Kundenrezensionen


4 Rezensionen
5 Sterne:
 (3)
4 Sterne:
 (1)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schicksal oder Lust am Untergang?, 19. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Detour - Umleitung (OmU) (DVD)
-leichte Spoiler-
Während der Begriff "B-Picture" bei vielen eher Assoziationen wie "Billigfilm", im Sinne von "künstlerisch nicht anspruchsvoll" hervorruft, haben wir es bei Ulmers "Detour" mit einem eher untypischen B-Film zu tun. Trotz sichtbar geringem Budget und kurzer Drehzeit gelang es Ulmer einen Film zu schaffen, der zu den schwärzesten Filmen der Schwarze Serie gehört, deepest noir sozusagen. PRC, eines der kleinen Studios wie Monograph oder Republic, hatte allerdings nicht nur auf die Kosten geachtet, sondern Ulmer etwas mehr Spielraum gelassen als bei vergleichbaren Projekten. Mehrere Musikeinlagen und die Weigerung des Produzenten, die Filmrechte mit Gewinn weiterzuverkaufen, unterstreichen dies.
Der Vorspann zeigt die Straße, aber nicht der Blick nach vorne, sondern der Blick aus dem Heck wird gezeigt, vergangen, verloren.... Wenn der Pianist Al Roberts (Tom Neal), der sich eher schlecht als recht in New Yorker Nachtclubs durchschlägt, an seine Beziehung zu Sue (Claudia Drake) denkt, die er in Los Angeles besuchen und heiraten will, und sich mit einem Lastwagenfahrer streitet, ist schon klar, dass dieser Mann schon gescheitert ist. Per Autostop reist er nach Kalifornien und trifft auf Charles Haskell (Edmund MacDonald). Als dieser plötzlich stirbt und Roberts aus Panik, ihm könne ein Mord in die Schuhe geschoben werden, die Identität des Toten annimmt, verstrickt er sich immer mehr. Vera (Ann Savage) kannte Haskell und versucht nun Roberts zu erpressen. Wie zwei Raubkatzen, die sich zwar auf ungewöhnliche Weise zueinander hingezogen fühlen, aber einander nicht trauen können, zerfleischen sie sich gegenseitig bis zum bitteren Ende.

