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am 17. August 2015
Was tun, wenn man alles verloren hat? Christian Eschenbach, der Name klingt schon irgendwie philosophisch, nimmt irgendwann an. Seine Insolvenz, seine Beziehungszerstörungen seine gescheiterte Existenz! Und gewinnt dadurch wieder an Stärke. So kann man es eigentlich kurz und bündig stehen lassen. Aber damit wird man einem Uwe Timm nicht gerecht, er ist mittlerweile einer meiner liebsten und besten deutschen zeitgenössischen Literaten geworden. "Entdeckt" habe ich mit ihm die Currywurst, bin mit ihm über "Rot" gegangen, habe eine schreckliche Zeit am Beispiel seines Bruders erleben können und tatsächlich im wörtlichen Sinne grade eben einen "Heißen Sommer" erlebt. Und jetzt gehe ich ein Buch lang parallel mit Eschenbach und ich verstehe ihn in jeder Faser. Ob ich selbst jemals so gehandelt hätte oder - habe, geschenkt, bzw. manchmal bestimmt. Geschäftlich passiert ihm, was vielen zur Zeit passiert. Ein dicker Kunde fällt weg, ein anderer kann nicht bezahlen und ein dritter wird ihm von einem eigenen Mitarbeiter, von dem er sich aus Aversion trennt, mitgenommen. Ergebnis: pleite! So weit, so normal. Wir erleben aber, während er noch gut situiert an seinem Saab Oldtimer herum schraubt, segeln geht und guten Wein trinkt, also auf der vermeintlichen Sonnenseite lebt, wie er einer Frau obsessiv verfällt. Sie bestimmt fortan sein Leben, es beginnt eine Affäre, die keinem gut tut, und als alles Porzellan zerschlagen ist, wird er quasi Eremit und Vogelzähler auf einer unbewohnten Insel in der Elbmündung. Das alles erzählt Timm mit einer gewissen Gleichmütigkeit, einer philosophische Lakonie, als wäre dieser Weg ein Normaler. Seine Vogelwächterexistenz wird auf eine harte Probe gestellt, als sich seine ehemalige Geliebte Anna ansagt, und ihn auf der Insel besuchen will.
Das bringt ihn gehörig durcheinander und er muss vor seinen Tag - und Nachtträumen, die erschreckend real daher kommen, echt in Deckung gehen. Eschenbach hat Annas Ehe gesprengt und Ewald, ihr ehemaligen Mann ist jetzt zwar mit Eschenbachs alter Freundin zusammen, aber nichts ist mehr so wie früher. Das Buch stellt viel in Frage und wirbt gleichzeitig darum, dass das Leben immer von Zufällen geprägt ist und ein Augenblick, ein Wimpernschlag einen völlig neuen Weg verheißen kann. Liebe ist, jemand anderen zu erhöhen, heißt es so oder ähnlich in dem Roman. Wohl wahr. Oder auch „Liebe macht blind“, das ist einfacher. Aber alles gehört zum Leben, wie der verirrte Rötelfalke auf seiner Insel, oder das gesammelte Strandgut der Ewigkeit, das angeschwemmt wird und von ihm gesammelt wird. Ein kluger Roman, empfehlenswert!
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am 1. Juni 2015
Vorausgeschickt: Der Rezensent ist ein großer Liebhaber des Timmschen Werkes.
Aber nun die dürre "Vogelweide": Mühsamste Lektüre seit langem, ein Lesesog will und kann sich wohl nicht einstellen. Warum?

Das Thema? Liebe über Kreuz - mit Goethes "Wahlverwandschaften" prinzipiell schon erledigt. Meinetwegen: Aktualisierender Transfer in unsere Gegenwart, aber Timms fest ans Klischee geklebte Lifestyle-Typen (Charaktere kann man sie kaum nennen) könnten allenfalls als ironisierte Modelle interessieren. Doch von Ironie, Distanz, Kritik ist dieser trotz zahlreicher Weinliebhabereien bouquetlose Roman weit entfernt.Und was sonst bei Timm immer so schön aufgeht, die Reihung anekdotenhafter Einzelgeschichtchen (z.B. in "Kopfjäger"), funktioniert hier leider überhaupt nicht, weil sie aufgesetzt wirkt und den ohnehin mühsam über die beiden Erzählstränge aufrechterhaltenen Erzählfluss nur unergiebig unterbrechen.

