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4.0 von 5 Sternen Etwas bemüht bildungsbürgerlich, aber klug und lesenswert
„Vogelweide“ ist ein facettenreicher, nachdenklicher und kritischer Roman. Imponiert haben mir auch die zahlreichen Randthemen, die Fülle von „eben mal erwähnten“ Nebenfiguren und das wohltuend inspirierende Bildungsniveau des Autors. So geht es nicht nur um das Begehren, sondern um viele Aspekte der heutigen Gesellschaft und Wirtschaft...
Vor 7 Monaten von Amea veröffentlicht

versus
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Flach
Der Plot ist interessant, doch die vier Protaginisten fragen wenig und die Dialoge reflektieren nicht, sondern führen sogleich ins Aus. Für die Handlung unwichtige Nebendetails der Beschreibung von Wein und Essen, von Kleidung und Wohnung füllen die über 300 Seiten und als eine der wichtigsten Fragen im Buch gestellt wird "Warum lieben wir uns...
Vor 1 Monat von V. Klein veröffentlicht


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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Flach, 18. Juni 2014
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Plot ist interessant, doch die vier Protaginisten fragen wenig und die Dialoge reflektieren nicht, sondern führen sogleich ins Aus. Für die Handlung unwichtige Nebendetails der Beschreibung von Wein und Essen, von Kleidung und Wohnung füllen die über 300 Seiten und als eine der wichtigsten Fragen im Buch gestellt wird "Warum lieben wir uns eigentlich nicht zu viert?" kommt die lakonische Antwort "Anna wollte nicht". Thema durch. Wir (waren zu Siebt beim Lesen und) haben uns gefragt: Warum so klasse Themen und ein so flacher Umgang damit?
Man hätte was aus dem Roman machen können: Insel, Verlust, Begehren, Altern, Betrug, Scheitern, alles interessante Bereiche, die leider nicht ansatzweise ausgelotet werden. Man könnte dem Autor auch seine nervenden, weil ständig wiederholten sprachlichen Manierismen verzeihen, wäre Substanz vorhanden. So aber bestärken sie den Eindruck eines schnell hingeworfenen Romans ohne Lektorat, der aufgrund von Autorenname und Marketing sowieso ein Bestseller wird. Wirtschaft vor Anspruch.
Herausgekommen ist ein fades, lauwarmes Anekdotensammelsurium, das einen Planschbecken gleicht. Es hätte ein Bergsee werden können. Schade um die Zeit. Wir alle werden dieses Buch niemandem weiterschenken.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Etwas bemüht bildungsbürgerlich, aber klug und lesenswert, 25. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Vogelweide“ ist ein facettenreicher, nachdenklicher und kritischer Roman. Imponiert haben mir auch die zahlreichen Randthemen, die Fülle von „eben mal erwähnten“ Nebenfiguren und das wohltuend inspirierende Bildungsniveau des Autors. So geht es nicht nur um das Begehren, sondern um viele Aspekte der heutigen Gesellschaft und Wirtschaft. Sehr beeindruckend und aussagekräftig fand ich die am Rande erzählte groteske Abstimmung deutscher Architekten mit chinesischen Bauherren. Ganz nebenbei werden hier die Absurditäten der globalisierten Wirtschaft beleuchtet und größenwahnsinnige Geschäfte mit aufstrebenden Diktaturen entzaubert.

Aus meiner Sicht weniger überzeugend: Die Charaktere bleiben recht profillos, ihre Beziehungen sind zu konstruiert und unwahrscheinlich. Obwohl fast alle Charaktere beruflich sehr, sehr große Räder drehen, haben sie offenbar Zeit genug, sich miteinander zu beschäftigen und kulturellen Interessen nachzugehen. Man merkt es dem Autor an, dass er niemals hinter die Kulissen der Wirtschaft geschaut hat. Solche feinfühligen, gebildeten und eher schöngeistigen Charaktere findet man garantiert nicht in diesen Lebenszusammenhängen.

