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5.0 von 5 Sternen Die Kriege unserer Vorväter erlauben uns heute ein vergleichsweise gewaltfreies Leben
Als mir der provozierende Titel von Ian Morris' neuestem Buch zum ersten Mal ins Auge fiel, dachte ich reflexhaft, daß die Antwort doch wohl nur "Nichts!" lauten könne. Nachdem ich "Wer regiert die Welt?" mit einigem Gewinn gelesen hatte und mit Morris' unkonventioneller Herangehensweise an große Themen bereits vertraut war, hat die Lektüre des...
Vor 13 Monaten von Georges de Gueule veröffentlicht

versus
20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen
Ian Morris' neues Buch ist wie schon sein Vorgänger ("Wer regiert die Welt"): es ist enorm gut geschrieben, leicht und spannend zu lesen, krankt aber an einer ziemlich eindimensionalen Theorie.

Der Autor gibt mit diesem Buch den Thomas Hobbes 2.0. Dieser beschrieb in seinem "Leviathan" von 1651 den Naturzustand des Menschen als Kampf aller gegen alle, eine...
Vor 11 Monaten von Matthias Berg veröffentlicht


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20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen, 18. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Krieg: Wozu er gut ist (Gebundene Ausgabe)
Ian Morris' neues Buch ist wie schon sein Vorgänger ("Wer regiert die Welt"): es ist enorm gut geschrieben, leicht und spannend zu lesen, krankt aber an einer ziemlich eindimensionalen Theorie.

Der Autor gibt mit diesem Buch den Thomas Hobbes 2.0. Dieser beschrieb in seinem "Leviathan" von 1651 den Naturzustand des Menschen als Kampf aller gegen alle, eine blutige Anarchie, aus der die Menschen nur eine starke Hand, der Staat, befreien könne. Morris sieht es ähnlich, und der Krieg ist seiner Meinung nach das beste Mittel, um einen solchen Leviathan herzustellen. Seine Grundthese: "Er (der Krieg) hat die Menschheit - auf lange Sicht - sicherer und reicher gemacht. Krieg ist die Hölle; nur dass die Alternativen - wieder auf lange Sicht betrachtet - schlimmer gewesen wären." (S.14)

Ideal wäre es natürlich, wenn die Menschen sich freiwillig zu großen friedlichen Gemeinschaften zusammenschlössen, doch das, so Morris, ist eine Gutmenschen-Illusion: "Menschen geben ihre Freiheit selten auf, auch nicht ihr Recht, einander zu töten oder zu berauben, es sei denn, man zwingt sie dazu." (S.16).

Diese These ist natürlich starker Tobak, was aber nicht weiter schlimm wäre, wenn der Autor sie schlüssig begründen könnte. Sein stärkstes Argument wiederholt er im Buch immer wieder: Vor dem Aufkommen starker, handlungsfähiger Staaten (Leviathane) herrschte tribale Anarchie. Menschen leben von Natur aus in Sippen, Stämmen, Clans, die immer wieder in Konflikt geraten, was zu einer erschreckend hohen Mord- und Totschlagrate führt. Nun gibt es unter den Archäologen und Anthropologen zwei Lager: die Hobbesianer und die Rousseauisten. Letztere glauben, dass Menschen erst mit Eintritt in die Zivilisation, vor etwa 10000 Jahren, anfingen, sich massenhaft die Köpfe einzuschlagen. Beide Seiten haben ihre eigenen Statistiken, ihre "Lieblingsvölker", die die jeweilige These verkörpern, ihre eigenen Paradigma. Die Frage, welche der beiden seiten recht hat, ist weiterhin offen.

Morris selbst schießt ein grandioses Eigentor, wenn er auf Seite 283 behauptet, dass um 1415 in Europa etwa einer von 20 Menschen eines gewaltsamen Todes starb, zwischen 1815 und 1914 aber nur noch einer von 50. Dann, zwei Absätze weiter, beklagt er die "lückenhafte Datenlage" und bekennt freimütig "dass die Zahlen, die ich hin und wieder nenne, ausgesprochen spekulativ sind." Das zuzugeben ehrt den guten Mann ungemein, aber damit beraubt er sich der Grundlage seines Basisarguments, das ja eben behauptet, dass auf lange, sehr lange Sicht die Zahl der Tötungen enorm gesunken sei. Das kann man wissenschaftlich aber nur auf der Grundlage einer verlässlichen Datenlage behaupten.

Und selbst wenn das stimmt, wenn, was heute allgemein anerkannt wird, die Leute im London zu Shakespeares Zeiten viel gefährlicher lebten als heute, selbst dann ist das kein Argument für die These, dass es der K r i e g war, der diesen Rückgang bewirkte. Morris selbst unterscheidet nämlich zwischen dem "produktiven" und dem "unproduktiven Krieg". Letzterer zerstöre bestehende Staaten und führe zu weniger Leviathan.

Und hier liegt m.E. die Hauptschwäche des Buches: Morris kann zweierlei nicht plausibel machen: Erstens, dass es vor allem Kriege waren, die den historischen Rückgang der Gewalt bewirkten (da gibt es sicher noch viele andere Faktoren!). Zweitens, dass die "produktiven" Kriege die "unproduktiven" so sehr überwiegen, dass man sagen kann: Krieg ist auf lange Sicht nützlich.

Ich sehe dieses vom Autor beschriebene Muster nicht. Ich sehe Kriege, die manchmal in der Tat zu einem Leviathan führen, und dann eine lange Periode der Wohlstands und des Friedens einleiten (Beispiele wären: die Kriege der Römer gegen die Völker des Mittelmeerraumes, die zu der langen Pax Romana führten, oder der Amerikanische Bürgerkrieg, der vor 150 Jahren den Leviathan USA möglich machte.). Aber dann gibt es auch die völlig sinnlosen und sogar kontraproduktiven Kriege (30jähriger Krieg oder der Erste Weltkrieg), wo schon bestehende und funktionierende Leviathane sich gegenseitig schwächten. Denn nicht nur irgendwelche Stämme und Fürstentümer bekriegen einander, auch große Staaten, die "eigentlich" friedlich koexistieren könnten, führen Krieg und zerstören eben damit ihren Wohlstand!

Morris These nun, das die "guten" Kriege die "schlechten" bei weitem überwiegen, halte ich für Wunschdenken. Der jüdische Philosoph Theodor Lessing schrieb 1919 unter den Eindruck des bis dato größten Gemetzels der Menschheit ein Buch mit dem Titel "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen". Ich glaube, das trifft auch auf Morris zu. Auch er versucht, dem Sinnlosen einen Sinn abzupressen. Ich bin kein Pazifist. Krieg - als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln - kann sehr wohl sinnvoll sein. Aber mindestens genauso oft ist er einfach nur Elend, Blut und Tod, und sonst gar nichts. Auch auf lange Sicht nicht.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kurzschlüsse zum Krieg, 15. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Krieg: Wozu er gut ist (Gebundene Ausgabe)
Ist der Krieg der Vater aller Dinge", wie Heraklit postulierte? Nach den Katastrophen der letzten hundert Jahre hat kaum jemand gewagt, öffentlich den Krieg zu loben. Zu dramatisch und opferreich waren die Weltkriege, Kriege, Bürgerkriege und Massaker diese Zeit. Im Gegenteil: wir alle waren gegen Krieg. Nun hat Ian Morris ein massives Plädoyer für den Krieg vorgelegt: Kriege führen häufig zu größeren Herrschaftsgebilden, in denen die Menschen friedlich ihren Verrichtungen nachgehen können. Solche Kriege nennt er produktiv".

Nun ist die These der staatenbildenden Funktion von Kriegen nicht neu. Seit Robert Carneiro ist sie in der anthropologischen Forschung eine gewichtige Theorie zum Übergang von lose zusammenhängenden Siedlungen und Städten zu großräumigen Herrschaftseinheiten, die wir Staaten nennen. Welche anderen Ursachen wir auch noch in Betracht ziehen können, Kriege spielten eine wichtige Rolle bei der Staatenbildung. Und in manchen Fällen lebten die Überlebenden besser als die vorherige Generation.

