie eine Beziehung ein, dann ist eine junge Frau angeblich tot. Vorher wird noch mit der Absichtlichkeit eines Kindes, das mit dem Benutzen verbotener Worte schockieren will, eine Fotosession im Pornostil beschrieben, was schlicht unnötig, gewollt und deplaziert wirkt.

Nun springt das Buch zu einem sehr erfunden wirkenden Anwalt namens Biegler, der sich auf einer Erholungskur in Österreich befinden soll, weil er einen Burn-out hatte.(Da fragte ich mich, ob Herr von Schirach eigentlich weiß, was Burn-out-Symptome sind? Das, was von Biegler beschrieben wird, jedenfalls nicht). Wie dem auch sei, unser Sebatian sitzt in Untersuchungshaft wegen Mordes an einer Frau, deren Leiche man nicht findet. Er schweigt sich wochenlang aus, ihm wird von einem Polizeibeamten mit Folter gedroht (der Fall von Metzler kommt einem in den Sinn, aber auch das Thema wird hier sehr platt abgehandelt) verlangt genannten Biegler als Verteidiger, faselt kryptisches über Schuld, und am Ende kommt heraus, dass es die Tote garnicht gibt, weil er, Sebatian, eine fantastische Fotomontage/Installation gebastelt hat aus seiner Geliebten, seiner Halbschwester und ihm selbst. Dies hätte er schon bei seiner Verhaftung sagen können, sitzt aber lieber wochenlang in der Zelle.
Er wird freigesprochen, Ende des Romans.
Davon abgesehen, dass ich die Geschichte irgendwie zusammengestückelt finde, und beim Lesen ständig das Gefühl hatte, den Autor beim Erfinden zu erwischen, ist es auch noch sprachlich nicht ausgereift. Ich kann in der Schreibe keinen grandiosen Stil entdecken, sondern finde es platt und mitunter gar nervig ("Seien Sie nicht so sarkastisch" sagte Biegler. "Seien Sie nicht so zynisch" sagte Biegler. "Seien Sie nicht so arrogant." sagte Landau. etc.)
Unterkühlt und abgehakt schreiben kann eine Kunst sein, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen, aber nicht jeder beherrscht das. Und Herr von Schirach gehört nicht zu den Beherrschenden dieses Fachs. Stimmung kommt bei diesem Roman eigentlich garkeine auf. Ich empfand weder mit dem Hauptcharakter, noch mit irgendeiner anderen beschrieben Person irgendeine Art Empathie, weil sie allesamt so erfunden und konstruiert wirkten.
Für mich einer der enttäuschendsten Romane des Jahres bisher. Schade.
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22 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Über die Faszination des Unverstandenen, 21. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Tabu: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Roman lebt von einer beeindruckenden philosophischen, ja metaphysischen Leichtigkeit. Nicht die bedeutungsschwere Erklärung der Welt steht im Vordergrund, sondern der gruselige Kitzel beim Blick in den Abgrund dessen, was wir nicht verstehen. Diesem Effekt ist dann auch geschuldet, d a s s man vieles nicht versteht, so zum Beispiel – und ganz zentral – den Protagonisten Eschburg. Die Zeichnung des Charakters scheint auf den ersten Blick vollständig misslungen zu sein. Was in ihm vorgeht, bleibt für uns im Dunkeln. Seine Handlung ist nicht nachvollziehbar und hinterlässt den Leser achselzuckend mit dem Resümee: Ein schwer traumatisierter Mensch, wir wissen, dass es so was gibt, aber wir verstehen es nicht. Und da fragen wir uns dann auch nicht mehr, warum der sein Schauspiel überhaupt veranstaltet und was ihn dazu bestimmt, monatelang in Untersuchungshaft zu verbringen, bevor er sein Rätsel auflöst. Wir fragen nicht, ob es Eschbergs Verzweiflung ist oder sein Drang zur Kunst oder beides oder was. Wir fragen es auch deshalb nicht, weil der Erzähler uns bei der Antwort keine Hilfestellung gibt. Aber das ist von Schirach wohl so gewollt.
Der Roman wechselt zwischen mehreren ineinander verwobenen Bedeutungsebenen, lässt Zusammenhänge liegen, knüpft sie neu und fordert den Leser auf, die Strippen auch mal selbst zusammenzuknoten. Man kann das Werk als Parabel verstehen. Und das tröstet über manch üblen Bruch in der Plausibilität und der Charakterisierung hinweg.