Der Stil? Zwischen dem Timmschen Parlando (am Gaumen eher leicht, aber im Abgang unvermutet schillernd) und nervtötenden, schon ins Walserhafte driftenden uind ziemlich angestrengt wirkenden aphoristischen Reflexionen changierend, jedenfalls solange es um das ach so schick-saturierte Liebschaftsquartett geht (von der grundguten, aber allzu duldsamen Selma mal abgesehen). Konträr dazu, immerhin, die zugleich wirklichkeitsgetränkten und poetischen Schilderungen der Vogelweiden-Existenz des Protagonisten Eschenbach, dem leider die ex- und noch immer geliebte Schnepfe Anna noch bis in die Deichhütte auf der Vogelweide folgt. In der es - erwartbar und serienfolgerichtig - zunächst zum klärenden Endgespräch und natürlich auch zum abschließenden Beischlaf Eschenbachs mit der - herrjeh, auch das noch: inzwischen an Leukämie erkrankten, aber noch hinreichend properen - Besucherin im "schwarzseidige(n) Nachthemd, der Ausschnitt ein wenig spitzenverbrämt" kommt...

Der Bildungshintergrund? Falls man's nicht selber merkt, dann ist's nachzulesen in vielen Rezensionen: Von der Bibel über Wolfram (von Eschenbach), Goethe, Luhmann etc. bis hin zur (fast noch) aktuellen evangelischen Ex-Bischöfin reichen die literarischen, philosophischen, soziologischen etc.Anspielungen und Bezugnahmen, die den Roman eher als flüchtig zusammengebackenes Konglomerat denn als literarisches Juwel erscheinen lassen. Zudem hat hier der Autor wohl auf die thematische Schützenhilfe einiger Säulenheiliger - und auf die Wiedererkennensfreude seiner gebildeten Leser spekuliert, .

Mephistophelisches Fazit:
"Ein Kerl, der spekuliert, / ist wie ein Tier, auf dürrer Heide / von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt, / und ringsumher liegt schöne, grüne Weide." - Die "Vogelweide" ist allerdings überwiegend auf Sand gebaut.
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Es ist die kulturell prägende Schicht des Landes mit der Uwe Timm seinen Roman "Vogelweide" bevölkert: Man kennt die angesagten Galerien, die wirklich guten Weinhandlungen, spricht mindestens zwei Sprachen und hat ein reines ökologisches Gewissen. Die Alltagsreize sind wohltemperiert, die Gesellschaft ist scheinbar in guten Händen, wozu sollte man sich aufregen? Das haben doch die Eltern damals gemacht. Die pflegen die Erinnerungen, die Generation Golf pflegt alte Mahagoni-Boote oder einen Saab aus dem Jahr 1966, behutsam, mit der Lust am Bewahren. Das Zweitschlimmste, was diesen Leuten geschehen kann ist die Insolvenz. Das Schlimmste aber ist das Begehren, auch noch des Nächsten Weib, das kann nicht gut gehen.

Wenn schon eine Weltenflucht, dann auf eine Insel in der Elbmündung. Und wenn schon Flucht vor dem Bankrott, dann nicht in das Hartz-Vier-Gefängnis für die Vielen, sondern in den Dienst als Vogelwart. Dahin hat es Eschenbach dekorativ verschlagen, dort, in der Inseleinsamkeit fällt die Stadt von ihm ab, die Abendröte seiner Geschichte senkt sich auf ihn, und er lauscht dem Knacken und Knistern der Kloben im Ofen. Doch plötzlich ist die Welt wieder da: Anna wird ihn besuchen. Anna, mit der ihn eine verrückte Liebe verband, für die er seine Geliebte verließ und Anna ihren Mann.

Das besinnungslose Begehren, das Sichverzehren nach dem anderen Leib, der unbedingte Liebeswahnsinn, woher mag das alles kommen? Vielleicht aus den Tiefen der Gene, der Gier nach dem Besitz am anderen Menschen, dem unaufhaltsamen Wunsch sich zu versenken, zu verschenken. Da sitzen sie nun, Anna und Eschenbach auf der Insel, und wissen vom Begehren nur eines sicher: Es verschwindet wenn es an sein Ziel kommt, wenn die Normalität sich einschleicht, wenn man nicht mehr eins ist sondern wieder zwei.