Morris argumentiert auch quantitativ: während in den Jäger/Sammler-Gruppen eine große Gefahr des gewaltsamen Ablebens (bis zu 20 Prozent) bestand, waren im 20. Jahrhundert lediglich" rund ein Prozent Kriegstote zu verzeichnen. Kriege haben also" dazu geführt, ihre eigenen Opfer zu minimieren. Diese Rechnung stimmt von beiden Enden her nicht. Es ist sehr fraglich, ob die Schätzungen (mehr liegt aus der Steinzeit nicht vor) über die gewaltsamen Tode der Jäger/Sammler so stimmen - mangels hinreichender Fossilfunde bewegen sie sich am Rande der Spekulation. Und die Kriege der Neuzeit haben nicht nur in wachsender Zahl Tote gekostet, sondern auch Schwerverwundete, zerstörte Landschaften, Angst und Unsicherheit. Zudem werden Menschen nicht nur durch Kriege getötet, sondern auch durch Diktaturen, Unterernährung, Kriminalität, Sklaverei usw.

Die These der schrittweisen Einhegung der Gewalt übernimmt Morris von Stephen Pinker (Gewalt"), der jedoch ein differenzierteres Bild der Gewaltursachen zeichnet - Morris lastet Gewalt und Krieg der Evolution an, die den Menschen (den Mann?) als Killermaschine geformt habe. Diese ,Ursachenforschung` hat eine - schlechte - Tradition. Und das Lob des Krieges ist kurzschlüssig: Morris schließt umstandslos von einem Resultat auf den Zweck, der das Resultat hervorgebracht habe. Aus anderer Sicht, aus der Sichtung der Bedingungen des Friedens etwa, würde man wahrscheinlich zu anderen Ergebnissen kommen.

Die Kurzschlüssigkeit der These ,Krieg führt zum Frieden` findet man allerdings mehr in den Zusammenfassungen und in den Interviews (etwa im SPIEGEL) als im materialen Text, in dem Morris durchaus sachkundig die säkularen Kriege der Weltgeschichte analysiert. Deshalb ist das Buch durchaus lesenswert - man muss die starke These von Morris ja nicht übernehmen. Noch immer gilt es, wie Carl Friedrich von Weizsäcker immer wieder betonte, das historisch Beispiellose zu versuchen, Kriege zu überwinden.
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Kriege unserer Vorväter erlauben uns heute ein vergleichsweise gewaltfreies Leben, 14. November 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Krieg: Wozu er gut ist (Gebundene Ausgabe)
Als mir der provozierende Titel von Ian Morris' neuestem Buch zum ersten Mal ins Auge fiel, dachte ich reflexhaft, daß die Antwort doch wohl nur "Nichts!" lauten könne. Nachdem ich "Wer regiert die Welt?" mit einigem Gewinn gelesen hatte und mit Morris' unkonventioneller Herangehensweise an große Themen bereits vertraut war, hat die Lektüre des Klappentextes und eine kurze Sichtung der Inhalte mich zum Kauf motiviert.

Gewisse Parallelen zum letzten Buch blitzen bei der Lektüre gelegentlich durch, aber man kann keineswegs von einem Neuaufguß sprechen. Weit davon entfernt, Krieg per se gutzuheißen, betrachtet Morris die großen Kriege der Menschheitsgeschichte. Was wir als einzelne kriegerische Auseinandersetzungen wahrnehmen, faßt er zu größeren Gebilden zusammen. Die Zeit in der Europa die Welt erobert bezeichnet er als fünfhundertjährigen Krieg (1415 bis 1914). Die Jahre 1914 bis zum Ende des Kalten Kriegs in den 1980ern als den Krieg um Europa. Diese Komprimierung reicht auch aus um seine Grundthese eindrücklich zu untermauern.

Morris unterscheidet geschichtliche Perioden mit starken, großen Reichen und Perioden relativen Chaos'. Vor vielen Jahrtausenden, als es noch keine Staaten gab, sei das Risiko eines Menschen, durch Gewalt zu sterben, sehr groß gewesen. Nomaden bedrohten diejenigen, die bereits seßhaft geworden waren. Durch blutige Kriege seien Staatswesen gebildet worden. Nach Etablierung dieser sei das Risiko, durch Gewalt zu sterben, jedes Mal signifikant zurückgegangen. Und zwar schon vor mindestens 2.000 Jahren, als man in Rom und anderswo bloß zur Unterhaltung noch Menschen sich gegeneinander abschlachten ließ.

Das Leben vor der Gründung erster Reiche sei zwar frei und unbesteuert, aber eben mit hohem Todesrisiko verbunden gewesen, weil herumziehende Räuber und Diebe sich für den Besitz anderer interessierten. Starke Staaten hätten die Willkürrisiken reduziert, dafür dem Bürger aber einen Preis in Form von Steuern oder Frondiensten abverlangt. Aus dem nomadisierenden Räuber sei in Form von Königen oder anderer Herrscher ein stationärer Räuber geworden. Morris bezeichnet diese mit Bezug auf den Philosophen Thomas Hobbes -wie schon Steven Pinker in seinem Buch "Gewalt"- als Leviathan. Weil vorausgehender Krieg der Preis zur Errichtung gut organisierter Reiche ist, kann Morris dem Krieg -fernab der Betrachtung individueller Schicksale- positive Aspekte abgewinnen. Mit fortschreitender Lektüre fällt es immer schwerer, sich dieser Argumentationslinie zu widersetzen.

Wie schon in seinem vorangegangenen Buch versucht Morris im letzten Fünftel seines Werkes einen Blick in die Zukunft zu werfen. Der erste Weltpolizist der Neuzeit, das Vereinigte Königreich, sei im 20. Jahrhundert von den USA abgelöst worden. Um den Frieden zu sichern, werde man noch einige Zeit einen Weltpolizisten benötigen, aber Morris macht sich Sorgen, ob der jetzige und seine Gegner sich dieser Tatsache bewußt seien. Morris ist auch ein Kenner klassischer Science-Fiction-Literatur. Seine Einschätzung, daß Mensch und Technik in einigen Jahrzehnten so miteinander verschmelzen werden, daß der Kreislauf von Gewalt und Frieden dann endgültig unterbrochen wird ist zwar ermutigend, erscheint mir aber angesichts dessen, was aus vielen früheren Vorhersagen wurde, ein bißchen sehr weit hergeholt.

Mir hat das Buch trotz der fiktiven Elemente zum Schluß sehr gut gefallen. Der überaus gebildete Morris spricht viele interessante Dinge an, die einen zum Nachdenken anregen und dem Leser wichtige Impulse auch im Hinblick auf strategische Entscheidungen, Unternehmensorganisation und die Führung von Menschen geben können. Wer sehr wenig Zeit hat und schon "Wer regiert die Welt" sowie "Gewalt" von Pinker gelesen hat, kann eventuell auf diese Lektüre verzichten, obwohl man für seine Mühen ausreichend belohnt wird. Angesichts der Arbeit, die in diesem Werk steckt, verzichte ich darauf, einen Stern für die stellenweise schlampige Rechtschreibkorrektur des Textes abzuziehen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch mit Mut,, 10. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Krieg: Wozu er gut ist (Kindle Edition)
insoweit, als es den Zeitgeist nicht scheut. Es macht ihn nicht lächerlich, es hält ihm kein "man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen" entgegen, wie das kleinere Geister als Ian Morris so sehr gerne tun, nein, es argumentiert wider den Zeitgeist, indem es ihm die ideologischen Scheuklappen mit Argumenten auszieht. Bei solchen Büchern - und sie sind leider selten genug - lese ich immer erst mal im 1-Sterne-Bereich herum, bevor ich selbst eine Rezension schreibe. Und, wie nicht anders zu erwarten, da ist er ja, der enragierte Zeitgeist, der dem Buch Menschenverachtung, Unipolarität, Antisemi, -femi, -pazi, -marxi und weitere Antibazis vorwirft, dass die Bits und Bytes ja nur so fliegen.
Es geht den Rezensenten dabei leider wie mir bei vielen Fernsehsendungen - vor lauter Wut lesen sie nicht mehr, was da steht, sondern nur noch, was sie, mit ihrer ideologischen Brille Friedensstürmend-Himmelsschwer bewaffnet, auf den Seiten dieses Buches zu sehen glauben.