Eschenbachs formale Qualifikation passt überdies nun wirklich nicht zu seiner IT-Firma. Ferner merkt man dem Autor den Alt-68er noch an: Er reitet am Rande auch etwas zu alte Themen. Niemand interessiert sich heute noch für Noelle-Neumann, deren manipulatives Wirken freilich zu hinterfragen war. Aber anscheinend hat Timm hier auf dominante Themen seiner eigenen Vita zurückgegriffen. Das heutige elektronische Partner-Matching als Aspekt des Sujets „Begehren“ hätte völlig ohne die „Norne“ thematisiert werden können, die hier wie aus einer anderen Zeit hereinbemüht wirkt. Nebenbei: Dass sie nur die „Norne“ genannt wird, wirkt gewollt bildungsbürgerlich und wie für eine Oberstufen-Klausur konstruiert.
Insgesamt ein sehr niveauvoller, reflektierender Roman, dessen Figuren und Handlung aber nebensächlich erscheinen: Es zählen das Nachdenken, das Analysieren und das Verstehen. Und das genügt vollkommen.
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26 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen DIE GRENZEN DER FANTASIE - Über das Begehren der Generation Golf, 18. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide (Audio CD)
Es ist die kulturell prägende Schicht des Landes mit der Uwe Timm seinen Roman "Vogelweide" bevölkert: Man kennt die angesagten Galerien, die wirklich guten Weinhandlungen, spricht mindestens zwei Sprachen und hat ein reines ökologisches Gewissen. Die Alltagsreize sind wohltemperiert, die Gesellschaft ist scheinbar in guten Händen, wozu sollte man sich aufregen? Das haben doch die Eltern damals gemacht. Die pflegen die Erinnerungen, die Generation Golf pflegt alte Mahagoni-Boote oder einen Saab aus dem Jahr 1966, behutsam, mit der Lust am Bewahren. Das Zweitschlimmste, was diesen Leuten geschehen kann ist die Insolvenz. Das Schlimmste aber ist das Begehren, auch noch des Nächsten Weib, das kann nicht gut gehen.

Wenn schon eine Weltenflucht, dann auf eine Insel in der Elbmündung. Und wenn schon Flucht vor dem Bankrott, dann nicht in das Hartz-Vier-Gefängnis für die Vielen, sondern in den Dienst als Vogelwart. Dahin hat es Eschenbach dekorativ verschlagen, dort, in der Inseleinsamkeit fällt die Stadt von ihm ab, die Abendröte seiner Geschichte senkt sich auf ihn, und er lauscht dem Knacken und Knistern der Kloben im Ofen. Doch plötzlich ist die Welt wieder da: Anna wird ihn besuchen. Anna, mit der ihn eine verrückte Liebe verband, für die er seine Geliebte verließ und Anna ihren Mann.

Das besinnungslose Begehren, das Sichverzehren nach dem anderen Leib, der unbedingte Liebeswahnsinn, woher mag das alles kommen? Vielleicht aus den Tiefen der Gene, der Gier nach dem Besitz am anderen Menschen, dem unaufhaltsamen Wunsch sich zu versenken, zu verschenken. Da sitzen sie nun, Anna und Eschenbach auf der Insel, und wissen vom Begehren nur eines sicher: Es verschwindet wenn es an sein Ziel kommt, wenn die Normalität sich einschleicht, wenn man nicht mehr eins ist sondern wieder zwei.

Auf tritt, eindeutig erkennbar, Frau Allensbach, die Norne, wie Timm sie durch den Mund von Eschenbach nennt. Sie sucht nach dem Moment, der die Liebe auf den ersten Blick ausmacht, das Wissen darum, wie einer des anderen Schicksal wird. Ob Eschenbach oder Timm, die Allensbach-Umfrage-Tante als Norne auszugeben, ist ein Irrtum. Sie war keine Figur, die Schicksale bestimmte, wie es angeblich die mystischen Frauen in der "Edda", der nordischen Sage, unterfingen. Sie war eine, die den Vielen ihre Schicksale ablauschte, sie bündelte und daraus Meinungen herstellte. Nicht selten nach ihrer politischen Neigung gefälscht. Denn wer die Fragen formuliert, bestimmt die Antworten. Jetzt soll Eschenbach, der Mann vom IT-Fach, bei der elektronischen Suche nach der Quelle des Begehrens behilflich sein.