Auf tritt, eindeutig erkennbar, Frau Allensbach, die Norne, wie Timm sie durch den Mund von Eschenbach nennt. Sie sucht nach dem Moment, der die Liebe auf den ersten Blick ausmacht, das Wissen darum, wie einer des anderen Schicksal wird. Ob Eschenbach oder Timm, die Allensbach-Umfrage-Tante als Norne auszugeben, ist ein Irrtum. Sie war keine Figur, die Schicksale bestimmte, wie es angeblich die mystischen Frauen in der "Edda", der nordischen Sage, unterfingen. Sie war eine, die den Vielen ihre Schicksale ablauschte, sie bündelte und daraus Meinungen herstellte. Nicht selten nach ihrer politischen Neigung gefälscht. Denn wer die Fragen formuliert, bestimmt die Antworten. Jetzt soll Eschenbach, der Mann vom IT-Fach, bei der elektronischen Suche nach der Quelle des Begehrens behilflich sein.

Ja, es gibt eine Welt außerhalb der romanesken Inseleinsamkeit. Da ist der englische Freund, der auf die Neoliberalen flucht. Da ist die hässliche Figur des Marktliberalen, der den Bankrott Eschenbachs verursachte, ein böser Mensch, so wie die Gier der Banker als böse verkauft wird, als sei sie nicht die logische Folge des Systems. Und da ist die kurzzeitige Entdeckung Eschenbachs, nach dem Sturz aus dem Wohlstandsleben, dass es normale Menschen gibt. Das ist alles in die sorgsam polierte Sprache Uwe Timms gekleidet, das ist alles wohl gefügt und zu einem Mosaik von edler Schönheit zusammengeführt. Aber ein Begehren nach Veränderung findet nicht statt. So wie im wirklichen Leben das Landes. Doch der Gattung Roman ist die Fiktion zu eigen. Er kann vorahnen, vorentwerfen, nachdenken lassen. Anders als in anderen Büchern Timms hat in "Vogelweide" die Fantasie ihre Grenzen.
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am 27. Oktober 2013
Beginnen wir mit freien Assoziationen zum Buchtitel:
Vogel. Eschenbach ist ein einsamer Vogel, ein seltsamer Vogel, beobachtet Vögel, denkt viel übers Vögeln nach.
Weide. Biegsamer Baum oder Strauch, 3 cm bis 30 m groß, chinesisches Symbol für Frühling, sexuelles Verlangen, Freudenmädchen.
Vogelweide. Walther von der Vogelweide, berühmter mittelalterlicher Minnesänger, der zahlreiche Gedichte und Lieder über die Liebe zwischen Mann und Frau verfasst hat.

Worum geht es?
Der 50jährige "Optimierer" Eschenbach, der über 335 Seiten keinen Vornamen erhält, hat ein paar Jahre lang eine lockere, unkomplizierte Beziehung zu der polnischen Silberschmiedin Selma gehabt und sich dann in Ewalds Frau Anna verguckt, die so wunderschöne Haare hat. Das Begehren, die Leidenschaft zwischen beiden währt nur kurze Zeit, ist aber so heftig, dass sich vier Lebensläufe radikal verändern. Anna trennt sich sowohl von ihrem Mann Ewald als auch von Eschenbach und geht in die USA. Selma trennt sich von Eschenbach, ist kurze Zeit mit Ewald zusammen und dann mit einem anderen. Ewald verliert seine Frau und seine beiden Kinder, bleibt einsam und unglücklich in seinem alten Leben stecken. Eschenbach verliert seine Geliebte, seine langjährige Freundin, seine Firma und zieht sich als Vogelkundler auf eine einsame kleine Insel im Watt der Elbmündung zurück. Als Leser haben wir an seinen Erinnerungen, gelegentlichen Visionen und an seiner Arbeit Anteil. Die Erinnerungen gelten vor allem Selma und Anna und wie alles gekommen ist. In Visionen begegnen ihm Männer und Frauen aus seiner Vergangenheit und unterhalten sich mit ihm. Häufig denkt er an "die Norne", eine Meinungsforscherin, die ihn zu einer Statistik-Arbeit über "das Begehren" überredet hat, die er aber halbfertig liegen gelassen hat. Aktuell arbeitet er weiter an einem umfassenden Buch über Jona und den Wal, erfüllt seine täglichen Routine-Aufgaben als Vogelwart und freut sich auf den überraschend angekündigten Besuch von Anna aus Amerika, sechs Jahre nach der Trennung. Von ihrer Wiederbegeg-nung handeln die letzten 50 Seiten des Romans.