Ich gebe zu, der Autor übrigens auch, das was da tatsächlich steht, ist schwer zu akzeptieren. Es ist zudem in der angelsächsischen Darstellungsweise präsentiert, d. h. es ist erzählend, als ein in ein durchaus spannendes, den Unterhaltungswert nicht verachtendes Narrativ gekleideter Informationsstrom verfasst. Ian Morris ist nicht der Erste, er wird auch nicht der Letzte amerikanische oder britische Historiker sein, der die Erfahrung machen darf, dass die Deutschen das als unwissenschaftlich ablehnen. Deutsche Wissenschaftler haben eher die Tendenz, den Beleg für den Beleg zu belegen, um nur ja zu belegen, dass sie alles belegen können. Das macht die Bücher hoch anspruchsvoll - und für den interessierten Laien schlicht unlesbar. Historiker aus dem angelsächsischen Raum haben oft die gegenteilige Tendenz - ich hau Dir meine Fakten um die Ohren, und wenn Du mir nicht glaubst, sag's laut, but at your own peril: Ich habe meine Belege in der Hinterhand, und wenn Du sagst, ich kann's nicht beweisen, und ich beweise es dann doch - geh' Dich einmachen. So kommt diese von Deutschen oft beanstandete anekdotenhafte, erzählerische Darstellung zu Stande, die dem Laien die angelsächsischen Geschichtswerke so viel lesbarer macht als die deutschen.

Man darf die angelsächsische Darstellung nun aber eben nicht mit Qualitätsmängeln gleichsetzen. Ian Morris Buch ist dafür ein schlagendes Beispiel (ich entschuldige mich besser gleich jetzt für das kriegstreiberische Adjektiv "schlagend"). Man wird dem Werk weder mit den Worten "kriegsverliebt", noch "einseitig", und schon gar nicht mit einer Verwendung des Begriffes "unipolar" gerecht, die zeigt, dass man das schöne Fremdwort leider nicht verstanden hat. Zwar bedeutet "unipolar" durchaus, dass die Welt EINEN Machtkern hat, im vorliegenden Fall den "Weltpolizisten" (erst die Briten, dann die USA). Ian Morris behauptet jedoch an keiner Stelle, dass die Welt des 20. und des jetzigen Jahrhunderts in diesem Sinne unipolar war/ist. Vielmehr geht es ihm darum, zu zeigen, dass für keine Zivilisation der Menschheitsgeschichte der Friede und ihre Zukunft jemals ganz und für alle Zeit gewonnen sind oder waren. Es gab - und gibt - da immer wen (und es wird wahrscheinlich auch immer wen geben, im Zweifel ein konkurrierendes Machtzentrum in einer eben nicht unipolaren Welt) - der wäre bereit, der Zivilisation des Tages (des Jahrhunderts, des Kontinents, der Welt etc. pp) sämtliche Schädel einzuhauen, wenn er denn könnte und dürfte.

Sehen wir dieses Prinzip mal als Mikrokosmos: 1 Dorf hat 100 Einwohner. 99 sind friedlich, ein bisschen dröge, und möchten gern ihr Ding machen. 1 ist ein Aas und möchte, warum auch immer, die anderen 99 gern unter die Erde bringen. In unseren modernen Zeiten nimmt man in solchen Momenten die Polizei, die Justiz, und das Strafrecht. In Abwesenheit all dieser zivilisatorischen Errungenschaften, z. B. in den "lawless grounds" der amerikanischen Pionierzeit, nehmen die anderen 99 einen Strick, und eine Axt, und versenken den 1 im Moor. Oder in der Prärie. Nun kann man nur hoffen, dass der 1 wirklich ein Aas WAR. Wenn die andern 99 ihn nämlich aus nicht so ehrenwerten Motiven ermordet haben, sind wir bei dem, was Ian Morris bereits in der Einleitung und dann, ausführlicher, im Ersten Kapitel als sein Verhältnis zur Staatlichkeit definiert. Er zitiert zunächst Reagans altes Bonmot (ich hasse es übrigens): Die 10 erschreckendsten Worte der englischen Sprache seien 'hy, ich komme vom Staat und will Ihnen helfen'. Morris (und ich auch) halten die Worte: ''Es gibt keinen Staat und ich bin gekommen, Sie umzubringen" für wesentlich erschreckender.
Wie Morris am Beispiel der Welt des Romans "Herr der Fliegen" beschreibt, neigt der Mensch dazu, sich das, was er haben oder durchsetzen will, notfalls mit Gewalt zu verschaffen, wobei dieses "notfalls" ein weit gespannter Begriff ist. Wer einmal z. B. in der Rolle des Schwarzen Schafes in einer Horde bis zur Blindheit selbstverliebter Weißer Schafe gewesen ist, der weiß, wie schön es ist, "notfalls" nicht die Kalashnikov aus der Tasche ziehen zu müssen, sondern das Handy, um damit die Polizei zu rufen. Die dann auch kommt, um nicht das schwarze, sondern die bösen weißen Schafe zu verhaften, auch wenn die Polizisten selber weiße Schafe sind. Gesetz ist Gesetz.

Ein schöner, altehrwürdiger Satz, Gesetz ist Gesetz. Schade, dass er über weite Strecken der Menschheitsgeschichte immer nur auf dem Papier stand. Er stand - und er wird wieder stehen, das eine der Kernaussagen von Morris Theorie, die übrigens an dieser Stelle auf ältere Philosophen zurückgeht, insbesondere auf den Briten Hobbes - immer dann auf dem Papier, wenn die Staatlichkeit abwesend war, und sich die (körperliche) Macht ungehemmt und ungezügelt durchsetzen konnte, und zwar mit (körperlicher) Gewalt. Hy, es gibt keinen Staat und ich bin gekommen Sie umzubringen! Es ist nämlich, und das legt Morris sehr schlüssig dar, der Krieg nicht der natürliche Zustand der Gewalt. Der Krieg ist nur eine sehr massierte, punktuelle Form der verschiedenen Erscheinungsformen der universell anwesenden Gewalt.

Was Morris Buch bei vielen Menschen heute so schmerzhaft gegen den Strich bürstet, dass sie schreien, sind einige liebgewonnene Trugschlüsse, von denen man sich nur schwer trennt. Dass die Abwesenheit von Krieg gleichzusetzen mit Frieden sei, um nur einen zu nennen. Und dass der Mensch ein von Natur aus vernünftiges Wesen ist. Oder dass wer die 'Freiheit' hat, alles hat. Hat er auch, aber nur, bis er Hunger kriegt oder eifersüchtig wird. Auf den reicheren Nachbarn z. B. Ohne jede abstrakte Schutzmacht, in diesem Fall Polizei und Justiz, ist anschließend nämlich einer von den beiden tot oder versklavt: Der Reiche oder der Arme. Sie bleiben jedenfalls nicht BEIDE satt und unbehelligt (und übrigens auch nicht friedlich oder frei). In einem funktionierenden Staatswesen, das beiden Grenzen setzt, und notfalls die Beachtung dieser Grenzen erzwingen kann, hätte diese Chance jedoch bestanden.

Solche Erkenntnisse schmerzen uns, weil wir heute demokratisch legitimierte Rechtssysteme HABEN, rechenschaftspflichtige Exekutiven, eingehegte, transparenzpflichtige Legislativen - ja, doch, es stimmt, wir regeln unsere Streitigkeiten friedlich (meistens), mit Verträgen (so man sich an sie hält) und mit den Mitteln des Rechtsstaats - und da liegt jetzt der Hund von Morris Buch begraben.