Ja, es gibt eine Welt außerhalb der romanesken Inseleinsamkeit. Da ist der englische Freund, der auf die Neoliberalen flucht. Da ist die hässliche Figur des Marktliberalen, der den Bankrott Eschenbachs verursachte, ein böser Mensch, so wie die Gier der Banker als böse verkauft wird, als sei sie nicht die logische Folge des Systems. Und da ist die kurzzeitige Entdeckung Eschenbachs, nach dem Sturz aus dem Wohlstandsleben, dass es normale Menschen gibt. Das ist alles in die sorgsam polierte Sprache Uwe Timms gekleidet, das ist alles wohl gefügt und zu einem Mosaik von edler Schönheit zusammengeführt. Aber ein Begehren nach Veränderung findet nicht statt. So wie im wirklichen Leben das Landes. Doch der Gattung Roman ist die Fiktion zu eigen. Er kann vorahnen, vorentwerfen, nachdenken lassen. Anders als in anderen Büchern Timms hat in "Vogelweide" die Fantasie ihre Grenzen.
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25 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Midlife-Crisis, allein auf einer Vogelinsel, 27. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Gebundene Ausgabe)
Beginnen wir mit freien Assoziationen zum Buchtitel:
Vogel. Eschenbach ist ein einsamer Vogel, ein seltsamer Vogel, beobachtet Vögel, denkt viel übers Vögeln nach.
Weide. Biegsamer Baum oder Strauch, 3 cm bis 30 m groß, chinesisches Symbol für Frühling, sexuelles Verlangen, Freudenmädchen.
Vogelweide. Walther von der Vogelweide, berühmter mittelalterlicher Minnesänger, der zahlreiche Gedichte und Lieder über die Liebe zwischen Mann und Frau verfasst hat.

Worum geht es?
Der 50jährige "Optimierer" Eschenbach, der über 335 Seiten keinen Vornamen erhält, hat ein paar Jahre lang eine lockere, unkomplizierte Beziehung zu der polnischen Silberschmiedin Selma gehabt und sich dann in Ewalds Frau Anna verguckt, die so wunderschöne Haare hat. Das Begehren, die Leidenschaft zwischen beiden währt nur kurze Zeit, ist aber so heftig, dass sich vier Lebensläufe radikal verändern. Anna trennt sich sowohl von ihrem Mann Ewald als auch von Eschenbach und geht in die USA. Selma trennt sich von Eschenbach, ist kurze Zeit mit Ewald zusammen und dann mit einem anderen. Ewald verliert seine Frau und seine beiden Kinder, bleibt einsam und unglücklich in seinem alten Leben stecken. Eschenbach verliert seine Geliebte, seine langjährige Freundin, seine Firma und zieht sich als Vogelkundler auf eine einsame kleine Insel im Watt der Elbmündung zurück. Als Leser haben wir an seinen Erinnerungen, gelegentlichen Visionen und an seiner Arbeit Anteil. Die Erinnerungen gelten vor allem Selma und Anna und wie alles gekommen ist. In Visionen begegnen ihm Männer und Frauen aus seiner Vergangenheit und unterhalten sich mit ihm. Häufig denkt er an "die Norne", eine Meinungsforscherin, die ihn zu einer Statistik-Arbeit über "das Begehren" überredet hat, die er aber halbfertig liegen gelassen hat. Aktuell arbeitet er weiter an einem umfassenden Buch über Jona und den Wal, erfüllt seine täglichen Routine-Aufgaben als Vogelwart und freut sich auf den überraschend angekündigten Besuch von Anna aus Amerika, sechs Jahre nach der Trennung. Von ihrer Wiederbegeg-nung handeln die letzten 50 Seiten des Romans.