Wie hat's mir gefallen?
Gut geschrieben, aber irgendwie depressiv, traurig, streckenweise langweilig. Warum muss "hohe Literatur", wenn sie von einem deutschen Autor stammt und es sogar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2013 geschafft hat, immer so anstrengend und ernst und irgendwie gequält daherkommen? Warum werden all die Begegnungen Eschenbachs mit der "Norne" einerseits mit vielen biographischen Details versehen, andererseits aber die gemeinte Person, Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010), dann doch nicht genannt? Ist das Kunst oder einfach nur höhere bildungsbürgerliche Borniertheit: "So schlau musst Du schon selber sein, dass Du weißt, wenn ich meine ..." Auch die Entscheidungen, dass Eschenbach nur einen Nachnamen, seine drei Bezugspersonen nur Vornamen erhalten, oder dass Eschenbach in 3. Person beschrieben wird, obwohl wir quasi 335 Seiten lang an seinem Ich und seiner Sicht der Dinge teilhaben, oder dass das Kunstwort "Vogelweide" zwar einmal im Text vorkommt, aber eigentlich über den Inhalt des Romans wenig aussagt, all diese Entscheidungen des Autors erscheinen mir reichlich maniriert und willkürlich. Gut fand ich, einmal relativ nüchtern und unsentimental über die Gedanken eines vielleicht typischen gescheiterten 50jährigen Mannes in der Midlife-Crisis informiert zu werden. Das ist dem Autor realistisch und glaubwürdig gelungen, aber so richtig begeistert hat mich der Roman nicht.
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am 15. August 2013
Ein einfühlsamer und vielschichtiger Roman ist Uwe Timm mit seinem neuen Werk „Vogelweide“ gelungen. Es handelt von zwei Paaren, bei denen sich einer der Männer, Eschenbach, in die Partnerin des anderen verliebt. Eine heimliche und leidenschaftliche Affäre beginnt. Dass die nicht von Dauer ist, weiß der Leser bereits zu Beginn, weil sich die Handlung fast ausschließlich in Rückblenden erschließt.

In der erzählten Gegenwart ist Eschenbach der einzige Mensch auf einer Insel in der Nordsee, wo er von März bis Oktober als Vogelwart angestellt ist. Diese Flucht aus seiner früheren Lebenssituation, in der er Inhaber einer Software-Firma war, deutet bereits früh auf eine Katastrophe hin, die sich in seinem Leben ereignet haben muss.

Dennoch bleibt „Vogelweide“ jederzeit interessant. Das liegt auch an der genauen Zeichnung der vier Hauptfiguren, die, bestückt mit individuellen Charaktereigenschaften, allesamt lebensecht und glaubhaft wirken. Der Roman spielt in einem gebildeten kunstinteressierten Milieu, wo man den Rotwein erst „atmen“ lässt, bevor man ihn trinkt, und wo man schon mal ein Schmuckstück oder ein Bild für ein paar tausend Euro kauft. Vielleicht kann man Uwe Timm, geboren 1940, vorwerfen, dass er dieses intellektuelle Gehabe zu wenig bricht.
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am 16. August 2013
Eine stürmische Insel in der Nordsee, hier beginnt der Roman.
Seltene Vogelschwärme zu beobachten, das ist der gegenwärtige Job von Christian Eschenbach, der hier lebt. Er ist etwas über 50 Jahre alt.
In sein eremitisches Inseldasein, das geprägt ist von den täglichen Ritualen des Essens, Schlafens und Vogelbetrachtens bricht ein Anruf aus der Vergangenheit.
Anna!
Beide sind sich vor Jahren auf einer Vernissage in Berlin begegnet.
Damals, als Eschenbach noch eine eigene Firma sowie ein Loft in Berlin mit Blick auf den Zoo besaß.
Damals, als das Begehren begann....