Es ist hier nämlich kein Buch über den Krieg geschrieben worden (das hat u. a. der von Morris reichlich zitierte Clausewitz getan), sondern über das, wodurch Kriege entstehen und was durch/nach ihnen kommt: Die Ordnung des davor/danach existierenden menschlichen Gemeinwesens, war sie vor oder nach dem Krieg besser? Besser im Sinne von mehr Chancen für mehr Menschen, friedlich zu leben und zu sterben (eben keines gewaltsamen Todes) und zu prosperieren (sich zu ernähren, zu wohnen, und nicht nur von der Hand in den Mund zu leben, sondern Zeit und Kraft für Kunst, Fortschritt, Denken zu haben). Für Letzteres muss man z. B. Handel treiben können; Subsistenzwirtschaft liefert für eine technologisch/kulturell hochentwickelte Gesellschaft nicht die nötigen Überschüsse. Gewinnbringender Handel ohne sichere Handelwege, zuverlässiges Vertragsrecht, neutrale Streitschlichter, ein Minimum an Schutz des Privateigentums und ausreichend Überschüsse für eine spezialisierte Arbeitsteiligkeit ist nicht möglich. Das alles schreit - na? Wonach wohl? Nicht gerade nach Anarchie und Catch as Catch can, oder?

Mit den Mitteln des Rechtsstaats kann ich friedlich sein und bleiben, wenn ich denn einen Rechtsstaat HABE. Da in mehrzehntausendjähriger Menschheitsgeschichte die Definition dessen was rechtens und/oder richtig ist, gewechselt hat wie zivilisierte Menschen ihre Unterhosen kann man sich nur an einer Konstante festhalten: Ich brauche zunächst mal einen Staat. In Morris/Hobbes Worten: Einen Leviathan.

Wenn nicht Bully der stärkste Dorfschläger potentiell der Potentat sein soll, dann brauche ich dafür jemanden, der bereit und in der Lage ist, dem Bully notfalls eins auf's Maul zu geben, und zwar möglichst ohne dabei selbst der nächste Bully zu werden. Ich brauche zudem den gleichen Jemand, damit der nicht nur die inneren Barbaren (Toynbee) sondern auch die äußeren abwehrt, und meine Sicherheit gewährleistet, im Idealfall auch gegenüber seiner eigenen Machtelite, falls die selbstsüchtig wird. Das ist, um mit Hobbes zu sprechen, die Geburtsstunde der Legitimität von Staatsgewalt, die Daseinsberechtigung, nein, die Daseinserfordernis von Leviathan.

Ein Blick in die Menschheitsgeschichte, den Morris übergreifend aber nicht oberflächlich unternimmt, zeigt, dass sich bisher noch kein handlungsfähiger Leviathan gebildet hat, ohne vorher seinen Anspruch mit einem Krieg durchgesetzt zu haben. Jedes Mal hätte die Menschheit/ihre betroffenen Teile die Möglichkeit gehabt, die gleiche Lösung friedlich zu erreichen. Sie hat es aber nicht GETAN! Hand auf's Herz: Wie häufig klappt's denn heute? Und wie häufig geht es schief? Die Schotten konnten abstimmen, in Jugoslawien seinerzeit hat man sich damit nicht aufgehalten, und manche stimmen ab, und es interessiert Niemanden....

Vor diesem Hintergrund ist Ian Morris Buch ebenso schmerzlich, wie es unwiderlegbar ist: Soweit nach einem Krieg - dessen Greuel und Furchtbarkeit Morris nie in Abrede stellt, auch wenn ihm das Viele unterstellen - ein größerer, leistungsfähigerer Leviathan entsteht, der mehr Menschen die o. g. positiven Lebenschancen eröffnet und die Quote derjenigen Menschen, die gewaltsam umkommen, reduziert, dann war dieser Krieg produktiv. Wenn es sich um Überfälle handelt, um Bürgerkriege die den Leviathan auf lange Sicht beseitigen oder nachhaltig schwächen, um langfristige Ruinierung von Handelsverbindungen - dann sind hinterher, und nicht nur währenddessen, mehr Menschen schlechter dran als vorher. Dann handelt es sich um einen unproduktiven Krieg. Morris beschreibt ausführlich, und belegt ausführlich, wie über Jahrhunderte hinweg produktive Kriege für das Entstehen leistungsfähiger Leviathane gesorgt haben, die ohne diese Kriege nicht hätten entstehen können.

Bemerkenswert vernachlässigt wird in vielen Rezensionen zu diesem Buch, dass Morris' These an dieser Stelle zweigleisig ist. Nicht nur hat der Krieg den Erschaffern des jeweiligen Leviathan in den Sattel geholfen. Die Erinnerung an das Grauen des Krieges macht die jeweilige Bevölkerung auch für längere Zeit friedensverliebt. Es dauert nach einem furchtbaren Krieg (dem Himmel sei Dank für kleine Gnaden!) ein bisschen bis die Leute wieder Lust haben, den Mist noch mal zu erleben. Diesen zweiten Teil von Morris These ("die Furcht vor dem Krieg") behandeln alle recht stiefmütterlich. Dabei ist er von wesentlicher Bedeutung.

Sie ist auch der Schlüssel zu Morris weiteren Thesen wenn er schließlich im 20. Jhd. und unserer heutigen Zeit ankommt. Nach dem 1 WK hatten sehr viele, nach dem 2. WK alle Europäer vom Krieg die Schnauze mehr voll als jemals eine Millionenansammlung von Menschen in der gesamten Geschichte unserer Spezies die Schnauze vom Krieg voll gehabt hat. Es wird jedem halbwegs geschichtlich Gebildeten bewusst sein, wie die Menschheit versucht hat, sich gegen noch einen verheerenden WK zu schützen: Mit mehr und stärkeren Waffen. Nach Stalingrad, nach Hiroshima, nach Dresden, nach Shanghai und Nanking - die Menschheit hat dem Krieg nicht abgeschworen, dafür hält sie ihn viel zu sehr für unvermeidlich (wer mir nicht glaubt, der möge sich die Berichterstattung, auf allen beteiligten Seiten, zur Ukrainekrise ansehen). Die Menschheit hat als ultima ratio gegen den nächsten alles verschlingenden Krieg jeweils ihren eigenen Leviathan gestärkt.

Noch nie waren die Menschen so schwer gewappnet und bewaffnet wie heute, wo sie alle beständig vom Frieden reden. Noch nie in ihrer Geschichte hatten Menschen genug Macht, um den ganzen Planeten zu vernichten, wie heute, wo sie beständig vom Schutz und Erhalt unserer schönen blauen Kugel reden. Die UNO, die EU, die NATO, die OSZE, die WTO, der Internationale Gerichtshof für Menschrechte, der Internationale Strafgerichtshof, und, und, und - noch nie war die Welt so bereit, über weltweite Organisationen nachzudenken, die Idee eines weltweit wirkungsmächtigen Gemeinwesens, EINER Menschheit auf EINEM Planeten wenighstens mal ernsthaft zu diskutieren, wie heute, wo ihr vor dem Vernichtungspotential, dass sie geschaffen hat, selbst derart graut, dass ihr die Knie schlottern.

Alle Friedensorganisationen dieser Welt sind semi-, quasi- oder richtig staatlich. Sie alle sind Leviathans Kinder und Geschwister. Und wer mir jetzt mit den NGOs kommt - ich respektiere sie aufrichtig, ich schätze sie sehr, ich bewundere sie uneingeschränkt: Und ich weiß, dass sie nur dahin gehen können (und heil wieder zurückkommen) wo, und wenn, und bis wohin ein handlungsfähiger Leviathan sie schützt. Wer sich mal die Statistiken toter, entführter, gefolterter oder eingesperrter Helfer anschaut, der weiß, wovon ich rede. Und wer mir jetzt mit der Spitzfindigkeit kommt, dass ja das Regime z. B. in Kambodscha zur Zeit der Roten Khmer ja auch ein Leviathan war - da war in Morris Buch was mit produktiv und unproduktiv, wir erinnern uns. Und mit dem Qualitätsmaßstab, dem Leviathan sich stellen muss, dem Lackmustest eines erfolgreichen Staates: Mehr Menschen mit Chancen, weniger Tote durch Gewalt, und zwar nicht nur für ein paar Wochen.