Der Begriff Femme fatale müsste für Vera neu definiert werden. Selten zuvor war eine weibliche Filmfigur so abgebrüht, so "fatal" in jeder Hinsicht. Dass Roberts dem wenig entgegenzusetzen hat, lässt die Beziehung fast in einem sadomasochistischen Licht erscheinen. Dass diese junge Frau eine Tramperin ist, lässt erahnen, dass sie schon viel erlebt hat, aber auch ihrerseits nicht zimperlich ist. Nicht umsonst bedeutet "Tramp" nicht nur Landstreicher, sondern auf Frauen angewandt auch Herumtreiberin, auch in moralischer Hinsicht. In ihrer ersten Szene wirkt Vera nicht glamourös, eher etwas heruntergekommen, ihre Stimme presst sie aus ihrem Körper, so dass schon eine latente Gewalttätigkeit in der Luft liegt. Martin Goldsmith adaptierte dafür seinen eigenen Roman. Aufgrund der Kürze des Films wurde der zweite Handlungsstrang um Sue in Kalifornien fast gänzlich gekappt. Und auch Schilderungen sexueller Handlungen wurden getilgt, aber Andeutungen der fatalen Beziehung zwischen Roberts und Vera bleiben. "I love you. My favorite sport is being kept prisoner." wird er ihr einmal bitter entgegnen.
Keine der handelnden Personen scheint ein Zuhause zu haben. Der Film zeigt nur die Ausstattung zweier Schnellrestaurants, zweier Motels und eines Büros. Der Nachtclub wird lediglich durch wenige Tische und ein Klavier angedeutet. Sonst sind sie "on the road" oder im Nebel. Die Figur Roberts ist fast eine bittere Karikatur Ulmers selbst. Im Gegensatz zu seinen Regiekollegen Siodmak, Wilder (die etwa zur gleichen Zeit mit größerem Budget die Film noirs "Frau ohne Gewissen" bzw. "Die Killer" drehten) oder Zinnemann, mit denen er "Menschen am Sonntag" (1929/30) gedreht hatte, hatte Ulmer im amerikanischen Exil nie den Sprung in die A-Liga geschafft.
Während Roberts für seinen Unterhalt in Bars klimpert, spielt er nach Dienstschluss lieber Chopin oder Brahms. Er ist ein Könner, der sich weit unter Wert verkauft, um zu überleben. Während er sich fast damit abgefunden hat und das kleine Glück mit Sue sucht, möchte diese, da es mir Roberts` Karriere nicht klappt, selbst groß herauskommen. Vermutlich wird sie ebenso scheitern. Bei beiden Telefonaten mit Roberts sieht der Zuschauer nur ihren Oberkörper, aber nicht, wo sie sich aufhält. Das spart nicht nur Kulisse, sondern lässt Raum für Phantasie, ob sie ein nettes Zimmer hat oder in einer billigen Absteige gelandet ist.
Ein etwas bitterer Hinweis auf europäische Kultur ist die Warnung Roberts`, der Ann wegen ihres angegriffenen Gesundheitszustands mit "Camille", der Kameliendame, vergleicht, wobei er den elenden Tod einer gefallenen Frau und nicht die Glamourversion einer Filmgarbo meint.
Es wird nie ganz geklärt, wie Haskell zu Tode kommt, sein Tablettenkonsum war ja schon bedenklich. Die Vertuschung des Todes mag ja noch pragmatisch sein, da die Indizien gegen Roberts sprechen könnten. Aber in die Identität eines Fremden zu schlüpfen und sich dessen Besitz anzueignen, zeigt doch, dass Roberts nicht anders handelt als ein Raubmörder. Diese irrationale Entscheidung ist nicht allein "Schicksal", hier entscheidet sich jemand (bewusst oder unbewusst) für ein Leben ohne Glücksversprechen. Dass ihm zudem Vera noch in die Quere kommt, ist fast schon eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Das Motiv, in eine andere Identität zu schlüpfen und erschreckt festzustellen, dass der andere auch eine dunkle Seite hat, ist fast schon archetypisch. Selbst ohne diese Erkenntnis wäre eine gemeinsame Zukunft mit Sue in weite Ferne gerückt.

Zur Ausstattung: Länge des Films: 65 min. Das Bild zeigt immer noch Beschädigungen der Vorlage (z.T. vertikale Streifen, Dropouts), ist aber im Vergleich zur Ausgabe von Elstree Hill doch um einiges kontrastreicher. Auch die unschönen Hell-Dunkel-Schwankungen fehlen hier. Das Ruckeln des Bildes (ca. 10 sec.) etwa in der 44. min. ist aber auch hier vorhanden. Es gibt optionale deutsche Untertitel, die auf der Hülle angekündigten ENGLISCHE UNTERTITEL FEHLEN allerdings. Das FSK-Logo ist nur aufgeklebt, als Extra gibt es eine Bildergalerie.
Der Aufsatz von Thomas Willmann versucht, die Legenden, die sich um den Film gebildet haben, zu durchdringen. Sehr aufschlussreich empfand ich seine Ausführungen zum Einsatz und zur Refinanzierung von B-Pictures. Dazu ist es für den Fan sicherlich aufschlussreich, auch die lesenswerte Ulmer-Biographie von Stefan Grissemann (Mann im Schatten: Der Filmemacher Edgar G. Ulmer) und das Bogdanovich-Interview mit Ulmer zu lesen, nachzulesen in: Wer hat denn den gedreht?. Letzteres ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, da sich dort Ulmer sicherlich auch schon um seinen Nachruhm Gedanken macht und manches zurechtbiegt.