Heute ist alles anders, aber ist es deshalb schlechter? Die Ruhe und Abgeschiedenheit scheinen Eschenbach gut zu tun.
Obwohl er Anna vermisst und sich in verhaltener Vorfreude auf ihren Besuch vorbereitet.
Seine Gedanken tragen ihn immer wieder zurück in die - im Gegensatz zum ruhigen Jetzt - sehr turbulente Zeit in Berlin.
Damals hatte er sich ganz und gar seinen Gefühlen hingegeben. Und man meint zu spüren, dass Eschenbach sagt:
Ja, es hat sich gelohnt! Auch wenn es nicht immer schön, sondern auch äußerst schmerzvoll war.
Für eine neue Beziehung, einen neuen Lebensort, einen neuen Job kann es aber nie zu spät sein.
Ob mit 20, 30 oder 50 Jahren. Was spielt das schon für eine Rolle?

"Vogelweide" ist absolut lesenswert, sprachlich brillant.
Selten findet man Romane, die so komponiert und harmonisch abgestimmt sind, wie bei Uwe Timm.
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am 31. August 2013
Melancholie ist die Grundstimmung dieses meisterlichen Romans rund um Liebe und Begehren in der gesetzten Mittelschicht. Für mich war es die erste Begegnung mit dem Autor, der sich, wie ich erst nachlesen musste, in früheren Romanen viel mit den 68ern auseinandergesetzt hat und auch selbst einer war. Das ist wohl wichtig zu wissen, denn in den Hauptfiguren von "Vogelweide" steckt bei aller vordergründigen bürgerlichen Behaglichkeit jeweils eine Reaktion oder ein Nachhall auf den damaligen Aufbruch (für den Rezensenten ist das die Elterngeneration). Es ist ein 68er-Roman in der Negationsform. Eschenbach ist ein gescheiterter Informatik-Unternehmer um die 50, ehemaliger Theologiestudent, Intellektueller, der gerade weltflüchtig eine Stelle als Vogelwart auf einer sonst menschenleeren Nordseeinsel angenommen hat. Selma fälscht indianischen Silberschmuck. Anna ist Gymnasiallehrerein unter anderem für Kunst, später Galeristin, Ewald ist Architekt. Der materielle Komfort ist groß, von den "Neoliberalen" grenzt man sich allerdings ab. Eschenbachs Eltern sind unreformierte Linke in einer Pensionistenkommune. Eschenbach findet sie lächerlich. Die Gesprächsthemen der Charaktere sind Kunst, Wein, gut gepflegte Oldtimer. Personen werden anhand ihrer geschmackvoll gewählten Kleidungsstücke beschrieben. Die großen Erschütterungen liegen bereits in der Vergangenheit, wenn auch in der nahen Vergangenheit: Die beiden ursprünglichen, durchaus glücklichen Paarbeziehungen wurden durch eine Affäre von Eschenbach und Anna in die Luft gesprengt. Die Rahmenhandlung des Romans bildet Eschenbachs Warten auf seiner Insel auf einen bevorstehenden Besuch von Anna. In dieses Warten eingeflochten erschließt sich in Eschenbachs Erinnerungen die Vorgeschichte. War das Zusammenkommen von Eschenbach und Anna unvermeidlich, trotz seines zerstörerischen Potenzials? Und welche Bedeutung hat das ungezähmte und unzähmbare - das ist wohl Eschenbachs Überzeugung - Element des Begehrens im Gesamtzusammenhang des Lebens, selbst eines Lebens mit erfüllenden Liebesbeziehungen? in die Erörterung der Frage bringt der Autor auch Theoretisches ein, Bourdieu, Freud, Luhmann werden zitiert und es steht der Verdacht im Raum, dass die materielle und mediale Sättigung der Gesellschaft ihren Anteil daran hat, dass jenes bedingungslose Begehren zur unhintergehbaren Triebkraft wird:

"Selma ... erzählte von ihrem Erlebnis, als eine deutsche Theatergruppe in Wroctaw die Minna von Barnhelm gegeben hatte, auf Deutsch, und sie als Schülerin die Aufführung gesehen hatte! Die Minna sagt, sie würde diesen Mann, Major Tellheim, wegen einer großherzigen Tat lieben, selbst wenn er schwarz wie ein Mohr wäre. - Das sei, sagte Eschenbach, tatsächlich die wunderschöne, wenn auch nicht ganz zeitgemäße Erklärung für das, was Liebe ist. Nicht aber für das Begehren. Begehren kann man nur das, was man durch die Sinne erfährt, sieht, hört, spürt, riecht." ... "Ach, sagte Selma, ... Achtung ohne Liebe, das gibt's, aber nicht Liebe ohne Achtung." ... "[Eschenbach] sagte, die Fernliebe der Minna, die ohne den Anblick auskommt, sei heute, bei der Bilderflut, bei all den Schönen, Jungen, Makellosen, ganz unmöglich."

Dass ein so verstandenes Begehren allein nicht als Basis dauerhaften Beziehungsglücks taugt, leuchtet ein, und tatsächlich endet im Roman Eschenbachs und Annas Aufbruch tragisch. Das Begehren spielt zwar die Rolle eines Unruhestifters gegen die Wohlstandserstarrung, aber retten kann es uns auch nicht. Hätte das, andererseits, irgendjemand vermutet? Und wenn nicht, lohnt dann die unbedingte Ernsthaftigkeit, mit der Uwe Timm in "Vogelweide" das Begehren als Ursprungsenergie untersucht? Hierin, und in der gelegentlich etwas verstaubt wirkenden Sprache, liegt ein Restzweifel gegenüber diesem sonst erzählerisch makellosen Roman.
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am 5. März 2014
Ein Mann verliert alles: Seine Beziehung geht in die Brüche, seine Geliebte verlässt ihn, seine Firma geht Bankrott, und er findet sich auf einer Insel in der Elbmündung wieder, als Vogelwart. Dort in einer Hütte sinniert er über das Leben, die Liebe, das Begehren, die Begierde und deren Unterschiede.
Die Protagonisten Christian, Selma, Anna und Ewald sind allesamt sehr gut beschrieben: Christian Eschenbach und seine zwei Leben. Das vor dem Absturz mit teuren Rotweinen, einem Loft und kostspieligen Oldtimern und der Eschenbach danach, reich an Zeit, Hobbyornithologe und Philosoph. Selma, seine Lebensgefährtin mit polnischen Wurzeln, Goldschmiedin mit krimineller Energie, Anna, die Frau von Ewald, brünett mit einem leichten Kupferstich, Lehrerin, und ihr Mann Ewald, Bauleiter diverser Großprojekte in China. Als Nebenpersonen treten noch die Nase, ein ungeliebter Kollege, und ein englischer Freund auf.
Die Sprache von Uwe Timm hat etwas ganz Eigenes. Die überwiegende Verwendung der indirekten Rede statt der direkten (und wenn, dann ohne Anführungsstriche), gibt dem Lesefluss etwas Getragenes, Flüssiges und Weiches. Schöne Klangbilder und Wortkreationen zeugen von einer völligen Hingabe zum Text: Körperdurst; Körperhunger; komische Unbedingtheit; das war der Stein, der den Gewölbesturz auslöste; Sinnentleerung; Lieben heißt, den anderen erhöhen. Einen Satz habe ich mir notiert, weil er so wahr ist: "Aber das alles Verbindende war, wie sie beide, nachdem sie miteinander geschlafen hatten, sich öffneten, wie sie sich voneinander erzählten und fragten, sich durch Fragen tiefer und genauer verstehen lernten." Solche Sätze berühren das Herz des Lesers.
Die Struktur des Romans ist nicht ganz einfach. Sie erfordert einen konzentrierten Leser. Durch die Absatzgebung geht nicht hervor, ob die Handlung nun in der Gegenwart oder in der Vergangenheit spielt. Manchmal versteht man erst nach ein paar Zeilen, wo sich der Autor aufhält. Welcher Schauplatz gerade dran ist. Warum nicht? Ich finde es gut, dass der Autor von einem intelligenten und konzentrierten Gegenüber ausgeht.
Ein wertvoller Roman, der viel Lebensweisheit beinhaltet. Wunderschön geschrieben mit Fingerspitzengefühl und viel Sachkenntnis auf mehreren Gebieten. Vor allem die Naturbeschreibungen der Insel haben es mir angetan. Sehnsucht kam auf.
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"Vogelweide" stand auf der Auswahlliste für den diesjährigen Deutschen Buchpreis. Dieser Roman weicht eigentlich von dem bisherigen Romanschaffen dieses bedeutenden deutschen Autors ab, der bisher häufig mit historischen Romanen und Erinnerungsmomenten von Gegenwart und Vergangenheit seine zahlreiche Leserschaft begeisterte.