Die großen, multi- oder sogar supranationalen Leviathansprößlinge sind Teil der - nicht umsonst so genannten - Nachkriegsordnung. Als Hitler an die Macht kam, hatte sich der Völkerbund erledigt. Die Leute, die Hitler besiegten, haben die UNO geschaffen. Ich weiß, sie ist nicht perfekt, aber besser als der Völkerbund ist sie eben doch.... Charles de Gaulle hat Frankreich aus dem militärischen Teil der NATO herausgelöst. Weil er den Schutz der NATO nicht brauchte im Kalten Krieg, war ihm die Unabhängigkeit Frankreichs lieber. Jahrzehnte nach dem Kalten Krieg führte Sarkozy Frankreich zurück in die Komplettmitgliedschaft in der NATO. In einer Welt der Multimilliardenkriegsbudgets kriegte Frankreich alleine kalte Füße. Ohne diese Angst vor Krieg hätte auch Sarkozy die nationale Unabhängigkeit nicht eingeschränkt.

Im 18., im 19. Jhd. - man hat in Europa lange und viel über die Segnungen des Friedens geredet. So lange die Kriege überschaubar blieben, und das blieben sie bis zum 1. WK, und keines der Völker durch Krieg in seinem Bestand gefährdet war, war die "nationale Ehre" (19. Jhd) oder ein möglicher Vorteil im Konzert der Mächte (18. Jhd), oder die "Freiheit" (ab 1789 in Frankreich und anderen Ländern) oder die "Wiederherstellung der natürlichen, rechtmäßigen Ordnung" (auch ab 1798 in England und anderen Ländern einschl. Preußen und Österreich und Rußland) allemal wichtiger als ein paar 1000 Menschenleben und ein paar verwüstete Landstriche. Immer, überall, und für die weit überwiegende Mehrheit aller Menschen. Auch hier liegt Morris völlig richtig: Von ein paar Ausnahmen, die die Regel bestätigen, gilt: Ohne Weltkriege kein Gedanke an Weltfrieden.

Und damit komme ich dann doch noch zu einem Kritikpunkt an Morris Thesen: Erstens hält die Angst vor Krieg, egal wie grausam der letzte auch war, nicht ewig an (man sehe sich das heutige Kriegsgeschrei mancher Leute in Sachen Osteuropa an), und zweitens hat eine zunehmende wirtschaftliche und sonstige Vernetzung von Menschen und ihren Gemeinwesen noch nie auf Dauer den Krieg in Schach halten können. Seit es Menschen gibt, kämpfen Vernunft und Tier gegeneinander, und ich denke es stimmt, dass Leviathan den Käfig für das Tier abgibt, aber der Käfig ist nicht ausbruchsicher.

Frankreichs und Deutschlands Wirtschaftsinteressen waren Anfang des 20. Jhds untrennbar miteinander verflochten, die britischen und deutschen Eliten waren eng miteinander verbunden, verwandt, verschwägert, das britische Empire weder strukturell noch ökonomisch, noch militärisch, noch politisch auf einen Krieg vorbereitet, Russland in schwersten inneren Zerwürfnissen, innenpolitisch teilweise handlungsunfähig, Österreich militärisch nicht up-to-date, wirtschaftlich höchst sensibel gegen Störungen der transeuropäischen Handelsströme - und sie haben ihn DOCH geführt, den 1 WK. Sie KONNTEN es einfach nicht lassen.

Dass die Menschheit es ab jetzt wird lassen können, das muss Ian Morris leider für mich mitglauben.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwierige Fragen, 5. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Krieg: Wozu er gut ist (Gebundene Ausgabe)
Um es vorneweg zu sagen: Dies ist kein ganz unproblematisches Buch. Das liegt m.E. aber weniger an der These selbst als an dem Kniff des Autors, die moralische Frage nach dem Krieg zugunsten der utilitaristischen Bewertung auszuklammern, aber sie doch ziemlich eindeutig herauszufordern. Das ist allerdings insofern verständlich, als Morris andere Intentionen hat als etwa Michael Walzer mit seiner Abwäguing der Frage nach dem gerechten Krieg.

Wer Morris aber als Kriegstreiber darstellt, argumentiert, mit Verlaub, böswillig: Die Geschichte, die Morris erzählt, ist eine, in der Gewalt abnimmt, und das ist gut so. Wer jetzt die grausamen Kriege des 20. Jh. dagegenhält, hat das Paradoxon nicht ganz verstanden: Die Gewalt wird eben außeralltäglich und stattdessen "spektakulär", damit wird sie aber auch, in letzter Instanz, untragbar. - Wer nach potenziell kriegsverherrlichenden Geschichtswerken sucht, sollte Morris z. B. mit Martin van Creveld vergleichen, um sich des Unterschieds gewahr zu werden.

Unleugbar ist für mich Morris' Befund, dass die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, für uns heutige Menschen geringer ist denn je. Dass diese immer noch zahlreichen Tode schrecklich sind, bestreitet niemand.

Schließlich stellt uns Morris vor eine schwierige, ungemütliche Frage: Wie verhalten wir uns zu der Tatsache, dass der Wohlstand, den wir genießen, Folge blutiger auseinandersetzungen ist - nicht nur im Sinne technischer Innovationen infolge des Krieges, sondern im Sinne der durch Kriege erzwungenen Konsolidierung und Stabilisierung politischer Einheiten.

Gewiss, man kann vieles auch ganz anders sehen. Aber hierzu bedürfte es einer Auseinandersetzung im Detail, und nicht einer Ablehnung aus dem Bauch heraus. Morris lehnt sich manchmal vielleicht etwas zu weit hinaus, ohne ein Sicherheitsnetz aufzuspannen, aber seine Thesen sind mehr als nur ein Aufguß von Hobbes und Hegel, sondern ein absolut ernstzunehmender Versuch, den Krieg als historisches Phänomen gleichsam evolutionär zu begreifen.

Morris schreibt, bei einem so schwierigen Thema, so charmant und unaufdringlich wie nur möglich. Vielleicht nehmen ihm seine Kritiker auch das übel.

(Pardon, alte rezension, neu gepostet, da zwischenzeitlich versehentlich gelöscht.)
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5.0 von 5 Sternen Endlich!, 30. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Krieg: Wozu er gut ist (Kindle Edition)
Wer Ian Morris liest, versteht die Welt besser... Es beeindruckt sehr, wie ein ernsthafter Wissenschaftler es zustande bringt, zum Teil überaus komplexe Zusammenhänge so unterhaltsam darzustellen wie einen Kriminalfall...
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3.0 von 5 Sternen Krieg - tatsächlich die größte aller Errungenschaften?, 19. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Krieg: Wozu er gut ist (Gebundene Ausgabe)
Heraklit sieht im Krieg den "Vater aller Dinge". Clausewitz eine "Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln". Ian Morris identifiziert ihn als den eigentlichen, den wahren Friedensstifter auf Erden. Hobbes erblickt in seinem Leviathan jene Kraft, die dem "Kampf aller gegen alle" ein Ende setzt. Morris meint im Krieg jenes Phänomen zu erkennen, das den Leviathan erst in die Welt setzt...

Der Übergang vom nomadischen Leben zur Sesshaftigkeit bringt, durch die damit verbundene Landbindung ("Caging") völlig neue Bedrohungen mit sich. Wer die Früchte seines Feldes selbst ernten und nicht zusehen will, daß benachbarte Räuber sie ihm stehlen, muß wohl oder übel (wehrhafte) Wächter unterhalten. Je größer die bestellten Flächen, je wertvoller die potentielle Beute, desto zahlreicher die räuberischen Feinde.