Ärgerlich ist dann aber doch, dass vollkommen unnötigerweise genretypische Tricks zum Spannungsaufbau angewendet werden, und das ziemlich stümperhaft. Man fragt sich ernsthaft, was das soll, dass ein ganzes Kapitel lang nur von „dem Verdächtigen“ gesprochen wird, obwohl man ohnehin schon weiß, dass es Eschburg ist. Oder der Schluss: Die Auflösung im Stile eines Whodunit. Diesen Aha-Effekten opfert der Erzähler die Plausibilität der Geschichte und - noch schlimmer - seine eigene Aufrichtigkeit und seine Glaubwürdigkeit. Der Leser fühlt sich der Spannung wegen verraten.

Schirach ist ein Mann des Wortes, sicher. Aber des technischen Wortes, der Subsumtion, des binären Klipp-Klapp von wahr oder unwahr, von Tatbestandserfüllung oder nicht, von Vorsatz oder Fahrlässigkeit. Schirach ist kein Mann des literarischen Wortes, das mit Unschärfe spielt. So sind die lakonischen Passagen des Romans oftmals kindlich und naiv, eher selten blitzt eine brillante Formulierung auf. Hingegen befinden sich die üppig formulierten Passagen fast durchweg auf dem Niveau von Nele Neuhaus und Co. Bei seinen Erzählungen verzichtet Schirach auf die üppigen Passagen. Bei seinen Romanen hätte er es auch tun sollen.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Empfehlenswert, 9. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Tabu: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es ist nicht leicht, sich in den Protagonisten des Romans hineinzuversetzen. Der traumatisierte, hochsensible Sebastian von Eschburg ist verletzlich und kontaktscheu. Seine spezifische Art, die Umwelt wahrzunehmen und sich mit ihr auseinanderzusetzen, isoliert ihn zusätzlich von seinen Mitmenschen. Als er des Mordes an einer jungen Frau angeklagt wird, sieht es zunächst nicht gut für ihn aus.
Doch dann findet er in Konrad Biegler einen Anwalt, der ihn zwar ebenfalls nicht vollständig begreift, jedoch dessen ungeachtet mit größtem Engagement verteidigt. Bieglers Credo besteht darin, mit den Mitteln des Rechts die Freiheit des Einzelnen schützen zu wollen, die nach seinen Worten darin besteht, dass jeder Mensch nur sich selbst gehört. Und da er diese Freiheit als sehr zerbrechlich und verwundbar ansieht, nimmt er für ihre Verteidigung viel in Kauf. Biegler entlarvt in einem brillianten Rededuell die unzulängliche Argumentation eines Polizeibeamten, der seinem Mandanten mit Folter gedroht hatte. Zum Schluss wird er gelassen hinnehmen, dass er auch die abschließende Erklärung Sebastian von Eschburgs nach dem Warum seines Handelns nicht versteht.
Natürlich lässt sich einwenden, dass die Figur Sebastian von Eschburgs psychologisch nicht schlüssig ist. Einem derart gebrochenen Menschen wäre die kühle Inszenierung der Gerichtsverhandlung kaum zuzutrauen gewesen. Doch erscheint das nicht so wichtig, wenn man die Geschichte eher als Parabel begreift. Dazu passt dann auch die kühle, schnörkellose Erzählweise von Schirachs, obwohl ich die monotone Aneinanderreihung von Hauptsätzen in einigen Passagen schon als etwas ermüdend empfand. Dem Lesegenuss tat das allerdings kaum Abbruch, mich hat das Buch vollständig in seinen Bann gezogen. Es ist ein spannender und kluger Roman, und er ist von beklemmender Aktualität.
Die Frage der Terrorismusbekämpfung und ob es zu diesem Zwecke zulässig ist, die Freiheit des Einzelnen zu beschränken oder seine Würde zu beschädigen, wird darin ganz direkt angesprochen. Seine Antwort darauf gibt der Autor bereits mit dem Titel des Buches. Ich kann es nur uneingeschränkt weiterempfehlen.
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14 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Maßlos überschätzt, 24. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Tabu: Roman (Kindle Edition)
Obwohl mich bereits von Schirachs Vorgänger "Der Fall Collini" unbeeindruckt und enttäuscht zurückgelassen hat, habe ich mich aufgrund des positiven Medienechos dazu hinreißen lassen, "Tabu" zu lesen. Ich hätte es besser gelassen!