"Vogelweide" versucht unterschiedliche Zeitgeistthemen zu fokussieren. Es ist unspektakulärer Roman, doch ein sehr genau erzählender Roman. Man könnte sagen, es ist in gewisser Weise eine Fortschreibung von Goethes "Wahlverwandtschaften", wobei es in der heutigen Zeit sicher kein Skandal mehr ist wenn man sich im Wohlstandsmilieu über Kreuz verliebt.

Es geht um Leidenschaft und Begierde und um die Verheerungen die derartige Begehren auslösen können, wenn zwei Ehepaare sich unter einander betrügen. Es ist das Porträt einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Der Hauptteil spielt in Berlin, gespiegelt wird eine Aufstiegs- und Fallgeschichte, eine Liebes- und Begehrensgeschichte in einem esoterischem Wohlstandsmilieu, die in kurzen unaufgeregt erzählt was passiert, wenn es uns zu gut geht, wenn man immer auf der Suche nach neuen Liebesabenteuern und Herausforderungen ist und dabei Schritt für Schritt aus dem Alltagsmilieu ausbricht.

Eigentlich waren die Eschenbach, Selma, Ewald und Anna glücklich miteinander bis zu dem Tag als Eschenbach sich in Anna verliebte. Dann erleidet Eschenbach Schiffbruch, auf eine ganz rasante Art und Weise, denn er verliert seine Geliebte, seine Freundin und nach dem Bankrott seiner Firma auch noch seine Wohnung. Er wurde unheimlich schnell reich und ist jetzt hoch verschuldet. Das erfahren wir in dem nicht in chronologischen Erzählsträngen aufgebauten Roman, in dem das Begehren die Handlung dynamisiert.

Eschenbach lebt allein als Vogelwart im Vogelschutzgebiet auf einer Insel in der Elbmündung. Als seine ehemalige jetzt in New York lebende Geliebte ihren Besuch ankündigt hält Eschenbach philosophisch garnierte Rückschau auf die Vergangenheit mit all den Folgen des verhängnisvollen Liebesabenteuers.

Uwe Timm entwirft mit seinem neuen Roman einen klugen, akribischen und leidenschaftlichen Spiegel unserer Gegenwart in dem er sehr genial in wohl dosierten Quantitäten, in einer zwingenden Erzählweise Milieukritik einfließen lässt. Man kann diesem Roman eine große Leserschaft wünschen.
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am 30. Mai 2015
Uwe Timm ist ein guter Erzähler und in "Vogelweide" gibt es handlungstechnisch und sprachlich durchaus sehr ansprechende Passagen. Insbesondere die Beschreibung des Insellebens, die Geschichte rund um Anna, Selma, Ewald, seinen beruflichen Abstieg und die Gespräche mit dem Engländer gefielen mir sehr. Timm verfängt sich teilweise aber auch in einer ausufernden Geschwätzigkeit und streckt den Roman so auf unnötige 335 Seiten. 260-280 Seiten wären in diesem Fall "mehr" gewesen. Ebenso muss Timm scheinbar immer wieder seine Belesenheit darstellen, indem er auf zahlreiche literarische und soziologische Werke verweist (Literatur in der Literatur). Diese bei bestimmten Autoren oftmals vorkommende Eitelkeit gefällt mir persönlich nicht. Der Roman gewinnt dadurch an konstruierter Intellektualität, verliert aber an Natürlichkeit. Daher nur 4/5.
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