Die "produktive Kraft" des Krieges liege nun darin, daß ihm eine Tendenz zur Schaffung größerer Einheiten innewohnt; Der zunächst "mobile Bandit", der raubend, sengend und mordend übers Land zieht, weicht nach und nach dem "stationären Banditen" (Mancur Olson), der daran interessiert ist, seine Opfer am Leben und ihnen mehr zu lassen, als sie zum schieren Überleben benötigen. Denn ihm liegt daran, sie dauerhaft auszuplündern.

Die Rivalität benachbarter stationärer Banditen führt zu "produktiven Kriegen", an deren Ende eben nicht die Auslöschung der unterlegenen Partei, sondern deren Integration ins Imperium des Siegers steht. Die Zahl der gewaltsam zu Tode kommenden Menschen sinkt, je größer die verbleibenden Einheiten werden. Sterben in der Steinzeit etwa 20 Prozent und im Mittelalter zehn Prozent der Menschen eines gewaltsamen Todes, so sind es im durch zwei Weltkriege geschlagenen 20. Jh. nur noch ein Prozent. Der Clou: "Produktive Kriege" führen am Ende nicht nur zu mehr Sicherheit, sondern auch zu mehr Wohlstand - und zwar langfristig auch für den Verlierer.

Der zentral regierte Weltstaat ist - nach Morris' Vorstellung - das anzustrebende, den ewigen Frieden garantierende Ideal. Daß das Beispiel der in seiner schlimmsten Krise befindlichen EU die Grenzen der Integration aufzeigt; Daß nach Etablierung des Weltstaates Kriege eben "Aufstände" genannt würden, nimmt der Autor nicht zur Kenntnis. Daß die "unsichtbare Hand des Marktes" (A. Smith) einer "unsichtbaren Faust des Leviathans" bedarf, um wirksam zu werden, ist eine blosse Behauptung, die jeder stichhaltigen Begründung ermangelt. In seiner "gewaltfreien", mechanistisch-technokratisch funktionierenden Welt, ist keinerlei Platz für die Freiheit. Sollte die Utopie seines weltumspannenden, von ebenso weisen wie bürokratischen Gewalttätern regierten Termitenstaates tatsächlich das Ende der Geschichte markieren?

Morris' provokante Thesen sind Schläge ins Gesicht desjenigen, der die Anwendung initiierter Gewalt ablehnt. Sie fordern allerdings zum Nachdenken und zur Überprüfung der eigenen Argumente heraus. Darin liegt wohl der größte Nutzen des vorliegenden Buches
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2.0 von 5 Sternen Die USA sind die Freiheitsbringer und wehe ..., 18. August 2014
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Rezension bezieht sich auf: Krieg: Wozu er gut ist (Gebundene Ausgabe)
Alle Kommentatoren haben wohl nicht bis zur Seite 475 "Was wir zu tun haben ..." gelesen, wenn man von dieser Stelle aus das Buch von vorne liest bekommt man, das glatte erschauern, (2014 an meinem PC, "1983, ich mit meiner Schreibmaschine").

Hier wird der Anspruch der USA auf die globale Befriedung der Welt, und da hätten doch Partner mitzutun - ansonsten ..., ausgedrückt.

Und nun sollte mal Herr Morris ein faktenreiches Buch schreiben über das imperiale Wirken der USA (sagen wir mal beginnend mit den ersten Sternen, mit der Metzelung der Indianer, der Metzelung zw. Süd- u. Nordstaaten),in Mexiko, Korea, Afganistan etc. etc, welches zur Befriedung der Welt beigetragen hat.

S.475 mal so " und bei alledem die ganze Zeit ihre Verbündeten bei der Stange halten .... Sie müssen es schaffen, führende Politiker von der selben Qualität amtieren zu lassen, wie sie im Kalten Krieg an der Spitze waren ....

Meint er da McNamara, Kennedy, Nixon ...

Sorry, das amerikanischer Darwinismus.
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1.0 von 5 Sternen WAR! Huh, good God. What is it good for? ABSOLUTELY NOTHING., 21. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Krieg: Wozu er gut ist (Gebundene Ausgabe)
Als deutsche Version eines erst im April nächsten Jahres zur Veröffentlichung geplanten Werkes War. What is it Good for? erschien im September 2013 im Campus-Verlag das Buch Krieg – Wozu er gut ist (das ‚öffnende Fragezeichen‘ der vorgesehenen englischen Originalausgabe hat der Campus-Verlag dabei offensichtlich gleich weggelassen…). Der von Ian Morris verfasste Titel bezieht sich auf Springsteens Antikriegssong, allerdings kommt er – wie die gesamte Idee der Friedensbewegung – im Band nicht gut weg. Morris versucht im Buch seine These zu beweisen, dass Kriege die Menschheit reicher und sicherer gemacht hätten.

Das Wichtigste gleich vorweg. Morris ist Anhänger eines unipolaren Weltsystems. Das ganze Buch durchzieht die Idee einer allmächtigen herrschenden Macht – Morris bezieht sich auf den Leviathan nach Hobbes –, die dafür Sorge trage, DIE Welt friedlicher und reicher zu machen. Die Androhung ultimativer Machtmittel sind für den Verfasser die Gründe der Weiterentwicklung der Menschheit. Nur Gewalt hindere an Mord, Zerstörung und Anarchie. Diese Menschheitsgeschichte wird in diesem Sinne im Buch aus Sicht des Archäologen und Historikers beschrieben. Beginnend mit dem römischen Imperium, über die europäischen Kriege 1415-1915, die Morris als die 500jährigen Kriege bezeichnet, über die Kriege des 20. Jahrhunderts bis hin zum Ende des Kalten Krieges zeichnet Morris das Bild einer Menschheit, die durch ‚produktive Kriege‘ vorwärts komme. Diese Bedingung ist bei ihm erfüllt, wenn eine ‚starke Macht‘ entstehe, die mittel- bis langfristig die Sicherheit erhöhe und gewaltsame Tötungen vermindere und eine Gesellschaft insgesamt reicher machen würde. Ziel sei es, meint Morris, einen globalen Weltpolizisten zu etablieren, der in der Lage sei eine ganze Welt zu beherrschen, politisch und wirtschaftlich. Drei solcher Beispiele nennt er: das Römische Reich – die Pax Romana –, die Pax Britannia und die modernen Vereinigten Staaten von Amerika. Abschließend kommt er zu dem Schluss, dass um 2050 die Pax Americana durch eine Pax Technologica abgelöst werde, die Gewalt als Konfliktmittel ‚überflüssig mache‘. Bei ihr handele es sich um – dem kompletten Verzicht auf Gewalt durch die Entwicklung von Brain-to-Brain-Interfaces (Gehirn-zu-Gehirn-Schnittstellen), die Gewalt als Konfliktmittel überflüssig machen würden. Mit einer auf das Ergebnis fixierten, (kriegs-)technikverliebten Sicht, bei Bedarf verbunden mit sozialdarwinistischen Thesen, zusammen mit einer ihm passend gemachten spieltheoretischen Auslegung begründet Morris die Notwendigkeit kriegerischer Aktivitäten. Verbunden mit einem zutiefst pessimistischen Menschenbild (welches freilich gut in seine These passt): „Menschen geben ihre Freiheit selten auf, auch nicht ihr Recht, einander zu töten oder zu berauben, es sei denn man zwingt sie dazu; und praktisch das Einzige, was stark genug ist, um das zu bewerkstelligen, war bislang der Krieg oder die unmittelbare Angst davor“ (S.16). Morris bleibt in seiner Erzählweise abstrakt, anekdotisch und banal. Er beschäftigt sich nicht mit der Soziologie des Krieges, den Ursachen von Kriegen oder gar Geschlechterverhältnissen, sondern erarbeitet nur die ‚positiven‘ Folgen im Hinblick auf sein Gesellschaftsbild. Krieg wird zum überzeitlichen und nicht verhinderbaren Phänomen, zum geforderten und gewünschten nächsten Schritt. Wo selbst das nicht reicht, müssen sozialdarwinistische Thesen von einer ‚natürlichen‘ biologischen Gewaltmäßigkeit des Menschen weiterhelfen.