Wie hat's mir gefallen?
Gut geschrieben, aber irgendwie depressiv, traurig, streckenweise langweilig. Warum muss "hohe Literatur", wenn sie von einem deutschen Autor stammt und es sogar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2013 geschafft hat, immer so anstrengend und ernst und irgendwie gequält daherkommen? Warum werden all die Begegnungen Eschenbachs mit der "Norne" einerseits mit vielen biographischen Details versehen, andererseits aber die gemeinte Person, Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010), dann doch nicht genannt? Ist das Kunst oder einfach nur höhere bildungsbürgerliche Borniertheit: "So schlau musst Du schon selber sein, dass Du weißt, wenn ich meine ..." Auch die Entscheidungen, dass Eschenbach nur einen Nachnamen, seine drei Bezugspersonen nur Vornamen erhalten, oder dass Eschenbach in 3. Person beschrieben wird, obwohl wir quasi 335 Seiten lang an seinem Ich und seiner Sicht der Dinge teilhaben, oder dass das Kunstwort "Vogelweide" zwar einmal im Text vorkommt, aber eigentlich über den Inhalt des Romans wenig aussagt, all diese Entscheidungen des Autors erscheinen mir reichlich maniriert und willkürlich. Gut fand ich, einmal relativ nüchtern und unsentimental über die Gedanken eines vielleicht typischen gescheiterten 50jährigen Mannes in der Midlife-Crisis informiert zu werden. Das ist dem Autor realistisch und glaubwürdig gelungen, aber so richtig begeistert hat mich der Roman nicht.
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34 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Einfühlsam und vielschichtig, 15. August 2013
Von 
Andreas Schröter "Andreas Schröter" (Dortmund) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein einfühlsamer und vielschichtiger Roman ist Uwe Timm mit seinem neuen Werk „Vogelweide“ gelungen. Es handelt von zwei Paaren, bei denen sich einer der Männer, Eschenbach, in die Partnerin des anderen verliebt. Eine heimliche und leidenschaftliche Affäre beginnt. Dass die nicht von Dauer ist, weiß der Leser bereits zu Beginn, weil sich die Handlung fast ausschließlich in Rückblenden erschließt.

In der erzählten Gegenwart ist Eschenbach der einzige Mensch auf einer Insel in der Nordsee, wo er von März bis Oktober als Vogelwart angestellt ist. Diese Flucht aus seiner früheren Lebenssituation, in der er Inhaber einer Software-Firma war, deutet bereits früh auf eine Katastrophe hin, die sich in seinem Leben ereignet haben muss.

Dennoch bleibt „Vogelweide“ jederzeit interessant. Das liegt auch an der genauen Zeichnung der vier Hauptfiguren, die, bestückt mit individuellen Charaktereigenschaften, allesamt lebensecht und glaubhaft wirken. Der Roman spielt in einem gebildeten kunstinteressierten Milieu, wo man den Rotwein erst „atmen“ lässt, bevor man ihn trinkt, und wo man schon mal ein Schmuckstück oder ein Bild für ein paar tausend Euro kauft. Vielleicht kann man Uwe Timm, geboren 1940, vorwerfen, dass er dieses intellektuelle Gehabe zu wenig bricht.
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18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie weit trägt das Begehren?, 31. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Gebundene Ausgabe)
Melancholie ist die Grundstimmung dieses meisterlichen Romans rund um Liebe und Begehren in der gesetzten Mittelschicht. Für mich war es die erste Begegnung mit dem Autor, der sich, wie ich erst nachlesen musste, in früheren Romanen viel mit den 68ern auseinandergesetzt hat und auch selbst einer war. Das ist wohl wichtig zu wissen, denn in den Hauptfiguren von "Vogelweide" steckt bei aller vordergründigen bürgerlichen Behaglichkeit jeweils eine Reaktion oder ein Nachhall auf den damaligen Aufbruch (für den Rezensenten ist das die Elterngeneration). Es ist ein 68er-Roman in der Negationsform. Eschenbach ist ein gescheiterter Informatik-Unternehmer um die 50, ehemaliger Theologiestudent, Intellektueller, der gerade weltflüchtig eine Stelle als Vogelwart auf einer sonst menschenleeren Nordseeinsel angenommen hat. Selma fälscht indianischen Silberschmuck. Anna ist Gymnasiallehrerein unter anderem für Kunst, später Galeristin, Ewald ist Architekt. Der materielle Komfort ist groß, von den "Neoliberalen" grenzt man sich allerdings ab. Eschenbachs Eltern sind unreformierte Linke in einer Pensionistenkommune. Eschenbach findet sie lächerlich. Die Gesprächsthemen der Charaktere sind Kunst, Wein, gut gepflegte Oldtimer. Personen werden anhand ihrer geschmackvoll gewählten Kleidungsstücke beschrieben. Die großen Erschütterungen liegen bereits in der Vergangenheit, wenn auch in der nahen Vergangenheit: Die beiden ursprünglichen, durchaus glücklichen Paarbeziehungen wurden durch eine Affäre von Eschenbach und Anna in die Luft gesprengt. Die Rahmenhandlung des Romans bildet Eschenbachs Warten auf seiner Insel auf einen bevorstehenden Besuch von Anna. In dieses Warten eingeflochten erschließt sich in Eschenbachs Erinnerungen die Vorgeschichte. War das Zusammenkommen von Eschenbach und Anna unvermeidlich, trotz seines zerstörerischen Potenzials? Und welche Bedeutung hat das ungezähmte und unzähmbare - das ist wohl Eschenbachs Überzeugung - Element des Begehrens im Gesamtzusammenhang des Lebens, selbst eines Lebens mit erfüllenden Liebesbeziehungen? in die Erörterung der Frage bringt der Autor auch Theoretisches ein, Bourdieu, Freud, Luhmann werden zitiert und es steht der Verdacht im Raum, dass die materielle und mediale Sättigung der Gesellschaft ihren Anteil daran hat, dass jenes bedingungslose Begehren zur unhintergehbaren Triebkraft wird:

"Selma ... erzählte von ihrem Erlebnis, als eine deutsche Theatergruppe in Wroctaw die Minna von Barnhelm gegeben hatte, auf Deutsch, und sie als Schülerin die Aufführung gesehen hatte! Die Minna sagt, sie würde diesen Mann, Major Tellheim, wegen einer großherzigen Tat lieben, selbst wenn er schwarz wie ein Mohr wäre. - Das sei, sagte Eschenbach, tatsächlich die wunderschöne, wenn auch nicht ganz zeitgemäße Erklärung für das, was Liebe ist. Nicht aber für das Begehren. Begehren kann man nur das, was man durch die Sinne erfährt, sieht, hört, spürt, riecht." ... "Ach, sagte Selma, ... Achtung ohne Liebe, das gibt's, aber nicht Liebe ohne Achtung." ... "[Eschenbach] sagte, die Fernliebe der Minna, die ohne den Anblick auskommt, sei heute, bei der Bilderflut, bei all den Schönen, Jungen, Makellosen, ganz unmöglich."

Dass ein so verstandenes Begehren allein nicht als Basis dauerhaften Beziehungsglücks taugt, leuchtet ein, und tatsächlich endet im Roman Eschenbachs und Annas Aufbruch tragisch. Das Begehren spielt zwar die Rolle eines Unruhestifters gegen die Wohlstandserstarrung, aber retten kann es uns auch nicht. Hätte das, andererseits, irgendjemand vermutet? Und wenn nicht, lohnt dann die unbedingte Ernsthaftigkeit, mit der Uwe Timm in "Vogelweide" das Begehren als Ursprungsenergie untersucht? Hierin, und in der gelegentlich etwas verstaubt wirkenden Sprache, liegt ein Restzweifel gegenüber diesem sonst erzählerisch makellosen Roman.
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32 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Winterstürme, Sturmfluten, Wasser nur und Watt, 16. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Kindle Edition)
Eine stürmische Insel in der Nordsee, hier beginnt der Roman.
Seltene Vogelschwärme zu beobachten, das ist der gegenwärtige Job von Christian Eschenbach, der hier lebt. Er ist etwas über 50 Jahre alt.
In sein eremitisches Inseldasein, das geprägt ist von den täglichen Ritualen des Essens, Schlafens und Vogelbetrachtens bricht ein Anruf aus der Vergangenheit.
Anna!
Beide sind sich vor Jahren auf einer Vernissage in Berlin begegnet.
Damals, als Eschenbach noch eine eigene Firma sowie ein Loft in Berlin mit Blick auf den Zoo besaß.
Damals, als das Begehren begann....

Heute ist alles anders, aber ist es deshalb schlechter? Die Ruhe und Abgeschiedenheit scheinen Eschenbach gut zu tun.
Obwohl er Anna vermisst und sich in verhaltener Vorfreude auf ihren Besuch vorbereitet.
Seine Gedanken tragen ihn immer wieder zurück in die - im Gegensatz zum ruhigen Jetzt - sehr turbulente Zeit in Berlin.
Damals hatte er sich ganz und gar seinen Gefühlen hingegeben. Und man meint zu spüren, dass Eschenbach sagt:
Ja, es hat sich gelohnt! Auch wenn es nicht immer schön, sondern auch äußerst schmerzvoll war.
Für eine neue Beziehung, einen neuen Lebensort, einen neuen Job kann es aber nie zu spät sein.
Ob mit 20, 30 oder 50 Jahren. Was spielt das schon für eine Rolle?