Die erste Hälfte des Buches befasst sich mit der traurigen Kindheit und Jugend des aus verarmtem Adel stammenden Protagonisten. Aufgewachsen in einem Internat und traumatisiert durch den Selbstmord des Vaters sowie die Gefühlskälte der Mutter entwickelt sich Sebastian von Eschbach zu einem künstlerisch ambitionierten Fotografen, der - Oshimas "Im Reich der Sinne" lässt grüßen - in seinen Werken pornographische Elemente als Stilmittel einsetzt. Er lernt Sophie kennen, mit der er eine seltsam unterkühlte Beziehung eingeht, die weder Liebe ist noch sexuelle Obsession. Was die beiden verbindet, wird - wie manches andere - nicht tiefer ausgeleuchtet. Man hat es als Leser halt so hinzunehmen. All das hätte man auf maximal zehn Seiten darstellen könnnen zumal sich von Schirach dabei ohnehin eines knappen, schnörkellosen Erzählstils bedient. Aber wahrscheinlich wäre das Buch dann doch etwas zu dünn geraten, um es als Roman zu vermarkten.

Nachdem man sich durch diese zähe erste Hälfte gelangweilt hat, erfährt man endlich, worum es eigentlich geht: Eschbach soll eine unbekannte junge Frau ermordet haben. Allerdings fehlt von der Leiche jede Spur, und es weiß auch niemand, um wen es sich dabei handeln könnte. Es existiert lediglich ein Notruf, der von einem Mobiltelefon aus geführt wurde und sich nicht weiter zurück verfolgen lässt. Und da man in Eschbachs Wohnung einige Gewaltpornos sowie SM-Utensilien und in seinem Auto Blutspuren findet, kommt der Mann in U-Haft.
Es tritt also der ruppige Anwalt Biegler auf, um Eschbach zu verteidigen. Man sieht geradezu bildlich Josef Bierbichler vor sich, der in den TV-Verfilmungen von Schirachs "Verbrechen" den Anwalt gespielt hat. Also auch hier nichts Neues. Bald stellt sich heraus, dass Eschbach im Rahmen der Ermittlungen vom vernehmenden Polizeibeamten Folter angedroht wurde und er daraufhin ein Geständnis abgelegt hat. Da ist es also endlich, das angeblich zentrale - wenn auch etwas angestaubte - Motiv dieses Romans!
Man ist natürlich gespannt, was von Schirach Erhellendes zu diesem Thema beizutragen hat, das aufgrund des tragischen Falles Jakob von Metzler seit vielen Jahren immer wieder von allen Seiten betrachtet, durchleuchtet und analysiert wurde. Immerhin ist der Mann im Hauptberuf Strafverteidiger!
Um es kurz zu sagen: Nichts!
Wir erfahren, dass so etwas natürlich nicht erlaubt ist, von wegen Menschenwürde und so (ach wirklich?) und das Geständnis daher nicht verwertbar ist (gibt's doch gar nicht!). Und das wird nicht etwa in einem spannenden, dramatischen Gerichts-Showdown nach Art eines John Grisham herausgestellt, sondern fast schon beiläufig in einer Zeugenbefragung des Polizeibeamten. So weit, so unspektakulär.

(Achtung, ab hier Spoiler!)
Man könnte der Geschichte vielleicht noch etwas abgewinnen, wenn sie nun den Leser mit der Zumutung konfrontieren würde, dass ein wahrscheinlich schuldiger Angeklagter genau deshalb freigesprochen werden muss, weil das durch die Androhung von Folter erpresste Geständnis nicht berücksichtigt werden darf. Aber statt dessen gleitet von Schirach nun gänzlich auf Groschenroman-Niveau ab, indem er im Rahmen eines ziemlich klamaukhaften Finales auch noch eindeutig Sebastian von Eschbachs Unschuld beweist: Das angebliche Opfer ist Eschbachs Halbschwester, die nicht auffindbar war, weil sie in Schottland studiert. Der angebliche Mord war Teil einer Video-Installation, die Anwalt Biegler mit großem Tamtam und eigens beschafftem Flachbildfernseher dem erstaunten Publikum im Gerichtssaal (!) präsentiert. Natürlich hätte Eschbach das alles gleich zu Beginn klären können, nutzt aber das Gerichtsverfahren als Werbung in eigener Sache.