Fazit: "Fate, or some mysterious force, can put the finger on you or me for no good reason at all." – einer der düstersten Film noirs.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf dem Weg nach Los Angeles..., 14. März 2014
Von 
Ray "rayw260" (Rheinfelden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Detour - Umleitung (OmU) (DVD)
Der Pianoplayer Al (Tom Neal) ist ein labiler Typ und fühlt sich vom Leben schlecht behandelt. Er arbeitet für ein paar Kröten in einem New Yorker Nachtclub, erst als Sue (Claudia Drake) als Sängerin dort einsteigt, könnte es mental aufwärts gehen. Heiratspläne werden gemacht, die Sue aber kurz vor der Realisierung verschiebt. Die Frau will erstmal Karriere in Hollywood machen. Sie trennen sich, doch Sue stellt in Aussicht, dass sie sich bald wieder unter günstigeren Voraussetzungen erneut ihrer gemeinsamen Zukunft widmen könnten. Wochen vergehen. Dann beschließt Al, der es ohne Sue nicht mehr aushält als Tramper von New York nach Los Angeles zu reisen. Doch er kommt nur langsam voran auf der Marathonstrecke vom Osten nach Westen der USA. In Arizona kann er mit dem Buchmacher Charles Haskell jr. (Edeard MacDonald) weiterfahren, der ihm ein warmes Essen spendiert und der ihm anbietet bis Los Angeles mit ihm fahren zu können. Auf der Fahrt erzählt er Al einiges aus seiner Lebensgeschichte. Al meint sich dem Ziel immer näher, stattdessen hat das Schicksal ihm eine sehr gefährliche Umleitung offeriert, die später durch die durchtriebene Vera (Ann Savage) zur ultimativen Sackgasse wird...
"Umleitung" von Edgar G. Ulmer ist ein B-Picture Noir und gilt wegen seiner nüchternen Optik als ein Rohdiamant des Genres. Der Film selbst kostete nur 117.226 Dollar und wurde in 14 Tagen heruntergedreht. Also mit wenig Geld und wenig Zeit entstanden, aber das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen. 1945 kam der Film in die Kinos und bekam sehr gute Kritiken, verschwand dann aber von der Bildfläche und geriet in Vergessenheit. Erst Mitte der 50er Jahre von Cathiers de Cinema wiederentdeckt...als verschollenes Meisterwerk der schwarzen Serie. Ulmer selbst gab an, dass er die künstlerische Freiheit der B-Pictures schon imer der kreativen Kontrolle der großen Studios vorgezogen hätte. "Detour" - so der Orignaltitel lebt von seiner rauen Atmosphäre und vom staubigen Road Movie Charakter. Mit 67 Minuten ist der Film knackig kurz und beschränkt sich aufs Wesentliche. Es erzählt von der Geschichte des labilen Al, der sich aufgrund der dominanten Frau unterordnet und sich von ihrer zerstörerischen Dynamik leiten lässt. Er unternimmt sehr wenig Eigeninitative sein Schicksal zu korrigieren, sondern schlittert wie ein Lemming zum Abgrund. Ein echtes Highlight der Serie. Ann Savage ist klasse in der Rolle der abgebrühten, jungen Vera.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Missmutiger Musiker trifft Femme fatale, 19. August 2013
Von 
Estragon - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Detour - Umleitung (OmU) (DVD)
Über den Film hatte ich bereits anlässlich der englischen DVD-Veröffentlichung bei Elstree geschrieben (Detour). Die mittelprächtige Bildqualität der Elstree-DVD wird von dieser Veröffentlichung bei Koch Media nicht überboten. Ohne einen Detailvergleich angestellt zu haben, meine ich, dass kein größerer Unterschied besteht. Sowohl die als Ausgangsmaterial verwendete Filmkopie als auch die Digitalisierung weisen Mängel auf, die einem zwar nicht den Filmgenuss vermiesen, aber zum Teil sicherlich vermeidbar sind.

Für deutsche Zuschauer ohne tiefere Englischkenntnisse sind die deutschen (und womöglich auch die englischen) Untertitel natürlich ein erheblicher Zugewinn. Sehr schön ist das Booklet des Media-Books. Kompetent informiert Thomas Willmann über den Film, über Regisseur und Hauptdarsteller sowie über die Produktionsbedingungen. Man erhält den Eindruck, der Autor hat nicht einfach nur die üblichen Internetquellen abgegrast, sondern ist mit der Materie wirklich gut vertraut.