Der Reihe nach: Als die römische Armee die germanischen ‚Barbaren‘ niederschlug, die der Organisiertheit und technischen Ausstattung der römischen Legionen nichts entgegenzusetzen hatten, folgte, so Morris, eine Phase des Friedens und des Wohlstandes für alle. Beiläufig werden zwar die 10 Millionen Toten bedauert und die wesentlich höhere Zahl an Sklav_innen (er spricht natürlich nur von Sklaven), aber mehr als Krokodilstränen fließen nicht, mit viel Begeisterung beschreibt der Autor das Gemetzel (S.42f). Der Krieg der Römer war, so Morris, grausam, aber gut, weil er das ‚richtige‘ Ergebnis gebracht habe. Kriege der ‚barbarischen‘ Stämme untereinander seien hingegen nicht gut gewesen, vielmehr dienen sie ihm als Beleg für die Notwendigkeit der römischen Kriege. Ohne Rom hätten die Gesellschaften mehr als nur eine „flüchtige[n] Ähnlichkeit mit dem heutigen Somalia, Haiti, Nigeria, dem Irak oder Afghanistan – nur dass diese gefährlicher waren“ (S81). Hier wird einerseits massiv ein aktueller kolonialistischer und rassistischer europäischer Blick deutlich, andererseits Morris‘ Erzählstrategie, die sich durch das ganze Buch zieht, um am Ende zu seinem gewünschten Ergebnis zu gelangen:

Die Opfer der Kriege, die Unterlegenen kommen nicht bzw. nur indirekt vor und schon gar nicht zu Wort. Geschichte wird von Siegern geschrieben.
Die unterlegenen Völker waren bei Morris immer kulturell, technologisch, finanziell unterlegen. Welche alternativen Ideen und Gesellschaftsstrukturen mittel- oder langfristig vielleicht zu alternativen Gesellschaftsmodellen hätten führen können (und auch geführt haben) wird nicht einmal angedacht
Die Geschichte ist als Sieger-Geschichte schlüssig. Diese Kohärenz wird von Morris nie in Frage gestellt, vielmehr nimmt er Geschichte als in Summe erfolgter positiver (in seinem Sinne) Entwicklungen wahr, wozu Krieg für ihn explizit gehört, sogar zentral ist.
Die Gründe der Kriege werden von Morris nie befragt. Sie spielt schlichtweg keine Rolle. Für ihn sind Kriege die Ergebnisse von geographischen Eigenheiten, und der Zunahme unwägbarer Variablen. Köpfe sind für ihn austauschbar.
Die Opfer der Kriege sind für den Autor irrelevant, in halben Nebensätzen nennt er Zahlen 10, 50, 100 Millionen um danach mit Akribie die technologischen Neuentwicklungen aufzuzeigen, die kriegsentscheidend waren und den Unterschied zwischen ‚produktivem‘ und ‚destruktivem‘ Krieg ausmachen. Eine Beschäftigung mit den Opfern (und daraus reultierender Sinnhaftigkeit) der Kriege kommt nicht vor, höchstens einmal in einer Floskel.
‚Gestiegener Reichtum und Sicherheit‘ werden von Morris als einfache und globale Variable betrachtet. Wie der europäische Kolonialismus zu schlechtesten Lebensbedingungen für die Mehrheit der Menschen weltweit geführt hat, taucht bei ihm nicht auf. Es zeigt sich bei ihm eine klar westlich zentrierte Sicht.

Nimmt man diese Prämissen des Autors zur Kenntnis und denkt sich den Rest hinzu, gelangt man notwendig und rasch zu einem anderen Bild als der Autor. Er versteigt sich aber tief in seiner Behauptung, dass Kriege die Welt ‚bereicherten „Und dennoch, im Laufe der Zeit – nach Jahrzehnten oder erst nach Jahrhunderten – steht in der so geschaffenen größeren Gesellschaft jeder, die Nachkommen der Sieger wie die der Besiegten, besser da. Das Langzeitmuster ist auch hier unverkennbar. Durch Schaffung größerer Gesellschaften, stärkerer Staaten und größerer Sicherheit hat der Krieg die Welt bereichert.“ (Hervorhebung im Original, S.17).

Wie bereits eingangs erwähnt, unterscheidet Morris in ‚produktive‘ und ‚unproduktive‘ Kriege: Den ‚produktiven‘ Krieg definiert er als: “evolutionär stabile Strategie […]. Sie belohnte Töten bis zu dem Punkt, an dem die Rivalen es aufgaben, Widerstand leisten zu wollen, darüber hinaus aber belohnte sie Menschen, die die Unterwerfungssignale ihrer geschlagenen Feinde akzeptierten, statt diese niederzumetzeln. Die kulturelle Evolution machte aus Killern Herrscher, die größere, sichere und wohlhabendere Gemeinschaften regierten.“ (S.384)

Nichtkriegerische Gesellschaftsformen kommen bei Morris nur vor, wenn er diese in Frage stellen möchte, das tut er ausführlich.

Historischer ‚Stillstand‘ oder ‚Rückschritt‘ – was er auch immer darunter fasst – ist laut Morris durch ‚destruktive‘ bzw. ‚unproduktive‘ Kriege erreicht. Diese führten dazu, das – so Morris – Eurasien um das Jahr 1400 einen weltpolitischen ‚Vorsprung‘ aus 10.000 Jahren Geschichte verloren habe, da es sich im Gegensatz zu anderen Weltregionen mit ‚unproduktiven‘ Kriegen beschäftigt habe. Doch dann habe der ‚500jährige europäische Krieg‘ begonnen, der Europa in eine weltweite Vormachtstellung bringen sollte. „Europäische Krieger hatten die Meere bereits durchquert, die Wikinger waren nach Amerika gefahren, die Kreuzritter ins Heilige Land, aber sie hatten ihren Herren entkommen zu versucht […,] dagegen dehnte der portugiesische König Johann I. Lissabons Herrschaft nach Afrika aus. Es war ein kleiner Anfang, aber während der nächsten 500 Jahre sollten die Europäer den Teufelskreis von produktiven und unproduktiven Kriegen sprengen, indem sie sich drei Viertel des Planeten unterwarfen. Die Europäer waren damit auf dem besten Wege, besagtes beglücktes Häuflein zu werden[…].“ (S.203). Mit tiefem Bedauern beschreibt Morris andauernde innereuropäische Kriege, um dann mit Begeisterung den Wechsel in ‚produktive‘ Kriege durch Erfindung des Schießpulvers, des Drills und der Standardisierung ausführlich zu würdigen. Morris kommt zu dem Schluss: „Der Fünfhundertjährige Krieg war – in dem Sinne, in dem ich die Begriffe verwende – der produktivste Krieg, den die Welt bis dahin erlebt hatte, und schuf die größte, sicherste und wohlhabendste Gesellschaft (oder Weltordnung). Im Jahre 1415 war der Globus fragmentiert, und jeder Kontinent oder Subkontinent wurde von einer Gruppe von Regionalmächten fragmentiert oder war zwischen ihnen umkämpft. Dieses alte Mosaik war 1914 verschwunden, ersetzt durch nur noch drei, vier Akteure von wirklich globaler Reichweite […,] die eng in ein von Großbritannien dominiertes System eingebunden waren. Europa hatte die Welt (beinahe) erobert“ (S.277).