Mit diesem konstruierten und grotesken Szenario, das zu allem Überfluss auch noch gänzlich humor- und ironiefrei präsentiert wird, vermittelt von Schirach den Eindruck, dass er weder seine Leser noch das angeblich so zentrale Tabu-Thema Folter wirklich ernst nimmt. Dem ganzen setzt er die Krone auf, indem weder Richter noch Staatsanwältin und schon gar nicht Anwalt Biegler Anstoß daran nehmen, von Eschbach für eine perfide Marketingkampagne missbraucht worden zu sein.

Dieses Buch will alles auf einmal sein: Entwicklungs- und Künstlerroman, Justiz- und Psychothriller, Krimi und Familientragödie. Im Endeffekt bleibt von all dem nichts.
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4.0 von 5 Sternen Minuziöse Inszenierung von kalter Künstlichkeit, 18. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Tabu: Roman (Kindle Edition)
Dieser zweite Roman Ferdinand von Schirachs wirkt wie eine auf Romanlänge geblähte Kurzgeschichte aus Verbrechen: Stories, dem Buch, das den Autor berühmt machte. Jedenfalls ist dasselbe Strickmuster zu erkennen: In knappen, kühl-distanzierten Sätzen wird die gesamte Existenz einer Figur entworfen (man denke an »Der Äthiopier«), die sich eines Tages vor Gericht wiederfindet, wo ihr ein kompetenter Strafverteidiger zur Seite steht, der nichts anderes als das Alter Ego des Autors ist. Diesmal handelt es sich um den bizarren Künstler Sebastian von Eschburg, der als Kind miterleben musste, wie sein Vater sich nach gemeinsamem Jagdausflug eine Kugel in den Kopf jagte, woraufhin seine Mutter das Gut verkaufte und ihn in ein Internat schickte. Sebastian wird Fotograf und bringt es bis zum anerkannten internationalen Künstler. Er lebt mit einer Frau namens Sofia zusammen; doch eines Tages, nach einer erfolgreichen Vernissage, bekommt sein Leben einen Bruch: Sebastian sieht ein, dass Schönheit kein Weg zur Wahrheit ist. Doch noch etwas anderes, das zunächst nur angedeutet wird, bringt sein Leben aus der Balance: Er trifft die Tochter seiner Halbschwester, die ihren Onkel bewundert und zuvor ihrer Mutter verkündet hat, sie werde ein Teil seiner Kunst werden – der entscheidende Satz in diesem Buch.

Wenig später wird von Eschburg wegen Mordverdachts festgenommen: Zahlreiche Indizien, ein Notruf des Mädchens, eine Reihe von Fotos, die er mit Blut beschmiert hat, blutige Kleidungsstücke, sprechen dafür, dass er ein Mädchen entführt, in einen Kofferraum gesteckt, und auf rituelle Weise ermordet hat. Hier nun verlässt von Schirach seinen raffinierten Plot und macht ein ganz neues Fass auf: Ein Polizist droht Eschburg Gewalt an und darf diese in einer Phase der Unentschlossenheit der zuständigen Staatsanwältin auch ausüben, um aus dem mutmaßlichen Täter herauszupressen, wo die Verschwundene steckt. Ziemlich unlogisch ist, was jetzt passiert: Der Beschuldigte gesteht die Tat, aber über den Verbleib des Mädchens hat er nichts mitzuteilen. Die Geschichte, die von Schirach sich ausgedacht hat, kann aber nur mit diesem Paradoxon funktionieren.
Der Strafverteidiger Biegler, ein selbstgefälliger Erfolgsanwalt, der mit gesundheitlichen Problemen kämpft, kommt ins Spiel und liest vor Gericht staatlicher Willkür gehörig die Leviten – des Autors in Fiktion verpacktes Plädoyer gegen die Methode Daschner im Fall Jakob von Metzler, wie er es zuvor auch schon in einem »Spiegel«-Essay ausgeführt hatte. Dank eines Vermerks der Staatsanwaltschaft ist von Eschburgs Geständnis nicht verwertbar. Leider erliegt von Schirach der Versuchung, seinen Standpunkt in der Person des apodiktisch agierenden Biegler so ungefiltert und mit klar verteilten Sympathien zu verdeutlichen, dass die Geschichte in dieser Phase förmlich abstürzt: So oberlehrerhaft und mit so fertigen Antworten sollte Literatur zu kontroversen Themen nach meinem Dafürhalten nicht daherkommen. Die Erklärungen des Polizisten wirken wie die eines Schuljungen im Vergleich zu den Ausführungen des Vertreters Justitias, als den von Schirach Biegler und damit sich selbst mit einer gehörigen Portion Eitelkeit inszeniert. Angesichts dieser Gesamtanlage und -tendenz ist nicht mehr groß überraschend, wie das Ganze ausgehen soll und muss: Biegler und Sofia gehen von Eschburgs Familiengeschichte auf den Grund, fördern die Halbschwester zutage, über deren Existenz der Autor seine Leser lange im Unklaren ließ, und düpieren das Gericht, die Zuschauer und alle Leser dieses Buches mit einer sensationellen Enthüllung, die hollywoodreif mitten in der Verhandlung und unter starker Beteiligung des Installationskünstlers von Eschburg inszeniert wird. Als Katalysator fungiert dabei ein Schachroboter aus dem 17. Jahrhundert und der Leser lernt, woher der Ausdruck »getürkt« stammt.

Man darf dies getrost als selbstreflexiven Exkurs werten, denn der Autor türkt in dieser Geschichte ebenfalls, wo er kann: Verschweigen, Verzögern und Auslassen sind maßgeblich für das Funktionieren seiner Geschichte und manipulativ die Art, wie er den Prozess ablaufen lässt. Das ändert freilich nichts daran, dass es eine raffiniert zusammengesponnene Geschichte ist, die von Schirach da auf seine Leser loslässt. Mag das, was er mit dem Roman bezweckt, auch ziemlich durchsichtig sein, die Handlung ist es bis zum Schluss nicht. Gebannt folgt der Leser einer minuziösen Inszenierung, an der alles stimmt und die trotz oder gerade wegen ihrer großen Künstlichkeit hervorragend funktioniert.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Schade,, 17. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Tabu: Roman (Gebundene Ausgabe)
gut ist das Buch erst in der zweiten Hälfte, und ab da wünschte man sich, dass es noch sehr viel länger wäre. Die Hauptfigur des Anwalts ist interessant, ungewöhnlich und seine Rolle sicher ausbaufähig.
Leider erscheint der erste Teil dazu als ein Bruch, nur zusammengekittet dadurch, dass Biegler von Eschbachs Anwalt wird und beide in irgendeiner Weise nach der Wahrheit und der Wirklichkeit zu suchen scheinen.
Meinem Empfinden nach gerät der erste Teil mit der Kinder-und Jugendgeschichte von Eschburgs zu lang und mystisch und für mich nicht sehr spannend.
Vielleicht hätte4 man besser von Eschburgs Geschichte in irgendeiner Weise in den Rest der Erzählung eingearbeitet.
Ich würde meinen, dass von Schirach bei den kurzen Geschichten, so genau und pointiert wie er zu schreiben vermag, deutlich besser ist als bei längeren; so war schon der "Fall Collini" nicht mehr so ganz mein Fall.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Nomen est omen, 1. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Tabu: Roman (Gebundene Ausgabe)
Als Senkrechtstarter der deutschen Literaturszene hat Ferdinand von Schirach mit «Tabu» einen Roman vorgelegt, an dem sich die Geister scheiden. Monatelanger Bestsellerstatus und große Breitenwirkung auch im Ausland taugen mitnichten als Indiz für gute Literatur, und so mischt sich in den Chor der Jubel-Rezensenten denn auch prompt manche kritische Stimme, literarisch sei «noch reichlich Luft nach oben», urteilt beispielsweise die FAZ. Die Hassliebe des deutschen Feuilletons polarisiert sich in der hymnischen Rezension im «Spiegel» und dem gnadenlosen Verriss der «ZEIT». Was stimmt denn nun?

Letzteres, sage ich, der ich unwissend zu diesem Roman gegriffen habe, weder seine Thematik kennend noch die konträren Rezensionen oder gar ein anderes Werk des gefeierten Autors. Dieses Buch, war mein für mich ziemlich überraschendes Fazit, ist gründlich danebengelungen, und zwar aus vielerlei Gründen. Beginnen wir bei der Handlung, die grotesk unwirklich ist, zu abstrus, um hier komplett darüber zu berichten, auf einige wenige Einzelheiten will ich dennoch eingehen. Erzählt wird die Lebensgeschichte von Sebastian Eschburg, aus verarmtem «guten Hause» stammend, mit lieblosen Eltern, von Synästhesie betroffen, jahrelang Internatszögling. Anschließend Lehre als Fotograf, der dann in Rekordzeit ein weltweit gefeierter Künstler wird. Im zweiten Teil wechselt die Handlung abrupt, ein knorriger alter Rechtsanwalt übernimmt die Verteidigung des wegen Mordes angeklagten Protagonisten. All das wird in kurzen, präzise formulierten Sätzen nüchtern, geradezu «sachdienlich» erzählt, Schlag auf Schlag die Fakten aneinanderreihend und damit den Plot vorantreibend in einem selten so ausgeprägt zu erlebenden, komprimierten Text. Wer es sprachlich absolut schnörkellos mag, wird jubeln. Gar nicht schnörkellos hingegen ist der Plot selbst, man wundert sich über viele Abschweifungen, die dem Geschehen rein gar nichts hinzufügen, die eher falsche Erwartungen wecken wie das Nietzsche-Haus in Sils Maria mit seinen geraniengeschmückten Fenstern, um nur ein Beispiel zu nennen. Farblos bleiben auch die meisten Figuren, sie wirken gefühlsarm und ziemlich unsympathisch, allenfalls der Verteidiger vermag Empathie zu wecken beim Leser.

Zweifel sind angebracht, ob der anonyme Telefonanruf eines vermeintlichen Entführungsopfers und ein unter Folterandrohung erlangtes Geständnis tatsächlich einen Mordprozess ohne Leiche, - die einer unbekannten Frau obendrein, auszulösen vermag. Absurd auch die ausufernde Befragung des vernehmenden Polizisten über seine Einstellung zur Folter, ist doch aktenkundig und steht also von vornherein fest, dass so ein Geständnis gar nicht verwertbar ist. Fiktion des Autors? Oder denkbare Realität, ist er doch selbst Strafverteidiger, dessen Kompetenz ja wohl außer Frage steht. Fragwürdig, um nicht zu sagen geradezu lächerlich, ist auch das ins Pornografische abgleitende, bis dato größte Werk des gefeierten Künstlers mit dem Titel «Sofias Männer», für das Goyas Zwillingsgemälde «Die nackte Maja» und «Die bekleidete Maja» die Idee geliefert haben. Auf Eschburgs Foto ist seine Freundin Sofia nackt und 16 Männer in Anzügen stehen um sie herum und starrten sie an. «Auf dem zweiten Bild trug Sofia die Kleider der Maja. Die Männer standen so wie auf dem ersten Bild, aber jetzt waren sie nackt. Mit der gleichen Kopfhaltung starrten sie Sofia an, ihre Schwänze waren steif, sie zeigten auf das Gesicht und auf den Körper Sofias. Zwei der Männer hatten ihr Sperma auf Sofias Bluse gespritzt». Was will uns der Autor damit sagen? Und natürlich wird dieses grandiose Kunstwerk sogleich an einen Japaner verkauft, «du bist jetzt reich», sagt Sofia dazu. Es gibt dergleichen Peinliches mehr in diesem Buch, mancherlei philosophisches Geschwafel und psychologische Plattheiten obendrein, allzu viel ist inkonsistent und reichlich irritierend.

Mit minimalistischen Hauptsätzen als Werkzeug malt man literarisch kein hinreißendes Ölbild wie das der nackten Maja, eher die hastige Entwurfsskizze eines Frauenakts. Dementsprechend wirkt dieser Roman mit seiner verworrenen Geschichte, deren tieferer Sinn sich wohl nur der geistigen Elite unter den Lesern zu erschließen vermag, stilistisch freudlos, bar jeder Emotion, garantiert humorfrei außerdem. Wer eine erfreuliche, eine bereichernde Lektüre schätzt, dem sei geraten, den nebulösen Buchtitel hier mal ganz wörtlich zu interpretieren, frei nach Plautus: «nomen est omen».
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5.0 von 5 Sternen verstörend-beeindruckend, 25. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Tabu: Roman (Kindle Edition)
....bin erst vor kurzem auf den Autor gestoßen und -nachdem ich etliche Filme gesehen habe :Schuld /Verbrechen ....-wollte ich auch LESEN......eine einfache,knappe Sprache verdichtet die Handlung -kopfschüttelnd ob der präzisen Zuspitzung des Inhalts muss man weiterlesen und kann gar nicht genug bekommen von den subtilen Gedanken des Autors in seine Haupthelden impliziert....wer Spannung gemischt mit Kunst und Tiefen Einblicken in die menschliche Seele mag,dem empfehle ich die Lektüre .....
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Tabu: Roman
Tabu: Roman von Ferdinand Von Schirach
EUR 13,99
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