"Vogelweide" ist absolut lesenswert, sprachlich brillant.
Selten findet man Romane, die so komponiert und harmonisch abgestimmt sind, wie bei Uwe Timm.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein schöner Titel, 27. Januar 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Gebundene Ausgabe)
Das schönste am ganzen Roman ist der Titel. Uwe Timm, ein wirklich renommierter Schriftsteller hat sich einen Namen gemacht mit AM BEISPIEL MEINES BRUDERS und darf nicht vergessen werden. Mit dem vorliegenden Roman verfehlt er leider um Meilen seine Klasse und behandelt eine Geschichte mit zwei befreundeten Paaren auf banale Weise. Es ist die Geschichte von Begehren und Untreue und einem Scheitern , das dann doch wieder zu einem glücklichen Ende führt. Das sogenannte Scheitern eines Menschen, der Absturz von einem erfolgreichen Selfmmade Man zu einem ausgeglichenen Vogelwart wird leider in vielen Passagen von quälender Belanglosigkeit und vielen Wiederholungen beschrieben. Der Titel verheisst eine gewisse Poesie angesichts einer Vogelweide auf einer einsamen Nordseeinsel, doch weit gefehlt. Mit unsteten Rückblenden werden diese wenigen Momente immer wieder zerrissen und mit alltäglichen Ereignissen überfrachtet . Es gibt Bücher bei denen man immer hofft, dass es noch weitergeht, doch hier ist es genau umgekehrt. Erleichtert legt man das Buch aus der Hand und atmet tief durch, weil es doch noch geschafft wurde.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wohltemperiert, 15. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Gebundene Ausgabe)
Uwe Timms neuer Roman handelt von der Liebe, genauer von der Unzivilisierbarkeit des Begehrens, von der Unerklärbarkeit der Anziehungskraft, und von der Gier, die immer noch mehr will als das, was schon zur Genüge vorhanden ist.

Christian Eschenbach, erfolgreicher Inhaber einer Softwarefirma, verliebt sich, obwohl in einer harmonischen Beziehung mit der Silberschmiedin Selma, in die Kunstlehrerin Anna, die - nach eigener Einschätzung glücklich - mit dem Architekten Ewald verheiratet ist. Sein Hingezogensein zu Anna führt zunächst zu einer Freundschaft der beiden Paare, bis sich das Begehren als unbezähmbar erweist: Drei Monate lang führen Anna und Eschenbach eine heimliche Liebesbeziehung mit all den Verrücktheiten, dem Leichtsinn und der Egozentrik frisch Verliebter, bis Anna den Betrug nicht mehr aushält, der ihrem Glauben an die Ehe als Ewigkeitsinstitution widerspricht. Sie bricht aus und bringt dadurch das ganze Konstrukt der Viererfreundschaft und Paare zum Einsturz.

Zeitgleich wirken sich eine Reihe von Fehlentscheidung in Eschenbachs Firma aus und führen zum Bankrott. Jahre später, in der Einsamkeit einer Insel in der Elbmündung als Vogelwart tätig, versucht Eschenbach, sein umfassendes Scheitern zu verarbeiten. Er hat begonnen, die Protokolle von Interviews zu verarbeiten, die er im Auftrag der ziemlich boshaft porträtierten Umfrage-Päpstin Noelle-Neumann geführt hat: Es ging dabei darum, die Parameter des Begehrens zu bestimmen, um damit die Algorithmen für das Partnermatching bei einer leicht erkennbaren Partnerbörse für die gehobene Klientel zu optimieren. Die Geschichten der Interviews beschwören den unberechenbaren Zauber des wortlosen Kennenlernens, jenseits von Sprache, das beim Partnerbörsen-Dating gewinnbringend eliminiert wird. Eschenbachs Tochter, die Bankerin Sabrina mit ihrem neuen Freund dient hierbei als Folie für die neue Generation Internet. Timm reiht sich damit in die Reihen derer ein, die die Seelenlosigkeit des Internets beklagen. Dazu passt der beziehungsreiche Titel des Buches, das auf den mittelalterlichen Minnesänger Walther von der Vogelweide verweist.