Zurecht ist Willmann skeptisch gegenüber den Mythen, die den Film und den Regisseur umgeben. Vor allem betrachtet er Regisseur Ulmers spätere Selbststilisierungen mit Misstrauen und hält sich stattdessen an das, was sich zweifelsfrei belegen lässt. Nichtsdestoweniger kommt auch Willmann nicht umhin, auf die bemerkenswerte Parallele zwischen »Detour« als einer filmischen Erzählung vom größtmöglichen Scheitern und den deprimierenden Berufsbiographien von Ulmer sowie der Darsteller Tom Neal und Ann Savage hinzuweisen. Allerdings: Während Tom Neals Leben in der Tat einen desaströsen Verlauf nahm, hatte Ann Savages Berufsleben noch einen versöhnlichen Abschluss: Der Kanadier Guy Maddin holte Savage kurz vor ihrem Tod im Jahre 2008 für seine grandiose ›Doku-Fantasia‹ »My Winnipeg« (My Winnipeg (OmU)) wieder vor die Kamera, wo sie ihrer Figur noch einmal jene Härte verlieh, die schon ihren Auftritt in »Detour« unvergesslich gemacht hatte.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „That’s Life. Whichever Way You Turn, Fate Sticks out a Foot to Trip You.”, 6. September 2013
Von 
Tristram Shandy - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Detour - Umleitung (OmU) (DVD)
[Vorsicht, leichte Spoiler!]

Die Hinterlist eines bitterbösen Schicksals, das den Menschen mittels alltäglichster Zufälle zu Fall bringt, ist ein beliebter Topos im Film noir. Ob nun ein einfacher kleiner Angestellter auf seinem Nachhauseweg einer Frau in Not beispringt, ein Versicherungsmakler an eine besonders durchtriebene Klientin gerät oder, wie in Edward G. Ulmers Genreklassiker „Detour“ (1945) ein Barpianist einfach das Unglück hat, ins falsche Auto zu steigen und später die falsche Anhalterin mitzunehmen – immer spürt man, daß es auch hätte anders kommen können, daß Chris Cross, Walter Neff und Al Roberts einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Doch halt … Bei Al Roberts ist man sich als Zuschauer da gar nicht einmal so sicher, denn Tom Neal verleiht der Figur einen Ausdruck chronischer Schicksalsergebenheit und wohlgefälligen Leidens. Roger Ebert bezeichnet Roberts als „a man who can only pout“ und Vera (Ann Savage) als „a woman who can only sneer“, und hiermit trifft er sehr gut das Verhältnis zwischen dem weinerlichen Roberts und der schnippischen Xanthippe Vera, die ein unseliger Zufall seinen Lebensweg kreuzen läßt. Sogar für die Verhältnisse des Films noirs ist der Anti-Held nämlich besonders willfährig-masochistisch und die Femme fatale besonders dominant; auch hat die von Ann Savage – immerhin war die Dame im Laufe ihrer Karriere auch als Photomodell tätig – gespielte Figur nur wenig von dem lasziv-verführerischen Sex Appeal des typischen Noir-Vamps, sondern sie wirkt einfach nur menschlich abstoßend. Es sind das Zusammenspiel dieser beiden Charaktere sowie die sicher auch den beschränkten Produktionsbedingungen geschuldete Kargheit des Schauplatzes – wir sehen meist nur die Straße oder recht einfach eingerichtete Motelräume sowie einen sehr beengten Nachtclub –, die die eigentümliche, klaustrophobische Trostlosigkeit von „Detour“ ausmachen und diesen Film in den Rang eines Klassikers erheben, der es sogar in das U.S. National Film Registry schaffte.

Dabei wirkt die Geschichte wie mühsam an den Haaren herbeigezogen: Der talentierte Pianist Al, der gleichwohl in einer billigen Bar spielt, entscheidet sich, angespornt durch ein üppiges Trinkgeld eines betrunkenen Gastes, zu seiner Verlobten Sue (Claudia Drake) zu reisen, die ihr Glück in Hollywood als Sängerin machen wollte und Al deswegen in New York zurückgelassen hat. Da er allerdings finanziell klamm ist, entschließt er sich, das Land per Anhalter zu durchkreuzen. Unerwartet stirbt jedoch der reiche Geschäftsmann Haskell (Edmund MacDonald), der ihn unterwegs aufliest, wahrscheinlich an einem Herzinfarkt. Von Panik ergriffen, man möge ihm, dem arbeitslosen und einigermaßen heruntergekommenen Künstler, nicht glauben, daß er Haskell nicht auf dem Gewissen hat, beschließt Al, dessen Leiche in der Wüste zu verstecken und die Identität des Toten anzunehmen. Alles in allem ein hanebüchener Gedankengang, dessen Ausführung ja bereits den Keim des Scheiterns in sich trägt. Unterwegs trifft Al auf die Tramperin Vera, die er mitnimmt, was jedoch ein schrecklicher Fehler ist: Denn es stellt sich heraus, daß sie vorher ein Stück Weges mit Haskell gefahren ist und den Wagen sowie den Anzug des Toten wiedererkennt. Von nun an spielt die Erpresserin ihr böses Spiel mit Al, indem sie ihn, wo immer sie kann, aufs empfindlichste demütigt und unter Druck setzt – was unser Anti-Held indes unterschwellig zu genießen scheint.