Tritt man jetzt einen Schritt zurück – so wie es Morris gerne tut um sein Langzeitmuster zu belegen –, offenbart sich folgendes: Vorhandene regionale Wirtschafts- und Lebensstrukturen waren zerstört, die europäischen Kriege hatten verbrannte Erde hinterlassen (was auch der Autor einräumt). Eine globale Wirtschaft hatte sich entwickelt, die Macht des globalen Nordens aus der Ausplünderung und Verelendung des globalen Südens erzielte. Das ficht Morris nicht an. Ohne wieder einen Schritt näher heranzugehen und damit Risse in seiner Theorie wahrzunehmen, kommt Morris folgerichtig zu seiner Feststellung: „dass der Fünfhundertjährige Krieg die Welt zunehmend reicher und sicherer machte denn je.“ (S.285). Leider, so der Autor, war auch der zunehmende Bedeutungsverlust Großbritanniens als Weltpolizist die Folge.

Nahtlos geht er in seinem Geschichtsdiskurs weiter, um festzustellen, dass die ‚schlechte geographische Lage Deutschlands‘ zwischen Russland und Großbritannien und den USA und die Gefahr einer Zerquetschung zwischen den Polaritäten weitgehend die „tragische Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ (S. 295 zum Ersten Weltkrieg; ähnlich zum Zweiten Weltkrieg S. 319) erklärt. Es zeigt sich ein Reinwaschen Deutschlands von Kriegsschuld erster Güte. Entsprechend war der Erste Weltkrieg „kein Hineinschlittern, da gab es keine Planeten, die es aus ihrer Bahn riss, nur eine Welt, in der der Weltpolizist die Kontrolle verloren hatte.“ (S.297).

Anekdotisch wird nun der Krieg als technologische Weiterentwicklung beschrieben (Gaskrieg, Technisierung) und es wird auch nicht mit Lob für die deutschen Kriegstreiber gespart. So feiert Morris Paul von Lettow-Vorbeck, einen Kolonialkrieger, als bemerkenswerten deutschen Oberst (S.299) und beschreibt Ernst Jüngers Band In Stahlgewittern Memoiren, als „meiner Ansicht nach die besten, die je geschrieben wurden“ (S.300). Das setzt sich für den Zweiten Weltkrieg fort. Ausführlich geht der Autor auf Taktiken, wie den Blitzkrieg, ein, der Massenmord an Jüdinnen und Juden wird hingegen nur in einer knappen Randbemerkung erwähnt. Mit einem Ausflug in die Science history behauptet der Autor, dass bei einem Sieg Hitlers, der ‚Zivilisationsprozess‘ ‚verlangsamt‘, aber nicht ‚aufgehalten‘ worden wäre. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Krieg auf „unvergleichlich paradoxe Weise [sich] als einer der produktivsten, die je ausgefochten wurden [erwies].“ (S.328) Der Grund: Ein neuer ‚Weltpolizist‘ sei mit dem USA geboren worden. Allerdings sei der Zweite Weltkrieg nicht ‚produktiv‘ genug gewesen, das Hervorbringen von zwei Hemisphärenpolizisten zu vermeiden. Dies sollte erst durch das Ende des Kalten Krieges geschehen. Bereits vorher verwehrte Morris in scharfer antikommunistischer Abgrenzung der Sowjetunion (oder auch nur marxistischen Ideen und Kämpfen) eine zivilisatorische Rolle und wird das Land als ‚Bedrohung‘ beschrieben. Entsprechend referiert er ausführlich amerikanische Pläne, die durch den Krieg geschwächte Sowjetunion anzugreifen und dabei auch auf deutsche Soldaten zurückzugreifen (S.332).

Können die Thesen des Autors bis dahin als verwirrte und hinterfragbare Thesen und auf Mustersuche basierende Interpretationen der Vergangenheit gesehen werden, so ist das Fest- und Fortschreiben seiner Ansichten als naturgesetzlichen Weg mit dem Ziel einer ‚zivilisatorischen‘ Entwicklung gefährlich. Um nicht die Frage stellen zu müssen, warum es keine alternativen Entwicklungsmöglichkeiten als Kriege (und Massenmord) gebe, wird Morris im vorletzten Kapitel biologistisch. Seitenlang widmet er sich verschiedenen Schimpansenarten, um zu beweisen, dass vor allem junge Männer, biologisch bedingt zu höherer Gewalt neigen würden und dass evolutionäre Prozesse, die zu Zähnen etc. geführt hätten, die Gewalt mitgebracht hätten. Für all dies vermutet er genetische Präpositionen – als ‚dunkle Kehrseite‘ der Evolution (S.357). Unterlegt wird dies mit einer einseitigen Darstellung spieltheoretischer Ideen (dessen Dekonstruktion hier den Rahmen sprengen würde) um nachzuweisen, dass ein gewisses Maß an Gewalt notwendig sei, um das Maximum aus einer Gesellschaft herauszubekommen. Damit nicht genug. Auf der Suche nach einer Ablösung für seinen ‚Weltpolizisten‘ USA, eine Rolle, die Morris noch bis 2050 bei den Vereinigten Staaten sieht, wagt er einen Blick in das höchst spekulative Geschäft der Zukunftsforscher. Seine unhinterfragbare Lösung: In den nächsten 40 Jahren wird das technologische Wachstum weiterhin so exponentiell sein, wie in den letzten 20 Jahren. Über schnelle Rechner und Brain-to-Brain-Schnittstellen werde (gelegentlich spricht er auch von Telepathie) Gewalt unnötig. Bis dahin sollen neue taktische Waffen, insbesondere Drohnen, die er ausdrücklich befürwortet, das Todesrisiko für ‚große Teile der Bevölkerung‘ senken.

Selbst wenn man diese genannten Einwände beiseitelässt, bleibt die Frage Cui bono? Wem nützt es? Betrachtet man die Menschheitsgeschichte aus Sicht des Autors kann es nur ein Ergebnis im Sinne eines möglichst hohen ‚zivilisatorischen Fortschritts‘ geben, den Weltpolizisten, die alles beherrschende Supermacht, die mit ihrer militärischen und wirtschaftlichen Macht so viel Gewalt ausübe, so dass sie damit Gewalt anderer verhindere. Das Mittel dazu ist ‚produktiver Krieg‘.

Laut Morris ist Krieg alternativlos und das kleinere Übel. Krieg sei der einzige Weg, Frieden zu schaffen. (S.19) Die Menschen wären – so seine Zusammenfassung – heute auf dem technischen Stand der Steinzeit, wenn es keine ‚produktiven‘ Kriege gegeben hätte. „Diese Statistiken dürften kaum all die Millionen trösten, die erschossen, erstochen, erschlagen, gehängt, verbrannt, ausgehungert oder sonst wie zu Tode gebracht wurden; wir anderen verdanken unsere Annehmlichkeiten ihrem Verlust.“ (S.17) Das verschlägt mir schlicht die Sprache.

Mit dieser imperialistischen, menschenverachtenden Sichtweise sowie der Eindimensionalität des Herangehens disqualifiziert sich das Buch selbst, als Sachbuch ohnehin. Insbesondere mit den Kapiteln zum 20. Jahrhundert und seinen abschließenden Bemerkungen zu einer Zukunftsperspektive demaskiert sich Morris als Ideologe einer unipolaren Welt, die durch Gewaltandrohung ein Höchstmaß an Sicherheit (für wen?) schafft. Andere Sichten oder gar über konkrete Menschen zu sprechen, die ermordet wurden und werden, wird unter diesem Dogma zweitrangig und Krieg alternativlos.

Es bleibt dem Schlusszitat des Autors „War! Huh, good God. What hat it been good for? In the long run, making us safer and richer[…]“ entgegenzuhalten:

WAR! Huh, good God. What is it good for? ABSOLUTELY NOTHING.
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4.0 von 5 Sternen Krieg: Wozu er gut ist, 23. Februar 2014
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Friede und Wohlstand durch gewaltsame Unterwerfung. Die Beweisführung erweitert den geistigen Horizont. Ich habe das Buch mehrmals verschenkt.
Joachim Rosenberger
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Krieg: Wozu er gut ist
Krieg: Wozu er gut ist von Ian Morris
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