Das Buch hat mich weder begeistert noch enttäuscht; ich fand es ein bisschen blutlos. Stellenweise sprachlich prätentiös, vor allem in der durchweg ungekennzeichneten wörtlichen Rede. Am überzeugendsten, fast kabaretthaft, die Zeichnung des Bildungs- und Wohlstandsbürgertums, das den Konsum kritisiert, während es den Burgunder vom persönlich bekannten Winzer konsumiert. Hübsch ironisch auch Selma, die sich auf die Anfertigung "antiker" Hopi-Armbänder spezialisiert hat und damit den Nerv spirituell bedürftiger Erfolgsmenschen trifft. Annas Ehegläubigkeit war mir zu altbacken; Noelle-Neumann zu mephistophelisch; weitere Promi-Anspielungen überflüssig; Eschenbach als ungläubiger Theologe, der Software-Millionär wird und in der knappen Freizeit Homer im Original liest, zu konstruiert; und dann wird man auch noch mit Luhmann, Derrida und Luther traktiert ...

Direkt zu Beginn des Romans wird Annas Besuch auf der Insel nach 6 Jahren Kontaktstille angekündigt; kurz vor dem Ende kommt sie an. Dazwischen rollt Eschenbach in Rückblenden seine/ihre Geschichte auf. Ich habe ihrem Treffen mit nicht mehr als mildem Interesse entgegen gesehen. "Vogelweide" bietet ein wohltemperiertes Leseerlebnis - der ganze Diskurs zum so zentralmenschlichen, lebenserschütternden Thema Begehren blieb für mich jedoch akademisch und erreichte nicht das Gefühl.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lieben heißt, den anderen erhöhen, 5. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Kindle Edition)
Ein Mann verliert alles: Seine Beziehung geht in die Brüche, seine Geliebte verlässt ihn, seine Firma geht Bankrott, und er findet sich auf einer Insel in der Elbmündung wieder, als Vogelwart. Dort in einer Hütte sinniert er über das Leben, die Liebe, das Begehren, die Begierde und deren Unterschiede.
Die Protagonisten Christian, Selma, Anna und Ewald sind allesamt sehr gut beschrieben: Christian Eschenbach und seine zwei Leben. Das vor dem Absturz mit teuren Rotweinen, einem Loft und kostspieligen Oldtimern und der Eschenbach danach, reich an Zeit, Hobbyornithologe und Philosoph. Selma, seine Lebensgefährtin mit polnischen Wurzeln, Goldschmiedin mit krimineller Energie, Anna, die Frau von Ewald, brünett mit einem leichten Kupferstich, Lehrerin, und ihr Mann Ewald, Bauleiter diverser Großprojekte in China. Als Nebenpersonen treten noch die Nase, ein ungeliebter Kollege, und ein englischer Freund auf.
Die Sprache von Uwe Timm hat etwas ganz Eigenes. Die überwiegende Verwendung der indirekten Rede statt der direkten (und wenn, dann ohne Anführungsstriche), gibt dem Lesefluss etwas Getragenes, Flüssiges und Weiches. Schöne Klangbilder und Wortkreationen zeugen von einer völligen Hingabe zum Text: Körperdurst; Körperhunger; komische Unbedingtheit; das war der Stein, der den Gewölbesturz auslöste; Sinnentleerung; Lieben heißt, den anderen erhöhen. Einen Satz habe ich mir notiert, weil er so wahr ist: "Aber das alles Verbindende war, wie sie beide, nachdem sie miteinander geschlafen hatten, sich öffneten, wie sie sich voneinander erzählten und fragten, sich durch Fragen tiefer und genauer verstehen lernten." Solche Sätze berühren das Herz des Lesers.
Die Struktur des Romans ist nicht ganz einfach. Sie erfordert einen konzentrierten Leser. Durch die Absatzgebung geht nicht hervor, ob die Handlung nun in der Gegenwart oder in der Vergangenheit spielt. Manchmal versteht man erst nach ein paar Zeilen, wo sich der Autor aufhält. Welcher Schauplatz gerade dran ist. Warum nicht? Ich finde es gut, dass der Autor von einem intelligenten und konzentrierten Gegenüber ausgeht.
Ein wertvoller Roman, der viel Lebensweisheit beinhaltet. Wunderschön geschrieben mit Fingerspitzengefühl und viel Sachkenntnis auf mehreren Gebieten. Vor allem die Naturbeschreibungen der Insel haben es mir angetan. Sehnsucht kam auf.
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Vogelweide: Roman
Vogelweide: Roman von Uwe Timm
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