In seiner Rezension zu „Detour“ bezieht sich Roger Ebert auf seinen Kollegen Andrew Britton, der eine recht überzeugende Erklärung für die anscheinend doch recht unstimmige Handlung hat. Britton weist darauf hin, daß Al die Geschichte in der für den Noir so typischen Rückblende per Voice-Over erzählt, indem er direkt zum Zuschauer spricht. Laut Britton nun sollten wir uns davor hüten, Als Worte für bare Münze zu nehmen und ihn vielmehr als einen unverläßlichen Erzähler sehen, der Haskell aus Geldgier ermordet hat und sich dem Zuschauer als das unschuldige Opfer widriger Umstände verkaufen will. Dieser ganz gewöhnliche Schurke trifft nun auf eine Erpresserin und handelt schließlich dementsprechend. Bedenkt man, daß sich diese Frau mit dem Namen Vera vorstellt, von dem sie recht offen sagt, daß er nicht ihr eigentlicher Name ist, und daß ferner Vera vom lateinischen Wort für „Wahrheit“, veritas, kommt, dann bekommt die These vom unverläßlichen Erzähler eine tiefere Dimension.

Doch in der uns von Al aufgetischten Version versucht schließlich auch Vera, ihrem Opfer ein eindeutiges Angebot zu machen, das Al allerdings ablehnt, was sie denn auch mit einem kurzlebigen verletzten Gesichtsausdruck – übrigens ihrer einzigen menschlichen Regung überhaupt – quittiert. Ebenso unlogisch wie die von Al angegebene Handlungsweise bei Haskells Tod ist dann wohl auch sein Verzicht darauf, die Gunst der Stunde – welchen Mann hätte jemals eine verschlossene Zimmertür aufgehalten? – zu nutzen und das Weite zu suchen, als Vera schläft. Folgt man allerdings Brittons These, dann bekommt auch dieses eigenartige Verhalten Als seinen ganz und gar nachvollziehbaren Sinn, denn ein wirklich Schuldiger würde wohl kaum die einzige Belastungszeugin einfach so in einem Hotelzimmer zurücklassen.

Ob „Detour“ nun die Geschichte eines durchtriebenen Verbrechers, der sich mit weinerlichen Bekenntnissen aus der Affäre zu ziehen versucht, erzählt oder aber das Schicksal einer von üblen Zufällen gebeutelten Kreatur, ist letztlich nicht eindeutig festzustellen. Beklemmend ist auf jeden Fall die Vision des gehetzten Einzelgängers, der weder nach New York zurückkehren noch sich in Los Angeles blicken lassen kann und der nun ohne Identität im Niemandsland der Überlandstraßen hin- und herirrt, ein aus Zeit und Raum Gefallener. Das Ende des Filmes schwächt dann diesen bleibenden Eindruck ein wenig ab, doch ist es weniger Ulmer geschuldet als vielmehr dem Hays Code, der es unmöglich machte, einen Mörder ungeschoren – aber was würde dieses Wort in der hoffnungslosen Welt von „Detour“ schon bedeuten? – davonkommen zu lassen.

Koch Media bietet den Film in einer ordentlichen Version, die an manchen Stellen etwas verwackelt ist, allerdings nur in der englischen Originalversion. Untertitel sind nur in deutscher Sprache verfügbar. Sehr empfehlenswert ist das kenntnisreich und kritisch geschriebene Booklet von Thomas Willmann.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Detour - Umleitung (OmU)
Detour - Umleitung (OmU) von Edgar G. Ulmer (DVD - 2013)
EUR 15,99
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen